Ein Click im Internet und der Arbeitersänger Ernst Busch schmettert das „Lied der Partei“ mit dem markanten Refrain: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“. „Das ist doch wohl voll die Verarsche?“ schrieb ein User in die Kommentarspalte, wurde aber durch andere Nutzer schnell eines Besseren belehrt. Das „Lied der Partei“ war seit 1950 die offizielle Hymne der SED. Obwohl es seit den siebziger Jahren seltener intoniert wurde, behielt es seine Gültigkeit. Und auch ohne den Text und seinen Refrain direkt zu zitieren, war das Denkmuster ständig präsent. Wenn Staatsbürgerkundelehrer und Marxismus-Leninismus-Dozenten kein anderes Argument mehr hatten, führten sie die ewige Wahrheit ins Feld und sprachen von der Partei, die über jedem Zweifel stünde. Dieser Hinweis hatte oft genug einen drohenden Unterton. Zweifel an der Partei galten bei günstiger Beurteilung als geistige Unreife, im schlimmeren Fall als „ideologische Aufweichung“ oder gar als „schleichende Konterrevolution“. Das konnte erhebliche Konsequenzen haben, ging es doch um den innersten Wesenskern der marxistisch-leninistischen Ideologie, den Anspruch auf ein uneingeschränktes Wahrheitsmonopol. Dieses Unfehlbarkeitsdogma war der Nukleus der kommunistischen Macht, sozusagen der Schlussstein, auf dem das Gewölbe der totalen Herrschaft ruhte. Die politische Linie der Partei änderte sich oft und zuweilen sogar grundsätzlich. Das erste Gebot des kommunistischen Dekalogs aber war unabänderlich. Wer hieran rüttelte, stellte alles in Frage. Nirgendwo ist dieser Grundsatz klarer, in gewisser Weise sogar ehrlicher ausgedrückt als in Louis Fürnbergs „Lied der Partei“.
Uraufführug 1950
Am 24. Juli 1950 gestalteten die Kulturschaffenden der Deutschen Demokratischen Republik im großen Saal des Berliner Friedrichstadtpalastes ein festliches Konzert zu Ehren des III. Parteitages der SED. Die Delegierten und Gäste erlebten an diesem Abend eine denkwürdige Welturaufführung. Der Arbeitersänger Ernst Busch donnerte mit seiner metallisch harten Stimme das bereits vorher im „Neuen Deutschland“ veröffentlichte „Lied der Partei“ von Louis Fürnberg in das weite Rund des ehemaligen Zirkus’:
„Sie hat uns alles gegeben,
Sonne und Wind, und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben,
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen.
Fror auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen,
uns trägt ihr mächtiger Arm.
Die Partei, die Partei, die hat immer Recht,
Und, Genossen, es bleibe dabei.
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer Recht
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer Recht.
So, aus Leninschem Geist
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei, die Partei, die Partei.
Sie hat uns niemals geschmeichelt.
Sank uns im Kampfe auch mal der Mut.
Hat sie uns leis‘ nur gestreichelt:
Zagt nicht – und gleich war uns gut.
Zählt denn auch Schmerz und Beschwerde,
Wenn uns das Gute gelingt?
Wenn man den Ärmsten der Erde
Freiheit und Frieden erzwingt!
Refr.: Die Partei, die Partei, die hat immer recht …
Sie hat uns alles gegeben:
Ziegel zum Bau und den großen Plan.
Sie sprach: Meistert das Leben!
Vorwärts, Genossen, packt an!
Hetzen Hyänen zum Kriege -
Bricht euer Bau ihre Macht.
Zimmert das Haus und die Wiege.
Bauleute, seid auf der Wacht!
