Zeit der Narren. Die Kulturschaffenden der DDR und der sozialistische Staat

von Stefan Wolle [1][2]

Im Jahr 1975 erschien im Ost-Berliner Buchverlag „Der Morgen“ der historische Roman „Der König und sein Narr“ von Martin Stade.[3] Der traurige Held dieser Geschichte ist der Universalgelehrte Jakob Paul Gundling (1673 bis 1731), der tatsächlich in jener Zeit als Leiter des preußischen Heroldsamtes und Professor der Ritterakademie tätig war.

Der Roman beginnt damit, dass der Gelehrte unter dem – den Künsten und Wissenschaften geneigten – König Friedrich I. eine geachtete Stellung einnimmt. Doch als dessen sparsamer Sohn, Friedrich Wilhelm I., den Thron besteigt, wird Gundling über Nacht brotlos und ist gezwungen, bei Hofe die untergeordnete Anstellung eines Vorlesers anzunehmen. Der Soldatenkönig erniedrigt den Geschichts- und Rechtsprofessor auf jede erdenkliche Weise. Während der Gelage des berüchtigten Tabakskollegiums zwingt ihn der König, sich bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken, oder er sperrt ihn in einen Bärenzwinger und weidet sich an dessen Todesangst. Andererseits braucht der König Gundling als seinen besten und einzig ehrlichen Berater, als Vorzeigegelehrten gegenüber fremden Botschaftern und Herrschern und eben auch zur Unterhaltung seiner Zechgenossen. Er holt ihn sogar nach einer gelungenen Flucht mit Gewalt nach Berlin zurück, erhöht seine Besoldung und überhäuft ihn mit Titeln und Ämtern. So wird Gundling Präsident der Akademie der Wissenschaften und tritt gleichzeitig offiziell das Amt des Hofnarren an.

Offenbar haben weder die Zensoren noch die Literaturkritiker die Analogie zur Situation der Intellektuellen im kommunistischen System verstanden oder haben sie nicht verstehen wollen, um nicht den letzten Rest ihrer Selbstachtung zu verlieren. Denn sie selbst waren ja in einer dem Hofnarren nicht unähnlichen Stellung. In einem 1985 veröffentlichten Zeitungsartikel hieß es treuherzig: „Stade behandelt sein Thema nicht in Anspielungen und oberflächlichen Parallelisierungen zur Gegenwart ab, sondern nimmt das historisch Besondere seines Gegenstandes – ein bürgerlicher Gelehrter und brauchbarer Diener und Prügelknabe preußischer feudalabsolutistischer Macht im 18. Jahrhundert – wirklich ernst.“[4]

Ob die Leser das Buch als Parabel verstanden haben, ist nicht überliefert. Jedenfalls wurde es viel gelesen und erlebte bis zum Ende der DDR insgesamt acht Auflagen. Auch ist in dem 1981 im Westen von Frank Beyer gedrehten Fernsehfilm die politische Aussage völlig eindeutig. Dies wenigstens wurde von den Kulturwächtern offenbar verstanden. Jedenfalls wurde der Film in der DDR weder gezeigt noch in den Medien zur Kenntnis genommen.

Ingenieure der Seele

Die kommunistischen Diktaturen brauchten die Intellektuellen mehr noch als die Potentaten der Barockzeit. An die Stelle des Gottesgnadentums war als Legitimation die „geschichtliche Notwendigkeit“ im Sinne des Historischen Materialismus getreten. Die Lehre vom gleichsam naturgesetzlichen Werdegang zum weltweiten Sieg des Kommunismus bedurfte der wissenschaftlichen Durchdringung. Das widersprach zwar dem strengen Determinismus der marxistisch-leninistischen Theorie, doch gerade das Bewusstsein, einer wissenschaftlich ausgearbeiteten Lehre zu folgen, gab den Anhängern der kommunistischen Idee die innere Kraft, sich über alle Widersprüche und Zweifel hinwegzusetzen.

Das klingt abstrakt, hatte aber unmittelbare und schwerwiegende Auswirkungen auf die Rolle von Wissenschaft, Literatur und Kunst im Sozialismus. Das geschriebene Wort und auch das bildnerische, musikalische oder filmische Kunstwerk wurden von der Staatsmacht ungeheuer ernst genommen. „Im Anfang war das Wort“, heißt es im Evangelium des Johannes. So wie die Macht der Kirche auf Alpha und Omega – den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets – gestellt war, basierte auch die kommunistische Macht auf dem Buchstaben, das heißt auf kanonischen Texten. Insofern gehörte der Kommunismus zu den großen Schriftreligionen der Geschichte.

Der Gelehrte nahm in Zeiten der Inquisition wie in der kommunistischen Diktatur eine hochgeachtete Stellung ein. Im Mittelalter war es vom theologischen Collegium zum Scheiterhaufen immer nur ein kleiner Schritt. Gleichzeitig kamen neue Ideen und Kritik durchgängig aus den Reihen des gelehrten Klerus. Theologen waren zudem die Einzigen, die der Macht wirklich gefährlich werden konnten. Auch die Ideologen der kommunistischen Zeit waren der Obrigkeit stets verdächtig, so sehr sie sich bei den Machthabern anbiederten. Stalin hat viele Künstler und Wissenschaftler in seinen Lagern verhungern und erfrieren oder sie gleich erschießen lassen. Gleichzeitig hielt er selbst über Außenseiter oft seine schützende Hand. Er prägte 1932 den Topos, Schriftsteller seien „Ingenieure der Seele“. Auch als die Worte des „größten Humanisten aller Zeiten“ im Sowjetblock nicht mehr zitiert wurden, blieb der Anspruch erhalten. Die Vorstellung, Schriftsteller würden wie Ingenieure am Zeichenbrett den „Neuen Menschen“ konstruieren, hatte etwas Großartiges. Gleichzeitig aber fügte die Idee vom Seeleningenieur die Schöpfer von Kunstwerken in ein System von Befehl und Gehorsam ein. Sie waren Soldaten an der ideologischen Front des Klassenkampfes. Wer sich hier bewährte, konnte mit hohen Ehren und materiellen Gratifikationen rechnen, wer versagte, wurde zum Verräter.

