Größenwahn oder Stillstand? Die Stasiarchive am Tag der Archive
Rund um die Stasiarchive geht es nicht voran.
Zwischenbilanz zum Tag der Archive (7.-8. März)
von Christian Booß
Stand März.2026
Seit kurzem prangt an dem U-Bahnhof Magdalenenstrasse in Berlin ein Zusatz unter dem Stationsschild: Campus für Demokratie. Als Zeichen des Fortschritts für das einst gehypte ehemalige Stasi-Gelände in Berlin gedacht war, entpuppt sich derzeit eher als ein Placebo. Denn auf dem historischen Areal, für das heere Pläne verkündet worden waren, geht es in Wirklichkeit nicht vorwärts. Das Land Berlin hat viel warme Worte, aber kein Geld. Der Bund kommt nicht voran und hat sich möglicherweise mit seinen Plänen zu einem Großarchiv und einem Zentrum für Opposition und Widerstand verhoben. Und die Planungen der Privateigentümer, die einen Großteil der Immobilien besitzen und seither überwiegend leer stehen lassen, bleiben undurchsichtig. Es ist nicht so, dass dort nichts wäre. Rund die Hälfte der Stasi-Akten lagern im Stasiarchiv, eine kleine Ausstellung erläutert ihre Systematik. Die weitere Ausstellung eines Vereines stellt die Stasi-Entwicklung und Methoden dar und beherbergt die Original-Arbeitszimmer des Stasi-Ministers, die "Mielke-Suite". Auf dem Hof stehen openair Tafeln zur friedlichen Revolution. Zudem haben einige mit dem Thema verbundene NGOs hier ihren Sitz. Doch angekündigt war vor Jahren mehr. Ein Erinnerungsort, mit einem Großarchiv, weitere Archiv- Ausstellungs- und Bildungsflächen, eben ein Campus für Demokratie und das am Ort der ehemaligen Täter. Diese Umwidmung war schon immer umstritten und von der Campusentwicklung ist bisher nichts zu sehen, im Gegenteil.
Abrisse auf dem Gelände, das als historischer Erinnerungsort mit seinen Gebäuden laut Berliner Senat von “immenser Bedeutung” sei, sind prolematisch. Der mehrere Fussballfelder große Komplex zieht jährlich tausenden von Besuchern aus dem In- und Ausland an. Für sie ist allein schon das Gelände mit seiner Bebauung selbst ein Anziehungspunkt. Die Anschauung ist Anknüpfungspunkt für Informationen und Diskussionen zur Praxis der kommunistischen Geheimpolizei und kommunistischen Herrschaftspraktiken allgemein, die es zu bewahren gilt. Doch schon einmal hat die Bundesanstalt für Immobilien Aufgaben (BImA) den Bezirk Lichtenberg arg genasweist, indem sie eine Abrissgenehmigung für ein Gebäude aus der Gründungszeit erschlich, für das es bis heute das behauptete Nachnutzungskonzept nicht gibt. Da das Gelände in einem förmlichen Sanierungsgebiet liegt, wo Eigentümer nicht nach Belieben Schalten und Walten dürfen, sondern ihre Konzepte mit der Stadt abstimmen müssen, ein unschöner Bodycheck.
Fraglich ist, ob alle Beteiligten aus diesem Fehltritt ausreichend gelernt haben. Der erste Entwurf der Machbarkeitsstudie der BiMA ging von Quadern mit einer Baumassen von insgesamt rund 40.000 m2 oberirdischer Geschossfläche aus.Die Bauklötze, die die BImA in ihren Plänen aufgemalt hatte, könnten den Charakter der denkmalgeschützten Gebäuden in deren Nachbarschaft stark verändern. So hatte schon vorhei ein bauhistorisches Gutachten gewarnt. Mielkes denkmalgeschützte Gebäude zur Oppositionsbekämpfung in unmittelbarer Nachbarschaft würden schmächtig gegenüber dem neuen Magazingebäude wirken. Auch die Anmutung der Frankfurter Allee würde durch Ignorieren der Berliner Traufhöhe -die angrenzenden Mietshäuser sind nur annähernd halb so hoch- verändert werden. Die Verwaltung versucht derartige Vorhalte regelmässig herunterzuspielen, indem sie darauf verweist, dass die Gestaltung eine Sache des künftigen Architekurwettbewerbs sei. Mag sein, dass es da interessante Modifikationen gibt, aber mehrere km laufende Akten benötigen nun mal genügend Stauraum. Und es ist diese Baumasse an sich, die bedrückt. Und diese bestimmt, zumindest im Grundsatz, auch die Kosten. Bei der Vorstellung der ersten Machbarkeitsskizze hinter verschlossenen Türen wurde dem Vernehmen nach eine Milliarde, wenn nicht mehr, genannt. Zu viel, war einhellig die Meinung, das Projekt sollte kleiner gerechnet werden. Teile der Aufgaben könnten in Lichterfelde bleiben, Arbeitsräume wegen Homearbeit geringer ausfallen, usw.. Seither wird wieder gerechnet und modelliert. Aber das alles wird als „vertraulich-nur für interne Verwendung“ vor der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen gehalten. Verständnisheischend heißt es aus dem BKM, dass wir " leider keine weiterführenden Details zur Verfügung stellen, um die laufenden Verfahren nicht zu beeinträchtigen." Schon früher war in Bund-Landrunden festgestellt worden, dass die Veröffentlichung aller Erkenntnisse das „Potential [habe], die öffentliche Kommunikation bei der Realisierung des Archivzentrums zu erschweren. Geheimnistuerei ist heikel, denn das Gelände ist Teil eines förmlichen FAN-Sanierungsgebietes. Das Bundesbaugesetz schreibt hier vor, die Öffentlichkeit "frühzeitig" zu beteiligen. Ansonsten liegt ein Formfehler vor, der Planungen zunichte machen kann.