Refr.: Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“ [3]
Die Partei als einzige Retterin
Das „Neue Deutschland“ verwies darauf, dass das Lied dem IX. Parteitag der tschechoslowakischen Bruderpartei gewidmet sei. Weiter hieß es anerkennend: „... den frischen Marschrhythmen des von Fürnberg geschaffenen (von Paul Dessau bearbeiteten) Parteiliedes ist zu prophezeien, dass sie auch unter den deutschen Werktätigen bald populär sein werden.“[4]
In einem Punkt sollte sich die Prognose des „Neuen Deutschlands“ erfüllen: Das „Lied von der Partei“ wurde unter den ostdeutschen Werktätigen ungemein populär. Während manche Tonschöpfung jener Jahre der Vergessenheit anheim gefallen ist, erfreute sich das „Lied von der Partei“ über Jahrzehnte einer ungebrochenen Popularität. Wohl keine andere Formulierung traf den Kern - und wenn man so will auch die Tragik - des kommunistischen Erlösungsglaubens besser als der Refrain: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“. Die Verszeile wurde oft zitiert, paraphrasiert und parodiert. Sie löste sich sogar vom Ursprungstext und geistert als geflügeltes Wort durch die politischen Debatten, Buchtitel und Zeitungsüberschriften.
Dabei ist es ein Irrtum, in dem Lied nur kommunistische Hybris sehen zu wollen. Das Lied und sein Autor haben eine Geschichte, die als paradigmatisch gelten kann. Anderthalb Jahre nach dem kommunistischen Putsch vom Februar 1948 zogen sich dunkle Wolken über Prag zusammen. Die stalinistischen Schauprozesse mit ihrer deutlich antisemtischen Tendenz warfen ihre Schatten voraus. Für die Kommunisten jüdischer Herkunft brachen bittere Zeiten an. Kaum dem mörderischen Judenhass der Nazis entronnen und in die Heimat zurückgekehrt, um dort das sozialistische Paradies zu errichten, sahen sie sich erneut mit Verdächtigungen und Zurücksetzungen konfrontiert. Hinzu kam, dass sie sich in der Regel sprachlich der deutschen Kultur zugehörig fühlten und zudem als Intellektuelle meist bürgerlicher Herkunft waren. Sie waren in der im patriotisch-kommunistischen Machtrausch befindlichen Tschechoslowakei also gleich vierfach verdächtig: als Deutschsprachige, als Angehörige der Bourgeoisie, als Intellektuelle und als Juden. Dabei hatte die kommunistische Idee nirgendwo treuere Anhänger als gerade in jenen Kreisen. Die kommunistische Partei war ihnen zur geistigen Heimstatt geworden. Eine Heimat, die ihnen weder das Judentum noch Israel oder der Zionismus und schon gar nicht das mit Blut und Schande bedeckte Deutschland oder die in jenen Jahren sich betont national gebende Tschechoslowakei bieten konnten.
Dieses Schicksal teilte der aus Mähren stammende und in Karlsbad aufgewachsene Dichter Louis Fürnberg. Er war Mitglied der deutschen Sektion der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und betätigte sich in der Agitpropgruppe „Linkskurve“. 1939 fiel er den Nazis in die Hände. Nach einem Leidensweg durch die Gefängnisse des Hitlerreiches gelang es seiner Frau, ihn zu befreien und die Übersiedlung nach Palästina zu bewerkstelligen. Doch war Zion für ihn keineswegs das gelobte Land, sondern nur eine Station auf dem Weg zurück in die böhmische Heimat. 1946 zurückgekehrt musste er jedoch feststellen, dass er nicht wirklich willkommen war. Wie eine langsam enger werdende Schlinge legten sich Angst und Verbitterung um seinen Hals. Und für viele andere Heimkehrer aus der Emigration sollte die Schlinge keine Metapher bleiben, sondern zur grausigen Realität werden.