Der Tag des Freien Buches

Der kulturpolitische Einfluss der Sowjetunion auf die Satellitenstaaten war sehr groß, wenn auch in jedem der Staaten spezifische Umstände eine Rolle spielten. Das gilt auch für die Sowjetische Besatzungszone in Deutschland und seit 1949 für die DDR.

Die SED erklärte ihre Herrschaft als den Höhepunkt aller Kämpfe der fortschrittlichen Klassen und Schichten in der deutschen Geschichte. Immer hatte es Deutschland sozusagen zwei Mal gegeben. Die Teilung in die friedliebende sozialistische DDR und die agressive imperialistische BRD waren in diesem Geschichtsbild sozusagen vorgeprägt.

Entscheidend in dieser historischen Ersatzlegitimation war der antifaschistische Gründungsmythos der DDR. Der Staat sei, so die Grundthese, das Resultat des Kampfes der Arbeiterklasse und ihrer führenden Partei gegen die faschistische Diktatur. Am Anfang hätte eine antifaschistisch-demokratische Ordnung gestanden, die mit der brüderlichen Hilfe des Sowjetvolkes schließlich den Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft einschlug.

Dieses Geschichtsbild und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Kunst und Wissenschaft gehen bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück. Die Kulturminister der Länder der Sowjetischen Besatzungszone beschlossen am 24. April 1947, den 10. Mai künftig als Tag des freien Buches zu begehen.[5] Am frühen Nachmittag des 10. Mai 1947 fanden sich bei strahlendem Frühlingswetter im Vorhof der Berliner Universität Unter den Linden viele Menschen ein. Sie wollten gemeinsam an die Bücherverbrennung erinnern, die genau vierzehn Jahre zuvor auf dem Opernplatz gegenüber der Universität stattgefunden hatte.

In Berlin tat sich ein breites Bündnis antifaschistischer Organisationen und Parteien zusammen, um den Gedenktag würdig zu begehen. Dieser Geist gemeinschaftlichen Strebens wurde später von vielen Teilnehmern gewürdigt, zumal es das letzte Mal sein sollte, dass sich im Zeichen der geistigen Erneuerung politische Richtungen unterschiedlicher Art gleichberechtigt zusammenfanden.

Nach dem Krieg gab es in Berlin eine große Heimkehr von Dichtern, Ideen, Büchern und Theaterstücken. Vieles von dem, was die Nazis verboten, verfemt und vernichtet hatten, kehrte in die zerstörte Stadt zurück. Doch die toten wie die lebenden Dichter und ihre Werke kamen in eine Welt, die ihnen fremd geworden war. Die erhabenen Ideale und ihre Protagonisten standen wie unwillkommene Gäste in der geistigen wie realen Trümmerlandschaft. Die Vertreter des humanistischen Geistes waren im Tross der Sieger ins Land der Besiegten gekommen, aber sie gehörten zu den Siegern so wenig wie zu den Verlierern des Krieges.

Sie wollten die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft schlagen. Noch waren sie eins mit dem Willen der Besatzungsmächte, doch zeigten sich bald schon die Bruchlinien zwischen jenen, die eine sozialistische Zukunft an der Seite der Sowjetunion erstrebten und den anderen, denen Freiheit und Demokratie wichtig waren, und die sie bei aller Distanz durch die westlichen Mächte garantiert sahen.

Zum Tag des freien Buches auf dem Rasen vor der Universität waren sie noch einmal alle vereint, die Lebenden und die Toten, die Anwesenden und die Abwesenden, die von den Nazis Verbotenen, Verfolgten und Verjagten. Sie wollten nun im Geiste des Antifaschismus neu beginnen und fühlten sich dabei eins mit den Siegermächten und den fortschrittlichen Geistern aus aller Welt. Das verbindende Glied zwischen den deutschen Dichtern und den Besatzungsmächten war der Geist der deutschen Aufklärung und Klassik. Neben Goethe und Schiller stand dabei ganz besonders Gotthold Ephraim Lessing im Mittelpunkt. Der Dichter und mehr noch die Titelfigur seines dramatischen Gedichts „Nathan der Weise“ waren wie Heimkehrer aus der Verbannung. Die Besinnung auf Lessings Werk sollte den Weg in die Zukunft öffnen.

Das Beispiel Anna Seghers

Pressefotos vom 10. Mai 1947 zeigen eine zierliche, zwar schon fast weißhaarige, aber mit ihren siebenundvierzig Jahren immer noch schöne Frau, die auf dem Hof der Berliner Universität in mehrere Mikrophone spricht. Es ist die Schriftstellerin Anna Seghers, die erst wenige Tage zuvor aus dem Exil zurückgekehrt war. Ihr Roman „Das siebte Kreuz“ war bereits 1946 im Aufbau-Verlag im Sowjetischen Sektor von Berlin in hoher Auflage erschienen. Nun war sie selbst heimgekehrt. Doch sie litt unter der Gefühlskälte ihrer deutschen Landsleute, was nach Jahren in Frankreich und Mexiko nicht verwunderlich war. Hinzu kam die Einsamkeit. Ihr Mann war in Mexiko geblieben und folgte erst Jahre später, ihre Kinder waren groß geworden und studierten in Paris. Selbst für die bekannte Schriftstellerin war das Leben in der zerstörten Stadt nicht einfach.

Nachdem sie kurze Zeit im Seitenflügel des Hotels Adlon, der die Bombenangriffe leidlich überstanden hatte, untergekommen war, wohnte sie zunächst in Wannsee und dann in Zehlendorf. Selbst für politisch exponierte SED-Mitglieder spielte die Sektorengrenze damals nur eine untergeordnete Rolle. Das änderte sich erst in den Monaten der Blockade.

