Vom Kreml aus benötigte Josef Stalins Wagen in rascher Fahrt zwölf bis fünfzehn Minuten, um die zehn Kilometer zu einem 25 Hektar großen Waldgrundstück an der westlichen Moskauer Stadtgrenze bei Kunzewo zu fahren. Umgeben von mehr als 70.000 Bäumen befand sich hier, mit grüner Tarnfarbe so gestrichen, dass sie aus der Luft kaum auszumachen war, Stalins berühmte Datscha, die ob ihrer Nähe zum sowjetischen Machtzentrum auch „die Nahe“ (Blischnaja) genannt wurde.
Stalins Haus in Kunzewo war, vor allem in den letzten Lebensjahren des Diktators, der wichtigste Ort seiner Herrschaftsausübung. Von hier aus lenkte Stalin die Geschicke der Sowjetunion, ja sogar der Welt. Auf der Datscha reiften einsame Entschlüsse, hierhin lud er Staatsmänner wie Winston Churchill, Mao Zedong, Josip Tito und andere ein, um mit ihnen hitzige Diskussionen zu führen; hier machte der sowjetische Diktator Weltpolitik, tags, aber vor allem nachts.
Zumeist arbeitete Stalin auf seiner Datscha allein. Mit einer ungeheuren Arbeitswut ausgestattet sah er vor allem Akten durch. Denn zu sehr wollte der Diktator jedes Detail seiner Herrschaft durchdringen und keine noch so kleine Angelegenheit aus der Hand geben. Ob er nun Erschießungslisten unterzeichnete, Geheimdienstberichte mit der Randbemerkung „Viel Unsinn, aber trotzdem interessant“ versah oder befahl, einen kleinen Leutnant beim Verhör in Wladiwostok zu „schlagen, schlagen, schlagen“ - alles wollte Stalin selbst regeln. Gelegentlich erschöpfte ihn das Aktenstudium, das er für gewöhnlich im Liegen vornahm, so sehr, dass er auf einem der zahlreichen Sofas noch mit den Papieren in der Hand einnickte.
Wenn es Stalin nach Gesellschaft verlangte, rief er vor allem das Politbüro zu sich. Bei den ausgedehnten Abendessen, die nicht selten als Trinkgelage endeten, hatten dessen Mitglieder vor allem für Unterhaltung und derbe Späße zu sorgen. Er interessierte sich allerdings nicht wirklich für die Meinung seiner engsten Genossen und Gefolgsleute wie Georgi Malenkow, Lawrenti Berija, Nikolai Bulganin und Nikita Chruschtschow. Sie sollten vielmehr Stalins Bedürfnis nach menschlicher Kommunikation stillen, denn der Diktator verfügte ansonsten über niemanden, mit dem er einfach sprechen konnte. Nicht wenige Vertraute fürchteten eine Einladung auf den Wohnsitz des Diktators. So sagte Bulganin einmal auf dem Weg zur Toilette zu Chruschtschow: „Wenn man zum Abendessen hierher kommt, weiß man nie, wohin man von hier aus gehen wird.“
Sicherheit durch Geheimhaltung
Stalin schottete sich streng von der sowjetischen Realität ab. Ein hoher Zaun verhinderte jeden Blick auf das geräumige Anwesen. Im Inneren des Objekts sorgten weitere Sperranlagen und mehr als 100 ständige Posten sowie Hundestreifen dafür, dass sich niemand seiner Privat-Datscha unangemeldet oder gar unbefugt auch nur nähern konnte. Selbst höchste Parteiführer gelangten nur mit persönlicher Erlaubnis Stalins auf das Gelände. Er und nur er allein bestimmte, wer zu den Auserwählten gehörte, die Eintritt in sein persönliches Reich erhalten sollten. Als „Hausherr“ (Chosjain), wie er ehrfurchtsvoll vom Wach- und Dienstpersonal betitelt wurde, erließ er alle Regeln und Vorschriften, die das Leben auf seinem Anwesen bis ins kleinste Detail bestimmten. Niemand durfte oder konnte diese Anordnungen verändern, das Sicherheitssystem war absolut.