In seinen Privatbriefen stets übervorsichtig – zu Recht musste er unliebsame Mitleser fürchten – deutete er gegenüber einem Freund die Situation an: „… der letzte Monat war schlimm für mich“, schrieb er aus Karlsbad am 8. August 1950, „meine Nerven quälten mich sehr, und ich bin froh, ein Weilchen hier zu sein … Ich gehe in den Wald und kümmere mich um nichts.“[5] Seiner Frau schrieb er ähnlich kryptisch: „… mach Dir keine Sorgen um mich, ich bin in guten Händen und körperlich auf der Höhe. … Ich kann mich nun mal nicht von meinen fixen Ideen befreien, sie sitzen sehr tief in mir und dulden nicht, dass ich auch einmal sorglos lebe wie andere Menschen. Es mag eine Hysterie, eine schwere Neurose sein …“[6]
In dieser Situation schrieb der im doppelten Sinne von seinem Gott verlassene Jude eine verzweifelte confessio fidei. Zum zürnenden Gottvater Jehova gab es ohnehin keinen Weg zurück. Dazwischen standen zwei Jahrhunderte europäischer Aufklärung. Nun aber drohte auch noch die große Mutter Partei, den Menschensohn zu verstoßen. Zwischen ihr und ihrem Kind standen quälende Zweifel. Das „Lied der Partei“ war der Angstschrei einer von Gott verlassenen Kreatur. Es war die verzweifelte Frage von Jesus am Kreuz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Vor allem aber die Sehnsucht nach Glaubensgewissheit jenseits aller Zweifel, unberührt von der Rationalität und unabhängig vom gesunden Menschenverstand: Was Gott tut, ist wohlgetan und unterliegt keiner Klügelei.
Fürnberg widmete das Lied dem IX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, der vom 25. bis 29. Mai 1949 in Prag tagte - obwohl oder gerade weil er auf diesem Parteitag nicht erwünscht war. Die offiziöse Festschrift zum Parteitag erwähnte diese unerbetene Huldigung übrigens mit keinem Wort.[7] Doch rund ein Jahr später erfolgte die festliche Inauguration auf dem Parteitag der SED in Berlin.
Rewriting
Bereits am 20. Juli 1950 veröffentlichte das Zentralorgan den Text und die Noten des „Liedes von der Partei“ und verband dies mit dem Hinweis, dass beides von Louis Fürnberg stammen würde und bereits im Verlag „Lied der Zeit“ veröffentlicht sei. Einige Tage später folgte der Bericht über die festliche Uraufführung im Friedrichstadtpalast, in dem als Miturheber des Liedes der Komponist Paul Dessau erwähnt wurde.
Damit begann eine lange und qualvolle Rezeptionsgeschichte. Fürnberg selbst erwähnte das „Lied von der Partei“ gelegentlich in privaten Briefen, teils mit leicht ironischem Unterton, öfter aber im bierernsten Sinne. Seltsamerweise – oder vielleicht auch konsequenterweise – zitierte er sich immer dann, wenn sich ideologische Schwankungen der Parteilinie vollzogen und „Fehler der Vergangenheit“ aufgedeckt wurden.
Kaum wurde Stalin, dem er noch wenige Monate zuvor gehuldigt hatte, durch den XX. Parteitag der KPdSU vom Podest gestoßen, erklärte er unaufgefordert seine Bereitschaft, die nun peinliche Textzeile „So, aus Leninschem Geist wächst, von Stalin geschweißt, die Partei, die Partei, die Partei!“ der neuen Linie anzupassen. An ein Mitglied des Bundesvorstandes des FDGB schrieb er am 25. Februar 1956 – also am Tag nach der nächtlichen Geheimrede Chruschtschows: „Was mein ‚Lied von der Partei’ betrifft, so fürchte ich, dass jetzt eine Änderung im Text nötig sein wird, ich habe noch mit niemandem darüber gesprochen und wäre Dir dankbar, wenn Du mir einmal Deine Meinung schreiben könntest. Es handelt sich um den Schluss des Refrains. Die oft geäußerte Ansicht, dass es nicht richtig wäre zu sagen, dass die Partei immer recht hat, halte ich für grundfalsch. Natürlich hat die Partei immer recht.“[8]
Nicht einmal mehr den Namen Stalins mochte Fürnberg in den Mund nehmen bzw. dem Papier anvertrauen. Zu dieser Vorsicht lag übrigens kein Grund vor – formal verschwand der Name Stalins erst im November 1961 aus dem öffentlichen Leben der DDR. Eine fast störrische, an Selbstverleugnung grenzende Treue zur Partei verband sich bei dem Dichter mit einem bedenkenlosen Opportunismus. Er brauchte keine vierundzwanzig Stunden, um seine Bereitschaft zu erklären, den bis dahin abgöttisch verehrten Stalin aus seinen lyrischen Ergüssen zu entfernen.
