Mielkes Burg in Berlin: ein DDR-Architekturmuseum- nicht schön, aber historisch interessant

Von der Drachenburg zum Campus für Demokratie?

Vom Zickzack zwischen Vernachlässigung und überdimensionierten Vorhaben am Berliner Stasigelände

von Christian Booß

Für Joachim Gauck, den ersten Leiter der Stasiunterlagenbehörde nach der Vereinigung 1990 war die ehemalige Berliner Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg schlicht die „Drachenburg“. Nicht zumutbar für Stasi-Opfer, dort ihre Akten einzusehen, und für ihn, der in Berlins Mitte repräsentierte, wohl auch nicht. Die Zerschlagung der Geheimpolizeistrukturen, die Sicherung der Akten standen im Jahr der Deutschen Einheit im Vordergrund. Die Immobilien spielten eher eine nebensächliche Rolle. Es ging vor allem darum zu verhindern, dass sie unter der Hand an Seilschaften gingen. Typisch für das Bewusstsein der damaligen Mangelgesellschaft, sollten sie schnell für gute Zwecke zumeist an die Kommunen vergeben werden. So kam es, dass in Berlin-Lichtenberg der von Jürgen Fuchs bedichtete Stasiknast „Magdalena“ ohne großes Aufheben an das Land Berlin ging und dort in seiner ehemaligen Bestimmung als Frauenknast weiter genutzt wurde. Bis heute übrigens nach aufwendiger Modernisierung denkmalschutz- und resozialisierungsgerecht, versteht sich.

Auch die Gebäude der berühmten Auslandsspionage des Markus Wolf gingen nebst anderen Gebäuden profanerweise an die Deutsche Reichsbahn. Man suchte nach einem Großbetreiber, der die Stasi-eigene Heizanlage für das Gelände weiter in Gang halten konnte. Die Aktenverwahrer zogen sich auf einen relativ kleinen Teil des Geländes zurück, das ehemalige Zentralarchiv der Abt. XII und einige Gebäude drumherum. Um den Denkmalschutz scherte sich anfangs kaum einer.

Foto: Das Gelände ist noch für Überraschungen gut. Sauna der Auslandsspionage von Markus Wolf im Keller von Haus 15

Die größte Bausünde des Bundes aus jener Zeit ist die Entfernung des sogenannten Kupferkessels: Ein mit Kupfer ummantelter Raum, der für die künftigen Computerarbeitsplätze abstrahlsicher sein sollte. Das Kupfer sollte rausgerissen, zwar Teile gesichert werden, wo sie geblieben sind, weiß jedoch keiner mehr. Ähnlich wurden die meisten Relikte der Stasizeit entfernt − die getäfelten Zimmer der Leiter wegen Holzausdünstungen, die Archivausstattung aus arbeitsergonomischen Gründen. Wer heute noch sehen will, wie das Stasi-Archiv einmal aussah, sollte sich den Spielfilm „Das Leben der Anderen“ ansehen. Dort diente es das letzte Mal als Kulisse, heute sieht es fast so aus, wie jede größere deutsche Verwaltungsregistratur. Hohe moderne deckenhohe Regal- und Karteianlagen. Auch unter Gauck-Nachfolgerin Marianne Birthler galt der Satz „wir sind ein Archiv, kein Museum“. Birthler residierte lieber in der Nähe der Mächtigen in Berlin als im schmuddeligen Post-Stasi-Milieu. Dass irgendwann in diesen Jahren das Tor verschwand, was die Bürger am 15. Januar 1990 überwandten, ein Bild, das um die Welt ging, schien keinen zu stören, nicht einmal aufzufallen. Wer es abbaute, vermutlich die Deutsche Bahn, keiner weiß es so genau. Was eigentlich ins Weltkulturerbe gehört hätte, ist so perdu.