Vor allem aber achtete Stalin darauf, dass die Existenz der Datscha nur einem kleinen und ausgewählten Personenkreis bekannt war. In der Öffentlichkeit fand Kunzewo zu Stalins Lebzeiten keinerlei Erwähnung. In keinem offiziellen Dokument und erst recht in keiner Zeitung wurde das Anwesen auch nur mit einem Wort erwähnt. Selbst als Stalin dort im Sterben lag, glaubten die Leser der Parteizeitung Prawda (Die Wahrheit), er kämpfe in seiner Wohnung im Kreml mit dem Tod.
Die Datscha von innen
Nach mehreren Sperrkreisen gelangten die auserwählten Besucher zur Nordseite des 1933 errichteten Haupthauses, das der Architekt Miron Merschanow entworfen hatte. Nach dem Durchschreiten der Eingangstür betraten sie einen geräumigen Flur. Linker Hand lag das kleine Speisezimmer, in dem Stalin seine Mahlzeiten einnahm, wenn er allein auf der Datscha weilte. Wie jedes Zimmer war es mit den Insignien ausgestattet, die in der Sowjetunion uneingeschränkte Macht bedeuteten. Da war der sogenannte Wtsch-Apparat (Teil des Hochfrequenz-Kommunikationssystems der sowjetischen Regierung), der Stalin über eine abhörsichere Leitung mit den wichtigsten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kadern des Landes verband. Ein normales Telefon sorgte für die Kommunikation mit dem mittleren Partei- und Regierungspersonal, ein weiteres für Gespräche mit dem Kreml. Ein Druck auf den Klingelknopf ließ den wachhabenden Geheimdienstoffizier sofort zu Stalin eilen. Zusätzlich lagen für Notizen ein schwarzer, ein grüner und ein roter Stift bereit. Auch im großen Speisesaal - Ort der Empfänge für ausländische Delegationen und die Abendessen mit dem Politbüro - befanden sich diese Machtsymbole.
Obwohl die Wände der Datscha in hellen Pastellfarben gestrichen sind, verbreitet sich bei längerem Verweilen eine gewisse Schwere. Anzeichen von Lebensfreude lassen sich selbst nach intensivster Suche allenfalls bei einem Grammophon entdecken, das Churchill als Geschenk zurückgelassen hatte. Im von Stalin eher selten genutzten Schlafzimmer fand sich eine kleine Garderobe, die zeigt, dass er auf Kleidung oder gar Mode nur wenig Wert legte. Der Diktator liebte es nicht, in seinem Bett zu schlafen. Deshalb standen in allen Räumen der Datscha Sofas, auf denen er sich jederzeit zur Nachtruhe niederlassen konnte. Das 35 Quadratmeter große Bad dagegen war für sowjetische Verhältnisse mehr als geräumig und mit einem elektrischen Ofen und einem Durchlauferhitzer der deutschen Firma Siemens bestens ausgestattet. Eine große, ebenfalls im Badezimmer stehende Personenwaage lässt vermuten, dass der Diktator auch auf sein Gewicht achtete.
Rechter Hand des Flurs befanden sich das Arbeitszimmer, die Bibliothek und ein weiteres, kleineres Zimmer. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte Stalin sein Arbeitszimmer in Kunzewo allerdings nur noch selten. Auch die Bücherschränke seiner rund 5.000 Bände umfassenden Bibliothek, die neben den Klassikern des Marxismus-Leninismus und Parteitagsprotokollen vor allem historische, philosophische, soziologische und wirtschaftliche Abhandlungen umfasste, blieben nach dem Sieg über Deutschland zumeist verschlossen; zu sehr nahmen den immer kränklicher werdenden Diktator jetzt die Tagesgeschäfte in Anspruch. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war Stalin allerdings ein intensiver Leser gewesen, der gerade aus Büchern den Großteil seiner Bildung gewonnen hatte; ein Faktum, das er übrigens mit Hitler gemein hatte.
Ein langer holzgetäfelter Gang verband Stalins Wohn- und Arbeitsbereich mit einem Nebenhaus, wo die Wachen und das Dienstpersonal untergebracht waren. Der Geruch der Küche war Stalin zuwider. Die Wachmannschaften und das Personal durften Stalins Wohnhaus nicht betreten, ohne von ihm gerufen worden zu sein. Stalin persönlich hatte diesen Befehl bestätigt und strengstens verboten, sich unaufgefordert seinen Privatgemächern zu nähern. Wenn er nach etwas verlangte, drückte er einfach einen der zahlreichen Klingelknöpfe und schon stand ein Leibwächter bereit, der seine Wünsche weiterleitete.