Während des kurzen Tauwetters im Sommer 1956 „beichtete“ ihm die Schriftstellerin Gertrud Meyer-Heppner in einem privaten Brief: „Ich habe nicht gewusst, dass das Lied ‚Die Partei hat immer recht’ von Ihnen ist. Als ich vor einiger Zeit in der Versammlung der Schriftsteller-Betriebsparteiorganisation erklärte, ich hätte mich als alte Genossin (Parteieintritt 1912) stets geweigert, dieses Lied zu singen, weil ich gar zu viel Fehler in der Partei erlebt hätte, wurde mir vorgeworfen, dass ich Sie als den Verfasser angriffe. Erst durch diesen Angriff wurde meiner literarischen Unbildung abgeholfen. Ich war sehr verdutzt, denn irgendwie passt der Tenor zumindest der Anfangszeilen dieses Liedes nicht zu meiner Vorstellung von Ihrem Werk und Ihrer Persönlichkeit. … Aber ich will nicht verschweigen, dass ich mich wegen der Anfangszeilen auch dann gegen das Absingen des Liedes gewandt hätte, wenn mir bekannt gewesen wäre, dass Sie der Verfasser sind.“[9] Fürnberg antwortete auf dieses offenherzige Geständnis am 30. Juli 1956 freundlich, aber bestimmt: „Es tut mir leid, dass Ihnen mein Lied nicht gefällt, aber es ändert nichts an meiner Überzeugung, dass die Partei immer recht hat, auch wenn gewisse Ereignisse der letzten Zeit Fehler und Irrtümer einzelner mit der Partei verbundener Persönlichkeiten offenbarten. Ohne Zweifel können taktische Irrtümer entstehen. In meinem Lied wird aber deutlich ausgesprochen, dass es um das Grundsätzliche geht, um dass, was man als die Generallinie bezeichnen könnte. Und an dieser Generallinie hat sich nichts geändert und wird sich auch nichts ändern“.[10] Es bleibt festzuhalten, dass der bis heute als humanistischer Schriftsteller hochgerühmte Fürnberg, dessen Büste immer noch den Stadtpark von Weimar ziert, den millionenfachen Mord Stalins und seiner Henkersknechte als „taktischen Irrtum“ einstufte.
