Das Grenzlandmuseum Eichsfeld als deutsch-deutscher Erinnerungsort

moderner Lernort für Geschichte, Demokratie- und Umweltbildung

von Franziska Bierwirth, Małgorzate Cebulska, Patrick Hoffmann, Mira Keune

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld als Erinnerungsort

Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich das niedersächsisch-thüringische Grenzlandmuseum Eichsfeld mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur am Beispiel des DDR-Grenzregimes. Das Museum befindet sich auf dem Gelände und in den erhalten gebliebenen historischen Gebäuden des ehemaligen innerdeutschen Grenzübergangs Duderstadt/Worbis und direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem einstigen sogenannten Todesstreifen. Zum Museumsensemble gehören auch eine Bildungsstätte mit Seminarräumen, Archiv und Bibliothek sowie ein 6 Kilometer langer, länderübergreifender Wanderweg mit original erhaltenen Grenzanlagen und Informationstafeln.

Die multimediale Ausstellung und das darauf aufbauende Museumsprogramm setzt Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit der Zeit der deutschen Teilung, dem Leben mit der Grenze in Ost und West, dem Ausbau der Grenzanlagen und deren Überwindung durch die Friedliche Revolution sowie die Umwandlung zum Grünen Band nach 1989. Regionale Aspekte aus der ehemals geteilten Region Eichsfeld werden dabei mit allgemeinen Entwicklungen in Deutschland und Europa in Beziehung gesetzt.

Auch aktuelle Fragestellungen zu den Themen Grenzen und Fluchten werden in der Ausstellung aufgegriffen. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld versteht sich als historischer Lernort für Demokratie und bietet eine Vielzahl an Angebote für Schulen und andere, außerschulische Bildungsträger.[1]

Im Zeitraum von 1973 bis 1990 nutzten fast sechs Millionen Menschen diesen Grenzübergang im Rahmen des „Kleinen Grenzverkehrs“. Auch wenn das Reisen im „Kleinen Grenzverkehr“ für Bürger*innen in der DDR möglich war, reisten vorwiegend Westdeutsche über den Grenzübergang und berichten bis heute bei Museumsbesuchen von ihren Erfahrungen. Mit der Grenzöffnung in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 entstand eine weitere Erinnerungsebene an den Grenzübergang. Nun konnten die Menschen aus der DDR den Grenzübergang frei nutzen und reisten in die Bundesrepublik. Erfahrungen und Eindrücke, über die ebenfalls bei Museumsbesuchen intensiv berichtet wird, verdeutlichen wie präsent diese Erinnerungen bis heute sind. Der Ort ist ein wichtiger Erinnerungsort vor allem für Reisende, Einwohner*innen des ehemaligen Grenzgebietes und denjenigen, die diese unüberwindliche Grenze in den Jahren 1989-1990 überquerten.

Ausgehend von der Resonanz auf die Museumsangebote lässt sich zusammenfassen, dass der historische Ort des einstigen Grenzübergangs ein vielfältiger deutsch-deutscher Erinnerungsort ist und für viele Menschen auch ein Identifikationsort in der einst geteilten Region Eichsfeld sowie darüber hinaus in Südniedersachsen und Nordthüringen. Aber auch eine Verbundenheit mit dem Grenzlandmuseum Eichsfeld als Einrichtung wird gerade anlässlich bestimmter Jahrestage deutlich, wenn von „unserem Grenzlandmuseum“ gesprochen wird, das regelmäßig zum Beispiel am 3. Oktober besucht wird.

Fluchten, Fluchtversuche und auch tödliche Fluchtversuche haben ebenfalls im Umfeld des Grenzübergangs und des Grenzabschnitts stattgefunden. Zeitzeug*innen und deren Angehörige wenden sich auch an das Grenzlandmuseum Eichsfeld, um zu erfragen, ob es Unterlagen zum Geschehenen im Museumsarchiv gibt. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist es die Aufarbeitung der SED-Diktatur, der sich das Grenzlandmuseum Eichsfeld verschrieben hat und dazu auch Gedenk- und Erinnerungsangebote wie etwa Gedenkwanderungen oder Kranzniederlegungen für die Opfer der SED-Diktatur und des Grenzregimes durchführt.

Herausforderungen für ein Museum am historischen Ort

Die ersten Ideen für das Grenzlandmuseum Eichsfeld wurden bereits mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 und dem Prozess zur Deutschen Einheit entwickelt. Bürgerschaftliches Engagement, die Zusammenarbeit zwischen den angrenzenden Gemeinden und Landkreisen in Ost und West sowie z.T. Unterstützung auf den Landes- und Bundesebenen gab es von Beginn an für die Idee. Namentlich erwähnt werden sollten dazu der damalige Stadtdirektor der Stadt Duderstadt Wolfgang Nolte und der Bürgermeister der Gemeinde Teistungen Horst Dornieden. Gleichzeitig gab es nicht wenige Menschen, die sich wünschten, dass alle Anlagen abgebaut werden. Die Bedeutung eines Museums konnten sich viele nicht – noch nicht – vorstellen. Diskussionen gab es auf allen Ebenen: privat, in Gemeinderäten, in Ausschüssen uvm.

Schwierig waren zwei Aspekte: die Eigentumsfrage der Gebäude und Flächen des Grenzübergangs und die Finanzierung eines von Beginn an als professionelles Museum gedachten Hauses. Dieses sollte historische Gebäude und Grenzrelikte erhalten, um der Nachwelt einen Eindruck der menschenverachtenden und schikanösen Grenzanlagen vermitteln zu können. Das Museum sollte der Dokumentation, Information und mahnenden Erinnerung an die Zeit der deutschen Teilung dienen. Erste Konzepte wurden von den Initiatoren mit dem Museumsverband Südniedersachsen entwickelt.