Der Diktator ist sterblich
Ende 1946 diagnostizierten Ärzte beim Diktator eine schwere Magenreizung, Muskelschwund des Herzens sowie chronischen Bluthochdruck und Arteriosklerose.[2] Da Stalin seit einem Schlaganfall 1949 gesundheitlich angeschlagen war und immer mehr die Öffentlichkeit scheute, setzte er ab dieser Zeit gelegentlich Doppelgänger ein, die beispielsweise Vorstellungen im Bolschoi-Theater beiwohnten, um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass der Diktator immer noch vital sei. Zudem fürchtete sich Stalin mit zunehmendem Alter mehr und mehr vor Attentaten. Er wurde paranoider und litt unter Verfolgungswahn. Das äußerte sich unter anderem darin, dass er seit Beginn der 1950er Jahre forderte, die Fahrroute vom Kreml zur Datscha ständig zu wechseln. Besonders hatte Stalin Angst davor vergiftet zu werden, weshalb er selbst bei den Abendgelagen auf seiner Datscha niemals aus dem für ihn vorgesehenen Glas trank. Die Zutaten für seine Speisen ließ er zudem durch ein Speziallabor des Geheimdienstes unablässig überprüfen. Weil er entgegen dem Rat seiner Ärzte nicht vollständig auf seine Ess- und Trinkgewohnheiten verzichten wollte und es ihm zudem ganz erheblich an Bewegung mangelte, litt er mit zunehmendem Alter vor allem unter Arterienverkalkung und Bluthochdruck.
Bei seinem Tod sollte sich zeigen, wie einsam und gefürchtet der mächtigste Mann der Sowjetunion tatsächlich war. Als er sich nach einem Zechgelage am späten Nachmittag des 1. März 1953 beim Lesen eines Prawda-Artikels ein Glas Narsan-Mineralwasser einschenken wollte, ereilte ihn ein schwerer Schlaganfall. Stalin, nur in kurze Hose und Pyjamajacke gekleidet, ging zu Boden und blieb im kleinen Speisesaal seiner Datscha liegen – unfähig sich zu bewegen.[3] All die Klingelknöpfe, all die Telefone nutzten ihm nichts mehr, denn er konnte sich ihrer nicht mehr bedienen.
Als noch gravierender erwies es sich, dass die Wachmannschaften und das Personal keine Instruktionen hatten, wie mit einem kranken oder gar nicht mehr handlungsfähigen Stalin umzugehen sei. Niemand hatte die Verantwortung auf sich nehmen und das Undenkbare niederschreiben wollen, was zu geschehen habe, sollte der Diktator ernsthaft erkranken oder sogar das Bewusstsein verlieren. Schließlich hätte dies für den Verfasser den sicheren Tod bedeutet. In der Stalinära konnte niemand festlegen, was zu tun sei, „wenn Genosse Stalin hilflos auf dem Boden liegt“. Ein solcher Fall wurde auch nicht im Entferntesten erwogen und doch - Ironie der Geschichte - trat genau dieser ein.
Stalin wird gefunden
Nachdem entgegen der allgemeinen Routine am 1. März 1953 längere Zeit in den Räumen Stalins keine Bewegung zu vernehmen gewesen war und er entgegen seinen Gewohnheiten niemanden zu sich gerufen hatte, waren seine Leibwächter vollkommen ratlos. Niemand traute sich nachzusehen, ob der Diktator wohlauf sei. Mehrere Stunden verstrichen, doch keiner der Geheimdienstoffiziere sah sich in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Erst als die streng geheime Kurierpost aus dem Kreml eintraf, fasste sich der junge Offizier Pjotr Losgatschew ein Herz und ging über den langen Korridor vom Dienstgebäude zu den Wohnräumen. Als er wie üblich die Post und Akten aus dem Kreml im Eingangsbereich an der Garderobe ablegen wollte, erblickte er durch die geöffnete Tür des kleinen Speisezimmers den am Boden liegenden alten Mann in einer Urinlache. Stalin, der aufgrund des neuerlichen Schlaganfalls nicht mehr sprechen konnte, war ziemlich ausgekühlt und wurde auf das nahestehende Sofa gelegt. Da sich dieses als zu kurz erwies, brachten ihn die Leibwächter schließlich in den großen Saal, wo man ihn auf seinen geliebten türkischen Divan bettete. Allerdings wagte niemand der Bewacher, dem schwer kranken Diktator die Unterwäsche zu wechseln, so dass die ihn in den Mittagstunden des 2. März 1953 untersuchenden Ärzte Stalin immer noch in seinen eingenässten Unterhosen vorfanden.
