August Modersohn

"In einem neuen Land"

 Eine deutsche Reportage, Propyläen Berlin 2025

Rezensiert von Joachim Goertz

 

Der 1994 in Westberlin geborene und seit 2022 in Leipzig ansässige Zeit-Journalist August Modersohn will erkunden, wie sich Deutschland seit 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, bis heute verändert hat und bereist dazu Orte wie Neustadt bei Coburg, Pforzheim, Görlitz, Berlin, Eging am See, Goslar, Gräfenvohr, Welzow-Süd, Duisburg, Halle, Hannover, Freiburg, Rötha, Dresden, Neuss, Prora und Sonneberg. Er trifft bundesweit bekannte Politiker im Ruhestand wie Siegmar Gabriel, Rita Süßmuth, Karamba Diaby, Marie-Luise Beck und Marianne Birthler, telefoniert mit Jan van Aken, unterhält sich mit Wissenschaftlern wie Anna Kaminsky, Patrice Poutrus, Raj Kollmorgen und Susanne Baer. Aber vor allem begegnet er Menschen vor Ort, die sich in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld politisch und gesellschaftlich engagieren und die die Auswirkungen der Veränderungen der letzten 35 Jahre mehr oder weniger hautnah spüren. Sein herausragendes Fazit: Auch die alte Bundesrepublik ist nicht mehr das, was sie war. Deutschland ist insgesamt ein anderes geworden Nun mag dieses Fazit banal erscheinen, zumal die Fragestellung und der Fragesteller ja eher auf subjektive Befindlichkeiten (freilich objektiver) Entwicklungen abhebt. Gleichwohl liefert der Autor höchst interessante Einblicke in das Stimmungsbild der Deutschen im Jahr 2025. In gewisser Weise bestätigt er nebenbei die These von Kowalczuks "Freiheitsschock", dass Ostdeutschland eine Entwicklung vorausnehme, die irgendwann auch den Westen Deutschland erreichen werde. Natürlich ist so eine Reportage keine soziologische Doktorarbeit und auch keine umfassende Analyse des deutschen (un)demokratischen Bewusstseins, berührt aber doch viele Streitfragen wie Alltagsrassismus von Halle bis Freiburg, Feminismus in Ost und West, Wirtschaftstransformation in Duisburg, der Lausitz oder in Görlitz, das Verhältnis zu den USA und Russland und nicht zuletzt zum alltäglichen Umgang mit der AfD und ihren Anhängern. Der Leser erfährt interessante Details, die vielleicht allgemein nicht so geläufig sind, z.B. dass Pforzheim ein DDR-Museum, viele Russlanddeutsche AfD-Wähler beherbergt und der rechte Ideologe Jürgen Elsässer von hier stammt; dass in Freiburg nicht nur reiche Grünenwähler sondern auch viele Sinti wohnen oder dass Halle neben einem zukünftigen europäischen Transformationszentrum sich auch mit Rassismus auseinanderzusetzen hat. Modersohn beschreibt auf einem "Mammutmarsch" den  Strukturwandel in Duisburg und wie die Betroffenen damit umgehen, wie den in der Lausitz, der ja nicht nur mit Arbeitsplatzverlust, sondern häufig auch mit Heimatverlust verbunden ist (siehe dazu auch zuletzt Andreas Apelt`s Roman "36 Seelen"). Wenn er die Ängste der Leute anspricht (vor einem Krieg mit Rußland oder allgemein vor der Zukunft) scheint er allerdings einen sehr eindimensionalen, oberflächlichen Blick zu haben: Als es um die neue Waffenfabrik in Görlitz geht, fällt Modersohn auf, "dass sich unter denjenigen, die etwas gegen die Fabrik haben, gar nicht unbedingt nur Fans von Putin finden, sondern auch eher Menschen, die Angst vor ihm haben."Es ist vielmehr wie zu Corona-Zeiten: Die Pandemieleugner meinten keine Angst zu haben, hatten aber Angst vor der Impfung. Auch Putin-Fans verleugnen ihre Ängste. Timo Chrupalla, der in Görlitz gegen Michael Kretschmer gewann, ist das beste Beispiel, der meint verschont zu bleiben und verschonen zu können.

Wie sagte es kürzlich ein Ukrainischer Soldat: "Wir kämpfen jetzt, damit unsere Kinder nicht kämpfen müssen." Das gilt auch mehr als 600 Kilometer westlich.

Joachim Goertz