Wer herrscht im Osten?

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Von Richard Schröder[2]

 

Der Mitteldeutsche Rundfunk hat 2015 bei der Leipziger Universität eine Studie in Auftrag gegeben, die erheben sollte, wie Ostdeutsche in den gesamtdeutschen und ostdeutschen Eliten vertreten sind. Als Ostdeutsche galten dabei alle, die vor 1975 in der DDR geboren waren. Unter Eliten sind die jeweils höchsten Positionen verstanden, also Regierungsmitglieder und Staatsekretäre, beim Militär nur Generäle, unter den Richtern nur die der höchsten Landesgerichte, usw. Würden niedere Hierarchiestufen einbezogen, kämen ganz andere Ergebnisse heraus.

Das Ergebnis der Studie besagt: „Nur 23 Prozent beträgt der Anteil Ostdeutscher innerhalb der Führungskräfte in den neuen Bundesländern – bei 87 Prozent Bevölkerungsanteil.“ „Nur 1,7 Prozent der betrachteten Spitzenpositionen auf Bundesebene sind von Ostdeutschen besetzt, bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent.“

Im Alltag Ostdeutschlands merkt man von dieser westdeutschen Dominanz allerdings nichts. Weder in der Kommune noch im Landkreis stößt man auf westdeutsche Amtsinhaber. Und wer seit 30 Jahren im Osten als Richter tätig ist, wird dem gewohnten Inventar zugerechnet.

Der Bundesbeauftragte für die Neuen Bundesländer hat 2023 die Frage noch einmal untersuchen lassen mit ähnlichem Ergebnis, das heißt: in ca. 8 Jahren hat sich diesbezüglich nichts Entscheidendes geändert: die Ostdeutschen sind in den Spitzen ostdeutscher und gesamtdeutscher Eliten massiv unterrepräsentiert. Was folgt daraus?

Die seitdem herrschende Antwort gab die Überschrift des Leipziger Berichts vor: „Wer beherrscht den Osten?“ Die Frage ist so eingängig wie irrführend. Denn es wird vorausgesetzt, zwei Völker, die Ostdeutschen und die Westdeutschen, stehen sich gegenüber und das eine beherrscht das andere. „Beherrschen“ heißt dabei so viel: ihm seinen Willen aufzwingen, es womöglich ausbeuten, ihm aber jedenfalls die Selbstbestimmung beschneiden. Aber „die Ostdeutschen“(Ossis) gibt es erst seit dem Mauerfall. Zuvor haben sich die Bewohner der DDR entweder als Deutsche im geteilten Deutschland verstanden (so namentlich ältere) oder als Sozialisten im Sinne des sozialistischen Internationalismus(so die überzeugten Genossen), was nur verkrampft gelang mithilfe der Theorie von zwei Nationen auf deutschem (!) Boden, einer kapitalistischen und einer sozialistischen, die sich wie Feuer und Wasser entgegenüberstehen sollten. Andere haben sich ohne solche Klimmzüge schlicht als DDR-Bürger verstanden. Der Ruf nach der Wiedervereinigung kam auch nicht zuerst vom Westen her auf,sondern ehe die West-CDU ihn aufnahm („Wir sind ein Volk“), war er auf Herbstdemonstrationen in der DDR zu hören, als Zitat aus der DDR-Nationalhymne: „Deutschland einig Vaterland“. Aus dem Westen waren zunächst Warnungen vor dieser neuen Tonart zu hören: das werde unbezahlbar teuer (Lafontaine). Und zweitens: die „Aufbauhelfer“, die nach dem 3. Oktober 1990 in den Osten gingen, waren doch dank der föderalen Ordnung des Grundgesetztes nicht als Handlanger der Bonner Zentrale tätig, sondern den Neuen Bundesländen verpflichtet, unter Umständen auch im Konflikt mit der Bundesregierung. Wer über das Verhältnis zwischen Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf im Bilde war, musste die Vorstellung, dieser sei der Erfüllungshilfe von Kohl gewesen, lachhaft finden. Und schließlich: In einem Rechtsstaat herrscht idealiter nicht jemand, sondern etwas, nämlich Recht und Gesetz. Da ist die Herkunft des Akteurs idealiter unerheblich.