Auf seiner Datscha sollte Stalin nach quälenden vier Tagen trotz aller Bemühungen der herbeizitierten Ärzte unter den ständigen Blicken seiner vertrauten Genossen sterben. Statt sanft zu entschlafen, starb der Diktator, so seine Tochter, „furchtbar und schwer“. Stalin erstickte allmählich: „Das Antlitz verfärbte sich, die Gesichtszüge entstellten sich bis zur Unkenntlichkeit, die Lippen wurden schwarz. […] Die Agonie war entsetzlich, sie erwürgte ihn vor aller Augen.“[4]
In der Tat setzte bereits ab den späten Nachmittagsstunden des 2. März die sogenannte Cheyne-Stokes-Atmung ein, die als untrügliches Zeichen zu werten war, dass keine Chance auf ein Überleben Stalins mehr bestand. Eine von den Ärzten angeregte Therapie mit sechs Blutegeln konnte den hohen Blutdruck des Schwerkranken nur kurzzeitig senken, zudem war nun auch ein leichtes Fieber zu beobachten. In den späten Abendstunden des 5. März 1953 verschlechterte sich der Zustand Stalins zusehends. Injektionen mit Koffein und das Verabreichen von reinem Sauerstoff zeigten keine Wirkung. Um 21.30 Uhr hatte der Diktator einen heftigen Schweißausbruch, um 21.40 Uhr folgten neue Injektionen und eine künstliche Beatmung, um 21.50 Uhr verstarb Stalin.[5]
Entmythologisierung
Eine ähnliche Agonie wie bei seinem Ableben hatte Stalin in seinen letzten Lebensjahren über die Sowjetunion gelegt. Es bleibt das unbestrittene Verdienst Nikita Chruschtschows, sein Land aus dieser tiefen Schockstarre befreit und mit dem Tauwetter die sowjetische Gesellschaft wieder zum Leben erweckt zu haben; vor allem, als er drei Jahre nach dem Tod des Diktators 1956 den „Gottgleichen“ von seinem hohen Sockel stieß. Auf dem XX. Parteitag rechnete der neue Generalsekretär mit Stalin ab und entlarvte ihn als einen der größten Verbrecher der Geschichte. Als er ihn schließlich 1961 aus dem Heiligenschrein des Kommunismus - dem Lenin-Mausoleum - entfernen ließ, begann der letzte Akt von Stalins Entzauberung. Er wurde von KGB-Offizieren bei Nacht und Nebel an die Kremlmauer umgebettet und Chruschtschow ließ ihn in die Reihe der gewöhnlichen Parteifunktionäre zurückversetzen. Damit fand die bis dahin mythisierte Einsamkeit der Macht Stalins ihr symbolisches Ende.
Nur seine Datscha liegt, inzwischen vollständig eingekreist vom hektischen Leben der Metropole Moskau, als Sonderobjekt des Föderalen Wachdienstes (FSO) – der für die Sicherheit des russischen Präsidenten zuständig ist – weiter in strenger Abgeschiedenheit und veranschaulicht bis heute, wie allein und isoliert der sowjetische Diktator tatsächlich war.
[1] Matthias Uhl ist promovierter Osteuropa-Historiker. 2005-2023 arbeitete er am Deutschen Historischen Institut Moskau. Seit 2024 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Netzwerk Osteuropa der Max Weber Stiftung.
[2] Krankengeschichte Stalins, 9.12.1946, RGASPI, 558/11/1183, Bl. 9-10.
[3] Protokoll der Sitzung des Präsidiums des ZK über Mitteilung Ärztekommission, 2.3.1953 – 12.00 Uhr, RGASPI, 558/11/1186, Bl. 1-3.
[4] Allilujewa, Swetlana: Zwanzig Briefe an einen Freund, Wien 1967, S. 24.
[5] Krankenblätter zum Verlauf des Schlaganfalls von Stalin, 2.-5.3.1953, RGASPI, 558/11/1186, Bl. 8-44.