Der Schutz Europas ist der Glaube an die Freiheit und den Schutz vor willkürlicher Gewalt

Plädoyer für werteorientierte und transaktional nach innen, transaktional nach außen orientierte Verhandlungen.

Multi-Level Verhandlungen im Kampf um die Freiheit

von Laura Gerards Iglesias[1]

Der im November veröffentlichte 28-Punkte Plan der US-amerikanischen Regierung hat neue Dynamiken in das Thema Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine gebracht. Inwieweit dieser Plan nun russischen oder US-amerikanischen Federn entsprang –allein die Tatsache, dass Europa und die Ukraine nicht dabei waren, offenbart, dass sie in der Verteidigung gegen den Angriffskrieg Russlands mehr denn je alleine dastehen. Auf der einen Seite scheint Putin ein erneutes Mal „Diplomatie als die gewaltsame Kriegsführung mit anderen Mitteln“ (so der ehemalige ukrainische Armeechef Valerii Zaluzhnyi, November 9th 2025, New York Post) einzusetzen. Auf der anderen Seite bekräftigt die Resonanz der US-Amerikaner mit dem Entgegenkommen gegenüber russischen Forderungen gepaart mit der Herabwürdigung liberaler Demokratien (s. Nationalen Sicherheitsstrategie[2]) den Vertrauensbruch im transatlantischen Bündnis.

Vor diesem Hintergrund ist unter den europäischen Staaten, angeführt durch die sog. E3-Gruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) eine neue Dynamik zur Bearbeitung des Konflikts entstanden, die im Dezember zu den Verhandlungen mit den USA und der Ukraine in Berlin geführt hat. Schon während der Verhandlungen sendete die russische Staatsführung klare Signale, dass sie den Vorstoß von Ukraine und Europa alleinaufgrund dieser Konstellation ablehne. Auch innerhalb Deutschlands wurden die Stimmen laut, die Zweifel am Erfolg der Verhandlungen äußerten. Diese Stimmen sehen sich auch durch die nachfolgenden Gespräche zwischen US-amerikanischen und russischen Vertretern in Miami bestätigt:Mit Putin als Gegner - so verschiedene Akteure aus Politik und Wissenschaft in Deutschland - messe sich der Erfolg von Verhandlungen vorrangig an Zusagen der US-Regierung zu militärischer Unterstützung bzw. glaubhaften Sicherheitsgarantien gegenüberRussland.

Dieser Artikel diskutiert diese Position mit einem kritischen Blick auf das Narrativ des „Recht des Stärkeren“ und erörtert, welchen Mehrwert eine differenzierte Perspektive auf verschiedene Akteure und unterschiedliche Verhandlungsstrategien seitens Europas für den Widerstand gegen Putins Angriffe in der Ukraine und darüber hinaus haben könnten.

Das Recht des Stärkeren: Wie kann sich Europa Putin gegenüber behaupten?

Nach dem Scheitern einer langjährig praktizierten Politik der diplomatischen Annäherung gilt nun in der deutschen Debatte zum Angriffskrieg in der Ukraineder Tenor, Russlandsei allein durch Waffen zu stoppen, weil Putin– wenn überhaupt– alleindurch das „Recht des Stärkeren“einzuhegen sei. Das bezieht sich zum einen auf die Unterstützung der Ukraine, als auch die Aufrüstung hierzulande, wo man sich laut NATO-Generalsekretär Mark Ruttedarauf vorbereiten muss, von Russland nicht nur durch hybride Mittel angegriffen zu werden, sondern ein konventioneller Angriff „von einem Ausmaß […], wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben“[3]möglich ist.