Der Wert dieses Areals liegt freilich weniger in seinen einzelnen Bauten, von denen kaum eines einen wirklich hervorragenden architektonischen Wert hat. Es ist vielmehr das Ensemble als solches, die schiere Größe. Keine kommunistische Geheimpolizei war im Verhältnis zu Bevölkerungszahl derart gewuchert wie das MfS. Sinnbildlich für das Vordringen des Überwachungsapparates in die Gesellschaft hat sich die Zentrale auf Kosten der Zivilgesellschaft von Lichtenberg seit seiner Gründung immer weiter in den Kiez gefressen. Ohne die Revolution wäre diese Landnahme weitergegangen. Diese Sicherheitshypertrophie versinnbildlicht das ehemalige Stasiareal, was man bei Führungen schnell und einprägsam „rüberbringen“ kann. Wer abreißen und überbauen will gerät also in Gefahr den wichtigsten historischen „Schatz“ zu zerstören. Öffnung hin in die Gesellschaft dieser überverstaatlichten Geländes kann nur durch Vielfalt der Nutzungen und Träger, nicht durch Abriss erreicht werden.

Beginn des denkmalpflegerischen Impulses

Ein gallisches Dorf auf dem zerklüfteten Gelände hielt allerdings die Fahne der Realien hoch. Die Antistalinistische Aktion ASTAK, heute bekannt als Stasi-Museum. Sie nistete sich im Haus 1 ein, wo Mielke fast 30 Jahre lang residiert hatte, und blieb da selbstbewusst-trotzig, selbst als der Bund meinte, dieses revolutionäre Überbleibsel habe sich überholt. Allerdings, dieses museale Projekt geht noch auf den Runden Tisch der DDR zurück. Schon im Februar 1990 beschloss dieser auf Antrag der Bürgerrechtler Wolfgang Templin und Carlo Jordan, dass dort eine Erinnerungsstätte zu erreichten sei. Die Treuhand stiftete Haus und Interieur, darunter die berühmte Mielke-Suite, und so wirkt irgendwie bis heute revolutionäres Recht weiter. In Haus 1 sitzen mehrere NGOs, die sich der Aufarbeitung widmen. In den 1990er Jahren entdeckten auch die beamteten Denkmalpfleger den Wert einiger Grundstücke. Die Kriterien damals waren aber eher traditionell. Es waren die älteren und „schöneren“ Gebäude, die geschützt wurden. Voran das ehemalige und heutige Finanzamt Lichtenberg: ein Produkt der Neuen Sachlichkeit der Zwischenkriegszeit, ab 1950 der Stammsitz des Ministerium für Staatssicherheit, bis zu ihrem Ende mit der Adresse Normannenstraße 22.

Dann die Erweiterungsbauten von 1957 mit reststalinistischer Ornamentik (Haus 7) und last but not least der Leitungsbau von ca. 1960, wo der dritte Minister des MfS bis zu dessen Umwandlung im November 1989 thronte, im Volksmund inzwischen als Mielke-Suite bekannt. Doch die historische Bedeutung einzelner Bauten oder gar des gesamten Ensembles blieben damals eher außen vor. Es gab freilich auch keinen gesellschaftlichen Anwalt für dieses Thema. Die Stasi-Aufarbeiter waren in den 1990ern und danach mit Enthüllungen aller Art beschäftigt, Zeitzeugen gab es noch im Überfluss, an die steinernen Zeugen dachte in Berlin noch kaum jemand. Das rächt sich − bis heute.

Dabei hat der Geländekomplex seine verborgenen Reize. Er symbolisiert mit seinem Wachstum die stete Ausweitung des Überwachungsapparates im SED-Staat. Wie hier im Kleinen ging das Zulasten der Normalbürger. Nirgendwo im Ostblock, eine Hypothek der Deutschen Teilung, war die Überwachungsbürokratie so groß wie in der DDR. Irgendwie schien Mielke nie das Geld auszugehen, immer weiter konnte er Apparat und Gelände ausweiten. Aber wer genau hinsieht, stellt fest, dass dieses „Architekturmuseum“, so der Leiter der Gedenkstätte Berliner Mauer, der Denkmalexperte, Axel Klausmeier, aus allen DDR-Bauepochen zusammengestoppelt ist. Immer wieder musste improvisiert, Altbauten umgenutzt werden, weil im Staat von Ulbricht und Honecker die Ressourcen dann doch nicht reichten. Dieser Eklektizismus aus Sicherheitsüberfluss und Mangel charakterisiert das Ensemble bis heute. Dies mehr als die einzelnen Gebäude ist sein historischer Wert, mit dem auch unser Verein bei zahlreichen Führungen für nicht Berliner Besucher aufwarten und punkten kann.

