Prag 68 - Ukraine 2022

Als 1968 Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR einmarschierten, galt die Beshnev-Doktrin der vermeintlich brüderlichen Hilfe. So wurde der Einmarsch inszeniert. Unter Gorbatschow wurde diese Doktrin zugunsten der Selbstbestimmung der ehemalgen Satelitenstaaten aufgegeben. Vor der Invasion 2022 wurden in Moskau wieder Bestandsvereinbarungen, diesmal für das Donbas und Luhansk in der Ostukraine unterschrieben. Die Bruderhilfe lebt unter Putin wieder auf, nur dass es das Imperium von damals gar nicht mehr gibt.  Sibylle Plogstedt zieht einen Vergleich zwischen beiden Ereignissen.

Die Lüge putscht, die Wahrheit siegt

von Sibylle Plogstedt

Gegen 5 Uhr hat ein mitreisender Student an meine Tür gepocht: „Wach auf, die Russen kommen!“ „Sei ruhig, Du Antikommunist“, gab ich verschlafen zurück. Bis mich das Brummen der Transportflugzeuge mit Panzern und Waffen an Bord in eine neue Realität holten, in der alte Überzeugungen und neue Realität nicht mehr zueinander passten. Es war der 21. August 1968.

54 Jahre später: Wieder in einer neuen Realität aufgewacht.  Russische Truppen sind am 24. Februar 2022 in die Ukraine eingedrungen. Nachdem sie Wochen-, ja Monatelang an den Grenzen aufmarschiert waren und die Staatschefs von  -zig Ländern für dumm verkauft haben. 

Die Lüge regiert. Als Westberlinerin erinnert mich das an Walter Ulbricht, der sagte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Das erklärte er am 15. Juni 1961. Und am 21. August stand die Mauer. West-Berlin war umzingelt.

In Prag wurden die russischen Panzer, die plötzlich überall im Land standen, von Menschen umzingelt. Sie diskutierten mit den Soldaten. Sie seien doch 1945 ihre Befreier gewesen. Und nun das! Nachts waren schon Hausnummern und Straßenschilder abgenommen worden. Richtungsschilder waren unkenntlich gemacht worden und wiesen nun in falsche Richtungen. Die Truppen sollten herumirren. Und in der Stadt: Sie verwandelte sich in eine einzige Druckerei.  Flugblätter und Plakate wurden hergestellt und hingen überall. Jdi domu, Ivane! Geh nach Hause, Ivan! stand da.

Als Studentin konnte ich nicht einfach nach Berlin zurückkehren. Diesen Widerstand wollte ich miterleben. Ich bot der Studentenvertretung in Prag meine Hilfe bzw. die meines Autos an. Versteckt im Kofferraum fuhr ich Papier auf die andere Seite der Moldau. Durch die sowjetischen Kontrollen. Das hätte schief gehen können. Vor allem als mir eines Tages ein Sender in den Kofferraum gepackt wurde. Zum Glück erfuhr ich davon erst sehr viel später.

In Prag war die Waffe das Wort, das Bild und der Witz. In Kiew begannen schon früh die Vorbereitungen für die Selbstverteidigung. Befreundete Staaten wurden gedrängt, Selbstverteidigungswaffen zu liefern. Und Sanktionen in Form einer Handelsblockade zu erlassen.  In Deutschland, wo bisher die Maxime galt, nie Waffen in Krisengebiete zu liefern, war nach wenigen Tagen wirklich alles anders. Defensiv waren nur die 500 gelieferten Helme. Doch die sahen angesichts des Vormarschs der russischen Truppen aus wie blanker Hohn , die von drei Seiten ins Land drängten und es besetzten.

Der tschechoslowakische KP-Chef Alexander Dubcek war ein Parteifunktionär alter Schule mit Ausbildung in Moskau. Er war zwar liberaler als seine Vorgänger und hatte den Prager Frühling toleriert. Aber er war nicht sein Kind. Er konnte ihn aufgeben.

Wolodymyr Selenskij ist ein Politiker, der durch demokratische Wahlen an die Regierung kam. Selenskij steht hinter der Demokratie.

In Prag ging es um die Freiheit der Medien, die Freiheit des Wortes, die der wissenschaftlichen Konferenzen. Auch um den berühmten Kafka-Kongress. Sogar um ein angedachtes freies Unternehmertum. All das wirkte auf die kommunistischen Hardliner in Prag so bedrohlich, dass sie Moskau und seine Truppen zu Hilfe riefen. 