Die Frage der Eigentumsverhältnisse klärte sich Mitte 1990er Jahre. Die Bundesrepublik Deutschland als Eigentümerin übertrug die Flächen mit den jetzt noch vorhandenen Gebäuden an die Gemeinde Teistungen mit dem Zweck, dort das Grenzlandmuseum Eichsfeld einzurichten und sukzessive in weiteren Gebäuden und auf dem Gelände weiterzuentwickeln. Gemeinsame Anstrengungen und viele Gespräche mit Abgeordneten, Ministern, Landräten und Bürgermeistern waren die Grundlage für eine Finanzierung, die die Einrichtung möglich machte. Vor allem das Land Thüringen, die Gemeinden Duderstadt und Teistungen, sowie der Landkreis Worbis (später Eichsfeld), sowie die Sparkasse Duderstadt und die niedersächsische Sparkassenstiftung stellten dafür Mittel zur Verfügung.

Um die Einrichtung personell stemmen zu können, hatten die Gemeinde Teistungen und der Landkreis Worbis Mittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beantragt. Die wissenschaftliche Umsetzung war durch die Einstellung einer Historikerin gesichert, der Museumsverband Südniedersachsen gewährte zudem eine permanente wissenschaftliche Beratung. So konnte am 11. November 1995 das Grenzlandmuseum Eichsfeld eröffnet werden. Im Frühjahr 1996 wurde der Trägerverein Grenzlandmuseum Eichsfeld e.V. gegründet. Der Entstehungsprozess wird im Museumsbegleitband[2] zur ersten Dauerausstellung ausführlich geschildert.

Museum am historischen Ort

Der ehemalige innerdeutsche Grenzübergang wurde als „Kulturdenkmal“ in das Denkmalbuch des Freistaats Thüringen aufgenommen. Damit sind alle Maßnahmen am historischen Ort und an den Gebäuden erlaubnispflichtig nach dem Thüringer Denkmalschutzgesetz (ThürDSchG). Die bestehenden historischen Gebäude und Räumlichkeiten wurden von Beginn an in die Konzepte der Ausstellungen integriert. In ihnen befindet sich heute eine multimediale Dauerausstellung. Originale sind kenntlich gemacht, wie etwa die „Passkontrollschleuse“, der „Nachrichtenraum“ oder die „Arrestzellen“. Die Ausstellung erstreckt sich über vier Gebäude auf ca. 1.400 qm und wird ergänzt um ein Besucherleitsystem im Außengelände mit 24 Informationspunkten.

Bildungsangebote und –perspektiven für die Arbeit am historischen Ort

Für die politisch-historische Bildung und Vermittlung an nachfolgende Generationen bietet ein historischer Ort eine große Chance durch die vielfältigen Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur. Der historische Ort als Ort der Kontrolle und Repression regt mit originalen Exponaten und Quellen zur Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte und zum Nachdenken über die Gegenwart und Zukunft an. Vordergründig wird aus und mit der Geschichte ein Bewusstsein für demokratische Werte geschaffen. Die Besucher*innen begegnen Instrumenten des SED-Regimes, wie den Überresten unterschiedlichster Grenz- und Grenzübergangsanlagen, die sie dazu bewegen, über ihre Freiheitsrechte nachzudenken. Vor allem Jugendliche melden häufig zurück, dass sie – pädagogische angeleitet – erst durch die Begegnung mit diesen Originalen die Dimension der Teilungsgeschichte besser begreifen konnten. Auch für sich und ihre gegenwärtige Lebenswelt ziehen sie Schlüsse: Freiheitsrechte, die für sie selbstverständlich erschienen, werden nach einem Besuch im Grenzlandmuseum meist anders bewertet und als schützenswert angesehen.

Auch europäische Dimensionen, wie die Bewegungsmöglichkeiten im Schengen-Raum werden greifbar. Gegenwartsbezüge zu militärisch befestigten Grenzen heute, Grenzkontrollsituationen oder Fluchten in aller Welt öffnen die historische Perspektive und geben den Besucher*innen die Möglichkeit, das Thema ganz individuell bei sich in der Lebenswelt zu verorten.

Der historische Ort eröffnet Besucher*innen auch die Möglichkeit, über eigene oder familiäre Erfahrungen zu sprechen, die vorher im Verborgenen geblieben oder weniger bewusst waren. Sie berichten von Alltags- oder Fluchtgeschichten aus der DDR, von Erfahrungen nach der Wiedervereinigung oder auch von Fluchterfahrungen aus anderen Ländern. Der Besuch an historischen Orten kann also als Ausgangspunkt, Korrektiv oder Vertiefung der Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Verorten der eigenen Haltung zur Demokratie angesehen werden.

Grenzlandmuseum Eichsfeld

Duderstädter Straße 7-9

37339 Teistungen

 

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag: 10:00 bis 17:00 Uhr

Telefon: 036071 - 97112

 

www.grenzlandmuseum.de

 

 

 

 


[1]Vgl.https://www.grenzlandmuseum.de/lernort/

[2]Grenzlandmuseum Eichsfeld (Hg.): Grenze mitten in Deutschland. Begleitband zur ständigen Dauerausstellung, Schriftenreihe der Bildungsstätte und des Grenzlandmuseums Eichsfeld Band 2, Heiligenstadt 2002, S. 9-13.