Wende Gelände

Eine Wende zum Gelände kam erst nach 2011 mit dem Bundesbeauftragten Roland Jahn. Er löste die jahrelange Blockade um eine neue Ausstellung zur Stasi in Haus 1. Die dortige NGO und die politischen Bildner der Behörde hatten sich jahrelang blockiert. Dank externer Moderation kamen der Durchbruch und Kompromiss, wie er noch heute im Stasi-Museum zu besichtigen ist.

Parallel erklärte die Kommune Berlin das Gebiet in Lichtenberg nördlich der Frankfurter Allee mitsamt dem Stasiareal 2011 zum förmlichen Sanierungsgebiet. Durch Konzentration der Kräfte, mehr Mittel und Sonderrechte für die staatliche Planung und Bürgerbeteiligung sollen Sanierungsgebiete eigentlich in überschaubarer Zeit vorangebracht werden. Aber am Stasigelände scheiterten die Städteplaner. Über Broschüren und Flyer mit einer Beschreibung des Geländes und vagen Funktionsbeschreibungen, die sich im Wesentlichen am Ist-Stand orientierten, kamen sie 10 Jahre lang nicht hinaus. Für dieses Scheitern brauchte es eine Legende. Und die hieß: es liegt an den zerklüfteten Eigentumsverhältnissen. Gemeint war vor allem eine Eigentümergruppe, die große Teile des Geländes von der Deutschen Bahn übernommen hatte, als diese in die Gegend des neuen Berliner Hauptbahnhofes zog. In Lichtenberg, wo die Linke ihre Berliner Hochburg hat, gehen solche Geschichten glatt durch. Eigentlich hätte man mehr die Herren der Bahn als den Käufer anzählen müssen. Auch hat der Berliner Senat seinerzeit versäumt, ein Vorkaufrecht auszuüben. Wenn ich richtig erinnere, war damals die Linkspartei mit an der Regierung. Aber eine antikapitalistische Legende macht sich in Lichtenberg halt besser, die Defizite der öffentlichen Hand zu bemänteln. Denn viele der Bau− besser Nicht-Bausünden auf dem Gelände betreffen peinlicherweise Grundstücke und Gebäude in staatlicher Hand.

Bausünden der öffentlichen Hand

Am Haus 7 bröckeln die Fassaden, der Nordflügel, immerhin über 1000 m2 Bürofläche steht seit ca. 30 Jahren unsaniert leer. Alles obwohl denkmalgeschützt und in Bundeseigentum.

Haus 22, der sogenannte Feldherrenhügel, wo die Stasi-Generalität tagte und speiste, wurde im Auftrag von Roland Jahn erst von einigen Jahren, wie man hört Millionenschwer gekauft, um dort u.a. eine Bibliothek zu errichten. Von der Bibliothek ist keine Rede mehr, das Haus ist nur in Bruchteilen und eigentlich nicht normgerecht nutzbar. Es fehlt am Feuerschutz, behindertengerechten Standards und Toiletten. Auch von außen ist die Bundesimmobilie nicht saniert.

Haus 6, einst Sitz der Auswertung, ein Haus von 1910 im Prinzip noch erhalten, wurde vom Bund abgerissen ohne wirklichen Alternativplan. Das sollte im Sanierungsgebiet eigentlich nicht sein.4

Video zum Abriss

Fotos: bröckelne Fassade, stinkender Leerstand seit 30 Jahren. Denkmalgeschütztes Haus 7 im Eigentum des Bundes

Großes Ärgernis ist die lange Front an der Frankfurter Allee. Dort vergammeln Stasi-Gebäude aus der Nachkriegszeit und die letzten Gebäude, die die Bezeichnung „Allee“ rechtfertigten. Von der Stasi nach dem Krieg genutzt, nach der Einheit vorübergehend Bezirksverwaltung, bröckeln Fassade und Balkons derart, dass man befürchten muss, es stünde die Absicht dahinter, das Haus von 1900 mit Absicht zu zerstören − bewährte Praxis von Bauspekulanten in Berlin. Nur hier ist es die BIM, das landeseigene Berliner Immobilienmanagement, offenbar auf Druck der Politik.

Foto: Wasserschäden, der Putz bröckelt, läßt die landeseigene BIM das Gebäude mit Absicht verrotten?