Deshalb ist es völlig verfehlt, das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland in die Nähe eines Kolonialismus zu stellen (Oschmann). Auch der Vergleich der Ostdeutschen mit Migranten (Foroutan) liegt erheblich daneben. Ostdeutsche sind in Ostdeutschland keine Fremden und leben auch nicht getrennt von der Heimat, von Verwandten und Freunden. Mit den Westdeutschen verbindet sie tausend Jahre Geschichte, die Sprache und die Kultur, was bei Migranten nicht vorkommt.

Zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2021 stellte Die Linke ein Plakat mit dem Text vor: „Nehmt den Wessis das Kommando!“. Ihr wurde entgegengehalten, da könne sie doch gleich bei ihrem  Spitzenkandidat für die Bundestagwahl (Jan Korte) beginnen, denn der stamme ja aus dem Westen. Und den derzeit einzigen Ministerpräsidenten aus dem Westen im Osten stelle zu diesem Zeitpunkt doch Die Linke in Thüringen: Bodo Ramelow.Und schließlich ist ja Die Linke aus einer Ost-West-Fusion von PDS und WASG hervorgegangen und hat die Position der „Ost-Partei“längst an die AfD verloren. Die Linke hat übrigens darauf verzichtet, das inkriminierte Plakatkleben zu lassen.

Wie kamen die Westdeutschen auf die ostdeutschen Machtpositionen? Entweder durch Wahl(so Ministerpräsidenten und Uni-Präsidenten )oder durch Berufung ( Staatssekretäre , Professoren).

In den vier Neuen Bundessländern (d.h. ohne Berlin) wurde von 1990 bis 2023 insgesamt 41 mal ein Ministerpräsident gewählt, dabei 14 mal ein Westdeutscher - von einer Mehrheit ostdeutscherAbgeordneter. Dabei spielten die Erwartungen an seine Erfahrungen und sein Können, seine Verbindungen und seine Parteizugehörigkeit eine weit wichtigere Rolle als seine Herkunft. An der Humboldt-Universität habe ich selbst erlebt, wie sich Ostdeutsche massiv für einen westdeutschen Präsidentschaftskandidaten eingesetzt haben mit dem Argument: Der kann am meisten für uns herausholen. Wer die freie Wahl hatte, kann sich über mangelnde Repräsentation nicht beschweren. Auch die Richter der obersten Landesgerichte sind von ostdeutschen Abgeordneten gewählt worden, wenn es Richterwahlausschüsse gibt. Und diese haben richtig entschieden, als sie keine SED-Juristen gewählt haben.

Wer erwartet, Ostdeutsche und Westdeutsche sollten heute ihrem Bevölkerungsanteil gemäss in ihren Eliten vertreten sein, setzt offenbar eine symmetrische Vereinigung voraus, womöglich mit Egon Kranz als Vizekanzler? Die Vereinigung war unaufhebbar asymmetrisch. Die Annahme symmetrischer Verhältnisse übergeht die Herbstrevolution, die doch aber erst die Perspektive auf die deutsche Einheit eröffnet hat.

Jede Revolution ist mit einem Elitenwechsel verbunden. Nach dem Mauerfall wurde dieser öfter spontan vollzogen, indem Lehrerkollegien einen neuen Schulleiter und Betriebsversammlungen einen neuen Betriebsleiter wählten. Aber eine rechtsstaatliche Verfolgung von Regierungskriminalität musste bis zur Überprüfung der Richter verschoben werden. Und die war am Tag des Beitritts noch nicht abgeschlossen. Deshalb kam der Elitenwechsel massiv erst nach der Vereinigung in Gang, im besonderen die von der Volkskammer verlangten Stasiüberprüfungen (der Westen wollte die Stasiakten zunächst wegschliessen), die Mauerschützenprozesse, die Neuordnung der Universitäten, der Neuaufbau der Länderverwaltungen. Auch die vom letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow noch vor der freien Volkskammerwahl gegründete Treuhandanstalt, die allerdings nur den Auftrag hatte, die Betriebe in AGs und GmbHs zu überführen und keinen einzigen Betrieb weltmarktfähig gemacht hat, wurde noch von der Volkskammer so reformiert, dass sie Betriebe privatisieren bzw. sanieren konnte, das wurde aber im Wesentlichen erstnach der Sommerpause 1990 wirksam. Das hatte zur Folge, dass für all diese Prozesse der Westen verantwortlich gemacht werden konnte, obwohl die Volkskammer dies alles vorgehabt bzw. eingeleitet hatte. Das hieß, dass postrevolutionäre Ost-Ost-Gegensätze in Ost-West-Gegensätze umgedeutet wurden, und zwar vorzugsweise von denjenigen, die Macht und Einfluss durch die Herbstrevolution verloren hatten.