Der Tag des freien Buches sollte ein Aufbruch werden und wurde ein Schlusspunkt – ein Abschied von der Illusion, es gäbe zwischen Ost und West einen dritten Weg. So schön die Frühlingssonne am 10. Mai 1947 strahlte – all die hehren Beschwörungen waren in den Wind geredet. Bereits während des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses vom 4. bis 8. Oktober 1947 zeigte sich, wie brüchig die Klammer des Antifaschismus war. In der Sowjetunion hatte eine maßlose Hetzkampagne gegen den Satiriker Michail Soschtschenko und die Dichterin Anna Achmatowa eingesetzt. Die wüsten persönlichen Angriffe und der nun einsetzende Chor bestellter Schmähungen zerstörten die zarten Ansätze einer kulturpolitischen Öffnung, die es während des Krieges gegeben hatte. Die Bekenntnisse zur Geistesfreiheit wirkten seitens der stets moskautreuen Kommunistin Anna Seghers im besten Falle naiv und weltfremd. Man konnte nicht dem Tyrannen huldigen und im gleichen Atemzug von Freiheit sprechen. Der amerikanische Journalist Melvin Lasky brachte diesen Widerspruch während des Kongresses öffentlich zur Sprache und provozierte dadurch Gegenangriffe der sowjetischen Delegierten, denen nichts anderes übrig blieb, als den Terror Stalins als die „höchste Vollendung des Humanismus“ zu preisen.

Die deutschen Schriftsteller hatten sich zu entscheiden. In der Sprache der SED lautete die Alternative: Hier der erste deutsche Friedensstaat, dort die Wiedergeburt des deutschen Faschismus, notdürftig in ein demokratisches Mäntelchen gehüllt und im Bündnis mit dem US-Imperialismus. Zweifel galten im Osten als geistige Verwirrung, Kritik als Verbrechen, jede abweichende Meinung als Unterstützung des Klassenfeindes. Anna Seghers entschied sich für den Osten, mit allen Konsequenzen. Hier war sie erwartet worden, wurde gebraucht und vom Publikum geliebt. Hier erschienen ihre Bücher in Massenauflagen und wurden in späteren Jahren verfilmt. Im Osten wurde sie mit Ehrungen und Preisen überhäuft, darunter sehr lukrative. Bald schon gab es Reisen ins kapitalistische Ausland, Kuren in der Sowjetunion, Aufenthalte in Schriftstellerheimen, einen Dienstwagen und ein hohes Gehalt.

Der Preis für die geachtete Stellung in dem neuen Staat war die totale politische Unterwerfung unter die Politik der SED. Anna Seghers hat diesen Preis bezahlt. Sie hat zur Verleihung des Stalin-Preises brav ihre Sprüchlein zu Ehren des Massenmörders aufgesagt und später ihre Stalin-Elogen genauso brav aus den Sammlungen ihrer Reden und Aufsätze wieder herausgenommen, als es von der Partei so verfügt wurde. Sie protestierte oft und gerne gegen Unrechtsurteile in imperialistischen Staaten, so gegen die Todesurteile für die Atomspione Ethel und Julius Rosenberg in den USA. Gegen die Hinrichtung ihrer kommunistischen Freunde in der Tschechoslowakei im Jahre 1952 protestierte sie nicht. Schweigend saß sie im Zuschauerraum, als 1957 in Ost-Berlin kritische Intellektuelle zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Sie akzeptierte in späteren Jahren als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes alle Verfolgungen und Maßregelungen von Schriftstellern in der DDR. Und je mehr sie schwieg, in desto höheren Tönen wurde von offiziöser Seite ihr literarisches Werk gepriesen.

Als sie am 1. Juni 1983 starb, steigerte sich die Verehrung zur Apotheose. Die Berliner Zeitung beschrieb die Grablegung der Dichterin: „Unter den Klängen des Marsches ‚Unsterbliche Opfer‘ bewegte sich der Trauerzug durch ein Spalier von Angehörigen des Wachregiments ‚Feliks Dzierzynski‘.“[6] Man muss hinzufügen, dass es sich hierbei um die militärische Formation des Ministeriums für Staatssicherheit handelte. „Auf roten Samtkissen trugen Unteroffiziere den Karl-Marx-Orden, den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, den Nationalpreis, den Lenin-Friedenspreis und andere hohe Auszeichnungen des In- und Auslands, die Anna Seghers für ihr humanistisches und künstlerisches Wirken verliehen worden waren. Dumpfer Trommelwirbel erklang, als sechs Unteroffiziere den Sarg unter geneigtem roten Banner der Arbeiterklasse und der Staatsflagge der DDR in die Erde senkten. … Soldaten und Unteroffiziere des Wachregiments legten die Kränze an der Grabstätte nieder. Das Orchester spielte die ‚Internationale‘. Erich Honecker und die weiteren Mitglieder der Partei- und Staatsführung verneigten sich in schweigendem Gedenken.“[7]

„Greif zur Feder, Kumpel!“

Der andere zentrale Mythos der DDR-Kultur resultierte aus dem Anspruch, dass die Arbeiterklasse im Bündnis mit den anderen werktätigen Schichten auch auf geistigem Gebiet eine führende Rolle einnehmen müsse.

In der Tat bemühte man sich von Anfang an um die Verbreitung von Kunst und Kultur in der Bevölkerung. Schon in den fünfziger Jahren entstanden nach sowjetischem Vorbild Kulturhäuser mit Bibliotheken, Schachklubs, Volkstanz- und Laienspielgruppen, Malzirkeln und anderen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Das Volkslied, regionale Tänze, Bräuche und Traditionen wie das Bemalen von folkloristischen Ostereiern standen hoch im Kurs. Dennoch ließ sich nicht übersehen, dass fast alle wichtigen Künstler und Literaten bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Schichten entstammten. Trotz aller Bekundungen zur Arbeiter- und Bauernmacht waren ihnen die realen Arbeiter und Bauern so fremd wie die Bewohner eines anderen Planeten. So fehlte es an literarischen Werken, die den Kampf um die Normerfüllung oder die Einführung neuer Produktionsmethoden priesen.