 

Sicher, auch die großen Privatimmobilen Haus 15 (Auslandsspionage/ HV A aus den 1970ern) und Haus 18 (Mehrzweckgebäude aus den 1980ern) stehen 1000m2-weise und jahrelang leer, möglicherweise in Erwartung höherer Immobilienpreise. Aber wie will die staatliche Seite hier mit Steinen werfen, wenn sie selbst im Leerstandsglashaus sitzt.

Immerhin hatten sich vor gut 10 Jahren einige Studentengruppen aus Berlin und Cottbus über das Gelände hergemacht. Ohne große Ehrfurcht vor den Bestandsimmobilien entwarfen sie kühne Visionen, bei denen weite Teile des Geländes abgerissen worden wären. Immerhin hatte eines der Uni-Teams die Idee, eines der größten Gebäude zu einem Hochschul-Campus umzugestalten. Der Campus-Gedanke inspirierte Roland Jahn zur Leitidee eines „Campus für Demokratie“ auf dem ehemaligen MfS-Gelände. Dass ein Ort der „Täter“ zum Ort der Demokratie umgemodelt werden sollte, gefiel manchem nicht. Der Ratsvorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung, Markus Meckel, sprach gar von einer „Schnapsidee“. Während aber sonst in Berlin Alles und Jedes über Jahre hin und her diskutiert wird − man denke an das Freiheitsdenkmal − kam die Debatte um den Campus nie so recht in Gang. Offenbar ist sowohl den intellektuellen Kampfhähnen aus Westberlin wie den Gralshütern der Aufarbeitung im Osten das Unternehmen im tiefen “Osten“ nicht geheuer.

So aber sind weite Teile des Geländes bis heute nicht definiert. Das große Mehrzweckgebäude, das 1990 von Bürgern besetzt wurde, mit Stasikinosaal und getäfelten Kaufpassagen steht leer. Außer auf den Eigentümer zu schimpfen, ist der öffentlichen Hand bisher nicht viel eingefallen. Ja, ein Sozial- und Kulturzentrum könne man sich da vorstellen. Wo Konzept, Träger und v.a. das Geld für Kauf, Sanierung und Betreibung herkommen, darüber herrscht Schweigen. Interessante Gegenstände wie ein propagandistisches Großbuntbild wurden irgendwann aus dem Gebäude, wie es scheint, geplündert. Wie der Eigentumswechsel zustande kam, ist bis heute nämlich nicht wirklich transparent. Ähnlich unklar ist die Perspektive der ehemaligen Auslandspionage von Markus Wolf. Auch diese Bürotürme der 1970er Jahre stehen weitgehend leer, nach dem die DB sie verlassen hat. Das Bürgerkomitee sicherte noch die Innenausstattung aus dem Büro über dem von Markus Wolf. Das Wolf-Zimmer selbst hatte die Deutsche Bahn, möglicherweise ihr damaliger Chef Mehdorn persönlich, weiß überstreichen lassen. Auch so kann man Vergangenheit bewältigen. Um die eigenen Defizite zu übertünchen, schimpfen staatlichen Vertreter auf den Spekulanten. Dass sie selbst oft genug Kompromisse mit den Eigentümern blockierten, denen unter der Hand kein Euro Spekulantengeld gegönnt wird, wird bei dieser Verantwortungsverlagerung verschwiegen. Das ist eine groteske Haltung. Denn in der Metropole Berlin verdienen seit 1990 überall „Bauspekulanten“ ihr Geld, wenn sie nicht gerade pleite gehen. Nur am Stasi-Gelände darf das nicht sein! Dieser Trotz gegen die Privatwirtschaft wirkt an diesem Mahnmal des Scheiterns des Staatssozialismus doppelt grotesk. Dass man in einem Sanierungsgebiet Investoren stark nach öffentlichen Interessen begrenzen und lenken kann, wäre eine Chance, aber wie es aussieht, wird sie von den Antispekulationspuristen seit bald 12 Jahren vertan. Aber irgendwann ist Schluss mit dem Sanierungsgebiet und dann kann sich der Kapitalismus pur entfalten.

Immerhin wurden jetzt auch diese Gebäude (v.a. Haus 15 und 18) unter Denkmalschutz gestellt. Auch um zu verhindern, dass auf dem Haus mit dem einstigen berühmt-gestürmten Tor, aufgestockt wird, um mehr Rendite erzielen zu können.