Ende 1989 war die DDR ein Staat in Auflösung, seitdem im Spätsommer die Fluchtbewegung über Ungarn und die Prager Botschaft eingesetzt hatte und die Zerschlagung der Leipziger Montagsdemonstration gescheitert war. Der missglückte Versuch, durch ein neues Reisegesetz Druck aus dem Kessel zu nehmen, führte zur versehentlichen Maueröffnung. Nachdem die DDR-Bürger mit eigenen Augen gesehen haben, wie man im Westen lebt, setzte sich unter ihnen schnell die Überzeugung durch, „so wollen wir auch leben“, und zwar möglichst bald. Der Gedanke eines Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gewann an Attraktivität. Der erste Schritt sollte die Währungsunion sein. Sie sollte die Abwanderung nach der Maueröffnung stoppen. Viele dachten, mit dem Westgeld käme der westliche Wohlstand. Es macht aber einen großen Unterschied, ob man mit einem Koffer nach Westen geht,oder die verfallenen Häuser, die veralteten Fabriken und die Staatsschulden mitbringt, also den Unterschied zwischen Flucht und Transformation. Es gab damals aber auch Leserbriefe, die die abträglichen wirtschaftlichen Folgen der Währungsunion sahen, sie aber als unvermeidlichen Teil des Systemwechsels akzeptierten.

Jedenfalls hat die Erfahrung der hohen Arbeitslosigkeit und die große Verunsicherung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs den Stolz auf die Herbstrevolution erdrückt.

Es war also ein Irrtum, dass die schnelle Währungsunion schnellen Wohlstand bringt. Aber die Eile war richtig, trotz falscher Motive. Denn wir wussten nicht, wie lange Gorbatschow an der Macht bleibt. Dieses Argument ist 1990 von vielen verspottet worden. Der Spott verstummte, als 1991 gegen Gorbatschow geputscht wurde. Das Argument: Lieber mit ruinierter Wirtschaft in die Einheit, als mit ruinierter Wirtschaft allein dastehenwar also o.k., wurde aber 1990 nicht ausgesprochen. Es wäre wohl auch gar nicht ernst genommen worden, vor lauter Begeisterung über die Westmark.

Die Leipziger Studie stellt fest, dass 2004 kein einziger General der Bundeswehr aus Ostdeutschland stammte. Aber anders konnte es doch garnicht sein, weil keine NVA-Generäle in die Bundeswehr übernommen worden sind. Deshalb lässt sich die Frage, wieviele daran interessiert gewesen wären, in die Armee des „verhassten“ Klassenfeindes übernommen zu werden, nicht beantworten. Auch DDR-Diplomaten sind grundsätzlich nicht in den diplomatischen Dienst der Bunderepublik übernommen worden. 2022 ist erstmals ein Ostdeutscher ins Verfassungsgericht berufen worden. Auch das ist revolutionsbedingt. Denn wer in der DDR Jura studiert und dann als Richter oder Lehrer des sozialistischen Rechts Berufserfahrungen gesammelt hat, war doch durch solche Erfahrungen nicht für Deutschlands höchstes Richteramt qualifiziert.

Dass nach 1990 so viele Westdeutsche auf Lehrstühle an den ostdeutschen Universitäten berufen wurden, war im Blick auf die „Ideologiefächer“ (vor allem Philosophie, Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Geschichte und Germanistik)der Rücksicht auf die Studenten geschuldet. Denn wer würde denn einen Absolventen von 1993 in sozialistischer Ökonomie beschäftigen? Bei Naturwissenschaften und Medizin war die Lage anders. Universitätsangehörige fanden sich übrigens im Herbst 89 kaum unter den Demonstranten. Sie waren ja nach Systemtreue gesiebt. Deshalb fanden sich auch selten berufungsfähige ostdeutsche Kandidaten im Mittelbau. Es mag sein, dass dabei auch Westdeutsche berufen wurden, die im Westen keinen Ruf bekommen hätten. Die Regel war das nicht. Und konnte der Osten tatsächlich verlangen, dass für ihn nur die Besten gerade gut genug sind?