Hier sollte Abhilfe geschaffen werden. Am 24. April 1959 tagte im Kulturpalast des VEB Elektrochemisches Kombinat in Bitterfeld eine Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages Halle (Saale).[8] Staats- und Parteichef Walter Ulbricht höchstpersönlich reiste an und forderte die Kulturschaffenden auf, die Literatur zur Produktivkraft beim Aufbau des Sozialismus zu machen.[9] Im Zentrum der Kunstwerke hatten Arbeiter und Bauern sowie Vertreter der werktätigen Intelligenz zu stehen. Die Literaten und andere Künstler sollten in die Betriebe gehen, nach Möglichkeit sogar Mitglied einer sozialistischen Brigade werden und sich vom fortschrittlichen Geist der Arbeiterklasse und der Genossenschaftsbauern inspirieren lassen. Anschließend sollten sie ihre Werke gemeinsam mit den Werktätigen diskutieren. Das Schlagwort lautete „Bitterfelder Weg“. 1964 bekräftigte eine zweite Konferenz in Bitterfeld diese Kulturpolitik, die als Doktrin des Sozialistischen Realismus eine Art Dienstvorschrift für Künstler darstellte.[10] Umgekehrt sah der „Bitterfelder Weg“ vor, dass Arbeiter und Genossenschaftsbauern unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel“ selbst ihren Arbeitsalltag schilderten. Um die „Zirkel schreibender Arbeiter“ anzuleiten, wurden junge Hochschulabsolventen in die Betriebe geschickt.[11]

Die neuen Werke sollten realistisch und kritisch sein, aber nicht zu realistisch und vor allem nicht zu kritisch. In solchen Fällen gab es massiven Ärger. 1965 druckte eine Literaturzeitschrift unter dem Titel „Der Rummelplatz“ Auszüge eines Romans von Werner Bräunig ab.[12] Die Geschichte spielt unter Bergarbeitern der „Wismut“, die im Erzgebirge Uran für die Sowjetunion förderten. Dort herrschten raue Sitten. Die Wismut-Kumpel soffen, hurten und prügelten sich.

Das passte überhaupt nicht in das idealisierte Bild des sozialistischen Realismus. Es half Bräunig auch nicht, dass er der Vorzeigeproletarier der Bewegung der schreibenden Arbeiter war. Die Kritik an Werner Bräunig auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees 1965 glich einer öffentlichen Hinrichtung. Er zerbrach daran, versank im Alkoholismus und veröffentlichte nie wieder längere Texte. Erst 2007 erschien das Romanfragment aus seinem Nachlass und wurde zum Bestseller.[13]

Das Kahlschlagplenum 1965

Seinen Höhepunkt erreichte der vermessene Anspruch, die Kultur solle zur unmittelbaren Produktivkraft werden, in der ersten Hälfte der sechziger Jahre. Nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 war es höchste Zeit, über die Effizienz des planwirtschaftlichen Systems nachzudenken. Man war in dem abgesperrten Staat nun gewissermaßen unter sich. Die ständige Abwanderung von Arbeitskräften in den Westen und andere angebliche oder tatsächliche Schwierigkeiten, die sich aus der offenen Grenze ergeben hatten, waren nun beseitigt.

Seit 1963 begann unter Walter Ulbricht eine Reformpolitik, in deren Zentrum das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖSPL) stand.[14] Die Betriebe sollten mehr Eigenverantwortung bekommen und mit Gewinn wirtschaften. Wissenschaft und Technik, insbesondere die Kybernetik, sollten ihre Wirksamkeit entfalten.

Den Kulturschaffenden kam in diesem Prozess eine Schlüsselposition zu. In Büchern, Theaterstücken und speziell in Filmen sollten die Probleme der Gesellschaft offen zur Diskussion gestellt werden. Ein Teil der Intellektuellen sah diesen neuen Kurs als Chance. Der kritische Liedermacher Wolf Biermann brachte es später auf den Punkt, als er in seinem Lied „Warte nicht auf bessre Zeiten“ meinte: „… das beste Mittel gegen Sozialismus (sag ich laut) ist, daß ihr den Sozialismus Aufbaut! Aufbaut! Aufbaut!“[15]

In den folgenden drei Jahren taten sich erstaunliche Dinge. Experimentelle Kunstwerke wurden gestattet, die Lyrik erlebte eine Blütezeit, bei der DEFA entstanden sehr interessante Gegenwartsfilme und vor allem zog die Musik der Beatles und anderer angelsächsischer Gruppen in die DDR ein. Sie fanden zahllose Nachahmer unter jungen Leuten, die nun die vorhandenen Kulturhäuser nutzten, um mit ihren elektrischen Gitarren den Sound ihrer westlichen Vorbilder nachzumachen.

Im Dezember 1965 folgte das öffentliche Strafgericht durch das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED.[16] Den Mitgliedern des Gremiums wurde eine Mappe von Anschuldigungen gegen Schriftsteller, Filmregisseure und Kulturfunktionäre vorgelegt. Ausgewählte Texte sollten deren ideologische Verfehlungen belegen. Stefan Heym und Wolf Biermann gehörten neben Werner Bräunig zu den Hauptangeklagten. Hinzu kamen Berichte über mangelnde Disziplin von Studenten während eines Ernteeinsatzes und zur Jugendkriminalität, die angeblich durch die Beatmusik gefördert wurde. Tatsächlich hatte es in Leipzig Krawalle von Jugendlichen gegeben, die gegen das Verbot von Beatgruppen protestierten. Die Mappe, die bald schon nach der Wende im Archiv aufgefunden und ausgewertet wurde, macht einen oberflächlichen und zusammengestückelten Eindruck.[17] So war es auch, denn im Kern ging es um die Wirtschaftspolitik. Viele Funktionäre betrachteten die Reformen voller Misstrauen. Sie fürchteten, dass die Dogmen der Partei durch rationales Denken ersetzt werden könnten. Das konnte schwer öffentlich verhandelt werden. So begann ein Feldzug gegen Filme, Bücher und Theaterstücke, die zwar im Auftrag der Partei entstanden waren, nun aber zu weit gingen. Was den meisten damals jungen Leuten in Erinnerung geblieben ist, war die Verdammung der Beatmusik durch Walter Ulbricht.