Doch selbst wenn die USA militärische Unterstützung zusagen würden, wäre unklar, inwieweit sie die Kriegsführung Russlands langfristig maßgeblich beeinflussen könnten und wollten. Putin hat Russland endgültig zu einem „Kriegsstaat“[4] gewandelt, in dem die Wirtschaft und das staatliche Handeln vorrangig nicht der Kriegstüchtigkeit, sondern dem aktiven Kriegszustand dient. Laut Analysen hat Putin es geschafft, dank einer vorteilhaften Entwicklung des Ölpreiseses und funktionierender Handelsbeziehungen und Militärkooperation außerhalb Europas und den USA sein Land auf eine funktionierende Kriegswirtschaft umzustellen, sodass Sanktionen politisch kaum Erfolge[5]erzielen. Somit ist für Putins Russland der Kriegszustandein Normalzustand, während für Demokratien der normative als auch volkswirtschaftliche Preis von Kriegen hoch ist und sie daher darauf abzielen, Kriege zu vermeiden – der Kriegszustand ist für sie demnach Ausnahmezustand. Demnach stünden und stehen auch jetzt die militärischen Interventionen seitens der USA und Europas im Krieg in der Ukraine unter dem Vorbehalt, den Einsatz so kurzfristig, de-eskalativ und sparsam wie möglich zu gestalten. Gleichzeitig wäre die Messlatte, einen Angriff Russlands tatsächlich als Bruch der Sicherheitsgarantien zu klassifizieren und so womöglich eine militärische Intervention zu rechtfertigen, sehr hoch, um eine offizielle kriegerische Konfrontation möglichst zu vermeiden. Unter dieser Voraussetzungist ein sogenannter„Schattenkrieg“[6]daher eine inzwischen etablierte und bewährte und russische Strategie.So setzt Putin neben Militärschlägen viele andere Mittel und Methoden ein, gegen die auch eine militärische Unterstützung der USA zur Wahrung konventioneller Sicherheitsgarantien wenig auszurichten hätte. Nach innen als auch außen hat er dafür ein weitreichendes „Toolkit hybrider Kriegsführung“[7] etabliert, das mit vielfältigstenFormen menschenverachtender Gewalt vorrangig in der Ukraine, aber auch in Europa bereits jetzt erfolgreich militärische und zivile Ziele trifft unddie kritischeInfrastruktur sowie gesellschaftliche Resilienz sabotiert.Auch in Deutschland[8] wird das liberale System vermehrt Ziel aggressiver russischer Angriffe. Dabei verschwimmen die Grenzen von Angriff und Sabotage, staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren, was die Einordnung nach internationalem Völkerrecht erschwert und somit auch zurLegitimierungfür einen Gegenschlag nach konventioneller Art. Zusätzlich ist hybride Kriegsführung sparsamer, dennauch für Russland ist ein konventioneller Krieg kostspielig. Der innenpolitische Preis für die Verrohung der Gesellschaft durch exzessive Gewaltausübung[9] ist jetzt schon hoch und die Rekrutierung eine nicht nur eine finanzielle Herausforderung. Die Finanzierung des Kriegs hängt stark von einer stabilen Entwicklung des Ölpreises und einem ebenso stabilen Absatzmarkt ab und ist damit externen Schocks ausgeliefert.So greift Putin, falls die konventionellen militärischen Strategien in ein schlechtes Kosten-Nutzen Verhältnis geraten, vermehrt auf vielseitige andere Methoden und Kriegstaktiken zurück.

Daher würden Zusagen der US-amerikanischen Regierung über Sicherheitsgarantien für Putin den Preis konventioneller und für die ukrainische Bevölkerung grausame Kriegsführung hochtreiben, weshalb sie in jedem Fall sinnvoll wären. Jedoch würden sie den Kern der Strategie Putins nicht empfindlich treffen. So empfehlen einige Experten[10], dass Europa seine Strategien denen Russlands anpassen und vermehrt im Schatten Krieg führen sollte. Das ist teilweise schon im Gange, sollte aber fein austariert werden, denn im hybriden Krieg verschwimmen die Grenzen des Rechts, der Bruch von Grund- und Menschenrechten ist schwer überprüf- und sanktionierbar. Dadurch zeigt sich ein unüberbrückbares Ungleichgewicht in der hybriden Kriegsführung zwischen liberaldemokratischen Regierungen in Europa und Russland: Während die Daseinsberechtigung liberaler Demokratie auf dem Prinzip des Schutzes vor willkürlicher Gewalt nach innen und außen beruht, ist die Ausübung willkürlicher Gewalt das zentrale Instrument Putins zur Durchsetzung seiner Interessen und zur Konzentration seiner Macht nach innen und außen. Putins Macht und Legitimität basiert auf Gewaltausübung, während die Legitimität demokratischer Staaten auf Gewaltenteilung und Recht aufbaut. Wenn also europäische demokratische Regierungen in diesen Krieg einsteigen, werden sie sich auf Grund ihres normativen Rahmens nicht mit Putins Ruchlosigkeit messen können, ohne ihre eigene Identität zu verraten. Sonst könnte diese Art der Kriegsführung unter Umständen dem eigentlichen Ziel Russlands sogar dienen.