Es hat sich ein kleiner Katalog von ostdeutschen Benachteiligungen gebildet. Außer der mangelnden Repräsentanz in den Eliten gehören dazu: Niedrigere Einkommen, aber längere Arbeitszeit, bis dieses Jahr niedrigere Renten, es wird weniger vererbt und es gibt weniger Millionäre im Osten. Die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West differieren aber oft weniger als die innerhalb des Westens. Man vergleiche nur München und Ostfriesland. Das niedrigere Durchschnittseinkommen im Osten hat auch damit zu tun, dass es im Osten kaum Großbetriebe und Konzernzentralen gibt. Kein Konzern verlegtseine Zentrale ohne ökonomischen Gewinn in den Osten. Da aber nun in Ost und West Facharbeitermangel besteht, kann sich daran manches ändern. Übrigens bestehen auch innerhalb des Ostens beachtliche Durchschnittseinkommensdifferenzen zwischen boomenden Städten und entvölkerten überalterten Landstrichen. Bekanntlich lassen sich in einer freien Marktwirtschaft weder Löhne noch Preise vom Politbüro festlegen. Das weniger vererbt wird und es weniger Millionäre gibt, kann nicht der Vereinigung angelastet werden, sondern hat in 40Jahren Reichtumsvermeidungspolitik der SED ihrem Grund. Ich wüsste auch nicht, welchen Vorteil ich davon hätte, wenn es mehr ostdeutsche Millionäre gäbe.

In den Ost-West-Vergleichen wird nicht nur die Herbstrevolution übergangen, sondern auch das abträgliche Erbe der DDR. Es gibt mancherorts eine starke Tendenz zur vergoldenden DDR-Erinnerung. Es ist ja zunächst gut, wennwir das Erfreuliche kräftiger erinnern als Niederlagen, Demütigungen und beengende Grenzen. Aber warum sollen wir unseren damaligen Alltag mit dem System identifizieren? DDR-Bürger könnenstolz darauf sein, was sie in Familie und Beruf unter den widrigen Bedingungen von Diktatur und Mangelwirtschaft geleistet haben, aber bitte nicht stolz sein wollen auf die widrigen Bedingungen, die wir uns doch nicht ausgesucht haben.

Übrigens ist das im Osten oft anzutreffende Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, nicht nach der Vereinigung entstanden, sondern begleitet uns seit 1945. Wir hatten die weniger erfreuliche Besatzungsmacht und haben immer mit Neid und Bewunderung nach Westen gesehen. Und allabendlich waren wir beim Westfernsehen als Zaungäste drüben. Und die „Westpakete“ waren ein willkommenes Ost-West-Band.

Das Gefühl, benachteiligt zu sein, ist tief verwurzelt im Osten. Es hat die deutsche Einheit mit Überwartungen überfrachtet, die enttäuschtwerden mussten. Daher der Ausdruck „Jammerossi“. Gejammert wird aber zumeist in Hörweite Westdeutscher, die diesen Schaukampf womöglich noch anheizen durch die Ermahnung, die Ostdeutschen sollten dankbar sein, möglichst ihnen, den Westdeutschen. Aber die Einforderungvon Dankbarkeit ruiniert jede Beziehung. Die Besatzungszonen sind 1945 nicht nach Verdienst vergeben worden. Und die Transformationslasten haben allein die Ostdeutschen schultern müssen. Im Übrigen ist der ostdeutsche Wohlstandszuwachs der letzten 30 Jahre erheblich.“Die durchschnittlichen Haushaltseinkommenstiegen in den neuen Ländern real von ca. 40 Prozent des westdeutschen Niveaus auf etwa 85Prozent“(Klaus Schroeder).