Später waren die SED-Funktionäre stolz darauf, rechtzeitig die Notbremse gezogen zu haben angesichts einer fortschreitenden Aufweichung der sozialistischen Ideologie, die in Polen zu den Studentenprotesten vom März 1968 und in der Tschechoslowakei zum Prager Frühling geführt hatte. In der ČSSR habe es 1963 mit der Kafka-Konferenz recht harmlos begonnen, dann aber habe die „schleichende Konterrevolution“ eine Position nach der anderen erobert. Einfallstore der „Unterwanderung und Aufweichung“ – zwei zentrale Begriffe der SED-Propaganda – wären der Schriftstellerverband, die Theaterwelt, die Filmproduktion und die Medien gewesen. Einige Dichter hätten, so der Vorwurf, in ihren Werken Unmoral und Skeptizismus verbreitet.

Nach der militärischen Besetzung der ČSSR durch die „sozialistischen Bruderstaaten“ am 21. August 1968 legte sich auch über die kulturelle Landschaft der DDR Mehltau.[18] Erst mit dem Machtantritt von Erich Honecker im Mai 1971 begannen wieder gewisse Lockerungsübungen im kulturellen Milieu.

Wieder gab es einige Schwalben, die einen künftigen Sommer versprachen. „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und Literatur keine Tabus geben“, erklärte Erich Honecker auf der 4. Tagung des ZK der SED am 19. Dezember 1971.[19] Manche Schriftsteller sahen das als Aufbruch zu einem neuen Verhältnis zwischen Staatsmacht und Literatur. Sie suchten nun das Einvernehmen mit der SED-Führung, um den Wandel zu befördern. Einer aber verweigerte sich jedem Kompromiss – der ewige Störenfried Wolf Biermann.

Der Fall Biermann

Der Sänger aus der Berliner Chausseestraße 131 war und blieb das öffentliche Ärgernis in einem Land ohne Öffentlichkeit, die permanente Ruhestörung im wohlbehüteten Nachtwächterstaat, der bunte Vogel unter dem grauen Nutzvieh des volkseigenen Hühnerhofes. Er war wie seine bewunderten Vorbilder François Villon, Pierre-Jean Berangér oder Heinrich Heine der „Bruder Leichtfuß“ in dem 1965 durch das 11. Plenum des ZK der SED dekretierten „sauberen Staat“. Erich Honecker stellte den Feldzug gegen kritische Künstler unter dieses Motto: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat, in ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, des Anstandes und der guten Sitten.“[20]

Am 16. November 1976 kam es schließlich wie es kommen musste.[21] In den täglichen Abendnachrichten der „Aktuellen Kamera“ verkündete der Sprecher in unbewegt sachlicher Diktion: „Die zuständigen Behörden der DDR haben Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR übersiedelte, das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen. Diese Entscheidung wurde auf Grund des ‚Gesetzes über die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik – Staatsbürgerschaftsgesetzt – vom 20. Februar 1967, Paragraph 13, nach dem Bürgern wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt werden kann, gefasst. Biermann befindet sich gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinem feindseligen Auftreten gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft entzogen. Sein persönliches Eigentum wird ihm – soweit es sich in der DDR befindet – zugestellt.“[22]

Am folgenden Tag druckten alle DDR-Zeitungen den Text und dazu einen mit „Dr. K.“ gezeichneten Kommentar.[23] Hinter dem Kürzel verbarg sich der stellvertretende Chefredakteur des Zentralorgans der SED, Alt-Nazi Günter Kertzscher, der wie kein anderer den Jargon der Diffamierung politischer Gegner beherrschte. Zusätzlich wurde im „Neuen Deutschland“ ein Kommentar der westdeutschen DKP-Zeitung „Unsere Zeit“ unter dem Titel „Rummel um Biermann“ abgedruckt. Damit war für die SED-Führung der Vorgang abgeschlossen. Proteste aus dem Westen gedachte man zu ignorieren. Proteste aus dem Osten waren Sache der Sicherheitsorgane und der Staatsanwaltschaft. Doch es geschah etwas in der bisherigen Geschichte der DDR absolut Neues und Unerwartetes. Am folgenden Tag veröffentlichten westliche Nachrichtenagenturen einen Protestbrief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, den zwölf namhafte Schriftsteller der DDR unterzeichnet hatten. Der Skandal war perfekt. Es war ein Skandal in seiner ganzen Wortbedeutung und mit allen dazu gehörigen Ingredienzien: Spitzenmeldungen und Dementis, Gerüchten und gezielte Indiskretionen, Verleumdungen, Tratsch und Klatsch, mit medialer Personifizierung des politischen Vorgangs durch Hauptpersonen und Nebenpersonen, Helden und Bösewichtern. Und all dies flimmerte nicht nur allabendlich über die Bildschirme in der DDR, sondern füllte auch die großformatigen Seiten des Zentralorgans und der anderen gleichgeschalteten Zeitungsblätter der DDR.

So war die Ausbürgerung Biermanns ein Zeichen von Schwäche und Hilflosigkeit der SED-Führung. Hätten ihn Stasi-Agenten aus dem Fenster seiner Wohnung in der Chausseestraße geworfen oder ihn während einer Fahrt mit seinem Segelboot über Bord gehen lassen und im Greifswalder Bodden ersäuft, wäre die internationale Empörung sicherlich noch heftiger gewesen. Auch eine gewaltsame Ausweisung hätte viel Aufsehen erregt. Doch der peinliche Akt, den Sänger in den Westen fahren zu lassen und ihm dann hämisch grinsend die Tür vor der Nase zuzuschlagen, hat die DDR unsterblich blamiert.