Putins vorrangiges Ziel ist vermutlich nicht die militärische Besetzung oder gar Zerstörung der gesamten Ukraine und darüber hinaus, sondern das Scheitern der liberaldemokratischen Regierungen und eine Reorganisation der Gesellschaftsordnungen in Europa. Die Beispiele Georgien und Moldau, die russischen Kampagnen auf dem Balkan als auch die Kriegsführung 2014 in der Ukraine zeigen, dass der militärische Angriff oft nur ein Puzzleteil in der Strategie zur Destabilisierung und im besten Fall Absetzung liberaldemokratischer Regierungen und Etablierung Putin-naher und antiliberaler Regierungen ist. Andersherum kann man daraus ablesen: Was Putin persönlich und in seiner Ideologie am stärksten bedroht, ist die liberale Demokratie. Und damit ist nicht Wohlstand und liberale Wirtschaftspolitik gemeint, sondern liberale Demokratie als System, dass das Individuum vor Willkür schützt, Machtkonzentration erschwert und Pluralismus und Meinungsvielfalt fördert. Um liberale Demokratien handlungsunfähig zu machen, lässt Putin im Ausland seine politischen Gegner ermorden, beginnt Kriege und gibt massiv Geld für Desinformationskampagnen aus. Und doch hat er damit bisher – zumindest in der Ukraine – nur mäßig Erfolg gehabt. Die Ukraine hält seit vier Jahren einem militärisch überlegenen Gegner stand und gibt trotz negativer Prognosen ihre Landsleute in dem von Russland beanspruchten östlichen Regionen nicht auf. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer betonen immer wieder, dass sie alles dafür tun werden, um die eigene Freiheit und Selbstbestimmung und den Schutz vor Willkürnicht an Russland zu verlieren. Das demokratische Freiheitsversprechen ist somit zentraler Antrieb im Widerstand gegen Russland.Seit der Orangenen Revolution ist dieses Freiheitsversprechen nach wie vor stark mit einer Ausrichtung nach Europa verknüpft – manch ein Europäer wundert sich über den europäischen Patriotismus der Ukrainer, der im Zentrum Europas kaum mehr verbreitet ist. Die Stärke Europas – auch wenn es pathetisch klingen mag – ist der Glaube an die Freiheit und den Schutz vor willkürlicher Gewalt, das beweist die ukrainische Gesellschaft nahezu tagtäglich. Doch der Glaube an die Freiheit und das Vertrauen in Europa bröckelt jetzt auch in der Ukraine. Der zermürbende Kriegszustand, die Zögerlichkeit der militärischen und finanziellen Unterstützung der europäischen Partner sowie der Bruch mit den USA schwächen den Glauben an die Freiheit innerhalb Europas und damit die Widerstandskraft der Ukraine gegenüber den russischen Angriffen. Wie also können andere Länder Europas von der Widerstandskraft der Ukraine lernen, und wie können Verhandlungen dem Kampf um die Freiheit in der Ukraine und Europa dienen?

Verhandlungen: Zielgerichtetes Mittel im Kampf um die Freiheit

Verhandlungen um den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine werden häufig mit der Perspektive eines Friedensprozesses verknüpft. Aus ukrainischer Sicht ist die Sehnsucht nach Frieden groß, gleichzeitig wirkt die Aussicht auf einen „echten, würdigen Frieden“ – angesichts der unveränderten Maximalforderungen Putins und der Annäherung der USA an Russland – in absehbarer Zeit sehr unwahrscheinlich. Ein von Russland akzeptierter Friedensprozess würde vermutlichähnlich ablaufen und der Ablenkung dienen wie vorherige von Russland mitgetragene Prozesse, etwadas in Minsk ausgerichtete NormandieFormat nach der Besetzung der Krim und östlichen Teilen der Ukraine.