Es ist wohl unvermeidlich, dass die Ostdeutschen sich mit den Westdeutschen vergleichen. Aber angemessener wäre der Vergleich mit den anderen ca. 20 ehemaligen sozialistischen Ländern, die ebenfalls die Transformation von der Diktatur zu einer neuen politischen Ordnung und von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft absolvieren mussten. Dieser Vergleich ergibt durchaus Erfreuliches für die Ostdeutschen. Alle ehemals sozialistischen Staaten hatten erhebliche Staatsschulden angehäuft und sie später oft durch Inflation abgetragen. In Polen wurde die Inflation 1995 beendet, indem 10. 000 alte Zloty (PLZ) in einen neuen Zloty (PLN) umgetauscht wurden. Das hieß: Die Sparguthaben schmolzen hin, während Sachwerte (Immobilien) ihren Wert behielten, eine große Ungerechtigkeit. Dergleichen blieb den Ostdeutschen durch die Währungsunion erspart, die mit einem Kurs 1:1 bzw.1:2 erfolgte. Schließlich wurde durch die Vereinigung Ostdeutschland EU-Mitglied ohne schmerzliche Angleichungsprozesse. Und durch die Treuhandanstalt wurde vermieden, dass das „Volkseigentum“ durch Oligarchen privatisiert wurde. Die durch westliche Aufbauhelfer schnell installierte neue Verwaltung hat die Phase des postrevolutionären Chaos enorm verkürzt und die Ausbreitung von Korruption durch alte Seilschaften weitestgehend verhindert.

Petra Köpping hat behauptet, wenn mehr Ostdeutsche an der Transformationbeteiligt worden wären, wäre ein besseres Ergebnis zustande gekommen. Denn Ostdeutsche sind offenbar immer selbstlos und gerecht. Das lässt sich plausibel widerlegen. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) sind ohne westliche Beteiligung transformiert worden, weil sie
Genossenschaften waren und nicht Volkseigentum. Keine einzige ist rechtlich sauber transformiert worden. Die Modrow-Treuhand bestand ausschließlich aus DDR-Ökonomen und hat kein einziges Unternehmen weltmarktfähig gemacht. Deshalb hat ja die Volkskammer am 17. Juni 1990 ein neues Treuhandgesetz beschlossen. Und in Russland sowie in der Ukraine hat das gutgemeinte Konzept der Privatisierung durch Anteilscheine für die Bevölkerung zum Superreichtum der Oligarchen geführt und die Korruption befördert.

Manche sagen heute: „so schlimm war das mit der Stasi garnicht. Ich hatte mit ihr nie zu tun.“ Das mag ja sein. Aber angeben würde ich heute lieber damit nicht. Und Angst hattet ihr trotzdem vor der Stasi.

An die Defizite der Repräsentation Ostdeutscher in den Eliten haben manche Kommentatoren große Befürchtungen geknüpft. Daraus, hieß es, könnten separatistische Tendenzen erwachsen und eine Ablehnung der Demokratie. Separatistische Tendenzen spielen im reichen Norden Italiens eine Rolle, nicht aber im armen Süden. Es gibt absolut keine ostdeutschen separatistischen Tendenzen und die Ostdeutschen wissen auch, warum nicht.

Was nun die Demokratie betrifft, so gibt es im Osten garkeine ausdrückliche Ablehnung „der Demokratie“, sondern den Vorwurf: „Was wir jetzt haben, ist doch gar keine richtige Demokratie, denn wir werden ja nicht gefragt.“ Es geht nicht um Ablehnung der Demokratie, sondern um einen verdeckten Streit darum, was Demokratie ausmacht. In den westlichen Medien aber werden die  Umfrageerfolge der AfD als Ablehnung der Demokratie missdeutet, worüber die AfD-Mitglieder  beleidigt sind. Deshalb wird gegen die Erfolge der AfD gefordert, die DDR-Forschung zu stärken. Nach dem Grundsatz von Roland Jahn:„Je besser wir Diktatur verstehen, umso besser können wir Demokratie gestalten.“ Das ist, kurz gesagt, Unfug. Man kann doch nicht die Demokratie dadurch empfehlen, dass man die Diktatur schwarz in schwarz zeichnet. Dagegen steht zudem immer die persönliche Erfahrung schöner Erlebnisse in der DDR. Man muss die Auseinandersetzung um dasangemessene Demokratieverständnis führen. Die repräsentative muss gegen die direkte Demokratie verteidigt werden. Immanuel Kant hat die Demokratie zu den despotischen Staatsformen gerechnet, indem er unter Demokratie das reine Mehrheitsprinzip verstand. Wenn tatsächlich uneingeschränkt gilt, was die Mehrheit beschließt, sind so dann auch Rassengesetze legal. Erst mehrheitenfeste Grundrechte und die Gewaltenteilung haben die Demokratie zur erstrebenswerten Staatsform gemacht.Dass der Angriff auf die Demokratie unter der Losung:“Mehr Demokratie“ erfolgt, darauf hat sich die politische Bildung noch nicht eingestellt.