Am 23. Juni 1957 starb Louis Fürnberg in Weimar. Fortan kümmerte sich seine Witwe Lotte um die entsprechenden Änderungen in den Liedtexten. Der Zufall hat das Exemplar mit ihren handschriftlichen Korrekturen die Zeiten überdauern lassen. "Laut Brief vom 24.9.60 von Lotte Fürnberg zu streichen", wurde in dem Verlagsexemplar am 14. Oktober 1960 von einem Lektor „Länder" handschriftlich festgehalten. Außerdem wird in der Handschrift, die die Korrekturen angebracht hat, dekretiert: „Alle eingetragenen Korrekturen gelten auch für eine Neuauflage.“[11] In der Werkausgabe von 1964 lautet die anstößige Textzeile nun tautologisch „So, aus Leninschem Geist wächst, von Lenin geschweißt, die Partei, die Partei, die Partei!“.[12] In dieser Variante taucht der Text auch in dem populären „Lesebuch für unsere Zeit“ von 1974 auf.[13]
Soundtrack des Jahrhunderts
Auch die drei Gedichte „Stalins Geburt“, „Der junge Stalin“ und „Der größte Schüler“ aus „Wanderer in den Morgen“ von 1951 wurden auf Weisung der Witwe in spätere Werkausgaben nicht übernommen.[14] Das „Lied von Stalin" war durch kleinere Korrekturen für die Gesammelten Werke zu retten. Es hieß fortan „Ein Lied vom Menschen". Statt „Dieses Lied weihe ich Stalin ..." darf man in der letzten Strophe nun lesen:
„Dieses Lied weihe ich der Sowjetunion,
deren Ruhm dein Schritt ist,
deren Größe deine Arbeit,
deren Unsterblichkeit du,
der Kommende, der Erfüllte, der Überwinder, der Sieger!"[15]
Wie man sieht, sind die aus dem inhaltlichen Eingriff resultierenden Änderungen semantisch nicht bruchlos bewältigt. Stalins Name verschwindet zwar, aber sein „Schritt“, seine „Arbeit“ usw. bleiben im Text. Er bleibt „der Kommende, der Erfüllte, der Überwinder, der Sieger“, nicht die Sowjetunion. War das Nachlässigkeit oder heimliche Absicht?
Auch in den Text anderer Gedichte wurde eingegriffen. Aus dem Gedicht „Meine Partei“ wurde die Zeile „die Partei Lenins und Stalins“ einfach entfernt, was in diesem Falle auch metrisch eine Verbesserung darstellt. Auf keine dieser werkgeschichtlich ja nicht uninteressanten Varianten wurde in späteren Textausgaben verwiesen. Die Entstalinisierung der Fürnbergschen Lyrik erfolgte ganz in der Tradition stalinistischer Methoden als rewriting im Sinne von George Orwell.
Dennoch nahm das „Lied von der Partei“ keineswegs jene exponierte Stellung in den Gesangsbüchern der Jungen Pioniere und der FDJ ein, die man angesichts des Nachruhms vermuten könnte. Oft fehlt es sogar gänzlich. Doch immer wieder wurde es aus der Mottenkiste gezogen und fast trotzig der hämisch grinsenden Mitwelt präsentiert. Im Bericht der „Berliner Zeitung“ über die Eröffnung des V. Parteitages der SED im Juli 1958 wird ohne ausdrückliche Nennung des Liedes und des Dichters auf das allbekannte Diktum Bezug genommen: „Millionen haben sich davon überzeugt, dass die Politik der Partei richtig und stets im Interesse des Volkes war und ist. Sie haben erkannt, dass die Partei immer recht hat. Ja, die Partei hat immer recht, weil sie eng mit dem Volk verbunden und selbst ein Teil des Volkes ist. Sie hat immer recht, weil sie die Weisheit des Volkes und die Wissenschaft des Marxismus-Leninismus in sich vereint. Die Wissenschaft des Marxismus-Leninismus ist der Kompass, mit dessen Hilfe die Partei der Arbeiterklasse das Volk immer auf den richtigen Weg führt. Sie gibt der SED nicht nur die Möglichkeit, die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, sondern sie erlaubt ihr, die Welt in ihrem Sinne, im Sinne des Fortschritts, zu verändern.“[16]