Das bedeutet:Unter diesen Vorzeichen (schwindende militärische Kräfte und Friedensvisionen auf Seiten der Ukraine; ungebrochene Kriegsbereitschaft und Kompromisslosigkeit auf Seiten Russlands)müssen Verhandlungen in kleinerenForen, Schritten und mit Zwischenzielengeführt werden. Zugleich müssen Europa und die Ukraine ihre gemeinsame übergeordnete Zielsetzung und Positionierung massiv mit Energie und Stärke füllen – was nur möglich ist, indem sie die Europäische Sicherheit und Freiheit als gesamtgesellschaftliche Ordnung bedroht sehen und den russischen Krieg gegen die Ukraine (nur) als Teil davon verstehen.So könnten sich im besten Fall neue Handlungskorridore für Europa und die Ukraine ergeben. Es braucht dafür einen multi-level Ansatz, der verschiedene Akteure handlungsfähig machen mussund mehrere Zielsetzungen beinhalten muss, die im Folgenden näher erläutert werden.

Europa und die Ukraine: In Freiheit zu vereinen?

Der Versuch, im Zuge der Gespräche in Berlin im Dezember 2025 eine gemeinsame europäische Position zu finden, war ein gewisses Zeichen der Stärke, was von dem Signal der russischen Seite, keine Verhandlungen unter Beteiligung von Europa anzuerkennen, direkt bestätigt wurde. Doch diese Stärke ist kein Selbstläufer, wie die Debatten um die Nutzung des eingefrorenen russischen Staatsvermögens oder die Waffenlieferungen an die Ukraine zeigen.

So vermissen einige Akteure ein europäisches Momentum, wie es dies zum Beispielzur Einführung des Euros gegeben hat. Doch die ursprüngliche Integrationskraft Europas liegt im Frieden und der Freiheit, die die Säulen des Gründungsmythos der Europäischen Union sind, und Nationalstaaten zu beispiellosen Kompromissen hinsichtlich ihrer Souveränität verleitet haben, die bis heute für die große Mehrheit Bestand haben. Darin steckt eine enorme Kraft, die es im Kampf gegen militärisch überlegene und ruchlos agierende Gegner zwingend benötigt. Innerhalb Europas braucht es dafüreine werteorientierte Aushandlung gemeinsamer Ziele und Strategien zwischen möglichst vielen europäischen Partnern, die die gemeinsamen freiheitlichen Werte (allen voran die der Meinungsfreiheit, des politischen Streits und der Konsensorientierung als Grundlage für Frieden)gegen autokratische Einflussnahme sichernwollen. Nicht nur, aber auch, weil ihre liberaldemokratischen politischen Systeme und Volkswirtschaften davon abhängen. Dazu könnte eine stärkere europäische Integration ukrainischer Partner als momentan der Fall ist auf allen Verhandlungsebenen beitragen. Vor dem Hintergrundeiner derartig grundsätzlichen gemeinsamen Existenzfrage und Visionsbildung könnten auch Kompromisse bezüglich konkreter Fragen wie der Nutzung des eingefrorenen russischen Staatsvermögens oder auch der Ausbau der Verteidigungs- und Sicherheitskonzepte über das nationale Partikularinteresse im Sinne einer europäischen Vision möglich werden. So könnten im Rahmen einer gemeinsamen Vision auf Basis eines geteilten Wertekodex interessenbasiert über kriegsentscheidende Mittel zielorientiert verhandelt werden. Interessenbasierte Verhandlungsstrategien sind dabei zu unterscheiden von Verhandlungsstrategien, die auf Basis der reinen Positionen der nationalen Regierungen geführt werden. Mit dem Fokus auf Interessen anstelle von Positionen wird der Fokus darauf gelegt, welche begründeten Interessen, Bedürfnisse oder Anliegen hinter der öffentlich vorgetragenen, oftmals sehr kompromisslosen Forderung oder Position liegen. [11] Das erweitert nicht nur den Korridor für breiter getragene Lösungen, sondern steigert auch das gegenseitige Verständnis der Verhandlungspartner, wenn hinter womöglich starren Positionen in vielen Fällen begründbare und nachvollziehbare Interessen sichtbar werden.

