Disziplinierung, Bestrafung und politische Verfolgung. Der Repressionsapparat in der Nationalen Volksarmee (NVA)
Die Nationale Volksarmee (NVA) - Kern der Landesverteidigung der DDR
von Rüdiger Wenzke [1]
Am Nachmittag des 18. Januar 1956 wurde die Tagesordnung der 10. Sitzung der DDR-Volkskammer überraschend um einen neuen Punkt ergänzt. Es sei aus „technischen Gründen“ nicht möglich gewesen, so entschuldigte sich Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann, den Abgeordneten den Gesetzentwurf und die dazugehörigen Drucksachen rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Dennoch verabschiedeten die nach Einheitslisten gewählten Volksvertreter noch am selben Tag einstimmig das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee. Der Name „Nationale Volksarmee“ war einerseits in Abgrenzung von der angeblichen „Amerikanisierung“ der kurz zuvor gegründeten westdeutschen Streitkräfte und andererseits als Ausdruck einer vorgeblichen Volksverbundenheit gewählt worden. Die NVA sollte damit einen neuen Typ von Streitkräften in der deutschen Militärgeschichte verkörpern. Die Annahme des Gesetzes über die Schaffung der NVA war aber letztlich nichts anderes als die Umsetzung einer zuvor gefassten politischen Entscheidung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), gestützt auf sowjetische Vorgaben, eine reguläre Armee zur eigenen Machtsicherung nach innen und nach außen aufzustellen. Insofern entstand die NVA bereits an ihrem Gründungstag nicht als „Armee des Volkes“, sondern als Machtinstrument einer Partei. Nach der offiziellen Schaffung der NVA konnte der Aufbau der ostdeutschen Streitkräfte endlich offen durchgeführt werden. Das Ministerium für Nationale Verteidigung nahm am 1. März 1956 seine Tätigkeit auf. Dieser Tag wurde später als „Tag der Nationalen Volksarmee“ alljährlich feierlich begangen.[2]
Auf dem Weg zur NVA
Freilich kam die NVA - zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - nicht wie der sprichwörtliche Phoenix aus der Asche. Als Kind des Kalten Krieges reichten ihre Wurzeln vielmehr bis an das Ende der 1940er Jahre zurück. Damals hatte die SED-Führung mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht erste Schritte zur Aufstellung militärähnlicher Einheiten unternommen. So entstanden schon ab 1948 kasernierte „Polizei-Bereitschaften“, die personell rasch aufwuchsen. Die hohe Anzahl von Offizieren und Unterführern war bereits auf den Kaderbedarf einer größeren Armee ausgerichtet. Mit der Verkündung des planmäßigen „Aufbaus des Sozialismus“ in der DDR auf der II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 verband sich dann die Aufgabe, „Nationale Streitkräfte“ in der DDR zu formieren. Aus Geheimhaltungsgründen und mit Blick auf die militärpolitische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland durfte aber nur von einer „Kasernierten Volkspolizei“ (KVP) die Rede sein. Die KVP bildete von 1952 bis 1956 mit ihren mehr als 100.000 Mann die stärkste militärische Kraft in der Hand der ostdeutschen Machthaber. Sie wurde zum personellen und materiellen Grundstock für die NVA.[3]
Bündnisarmee im Warschauer Pakt – Auftrag, Struktur, Ausrüstung
Die NVA wurde von Anfang an als Bündnisarmee im Warschauer Pakt eingegliedert und entsprechend ausgerüstet. Sie war in Struktur, Ausbildung und Bewaffnung grundsätzlich auf die Ergänzung der sowjetischen Truppen in Mitteleuropa ausgerichtet. Der Auftrag der NVA, die sich im Selbstbild als „Armee für Frieden und Sozialismus“ charakterisierte, bestand darin, eingebunden in die Militärkoalition der Warschauer Vertragsorganisation und den Vorgaben der sowjetischen Führungsmacht folgend, die „sozialistischen Errungenschaften“ gegen alle bewaffneten Angriffe von außen zu verteidigen. Die NVA erhielt dazu einen Platz in der ersten strategischen Staffel der Vereinten Streitkräfte. Im Kriegsfall sollte der Feind in vorderster Front und an der Seite der Sowjetarmee abgewehrt und in einer Gegenoffensive auf seinem eigenen Territorium endgültig zerschlagen werden. Diese Aufgabe galt bis zur Einführung einer neuen Militärdoktrin des Warschauer Paktes Mitte der 1980er Jahre, die etwas defensivere Planungen beinhaltete. Zudem war die NVA für die Gewährleistung der Bewegungs- und Operationsfreiheit der verbündeten Armeen auf dem Gebiet der DDR verantwortlich. Besonderes Augenmerk galt dem Zusammenwirken mit den in der DDR stationierten sowjetischen Stäben und Truppen. In gemeinsamen Übungen und Manövern sowie in internationalen Krisensituationen stellte die NVA ihre wachsende Leistungskraft unter Beweis.