Die geringe Repräsentation Ostdeutscher in den Eliten ist ein Mißstand. Wie ist es dazu gekommen? In den ersten Jahren der Vereinigung wurden Westdeutsche in den Osten gerufen und auch geschickt. Unternehmer sollten Kapital und know how mitbringen. Für sie wurden Gewerbegebiete geschaffen, die oft zu groß waren.Man verspottete sie als „beleuchtete Wiesen“ statt der versprochenen blühenden Landschaften. Und es kamen, teils auf Zeit, teils auf Dauer, Aufbauhelfer, bis 1995 etwa 35.000. Sie haben geholfen, die postrevolutionäre Phase des „wilden Ostens“ zu verkürzen und schnell eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Die Justiz konnte schnell Fuß fassen und hat das aus der DDR geerbte Misstrauen gegenüber der Justiz bald verschwinden lassen.

Für den Aufbau der neuen Verwaltung haben westdeutsche Helfer, Verwaltungsleute aus der DDR und ostdeutsche Neueinsteiger zusammengewirkt, und, wie es scheint, reibungsarm. Untersuchungen dazu stehen noch aus. Von häufigen Ost-West-Konflikten auf diesem Gebiet wurde aber nichts bekannt. Es hat sich bald der Ausdruck „Besserwessie“ eingebürgert, mit dem aber nicht Ablehnung oder Aggressivität zum Ausdruck kam, sondern Kritik an Besserwisserei. Manche Westdeutsche waren gern bereit, uns die DDR zu erklären, als hätten sie und nicht wir die DDR erlebt. So etwas nervt. Die Defizite ostdeutscher Präsenz in den Eliten sind aber nicht mit der Erfahrung von Fremdbestimmung durch Westdeutsche verbunden. Es gab keine markante Ablehnung von westdeutschen Aufbauhelfern. Mir ist aufgefallen, dass siesich öfter als Einheimische für Gemeinwohlbelange wie Bürgerinitiativen einsetzen und deshalb oft als Bereicherung empfunden werden.

Dürfen oder wollen Ostdeutsche nicht in die Eliten aufsteigen? Untersuchungen dazu gibt es m.W. nicht. Aber aus der DDR haben Ostdeutsche eine gewisse Karrierescheu mitgebracht. In die DDR-Elite wurde man ja von der Partei erwählt, auch wenn man ihr gar nicht angehörte.Und manche Fachleute haben Führungspositionen in diesem dysfunktionalen System gar nicht angestrebt. Die Leipziger Studie verweist auf die Millionen, die ab 1945 und wieder von 1989 an in den Westen gegangen sind. Und im vereinigten Deutschland verfügten Ostdeutsche nicht über funktionierende Netzwerke. Und schließlich: ein Fünftel kam zu vier Fünfteln. Es wird also für attraktive Posten rechnerisch viermal so viele Westbewerber wie Ostbewerber geben. In solchen Situationen kommt dann regelmäßig der Vorschlag einer Quote. Für öffentliche Ämter hat das das Grundgesetz ausgeschlossen:„Jeder Deutsche hat nach seiner Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung gleichen Zugang zu jedem öffentlichen Amt“ heißt es in Art. 33(2) des Grundgesetzes. Damit sind Benachteiligungen, aber auch Bevorzugungen aufgrund der landsmannschaftlichen Herkunft verboten. Es bleibt also nur übrig, Ostdeutsche zu ermuntern, sich zu bewerben, bis die Zeit das Problem gelöst hat.  

 

 


[1]Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Gekürzte Fassung veröffentlicht in FAZ. Wer beherrscht den Osten? 27.12.2023. https://www.faz.net/aktuell/politik/geschichte/wer-beherrscht-den-osten-eine-antwort-19407905.html (Zugriff 1.2.2024)

[2]Prof. Richard Schröder. Theologe, 1990 Fraktionsvorsitzender der SDP/SPD in der frei gewählten DDR-Volkskammer