USA bzw. neue Partner: Transaktionale Deals gezielt erweitern

Die Abkehr der US-amerikanischen Regierung von Europa und Hinwendung zu Russland erfordern eine dringende Neuausrichtung der transatlantischen Beziehungen. Für die atomare, aber auch sonstige militärische Behauptung Europas und der Ukraine gegenüber Russland ist die Rolle und Ausrichtung der US-amerikanischen Regierung entscheidend. Ob sich die USA von Europa abwenden oder gar gegen sie wenden, kann die militärische Eskalationsbereitschaft Putins erheblich beeinflussen. Eindeutig ist schon jetzt, dass Trumps America-First Politik keine Grundlage für eine gemeinsame Wertebasis mehrdarstellt. Wo Europa auf Kooperation setzt, spricht Donald Trump von transaktionalen Deals; wo sich die Ukraine klare Sicherheitsgarantien zum Schutz gegen einen ruchlos agierenden Staat wünscht, wird auf die Wichtigkeit der Wahrung beidseitiger Interessen und Ansprüche reagiert. Donald Trump versteht Friedensverhandlungen als Deal-making, das gespickt mit Druckmitteln und Drohszenarien möglichst schnell Resultate primär imamerikanischen Interesseproduzieren soll. So würden auch eventuelle kurzfristig versprochene Sicherheitsgarantien an die Ukraine im Fall eines Waffenstillstands nur dann eingesetzt werden, wenn sie den Interessen Trumps und/oder den Amerikanern in diesem Moment dienen würden.

Ein nächster Schritt könnte darin bestehen, in einer breiterangelegten transaktionalenInteressensaushandlung zu sondieren, welche übergeordnete Sicherheitssysteme (z.B. Waffensysteme, nukleare Abkommen) die bereits bestehenden und perspektivisch evtl. hinzukommenden, teils kritischen wirtschaftlichen und logistischen Infrastrukturen in der Ukraine und Europaim Eigeninteresse der USA absichern könnten. Ein fortgeführter oder ausgeweiteter Krieg im Herzen Europas kann aus rein wirtschaftlichen Interessen der US-Amerikaner massiven Schaden anrichten, dessen Verhinderung große Gewinne produzieren. Vor diesem Hintergrund könnte sich das Kalkül der Investitionen in die aktuellen Aushandlungen womöglich ändern, wenn das in einer für die Trump’sche Welt verständlichen Sprache vermittelt würde.

Doch vor dem Hintergrund des hohen Risikofaktors Trump in der transatlantischen Allianz und der militärischen Unterlegenheit Europas im Vergleich zu Putins Russland ist es für Europa überlebensnotwendig, andere Partner, insbesondere im Globalen Süden, im Bereich Sicherheit und Einhegung von Russland zu finden. Auch hier könnte ein Fokus auf interessenbasierte Verhandlungsführungnützen, um ergebnisorientierte Deals in kleinen Schritten abzuschließen, auch wenn auf anderen Ebenen (noch) keine Grundlage für Zusammenarbeit vorhanden ist. Die aktuelle dynamische Entwicklung der Weltordnung und multipolare Konkurrenz um Einfluss könnte dabei neue Türen bei bekannten oder auch bisher eher unbekannten Partnern öffnen.

Russland: Informationen gewinnen

Die Verhandlungen in Berlin haben gezeigt, dass der einzige direkte Kontakt zu Putin über die Regierung Trump läuft. Das hat hinsichtlich der Solidarität gegenüber der Ukraine und der Erfahrung aus vergangenen Kontaktaufnahmen mit Putin auch sinnvolle Gründe, führt aber zu einem erheblichen Verlust an Informationen und Einschätzungen hinsichtlich Putins Interessen und Strategie, ebenso wie zum Verlust von grundlegenden Kommunikationsmöglichkeiten jenseits offizieller Verhandlungen. Das erschwert die Chance auf jegliche De-Eskalationsschritte jenseits der militärischen Sprache, die jedoch kaum De-Eskalation zulässt. So könnten informelle Gesprächskanäle mit dem Umfeld von Putin („Track 1.5“), dazu beitragen, die eigene Strategie besser abzustimmen, mögliche Einstiegspunkte in Verhandlungen mit dem System Putin frühzeitig zu erkennen und ggf. zu nutzen. Hier braucht es weitere Perspektiven auf und Zugänge zu Verhandlungen, die Spielräume eruieren ohne Putin zu legitimieren.