Unbeirrt bekannte sich Walter Ulbricht im März 1966 in einer Rede zum zwanzigsten Jahrestag der Gründung der SED zu dem Fürnberg’schen Spruch: „Die Entwicklung zeigt, welch gewaltige Kräfte die Volksmassen, ob Arbeiter oder Bauern, Intelligenz oder Gewerbetreibende, zu entfalten vermögen, wenn die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse sich von der wissenschaftlichen Lehre des Marxismus- Leninismus leiten lässt und ihre Einheit wie ihren Augapfel schützt und stets bemüht ist, das Bündnis mit allen werktätigen Schichten zu festigen. … Und wenn es Meckerer gibt, denen das ‚Lied von der Partei‘ von Louis Fürnberg nicht ganz gefällt, weil es darin heißt: ‚Die Partei, die Partei hat immer recht’, so antworten wir ihnen: Jawohl, die Partei hat immer recht.“[17]
Dann verschwanden das Lied und sein sprichwörtlich gewordener Refrain allmählich aus dem öffentlichen Gebrauch im SED-Staat. Doch umso lieber wurde die Verszeile ironisch oder in provozierender Absicht zitiert, um sich an der Verlegenheit von SED-Funktionären und Agitatoren zu freuen, die sich weder deutlich zu der Aussage, dass die Partei immer recht habe, bekennen noch ihr ausdrücklich widersprechen wollten. Natürlich wurden die ewigen Lästerer nicht müde, das Glaubensbekenntnis durch den Kakao zu ziehen. In der Flüsterwitzserie „Wie ich meine erste … zweite …. dritte … und so weiter Parteistrafe bekam“ erzählte die ständig in ideologische Fettnäpfchen tretende Kunstfigur: „Ich bin auch der Überzeugung, dass die Partei immer recht hat. Ich frage mich aber: welche?“ Daraufhin bekam der fiktive Pechvogel seinen obligaten Rüffel durch die Partei.
Teilweise erfolgte die Berufung auf den Satz, ob bierernst oder ironisch, längst ohne Kenntnis der ursprünglichen Quelle des Zitats. Von den historischen Umständen seiner Entstehung wollte niemand mehr etwas wissen, waren doch die antisemitischen Hetzkampagnen der frühen fünfziger Jahre tief im Nebel des allgemeinen Vergessens versunken. Der totalitäre Anspruch aber einzelner Parteien und Ideologien auf ein Wahrheitsmonopol tritt in den unterschiedlichsten Varianten immer wieder auf – und er wird immer wieder scheitern.
[1] Erweiterte und überarbeitete Fassung eines Kapitels aus Stefan Wolle, Der große Plan. Alltag und Herrschaft in der DDR 1949-1961, Berlin 2013.
[2] Stefan Wolle ist promovierter Historiker mit den Forschungsschwerpunkten DDR-Geschichte und SED-Diktatur. Von 2005 bis 2024 war er wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin.
[3] Erstdruck in: Neues Deutschland, 20. Juli 1950. In späteren Veröffentlichungen gab es geringfügige Abweichungen in Rechtschreibung und Interpunktion.
[4] Neues Deutschland, 24. Juli 1950.
[5] Louis Fürnberg, Briefe 1932-1957, Berlin/Weimar 1986, Bd. 1, S. 519.
[6] Ebd., S. 534.
[7] Die Tschechoslowakei auf dem Wege zum Sozialismus. Verfasst vom Redaktionskollegium des „Rudé Právo“ als ihre Gabe zum IX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, hrsg. vom Ministerium für Information und Volksbildung, Prag 1949.
[8] Fürnberg, Briefe, Bd. 2, S. 232.
[9] Ebd., S. 560.
[10] Ebd., S. 310.
[11] Zitiert nach: Peter Dittmar, Die Partei, die Partei, die hat immer recht, in: Die Welt, 7 Januar 1997.
[12] Louis Fürnberg, Gedichte 1946-1957, (Gesammelte Werke, Bd. 29), hrsg. v. Lotte Fürnberg u. Gerhard Wolf, Berlin/Weimar 1964, S. 218-220.
[13] Hans Böhm (Hrsg.), Fürnberg. Ein Lesebuch für unsere Zeit, Berlin/Weimar 1974, S. 165 ff.
[14] Fürnberg, Wanderer, S. 13-15.
[15] Böhm, Fürnberg, S. 160.
[16] Berliner Zeitung, 10. Juli 1958.
[17] Neues Deutschland, 29. März 1966.