In Kiew geht es auch um freie Medien. Doch die gibt es im Lande. Doch daneben liegt ein russisches Reich, dass keine abweichende Meinung mehr zulässt. Ein Land, das in einer Fake-Realität lebt. Eines, das längst nicht mehr versucht, sich einen sozialistischen Anstrich zu geben. Ein Land, in dem Fake die Menschen manipuliert, damit sie glauben, dass es keinen Krieg gibt. Nur eine „Spezialoperation“. Ein Fake, in dem die Ukrainer die Schuldigen sind, die Faschisten, von denen die Welt befreit werden müsse. Angesichts solch einer verdrehten Weltsicht wird deutlich: Russland kann nicht bestehen, solange in der Nachbar-Republik die Wahrheit zu lesen ist. Und das in einer Sprache, die die Russen weitgehend verstehen.

In Prag verhaftete eine Sondereinheit zwei Tage nach dem Einmarsch führende Parteifunktionäre um Alexander Dubcek. Neben dem Parteichef der KPC selbst waren dabei Ministerpräsident Oldrich Cernik, Parlamentspräsident Josef Smrkowsky und der Chef der Nationalen Front Frantisek Kriegel.  In derselben Nacht wurden sie nach Moskau entführt. Tagelang herrschte in Prag atemlose Ungewissheit, ob sie wohl zurück kämen. Und wenn ja: in was für einem Zustand. Der Widerstand war gewaltfrei, zählte aber dennoch 120 Todesopfer.  Erinnerungstafeln vor dem Museum zeugen davon. Und 100 000 TschechInnen und SlowakInnen emigrierten. Überwiegend nach Österreich und Deutschland. 

Die Ukraine hat eine andere Geschichte. Kiew hat zu Anfang der 20er Jahre unter dem Anarchisten Machno rebelliert. Im Bürgerkrieg wurde die Ukraine damals von dem sowjetischen Kriegskommissar Leo Trotzki geschlagen. Anfang der 30er Jahren wurde das Land Opfer der Ent-Kulakisierung Stalins. Bauern wurden deportiert, weil sie angeblich Korn versteckt hätten. In der Ukraine kam es zu einer Hungerepidemie, die dort Holodomor heißt: Tötung durch Hunger. Zwischen 8 und 9 Millionen Menschen starben damals.

Die zwanziger und dreißiger Jahre unter kommunistischer Führung hatte man in Prag nicht kennengelernt. Nur Emigranten vielleicht im Hotel Lux. Erst nach 1945 hatte man miterlebt, wie in den Nachbarstaaten zugeschlagen wurde: 1953 in Berlin, 1956 in Ungarn. 1952 wurden führende Parteifunktionäre wie Rudof Slanskij mit 10 weiteren Mitgliedern der Parteiführung  hingerichtet wegen einer angeblich jüdisch-trotzkistischen Verschwörung. Drei weitere wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Anfang der 50er Jahre gab es mehrere antizionistischer Prozesse in der Tschechoslowakei. 

Kiew blieb bis zum Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts unter Moskaus Einfluss. Nach der Emanzipation in der „orangenen Revolution“ erfuhr man jedoch, dass gegen die ukrainische Unabhängigkeit immer wieder verstoßen wurde. 2004 überlebte der prowestliche Juschtschenko zwar einen Giftanschlag, blieb aber ein Leben lang davon gezeichnet. Nach vier Jahren wurde er abgewählt und der prorussische Janukowitsch kam an die Regierung. Bis er 2013 durch die „Revolution der Würde“ während des Euromaidan gestürzt wurde. Tage- und Wochenlang verharrte die Bevölkerung damals bei Eiseskälte auf dem Platz des Maidan. Bis die prorussische Regierung endlich nach Moskau floh. Zwei Mal hat die Ukraine den friedlichen Widerstand gewonnen. Und doch wurde ihr eine demokratische Entwicklung nicht auf Dauer gegönnt.

Nach Prag zurück kamen seinerzeit die entführten Politiker nach wenigen Tagen. Sie hatten am 27. August im Moskauer Protokoll ihre Kapitulaton unterschrieben. Nur Frantisek Kriegel verweigerte seine Unterschrift.

Damit begann die sogenannte Normalisierung der Gesellschaft. Polizei und Justiz wurden zu den alten Normen zurückgeführt. Presse und Kultur gleichgeschaltet. Während ihrer Abwesenheit hatte der XIV. Parteikongress, der später für illegal erklärt wurde, die Gründung von Arbeiterräten verabschiedet. Diese begannen den Widerstand zu koordinieren.