Gesellschaft: Dialoge zum Kampf gegen russische Vereinnahmung

Im Zuge der personifizierten Machtkonzentration in den Regierungsformen Putins und Trumps spielen sich die Verhandlungen in einem extrem exklusiven Kreis ab. Auf dieser horizontalenEbene der Verhandlungensollte der Impuls aus Berlin weitergeführt werden, die Gespräche möglichst inklusiv auf andere Akteure und Themen innerhalb Europas und der Ukraine zu ergänzen und zu erweitern. Doch auch vertikale Verhandlungsansätze, wie etwa gesellschaftliche Dialoge, die Verhandlungen in die Gesellschaft hinein flankieren und verankern könnten, sind gerade vor dem Hintergrund der Angriffe auf das liberaldemokratische System als Ganzes essenziell und werden oft zu Unrecht als innenpolitische Gesprächsforen abgetan. Letztlich ist es das Volk, das das politische System aufrechterhalten – oder stürzen kann. Somit wird die Gesellschaft zu einem entscheidenden Hebel, ja zu seiner entscheidenden Waffe im Kampf der systemischen Werteordnungen, und damit auch im Kampf um die Freiheit. Das hat auch Putin erkannt, und zielt besonders bei den „wütenden“ und „abgehängten“ Wählergruppen darauf ab, Angst zu schüren und Betroffenheit auszulösen[12].Mit der Nähe zwischen regierungsnahen russischen Akteuren und einigen Mitgliedern der AfD hat sich Putin auch in Deutschland bereits eine Axe der Beeinflussung gesellschaftlicher Stimmungen aufgebaut. So ist die Dimension des innen- und außenpolitischen auf gesellschaftlicher Ebene als Teil einer wirksamen multi-level Verhandlungsstrategie nicht zu unterschätzen.

Insgesamt zeigt die Analyse auf, dass es im Kampf gegen einen ruchlosen Gegner und angesichts des Verlusts der übermächtigen Schutzmacht Europas entscheidend ist, eine militärische von einer verhandlungsorientierten, sowie eine außen- von einer innenpolitischen Strategie nicht getrennt voneinander zu betrachten. Wenn sich eine Demokratie als eine gesellschaftlich getragene und gewaltverzichtende Herrschaft in Abgrenzung von einer autokratischen und gewaltorientierten Herrschaft versteht, so muss auch eine Strategiebildungin Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen dieser Prämisse folgen. Das hat zur Konsequenz, dass Entscheidungsprozesse länger dauern und womöglich eine längere Reaktionszeit immer eine Achillesferse demokratischer Systeme bleiben wird. Jedoch ist es die Grundlage für freiwillige Kooperation und solidarischen Zusammenhalts, die im Kampf um die Freiheit letztlich im Militärischen als auch Zivilen, Wirtschaftlichen oder Politischen die wichtigste Waffe Europas gegen Putin sind. Eine innenpolitische werteorientierte Aushandlung zu einer gemeinsamen europäischen Vision für einen Frieden könnte dabei helfen, die Reaktionszeit für konkrete Entscheidungsprozessezu beschleunigen. Wenn das gemeinsame Schicksal als liberaldemokratische Regierungen und Ziel zum Umgang mit Putins Russland klarer sei, wäre die sachorientierter Aushandlung zwischen unterschiedlichen Partikularinteressen zu kriegsentscheidenden Beiträgen der einzelnen europäischen Staaten einfacher zusammenzubringen. Denn letztlich kann im Zeitalter transaktionalem Deal-making nur ein geschlossenes Europa gegenüber Akteuren wie Russland, den USA und darüber hinaus seine Interessen und damit auch Werte erfolgreich verteidigen. Doch die Schwierigkeit, ein europäisches liberaldemokratisches Momentum hinsichtlich der Angriffe des autokratischen Russlands zu erzeugen, deutet darauf hin, dass auch innenpolitisch umkämpft ist, was überhaupt noch der Wille des Volkes mit Bezug auf die Zukunft des liberaldemokratischen Europas ist. Davon ist jede demokratische Regierung in ihrer Handlungsfähigkeit nach innen und außen letztlich abhängig, sodass der Kampf um die Freiheit nicht nur in der Ukraine, sondern auch vor unseren eigenen Haustüren ausgefochten werden muss.