Bund plant Abriss an der Frankfurter Allee für ein Großarchivzentrum: zu groß, mit einer Milliarde zu teuer

Campus für Demokratie und Großarchivzentrum −die rettenden Ideen?

Eines Tages zog Roland Jahn die Idee eines Campus für Demokratie, etwas später für ein DDR-Archivzentrums aus der Tasche. Und die Politik, der jahrelang nicht wirklich etwas zu dem Gelände eingefallen war, sprang einfach auf die Idee auf. Das ist das bis heute das eigentliche Problem. Man hat eine große Überschrift, die nicht richtig realisierbar ist. Die Berliner haben den „Campus“ bisher nicht wirklich angenommen. Wenn, dann gehen sie auf das Stasigelände, ins Stasimuseum oder ins Stasiarchiv, keiner geht auf den Campus. Auch die nächste Jahn-Idee, das DDR-Archivzentrum, zündete bei der Politik. Jetzt, da es Beschlusslage ist, dämmert dem einen oder der anderen, dass es schwer, wenn nicht unmöglich sein könnte, es zu realisieren.

Die Grundidee klang bestechend. Die Akten von SED, DDR-Staatsapparat und sonstigen Organisationen, die bislang in Berlin Lichterfelde im Bundesarchiv lagern, sollten mit den Stasiakten auf dem Gelände in Lichtenberg in einem großen Archivzentrum vereinigt werden. Die ganze Hinterlassenschaft von 40 Jahren DDR in einem Großregallager. Eine Freude für Wissenschaftler aus aller Welt. Einmal abgesehen, dass die Entscheider in der Politik, die nicht zur Spezies der Forscher gehören, übersahen, dass damit keineswegs alle DDR-Akten dort liegen,1 übersahen sie auch die Topographie des Geländes und die Planungskompetenzen und unterschätzten wohl auch das Planungsvolumen. Zusammen mit Büroräumen für Archivare und was sonst noch so dranhängt, müssten ca. 50.000 m2 Archiv- und Arbeitsfläche auf dem ehemaligen Stasi-Gelände bereit gestellt werden. So viel Fläche besitzt die öffentliche Hand dort gar nicht. Sie müsste dazu kaufen. Und ob die privaten Eigentümer überhaupt verkaufen, ist vollkommen ungewiss. Dann müsste viel abgerissen werden, auch Bauten, wo die Stasi saß, auch die letzten Gebäude aus der Gründungszeit, die selbst Erich Mielke nicht abreißen durfte. Was Mielke nicht sprengen konnte, will jetzt der Bund erledigen. Problem auch der Archivklotz, größer als ein IKEA-Warenlager. Auf dem ohnehin überverdichteten Areal würden die denkmalgeschützten Teile aus den 1950er in unmittelbarer Nachbarschaft wie Hundehütten wirken. Die Gesamtanmutung wäre zerstört. Um das Gebäude optisch zu verkleinern, müsste in die Erde gebaut werden, was die Baumaßnahmen erheblich verteuern würde. Die ersten Kostenschätzungen liegen bei einer Milliarde Euro. Diese Zahl ließ dem Vernehmen nach auch manchen Archivzentraumbefürworter erschaudern. Sollen doch in den ostdeutschen Regionen laut Bundestagsbeschluss von 2019 noch 5 weitere Stasiarchive entstehen oder ertüchtigt werden. Alles zusammen wäre momentan wohl kaum durch den Bundeshaushalt zu finanzieren. Die Idee von Archivzentrum und 5 Regionalarchiven war 2019 nur deswegen glatt durchs Parlament gegangen, weil der Beschluss den Zusatz “kostenneutral“ enthielt. Sprich, bisher ist kein einziger Euro bewilligt.

Ob das Archivzentrum also jemals gebaut wird, wird angesichts der Staatsfinanzen von Tag zu Tag fraglicher, zumal es weitaus kostengünstigere Varianten gibt. Der Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee hat z.B. vorgeschlagen, die Akten dort zu belassen, wo sie solide lagern, in Berlin Lichterfelde. Da dort zunehmend digitalisiert wird, könnten die Akten künftig online in ein modernes Lesezentrum auf dem Stasiarchiv überspielt werden. Das wäre modern und hätte für die Nutzer den gleichen Effekt. Es wäre allerdings deutlich kostengünstiger, ressourcenschonender und wäre schneller zu realisieren. Die eingesparten Millionen könnten sinnvoller in die Digitalisierung von Akten und die Ertüchtigung der Stasiarchive in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg, Sachsen-Anhalt und Brandenburg gesteckt werden.