Die NVA war ihrem Auftrag entsprechend strukturiert, ausgerüstet und bewaffnet. Die Landstreitkräfte mit ihren rund 100.000 Mann Friedensstärke gliederten sich im Wesentlichen in zwei Panzerdivisionen (Standorte des jeweiligen Stabes: Eggesin und Dresden) mit jeweils etwa 9.000 Mann und vier Motorisierte Schützendivisionen (Schwerin, Potsdam, Halle und Erfurt) mit jeweils rund 11.000 Mann. Hinzu kamen zwei Raketenbrigaden (Demen und Tautenhain). Die Seestreitkräfte, die seit 1960 die Bezeichnung "Volksmarine" trugen, hatten bei einem Gesamtpersonalbestand von etwa 14.500 Mann drei Flottillen (Rostock-Warnemünde, Peenemünde und Dranske). Zur Teilstreitkraft „Luftstreitkräfte/Luftverteidigung“ (LSK/LV) mit ihren 35.000 Soldaten zählten unter anderem zwei Luftverteidigungsdivisionen (Neubrandenburg und Cottbus). Die aus der Deutschen Grenzpolizei (DGP) hervorgegangenen Grenztruppen gehörten von 1961 bis 1973 zur NVA. Danach galten die „Grenztruppen der DDR“ formal als selbstständige Formation, blieben aber dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt. Die DDR-Volksarmee verfügte in den 1980er Jahren über mehr als 2.500 Panzer, 6.000 gepanzerte Fahrzeuge, etwa 300 Kampfflugzeuge und fast 100 Schiffe. Im Kriegsfall sollte die NVA bis auf 500.000 Mann aufwachsen. Den Kern der zusätzlich aufzustellenden Kampfverbände bildeten fünf Mobilmachungs-Divisionen der Landstreitkräfte. Die NVA besaß Kernwaffeneinsatzmittel, hatte jedoch keinen eigenen Zugriff auf nukleare Gefechtsköpfe. Letztere wurden in Friedenszeiten in sowjetischen Kernwaffendepots auf dem Territorium der DDR gelagert und wären im Ernstfall an die ostdeutschen Streitkräfte übergeben worden.
Die Streitkräfte der DDR sollten aber nicht nur jeden Aggressor von außen abwehren. Sie hatten im SED-Staat auch eine nach innen gerichtete systemstabilisierende und -erhaltende Aufgabe. Zur NVA gehörten auch eigene Kulturensembles, Sportzentren und -klubs, Erholungs- und Ferienheime, eine eigene Handelsorganisation, riesige Forstflächen, ein großer Wohnungsbestand und ein Militärgefängnis. In den 1980er Jahren zeichnete die NVA eine hohe Kampf- und Einsatzbereitschaft aus. Sie hatte sich im Laufe der Jahre zu einer zunehmend selbstbewussten Armee im östlichen Bündnis entwickelt. [4]
Im Dienste der Partei – Tradition, Personal und innere Verhältnisse
Die NVA verstand sich nicht als Nachfolger früherer deutscher Armeen, wenngleich sich in Äußerlichkeiten durchaus Kontinuitäten zeigten. Das spiegelte sich insbesondere in der „nationalen“ Uniformierung wider, die Assoziationen zur früheren Wehrmachtuniform weckte. Ungeachtet dessen sah sich die NVA als Erbin und Wahrerin aller „progressiven und revolutionären“ militärischen Traditionen des deutschen Volkes. Ihre Traditionslinie reichte vom Bauernkrieg 1524/25 bis in die DDR-Zeit. Erst spät fanden auch Oberst i.G. Claus Graf Schenk von Stauffenberg und andere Männer des 20.Juli 1944 ihren Platz in den militärhistorischen Traditionen der NVA.
Als Grundlage für den Aufbau und die personelle Auffüllung des ostdeutschen Militärs diente anfangs das sogenannte Freiwilligenprinzip. Nachdem im August 1961 die bis dahin noch offene Grenze zwischen beiden deutschen Staaten und um West-Berlin geschlossen wurde, erfolgte im Januar 1962 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR.[5] Bis Ende 1989 betrug die Dauer des Grundwehrdienstes 18 Monate, danach 12 Monate. Über 2,5 Millionen Männer dienten während der Existenz der DDR in der Volksarmee. Eine Wehrpflicht für Frauen bestand nicht. Sie konnten allerdings freiwillig Dienst in der NVA leisten. Wehrdienstverweigerung in Form eines Zivildienstes wie in der Bundesrepublik gab es für die jungen Männer in der DDR bis zum Frühjahr 1990 nicht. Allerdings bestand seit 1964 die Möglichkeit, einen waffenlosen Wehrdienst in der NVA als sogenannte Bausoldaten abzuleisten.