 

Quellenverzeichnis

Bergmann, M. (2025, Juli). Russia’sstrategy (CSIS Report). Center for Strategic and International Studies. https://csis-website-prod.s3.amazonaws.com/s3fs-public/2025-07/250724_Bergmann_Russia_Strategy.pdf?VersionId=hCxHa2Yvc94_0CPPglJrPCC0MGNMs0OW

Center for Strategic & International Studies. (2025). Russia’s shadow war against the West. https://csis-website-prod.s3.amazonaws.com/s3fs-public/2025-03/250318_Jones_Russia_Shadow.pdf?VersionId=LHamL2L7HJwLgZ7a_wq6xkTIwMh3TFpk

Egmont Institute. (o. J.). The fog: The opacity that warns. Egmont Royal Institute for International Relations. https://www.egmontinstitute.be/the-fog-the-opacity-that-warns/

Fisher, R., Ury, W., & Patton, B. (2011). Gettingtoyes: Negotiatingagreementwithoutgiving in (3rd ed.). Penguin Books.

Gschoßmann, C. (2025, 15. Dezember). Russlands hybrider Krieg gegen Europa: Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?Frankfurter Rundschau. https://www.fr.de/politik/russlands-hybrider-krieg-gegen-europa-wie-gross-ist-die-gefahr-fuer-deutschland-94083726.html

Jones, S. G. (2025, 18. März). Russia’s shadow war against the West (CSIS Brief). Center for Strategic and International Studies. https://www.csis.org/analysis/russias-shadow-war-against-west

Kindler, R. (2024). Russland als Kriegsstaat: Neoimperialismus, Putin, Gewaltstaat [Essay]. Konrad-Adenauer-Stiftung. https://www.kas.de/de/web/geschichtsbewusst/essay/-/content/russland-als-kriegsstaat-neoimperialimus-putin-gewaltstaat

Kluge, Janis. (2025). Schwerpunkt 2/25 – Ukraine 4 / Kluge [Forumbeitrag]. H-und-G.info. http://h-und-g.info/forum/schwerpunkt-2/25-ukraine-4/kluge

More in Common. (2025, Oktober). Deutschlands Rolle in der Welt (Report). More in Common. https://www.moreincommon.de/wp-content/uploads/2025/10/251027_MIC_DeutschlandsRolleinderWelt_RZ.pdf

Tagesschau.de. (2025). Rutte-Rede 100. https://www.tagesschau.de/inland/rutte-rede-100.html

 


[1] Infos zur Autorin:Laura Gerards Iglesias ist Senior Researcher am Institut für Konfliktmanagement der Europa-Universität Viadrina und arbeitet am Impact Hub im Auswärtigen Amt an Strategien zur Verbesserung der Wirkungsvoraussetzungen im deutschen Friedensengagement mit Fokus auf die Ukraine.

[2]2025-National-Security-Strategy.pdf

[3]NATO-Generalsekretär Rutte: "Wir sind Russlands nächstes Ziel" | tagesschau.de

[4]Russland als Kriegsstaat - Geschichtsbewusst - Konrad-Adenauer-Stiftung

[5]Kluge

[6]Russia’s Shadow War Against the West

[7]250724_Bergmann_Russia_Strategy.pdf

[8]Russlands hybrider Krieg gegen Europa: Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

[9]The Fog: The Opacity That Warns - Egmont Institute

[10]Russia’s Shadow War Against the West

[11]Fisher, R., Ury, W., & Patton, B. (2011). Gettingtoyes: Negotiatingagreement without giving in (3rd ed.). Penguin Books.

[12]moreincommon.de/wp-content/uploads/2025/10/251027_MIC_DeutschlandsRolleinderWelt_RZ.pdf