Diskutiert wurde auch, ob es aus Sicht des SED-Politbüros falsch oder richtig gewesen sei, den Liedermacher vor die Tür zu setzten. Wie die SED-Führung auch immer gehandelt hätte, sie konnte angesichts der Umstände nichts mehr richtig machen. Anders ausgedrückt: Eine Diktatur kann keine Fehler machen, weil sie der Fehler ist.

Die Biermann-Ausbürgerung und die darauf folgenden Proteste wurden der „Anfang vom Ende der DDR“ genannt.[24] Das mag so gewesen sein oder auch nicht. Die gescheiterte Diktatur besteht aus lauter letzten Tagen und die siegreiche Demokratie aus lauter ersten Tagen. Doch damals hat wohl niemand vom baldigen Ende der DDR geredet. Die Biermann-Ausbürgerung und die darauf folgende Erregung wurden eher als ein Endpunkt denn als ein Aufbruch empfunden.

Die Partei praktizierte eine geschickte Taktik der Schadensbegrenzung. Zunächst differenzierte sie zwischen prominenten Protestlern, die sie höflich und vorsichtig ersuchte, von ihrem Standpunkt abzurücken, und unbekannteren DDR-Bürgern, die sie wegen des gleichen Vergehens verhaften und für Jahre ins Gefängnis stecken ließ. Dann begann die Welle der Ausreisen. Eva-Maria Hagen, die frühere Ehefrau Biermanns, und ihre Tochter, die populäre Sängerin Nina Hagen machten den Anfang. Kurz darauf folgte der Schriftsteller Thomas Brasch. Obwohl auch schon vorher einzelne Künstler die DDR legal in Richtung Westen verlassen hatten, entwickelte sich nun der Exodus zur Massenerscheinung und sollte bis zum Ende des Staates nicht mehr abreißen.

Der eigentliche Anlass des Protests war schnell vergessen. Biermann blieb in der Bundesrepublik, die Fronde der Schriftsteller zerfiel, ehe sie politische Wirkung erzielen konnte, und jeder ging jetzt seinen eigenen Weg. Viele führte er außer Landes, andere in die Isolation, dritte in einen wankelmütigen Opportunismus. Das Zerbrechen jeder Gemeinsamkeit konnte der SED-Führung nur recht sein, half es doch, die Geburt von „Märtyrern“ zu verhindern. Im Rückblick wertete auch Günter de Bruyn  die Vorgänge in diesem Sinne: Die Protestierer, oder besser Petitionisten, verstanden sich in der Mehrzahl weder als Opposition noch als Gruppe. Sie hatten sich zu diesem einen Zweck zusammengefunden, ohne die Absicht, Auftakt zu einer Bewegung zu sein.

Was die Individualisten verband, war die Ablehnung des Ausbürgerungsaktes, nicht des Regimes. Die Staatsführung hatte es deshalb leicht, die Gruppe, die keine war, aufzulösen. Sie brauchte den Individualisten nur ihre individuellen Interessen vor Augen zu führen, indem sie individuell vorging und kollektive Bestrafungen vermied. Durch differenzierte Behandlung machte sie die sowieso bestehenden Differenzen in Ansichten, Absichten und Bevorzugungen deutlich, so dass keine erneute Gemeinsamkeit durch Strafen oder Benachteiligung entstand. Als die Sanktionen beendet waren, saßen die einen, die Unbekannten, in Gefängnissen, oder sie hatten beruflich und finanziell Nachteile erlitten; die mehr oder weniger Prominenten aber hatten zum größten Teil lediglich ihre Ämter verloren und wurden, soweit sie der Partei angehörten, von dieser für das gleiche Vergehen in unterschiedlicher Weise bestraft. Es gab Rügen, strenge Rügen und Ausschlüsse für Genossen aus der Partei, aber keine Ausschlüsse aus den Künstlerverbänden. Hier wurden die Bösewichter lediglich aus den Vorständen entfernt."[25]

Osteuropäische Schriftsteller waren zu verschiedenen Zeiten zur Stimme des unterdrückten Volkes geworden. Doch dies hatten die Protagonisten des Schriftstellerprotestes gar nicht beabsichtigt. Stefan Heym  schilderte in seinen Tagebüchern sehr ehrlich, dass ihn die Anrufe und Solidaritätsbekundungen aus allen Teilen der Bevölkerung eher belästigten. Er wollte kein Volkstribun sein, sondern sehnte sich an seinen Schreibtisch zurück.[26] Wie er war die gesamte Schriftsteller-Elite nicht bereit oder nicht in der Lage, die Funktion eines öffentlichen Sprachrohrs des Bürgerprotestes zu übernehmen, zumal ihr das Zuckerbrot des Westreise-Privilegs winkte. Viele der aufsässigen Literaten verließen auf Zeit oder für immer die DDR. Andere reisten mit einem DDR-Pass durch die Welt. Die Gemaßregelten wurden durch Reisepass mit oder ohne Rückkehrerlaubnis faktisch zu Bevorzugten des SED-Staates. Die SED wandte das System der Diskriminierung durch Privilegierung an. Diese perfide Strategie erwies sich als außerordentlich wirkungsvoll. Zwischen der seit den späten siebziger Jahren im Schutzraum der Kirche entstehenden Opposition und den kritischen Literaten entstand eine seltsame Kommunikationslosigkeit, die über das Ende der DDR fortdauerte. Keiner der bekannten DDR-Schriftsteller spielte in der Opposition irgendeine wichtige Rolle. Weder stellten sich die prominenten Literaten schützend vor die kleinen Grüppchen, die es wagten, den Staat herauszufordern, noch hatten ihre literarischen Werke oder öffentlichen Stellungnahmen vor dem Oktober 1989 irgendeine Bedeutung.

Die materiellen Hebel erwiesen sich in der Phase der Disziplinierung der Kulturschaffenden nach der Ausbürgerung Biermanns als sehr wirksam. Der Schriftstellerprotest war wie ein Blitzeinschlag, der für einen Moment die Landschaft erhellte, dem aber kein Donnerschlag folgte.