Nachdem so viel Zeit vergangen ist, fragen sich inzwischen Insider, ob das Projekt überhaupt noch sinnvoll, nötig und finanzierbar ist. Denn es gibt andere Prioritäten rund um das legendäre Stasiarchiv, die wichtiger sind. Die Gauckbehörde hatte 13 Außenarchive an den Orten der ehemaligen Bezirksverwaltungen der Stasi. Dort liegt grob die Hälfte der Akten. Zwölf Standorte hat das Bundesarchiv geerbt, mit allen Defiziten. Nur zwei sind nämlich klimatisiert, davon gehört eines nicht dem Bund, das andere liegt im Hochwassergebiet. Es gibt Räume, wo die Akten im Sommer bei über 30 Grad lagern. Wenn nicht bald etwas passiert, droht der Zerfall, mahnt inzwischen auch der Präsident des Bundesarchivs, Prof. Michael Hollmann. Logischer Weise müsste es die fachlich gebotene Priorität sein, zuerst die Akten außerhalb Berlins zu sichern. Das dämmerte wohl auch der aktuellen Regierung, die sich in den Koalitionsvertrag als Absicht hineinschrieb, "wir werden die Digitalisierung und die Standortentwicklung des Bundesarchivs mit seinen Außenstellen des Stasi-Unterlagen-Archivs vorantreiben. Der Akzent liegt nunmehr offenbar auf den Standorten außerhalb von Berlin, auch wenn BKM beflissen betont, damit seien alle Standorte, auch in Berlin gemeint. Doch manche Skeptiker in Verwaltung und Beirat bezweifeln inzwischen, ob das Großarchiv noch zeitgemäß und neben den anderen Aufgaben finanziell machbar ist.
Denn selbst auf auf dem Berliner Gelände selbst warten noch naheliegende Aufgaben. Zwei denkmalgeschützte Gebäude sind seit Jahren nicht saniert. Der Bund geht hier mit schlechtem Vorbild voran. Das eine mit überschlägig 10.000 m2 Bürofläche steht seit über 30 Jahren leer. BKM begründet das damit, dass der Gesamtraumbedarf noch nicht abgestimmt sei. Das ist ein merkwürdiges Argument, da dieser in jedem Fall höher ist, als diese Gebäude es hergeben, die ohnehin saniert werden müssten. Das andere Gebäude wurde vor Jahren vom Bund teuer gekauft, ist aber wegen erheblicher Baumängel nur eingeschränkt bespielbar und steht teilweise leer. Dem Vernehmen nach ist die BImA aus einem anderen Grund zögerlich dort zu sanieren. Wenn man mit einer Bauplanertruppe auf das Gelände komme, dann nur einmal, hieß es schon mal aus der Bundesanstalt.
Die BImA favorisiert Abrisse von Altgebäuden, begründet diese u.a. mit den Archivtraglasten. Die Akten könnten deswegen in den Bestandsimmobilien nicht untergebracht werden. Dabei fällt unter den Tisch, dass nach den Zahlen der BImA selbst nur ca. 50% der Geschossfläche für die Akten, der Rest für Büros, Technik und sonstige Räume benötigt werden, die durchaus in den Altbüros der Stasi Platz finden könnten.
Mit all diesen Aufgaben rückt das Großarchiv ein weitere Ferne. Die Planungszeiten berechnete die BImA im Jahr 2021 wurden sie mit mindestens 8 Jahren. Davon sind nun fünf fast vorbei, ohne dass bisher überhaupt ein Etappenziel erreicht wäre. Die Frage drängt sich sodann auf, ob Mitte des 21. Jahrhunderts dann überhaupt noch ein solches Archiv benötigt wird. Das Bundesarchiv setzt nämlich -anders als weiland das Stasiarchiv- auf forcierte Digitalisierung. Schon jetzt können sich Nutzer, wenn datenschutzrechtlich dem nicht entgegensteht, 10 Akten digitalisieren und zumailen lassen. Für Facharchivare ist es daher eine Binsenweisheit, dass in der Zukunft der Lagerungsort der Akten und der Platz zur Einsichtnahme immer weiter auseinander driften. Benötigt wird für die Nutzer künftig nur ein Lesesaal für archivrechtlich sensible Akten und sonstige Sonderfälle. Wie es aussieht, wenn man den Faktor Zukunft unterschätzt, kann ist schon jetzt im Archiv Lichterfelde zu bewundern. Dort wurde nach der Vereinigung geplant, ein ein neues Magazin mit Bibliothek und Lesesaal zu errichten. Mit erheblicher Verzögerung wurde der- sicher schmucke Gebäudekomplex, der Altbauten integrierte- eröffnet. Doch wegen der Digitalisierung ist der Turnhallen-große Raum, der ursprünglich für Karteikästen geplant war, nunmehr überflüssig und wird nun notdürftig mit Ausstellungen bespielt. In den Lesesälen sind von den ca. 100 Bildschirmarbeitsplätzen sind ,wie sich jeder Besucher überzeugen kann, regelmäßig ca 2/3 ungenutzt wie eine Warnung für entsprechende Archivinvestitionen.