Ziel der NVA-Führung war es, alle Wehrpflichtigen während ihres Wehrdienstes zu "sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten" zu erziehen. Dazu existierte ein System von Schikane, hartem Drill und politisch-ideologischer Indoktrination. Der Gewährleistung einer ständig hohen Gefechtsbereitschaft der Truppe wurde alles andere untergeordnet, was zu teilweise inhumanen und rigiden inneren Verhältnissen in der Armee, besonders für die Grundwehrdienstleistenden, führte.[6]
Die Nationale Volksarmee war über fast vier Jahrzehnte hinweg zweifellos das bedeutendste bewaffnete Organ der DDR. Sie bildete jahrzehntelang ein unerlässliches Instrument der Herrschaftssicherung derSED und zugleich den Kern der ostdeutschen Landesverteidigung. Die NVA wurde seit ihrer Gründung von der Partei geführt und handelte bis Ende 1989 nach deren Willen. Die militärische Hierarchie war mit der SED, ihren Kadern und Strukturen untrennbar verbunden. Hohe Militärs gehörten einerseits zu den entscheidenden Führungskreisen in Partei und Staat. Andererseits wirkte die SED mit eigenständigen Parteiorganisationen und dem sogenannten Politapparat auf alle Führungsebnen der Armee kontrollierend und politisch-ideologisch indoktrinierend ein. Die meisten Berufssoldaten, darunter nahezu alle NVA-Offiziere und mehr als die Hälfte der Fähnriche und Unteroffiziere, waren Mitglied der SED. Sie setzten die Linie der Partei bis in die kleinste Einheit der NVA durch. Darüber hinaus war auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Überwachungs- und Kontrollorgan in der DDR-Volksarmee und den Grenztruppen aktiv. Tausende hauptamtliche Mitarbeiter und mehr als 12.500 sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter verfolgten vor allem politisch abweichendes Verhalten von Armeeangehörigen. Sie ließen in der Truppe ein Klima des Misstrauens und der Angst entstehen.
In der Öffentlichkeit war die NVA in Form von Paraden und anderen Zeremoniellen präsent. Deutliche Spuren hinterließ das Militär auch im Zivilleben der DDR. Das zeigte sich unter anderem an der durchgängigen Behandlung von Militärthemen im Bildungsbereich, angefangen im Kindergarten bis zur Berufs- und Hochschulausbildung. Anerkennung in der Bevölkerung erwarb sich die NVA vor allem wegen ihrer Hilfseinsätze bei Katastrophen und Havarien. Dennoch blieb sie für die meisten Menschen in der DDR nur ein mehr oder weniger geduldetes Übel.
Das Ende der DDR und ihrer Armee
Als Teil der DDR-Gesellschaft geriet auch die NVA ab Mitte der 1980er in eine tiefe Krise. Als im Vorfeld des 40. Jahrestages der DDR Anfang Oktober 1989 zehntausende Menschen in vielen ostdeutschen Städten auf die Straße gingen, um gegen die SED-Politik und für Reformen und Demokratie zu demonstrieren, bereitete die Parteiführung in Ost-Berlin auch Einheiten der NVA darauf vor, gegen das Volk vorzugehen. Zu einem massiven gewaltsamen Einsatz von Soldaten gegen Demonstrationen kam es jedoch nicht. Im Zuge einer Militärreform lösten sich die jahrzehntelang von der SED dominierten ostdeutschen Streitkräfte schrittweise aus der Umklammerung der Partei. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Herstellung der deutschen Einheit verlor die NVA ihre Existenzberechtigung.[7] Im September 1990 verließ sie die Militärorganisation des Warschauer Paktes. Wenig später, am 3. Oktober 1990, 00.00 Uhr, war die NVA Geschichte.
Quellen
[1]Dr. Rüdiger Wenzke, Militärhistoriker, Leitender Wissenschaftlicher Direktor a.D., zuletzt Leiter des Forschungsbereiches „Militärgeschichte nach 1945“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam.
[2i]Rüdiger Wenzke, Ulbrichts Soldaten. Die Nationale Volksarmee 1956 bis 1971, Berlin 2013 (= Militärgeschichte der DDR, 22), S. 43-79
[3]Torsten Diedrich und Rüdiger Wenzke, Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierte Volkspolizei, Berlin 2001, 2.Aufl. 2003 (= Militärgeschichte der DDR, 1), S. 557-681
[4]Rüdiger Wenzke, Nationale Volksarmee. Die Geschichte, München 2014, S. 150–159
[5]Ausführlicher zur Wehrpflicht: Ders., Eine „ehrenvolle nationale Pflicht“. Zur Geschichte des Wehrdienstes in der DDR, in: LaG-Magazin Lernen aus der Geschichte. Die Wehrpflicht und ihre Verweigerung. Historische Bezüge zu einer aktuellen Debatte, Nr. 7/2025 vom 2.7.2025, S. 16-23, URL: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/15833 (letzter Zugriff: 10.12.2025)
[6]Wolfgang Schüler, In the Army now - Nasenbluten und Mordanschläge. In: Bei der Fahne. Dienen in der NVA, Berlin 2021, S. 27-37
[7]Jörg Echternkamp und Klaus Storkmann (Hrsg.), Vom Verschwinden der NVA 1989/90. Deutungskontroversen in Zeitzeugengesprächen, Berlin 2025 (= Militärgeschichte der DDR, 30), S. 351-355