Das System der materiellen Hebel

Der Widerspruch zwischen übertriebener Wertschätzung und Bevormundung der Kulturschaffenden hatte unmittelbare und sehr konkrete Auswirkungen auf die soziale Existenz der Schriftsteller, Künstler, Film- und Fernsehschaffenden. Die materielle Bevorzugung systemtreuer Geistesschaffender war beste sowjetische Tradition. Mit spitzer Feder schildert Michail Bulgakow in seinem Roma „Der Meister und Margarita“ das Moskauer Schlemmerlokal des sowjetischen Schriftstellerverbandes, das bei ihm den Namen „Gribojedow“ trägt.[27]

Von Anfang an praktizierten die Kulturoffiziere der sowjetischen Besatzungsmacht in ihrer Zone diese politisch motivierte Privilegierung prominenter Kulturgrößen. Die braven und anpassungsfähigen Kulturschaffenden konnten auf Stipendien, Förderungen, Kuraufenthalte und schließlich vor allem auf Westreisen hoffen. Die Widerspenstigen dagegen mussten sehen, wie sie mit den Misshelligkeiten des sozialistischen Alltags fertig wurden. Bei dieser Auslese spielten die Verbände eine wichtige Rolle.

An erster Stelle wäre dabei der 1952 als selbstständige Organisation gegründete Schriftstellerverband zu nennen. Er war entsprechend der administrativen Gliederung der DDR in Bezirksverbände aufgeteilt. Zusätzlich gab es einen Arbeitskreis der sorbischen Schriftsteller, der die Rechte eines Bezirksverbandes besaß. Höchstes Organ war der Verbandskongress, der den Vorstand und andere Gremien wählte. Im Schriftstellerverband organisierten sich Autoren aller Genres, auch Sachbuchautoren, Kritiker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Laut dem Statut von 1969 unterwarf sich der Verband der „führenden Rolle der Arbeiterklasse und seiner Partei“.[28] Der Schriftstellerverband war ein Spiegelbild der SED-Kulturpolitik, eine eigenständige Rolle spielte er zu keiner Zeit.

Mindestens genauso wichtig war der 1950 gegründete Verband Bildender Künstler (VBK). Er war ähnlich wie der Schriftstellerverband organisiert und hatte 1989 immerhin 6.000 Mitglieder. Über den Künstlerverband liefen viele der lukrativen Aufträge, die staatliche Stellen, Betriebe oder gesellschaftliche Organisationen wie Gewerkschaft oder Partei zu vergeben hatten. Der Mitgliedschaft ging ein regelrechtes Aufnahmeverfahren voraus, das natürlich neben der technischen Qualität der Kunstwerke auch den ideologisch-politischen Inhalt zu bewerten hatte.

Die Mitgliedschaft in einem der Verbände war für jeden künstlerisch tätigen Bürger von elementarer Bedeutung. Nur Verbandsmitglieder erhielten die begehrte Steuernummer, die ihnen das Recht zu freischaffender Tätigkeit gab. Ihr Einkommen wurde zudem steuerlich begünstigt.

Da es in der DDR eine Arbeitspflicht gab, war es so möglich, jeden Künstler ohne Verbandsmitgliedschaft für asozial zu erklären und im Extremfall juristisch zu belangen. In der Regel reichte natürlich eine strenge Ermahnung durch den Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei (ABV), freischwebende Existenzen einer geregelten Arbeit zuzuführen. So kamen sie wieder unter die Aufsicht eines sozialistischen Kollektivs. Insbesondere über jungen und unangepassten Künstlern hing ständig das Damoklesschwert dieser Disziplinierung. Kontakte mit bundesdeutschen Verlagen, Redaktionen oder Filmstudios unterlagen einer strengen Kontrolle. Sie liefen alle über das Büro für Urheberrechte. Einkommen in Westgeld wurden auf einem Konto der Staatsbank deponiert und nur zum Teil in Devisen ausgezahlt. Der größere Teil wurde eins zu eins umgetauscht und in DDR-Geld ausgezahlt. An den Instanzen vorbei im Westen tätig zu werden, konnten die Justizorgane jederzeit als Kontaktaufnahme zu feindlichen Organisationen werten und strafrechtlich ahnden.

Herbstrevolution 1989

Anders als viele Dichter und Künstler in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn waren die Dichter und Künstler der DDR – abgesehen von Biermann und einigen anderen Sängern – keine Sprecher der politischen Opposition. Kaum einer ihrer Repräsentanten fand den Weg in die Keller der Gemeinderäume, wo Bürgerrechtsgruppen unter großem persönlichem Risiko agierten.

Erst als die Massen bereits auf den Straßen waren versuchten Schriftsteller und Theaterleute, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. So organisierten Schauspieler und andere Mitarbeiter des Deutschen Theaters am 4. November 1989 die Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz.[29] Eine riesige Menschenmenge forderte demokratische Reformen. So wurde die Demo auf dem Alex, wie die Berliner den Platz nennen, zum Höhepunkt der Friedlichen Revolution. Sie war aber gleichzeitig der Punkt, an dem sich die Wege trennten. Die Reden und die Reaktionen der Teilnehmer zeigten die Bruchlinien der Protestbewegung. Die einen wollten mit einer gewandelten SED an der Spitze die DDR retten, die anderen wollten sie abschaffen.

Mehrere Schriftsteller kamen bei dieser Gelegenheit zu Wort und sie erhielten viel Beifall. „… es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation“, begann Stefan Heym am 4. November 1989 seine Rede.[30] Es waren nicht die Schriftsteller, die das Fenster aufgestoßen hatten – aber sie fanden die richtigen Worte und die Menschen jubelten ihnen zu.