Im Herbst 68 hat mein tschechischer Partner Petr Uhl mit einigen Freunden die „Gruppe der revolutionären Jugend“ gegründet. Ich gehörte dieser Gruppe an. Wir verfassten Manifeste und die Gruppe arbeitete in den Koordinierungstreffen der Arbeiter- und Studentenräten mit. Wir schrieben Flugblätter und verteilten sie im ganzen Land. Zum Beispiel zum Tod von Jan Palach, der sich aus Protest angezündet hatte, zum Jahrestag der Invasion, usw. Wir übersetzten Artikel und Bücher ins Tschechische. Ich entschloss mich, für einige Zeit ganz nach Prag zu ziehen und brachte viele Bücher ins Land.

Für den Einmarsch in die Ukraine passt das Prager Drehbuch nicht. In Kiew gibt es keine sofortige Kapitulation, sondern der Verteidigungsfall wurde ausgerufen, die Männer in die ukrainische Armee einberufen. Und Selenskij beteuert, dass er und seine Familie in Kiew bleiben. Nach wenigen Tagen wurden an die Bevölkerung Waffen zur Selbstverteidigung verteilt. Der Einmarsch der russischen Truppen wurde erheblich verlangsamt. Zwei russische Generäle fielen in der Ukraine. Acht weitere wurden in Moskau abgesetzt. Der Chef des russischen Geheimdienstes und mehrere hohe Geheimdienstfunktionäre kamen offenbar in Hausarrest.

Die Drehbücher, die in Moskau nun in aller Eile hervorgezogen worden sind, jagen einem Schauer über den Rücken. Sie heißen Tschechenien – der 1. und der 2. Krieg – und das des zerstörten Aleppo in Syrien. Drehbücher von Kriegen, in denen Länder und Städte in die Steinzeit zurückgebombt wurden.

In den umzingelten ukrainischen Städten begann die Zivilbevölkerung unter Mangel an Nahrung und fehlender medzinischer Versorgung zu leiden. Sie ist nun Ziel der militärischen Operationen.  Wieder einmal entgegen den Beteuerungen der russischen Führung. Nicht einmal die ausgehandelten Fluchtkorridore sind offengehalten.

In Prag kam es damals bald zu den ersten Verhaftungen. Unsere Gruppe gehörte Ende 1969 dazu. Wir wurden zu Strafen zwischen einem und vier Jahren verurteilt. Petr Uhl erhielt vier Jahre Haft, ich zweieinhalb. Nach 1 ½  Jahren U-Haft wurde ich ausgewiesen. Nachdem der Druck auf mich im Gefängnis extrem erhöht wurde, hatte ich meine Berufung zurückziehen müssen. Über unsere Verhaftung soll im Politbüro noch Alexander Dubcek mit abgestimmt haben. Er hob die Hand gegen uns. Es half ihm nicht. Im April 1970 wurde Dubcek aus der Partei ausgeschlossen.

Für die sogenannte Normalisierung stand vor allem Gustav Husak. Als Generalsekretär der KPC  folgte er Alexander Dubcek. Er dankte der Sowjetunion für die Niederschlagung des Prager Frühlings.

Die Intellektuellen des Prager Frühlings wurden aus ihren Berufen entlassen. Auch das gehörte zur sogenannten Normalisierung. Als sie sahen, dass die Gefängnisstrafen, die unsere Gruppe erhielt, in den allermeisten Fällen relativ niedrig ausfiel und nicht in die Dimensionen der 50er Jahre geriet, entschlossen sich viele, ebenfalls den Weg des Widerstands zu gehen. 1977 wurde die Menschenrechtsgruppe Charta 77 gegründet. 242 Menschen hatten die Charta am 1.1.1977 unterschrieben. Bis zur Samtenen Revolution im Jahr 1989 waren es 1900. Aber bis dahin dauerte es, von 1968 an gerechnet, bittere 21 Jahre. 

Auf der Schwelle zur Haustür von Petr Uhl und seiner Frau Anna Sabatova saßen jahrelang Stasileute und kontrollierten alle BesucherInnen. Immer wieder wurden Mitglieder der Charta entlassen und in Haft genommen. Vaclav Havel und Petr Uhl wurden in einem gemeinsamen Prozess als Drahtzieher angeklagt. Zu den bekannten UnterzeichnerInnen der Charta gehörten neben dem späteren Präsidenten Vaclav Havel, die beiden Politiker des Jahres 68 Jiri Dienstbier, Petr Pithart, der ehemalige Außenminister Jiri Hajek, der Philosoph Jan Patocka, mein ehemaliger Partner Petr Uhl und seine Frau Anna Sabatova sowie meine Mentorin im Institut für Soziologie Jirina Siklova. Fast alle Mitglieder unserer „Bewegung der revolutonären Jugend“ waren in der Charta 77 und zeitweise ihre SprecherInnen.