Bislang wird die Machbarkeitsstudie zum Archivzentrum unter dem Deckel gehalten. Offenbar fürchten manche den Schock, den die ersten Kostenschätzungen auslösen würde. Was manche vielleicht taktisch schlau finden, ist genau genommen ein Verstoß gegen das Bundesbaurecht. In Sanierungsgebieten soll eigentlich mit den Bürgern geplant werden. Deswegen sieht das Baugesetzbuches vor, dass die Öffentlichkeit möglichst „frühzeitig“ zu informieren sei. Das Konzept hat aber noch weitere Tücken, die es wenig populär erscheinen lassen. Wegen der aufwendigen Planungen müssten bei Realisierung viele Vorhaben auf Eis gelegt werden und abwarten. Das trifft v.a. die Vorderfront des Stasigeländes an der Frankfurter Allee. Eigentlich war schon im Berliner Landeshaushalt Geld eingestellt, sie zu sanieren, um danach Musikern und Kunstmalern zur Verfügung gestellt zu werden. Doch wegen der gigantomanischen Archivpläne wurden alle Sanierungsarbeiten angehalten. Dieser Zustand an der Vorderfront, immerhin die Visitenkarte des Geländes und des Bezirkes Lichtenberg, dürfte noch mindestens 10-20 Jahre andauern, wenn der Bund an seinem bisherigen Großarchivkonzept festhält. Die Studie schätzt Planung- und Bauzeit auf 16 Jahre, hat aber wichtige zeitverzögernde Risikofaktoren wie Kauf, Klage, Bodenverunreinigungen und Geldbeschaffung ausgespart. Die Blockade an der Frankfurter Alle dürfte also mindestens 20- 30 Jahre dauern, mit unklarem Ergebnis.

Fazit. Zu groß, zu teuer, zu Lasten der gefährdeten Akten in den ostdeutschen Ländern

Mit der megalomanischen Überbauung würde die öffentliche Hand ihre eigenen städtebaulichen Prinzipen für Sanierungsgebiete gleich mehrfach verletzten. Ein zu stark verdichtetes Gelände würde noch stärker verdichtet. Statt mit den Bürgern plant man an den Bürgern vorbei.

Ohnehin das geplante Archiv angesichts der technischen Entwicklung, der Aktendigitalisierung, antiquiert und mit derzeit geschätzten fast einer Milliarde Kosten viel zu teuer. Der Berliner Bau würde auf Kosten von Archivbauten in den Ländern gehen, wo die Stasi-Akten derzeit ohne Klimatisierung dem Zerfall entgegensehen.

Insbesondere das Großarchiv sprengt die Dimensionen in Nachbarschaft von denkmalgeschützten Gebäuden und traditioneller Berliner Mietshausarchitektur. Die schiere Größe droht das zu zerstören, was das wertvollste an dem Gelände ist: Den Eindruck von der überbordenden Überwachungsmaschine, die in der Mangelwirtschaft teilweise immer wieder große Ressourcen bei der Staatspartei locker machen konnte und zum relativ größten Überwachungsapparat des Ostblocks heranwuchs.

Mit den jetzigen Planungen läuft der Staat die Gefahr, ein überverstaatlichtes Gelände nicht wirklich zu öffnen, sondern durch erneute staatliche Nutzungen gegenüber der Gesellschaft abzuschotten. Für die leerstehenden Großgebäude müsste nach realistischen Nutzungsmöglichkeiten gesucht werden. Mit den Eigentümern, nicht gegen sie.

Statt überkandidelt zu planen, sollte der Staat erst einmal seine Hausaufgaben machen und die leerstehenden Gebäude in öffentlichem Eigentum Haus 22, 7 und die Häuser entlang der Frankfurter Allee vor dem weiteren Verfall schützen und sanieren und die beiden Bunker auf dem Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Über Alternativen zu dem überdimensionierten Großarchiv sollte ernsthaft nachgedacht werden.

Autor. Dr. Christian Booß, Historiker, Journalist, Vorstand Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee 15.Januar e.V. auf dem ehem. Stasigelande in  Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1Ein großer Teil liegt in Landes, Partei- und anderen Archiven des Bundes.