Gut drei Wochen nach der Demonstration – inzwischen war die Mauer gefallen – forderten Bürgerrechtler, SED-Reformer und Künstler, darunter die Schriftsteller Christa Wolf und Volker Braun, mit dem Appell „Für unser Land” dazu auf, die DDR als „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“ zu bewahren. Noch einmal wurden die alten Illusionen aufgewärmt, doch die Bevölkerung hatte keine Lust mehr auf sozialistische Experimente. Sie wählte am 18. März 1990 mit der CDU jene Partei, die ihnen einen schnellen Anschluss an die Bundesrepublik versprach.

So ging die große Stunde der Geistes- und Kulturschaffenden im Herbst 1989 folgenlos vorbei. Es war ihr erster und letzter Triumph, aber auch ein Abschied von ihrer Bedeutung. Die Revolution des Volkes war nicht ihre Revolution. Die Menschen wollten mehrheitlich das sozialistische System und den Staat DDR überwinden. Viele Intellektuelle wollten immer noch auf dem Narrenschiff ihrer Illusionen weitersegeln. Christoph Hein nannte seinen 2025 veröffentlichten Roman über die DDR-Intellektuellen in Anlehnung an den 1494 erschienenen Klassiker von Sebastian Brant „Das Narrenschiff“.[31] Er schildert darin den jahrzehntelangen Zerfall der Illusionen, die kleinen und großen Kompromisse und auch den Opportunismus der Künstler, die gedemütigt, schikaniert und gleichzeitig gehätschelt wurden – ganz so wie die beamteten Possenreißer an feudalen Höfen. Sie waren die einzigen, die gelegentlich eine kleine Wahrheit zum Besten geben durften. Dafür erhielten sie Fußtritte und bekamen danach ein Leckerei zugeworfen.

Dennoch eröffneten sich durch die Hofnarren des sozialistischen Systems in der DDR winzige Spielräume und Möglichkeiten. Ihr metaphorisches Schifflein geriet oft in stürmische See. Christoph Hein lässt es gnadenlos an den Felsen der Realität zerschellen. Doch man darf sicher sein, dass die Zeit der Narren niemals vorbei sein wird. Die Schiffbrüchigen werden immer wieder die Segel setzen und zu neuen Horizonten aufbrechen – und sei es nur, um wieder zu scheitern.


[1] Der Beitrag erscheint voraussichtlich 2026 in englischer Übersetzung in: Review. Institut of National Remembrance, Warsaw.

[2] Stefan Wolle ist promovierter Historiker mit den Forschungsschwerpunkten DDR-Geschichte und SED-Diktatur. Von 2005 bis 2024 war er wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin.

[3] Martin Stade, Der König und sein Narr, Berlin (DDR) 1975.

[4] Neue Zeit, 22. November 1985.

[5] Berliner Zeitung, 25. April 1947.

[6] Berliner Zeitung, 9. Juni 1983.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Bitterfelder Weg, in: Kulturpolitisches Wörterbuch, Berlin 1970, S. 79-82.

[9] Walter Ulbricht, Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kunst, in: Elimar Schubbe (Hrsg.), Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED, Stuttgart 1972, S. 552-561.

[10] Zweite Bitterfelder Konferenz. Protokoll, Berlin (DDR) 1964.

[11] Vgl. Günther Rüther, „Greif zur Feder, Kumpel“. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990, Düsseldorf 1991.

[12] Neue Deutsche Literatur (NDL), 1965, H. 10.

[13] Wolfgang Bräunig, Rummelplatz. Roman, Berlin 2007.

[14] Vgl. André Steiner, Von Plan zu Plan. Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004, S. 123-159; Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971, Berlin 2011, S. 146-177.

[15] Wolf Biermann, Die Drahtharfe. Balladen, Gedichte, Lieder, München 1999, S. 68.

[16] Vgl. Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, Berlin 1991; Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945 bis 2000, Leipzig 2001, S. 229-239; Gunnar Decker, 1965. Der kurze Sommer der DDR, München 2015.

[17] Vgl. Armin Mitter/Stefan Wolle, Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993.

[18] Vgl. Stefan Wolle, Der Traum von der Revolte. Die DDR und der Prager Frühling, Berlin 2008.

[19] Neues Deutschland, 19. Dezember 1971.

[20] Neues Deutschland, 16. Dezember 1965.

[21] Vgl. Dietmar Keller (Hrsg.), Biermann und kein Ende. Eine Dokumentation zur DDR-Kulturpolitik, Berlin 1991; Die Biermann-Ausbürgerung und die Schriftsteller. Ein deutsch-deutscher Fall, Köln 1994; Roland Berbig et al. (Hrsg.), In Sachen Biermann. Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung, Berlin 1994; Stefan Wolle, Lanzelot und der Drache, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Skandal und Diktatur, Göttingen 2004, S. 212-230; ders., Der Wolf und die sieben Geißlein. Die DDR-Bevölkerung und die Biermann-Ausbürgerung, in: Doris Blume et al. (Hrsg.), Wolf Biermann. Ein Lyriker und Liedermacher in Deutschland, Berlin, S. 124-136.

[22] Zitiert nach: Biermann und kein Ende, S. 127 f.

[23] Neues Deutschland, 17. November 1976.

[24] Fritz Pleitgen (Hrsg.), Die Ausbürgerung. Anfang vom Ende der DDR, Berlin 2001.

[25]   Günter de Bruyn, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht, Frankfurt a. M. 1996, S. 215 f.

[26]            Stefan Heym, Der Winter unseres Missvergnügens. Aus den Aufzeichnungen des OV Diversant, München 1996, S. 173.

[27] Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita. Roman, Berlin (DDR) 1975.

[28] Statut des Schriftstellerverbandes der DDR, zitiert nach https://www.wikiwand.com/de/articles/Deutscher%20Schriftstellerverband

[29] Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 446-453; Stefan Wolle, Der Wendepunkt: https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/555821/der-wendepunkt.

[30] Zitiert nach dem Video-Mitschnitt Alexanderplatz/Demonstration/4. November 1989, https://www.youtube.com.

[31] Christoph Hein, Das Narrenschiff, Berlin 2025.