Der Exit aus der konservativen Normalisierung in Prag war die Samtene Revolution im Jahr 1989. In der demokratischen Regierung wurden viele unserer ehemaligen Mitglieder, die mit uns im Gefängnis gesessen hatten, Minister und Ministerinnen in den neuen Regierungen. Zunächst der tschechoslowakischen und nach der Teilung des Landes auch der tschechischen Regierung. Wobei ein kleiner Hinweis reichen mag: Der Austritt der Slowakei aus der CSSR brachte keine militärisch gesonnenen Gemüter in Wallung. Es war Ehrensache, dass die Trennung gewaltlos erfolgte.

In der Ukraine geht der Vorstoß der russischen Truppen verzögert, aber ungebrochen weiter. Ein Sieg ist für keine Seite in Sicht. Ein russischer Sieg muss befürchtet werden. Denn das Drehbuch Aleppo und Tschechenien gilt weiter. 

Jeden Tag geht das Bangen um die Menschen weiter, weil sie die belagerten Städte nicht verlassen können. Brot, Wasser, Medizin, es fehlt an allem. Warme Kleidung ebenso. In Mariupol und Kiew wurden erste Massengräber ausgehoben.

Obwohl die UN den Angriffskrieg mit ¾ ihrer Mitglieder verurteilt hat, droht eine Ausweitung des Krieges. Gefakte Vorwürfe von russischer Seite, dass die USA in der Ukraine chemische Waffen habe herstellen lassen, lassen Schlimmstes befürchten. Auch diese Vorwände für einen Ausweitung des Krieges wurden von der UN zurückgewiesen. Doch unbeantwortet bleibt die Frage: Gibt es einen Exit aus dem Überfall auf die Ukraine? Und wie könnte er aussehen?

Putin ist unter den gegenwärtigen Bedingungen der einzige, der den Krieg beenden kann. Sein Beraterkreis war offenbar nicht informiert. Auch kein Staatsmann Europas oder Israels hat Putin mit dieser Bitte erreichen können.

Die Friedensbewegung im Westen ist erschrocken. Sie hatte stets für ein „Frieden schaffen ohne Waffen“ geworben. Noch nie hat sie so unter Druck gestanden, sich plötzlich für Defensivwaffen einsetzen zu müssen. Doch auch die Friedensbewegung muss die Lage neu bewerten, wenn die alten Koordinaten nicht mehr stimmen. Mit gutem Gewissen kann niemand ansehen, wie die Ukrainer blank in die aufgepflanzten Bajonette laufen. Niemand kann ihnen das Recht auf einen eigenen Staat absprechen.

Das „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist offenbar keine generelle Lösung. Sie kann nur sektoral eingesetzt werden. Prag 68, Südafrika – beides kann nicht für die Ukraine gelten. Frieden schaffen ohne Waffen gilt für Täterstaaten. Dort, wo es keine andere Möglichkeit gibt, sich anders zu wehren. Ein Generalstreik in Russland wäre sinnvoll. In der Ukraine klänge das nur absurd. „Frieden schaffen ohne Waffen“ darf nicht benutzt werden,  um Opfer und Unterdrückte zum Schweigen und Stillhalten zu bringen.

Die Situation ist brandgefährlich. Dass Putin sich in der Ukraine verkalkuliert hat, macht ihn nicht ungefährlicher. Im Gegenteil. Die Gefahr für Putin könnte von den eigenen Eliten, vor allem aber von der eigenen Bevölkerung kommen. Doch die müssen erst einmal begreifen, was in ihrem Namen gerade geschieht. Es geht darum, sie zu erreichen. Und deshalb muss die Strategie heißen, ihnen die Nachrichten zu übermitteln, die ihnen vorenthalten wird.

Für Prag haben wir aus dem Ausland tschechischsprachige Untergrundzeitungen gedruckt und im Land verteilt. Ähnliches muss heute für Russland geschehen. Es geht darum die falschen Informationen aufzudecken. Im Fernsehen, im Internet, in Briefen und Mails. In allen Kontakten.

Ukrainische JournalistInnen müssen unterstützt werden, damit sie aus dem Inland und dem Ausland berichten. Kritische russische JournalistInnnen ebenfalls.  Es ist wichtig, dass sie weiter in ihren Berufen arbeiten können. Denn die Wahrheit siegt.