Die Kraft der Mythen

Wolfgang Templin

Mythen ziehen sich, wie Sagen und Märchen, durch die Geschichte von Völkern und Nationen. Die großen Fragen des Lebens und die Macht des Schicksals sind ihr Gegenstand. Immer wieder sind es die Taten positiver und negativer Helden, die zum Begeistern, Mitfiebern oder Erschauern einladen. Erzählt, dargestellt und gesungen können sie eine befeuernde, mobilisierende, verbindende Wirkung in Gemeinschaften entfalten. Sie sprechen andere Saiten in uns an als der sinnende, grübelnde Verstand und die analysierende Vernunft. Von daher entfalten sie eine starke Kraft, die positiv wirken kann aber auch offen für gefährlichen Missbrauch ist.

Wenn in Frankreich die Marseillaise ertönt, hält das „Vorwärts Kinder des Vaterlands“ kaum einen der Zuhörer auf den Sitzen. Wem steht nicht die Szene aus dem Film Casablanca vor Augen, in der französische Patrioten mit der Marseillaise die „Wacht am Rhein“ der deutschen Besatzer zu Boden singen.   

Die polnische Nationalhymne entstand in der Zeit der napoleonischen Kriege, als die stolze europäische Großmacht, zur Teilungsbeute ihrer unersättlichen Nachbarn geworden war. Sie entstand als Lied der polnischen Legionen in Italien

„Noch ist Polen, nicht verloren, solang wir noch am Leben sind.
Was uns fremde Mächte raubten, gibt der Säbel uns zurück.“

Worte und mitreißender Klang beflügelten Generationen polnischer Unabhängigkeitskämpfer, in den schwersten Zeiten der Unterdrückung.

In Diktaturen und totalitären Systemen wird die Kraft und mobilisierende Wirkung von Mythen zum Beschwören von Utopien und Erlösungs-Phantasien missbraucht. Diese umzusetzen ist das Ziel und der Lohn für ein Handeln, dass bereit ist, selbst Mitglieder der eigenen Familie zu töten, wenn der Heilsbringer es befiehlt. Der Weg in die lichte Zukunft ist mit Opfern und Leichen gesäumt. Das gilt für die faschistischen Systeme des zwanzigsten Jahrhunderts gipfelnd im Hitlerkult der deutschen Nationalsozialisten ebenso wie für religiöse Fundamentalisten, die Selbstmordattentätern den sicheren Weg ins Paradies versprechen.

Kommunistische Geschichtsmythologie

Sie steht unter allen Mythologemen als wirkungsmächtigstes Beispiel im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert. Ihre Verheißungen und Führungsgestalten haben die Schrecken und unfassbaren Verbrechen zweier Weltkriege und den Untergang anderer Verheißungen überlebt.

Sie haben Vergangenes abgeschüttelt und neue Ungeheuer produziert. Kommunistische Mythen sind im Ansatz nicht national begrenzt sondern kosmopolitisch, nicht an eine bestimmte Religion gebunden, sondern säkular-atheistisch. Sie sprechen die Sehnsüchte der Menschen rund um den Erdball an. Ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit. Wenig kann das besser ausrücken als die in den Kämpfen der Pariser Kommune entstandene Hymne der „Internationale“:

„Wacht auf Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt.
Das Recht wie Glut im Kraterherde, nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit den Bedrängern, Heer der Sklaven wache auf.
Ein Nichts zu sein tragt es nicht länger, alles zu werden strömt zuhauf.“

Es führt kein gerader Weg von Karl Marx zur Hölle des GULAG unter Jossif Wissarionowitsch Stalin. Jedoch bereits im Kommunistischen Manifest aus seiner Feder, einer philosophisch aufgeladenen Kampfschrift, wird die unermessliche Hybris sichtbar, die jedem totalitären Gebrauch den Weg ebnet. Das Versprechen des künftigen Paradieses um den Preis, dafür auch durch die Hölle der Despotie zu schreiten.

Der polnische Philosoph Leszek Kołakowski lieferte im englischen Exil die umfassendste und gründlichste Darstellung der verschiedenen Entwicklungsstufen des Marxismus, der als Wissenschaft gedacht war und unter Lenin und seinen Nachfolgern zur kämpferischen Parteiideologie und zum Träger zahlloser Mythen wurde.

Der universale Anspruch, gipfelnd im Fernziel der Weltrevolution, wurde aber je nach historischer Konstellation und nationaler Besonderheit spezifisch geformt.

Für das Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Gestalt Ernst Thälmanns zur stärksten Ausformung kommunistischer Mythenbildung. Dem Hamburger Hafenarbeiter und späteren Kommunistenführer, einem Mann eher schlichten Gemüts, schrieben Parteistrategen und begeisterte Anhänger schier übermenschliche Züge zu:

„Thälmann, oh Thälmann vor allem, Deutschlands unsterblicher Sohn.
Thälmann ist niemals gefallen, Stimme und Faust der Nation.
Maßlos gequält und gepeinigt, blieb er uns treu uns hielt stand
In Deinem Namen vereinigt, kämpfe lebendiges Land.“

Seine Ermordung im KZ-Buchenwald, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, verlieh dem Mythos um ihn Dauer. In der DDR wurde in Liedern, Filmen und literarischen Produkten verschiedenster Art, das Andenken Thälmanns beschworen. Über das Ende der DDR hinaus übte er nicht nur auf eine kleine Anhängerschar von Altkommunisten Faszination aus. Wer in den späten neunziger Jahren Kneipen des alternativen Milieus im Prenzlauer Berg betrat und mit erhobener Faust und dem Gruß „Teddy lebt,“ konnte sich eines Freibiers sicher sein.

Hier sind die historischen Realitäten das eine, sie zeigen Thälmann als Anführer des von Moskau inspirierten glücklosen „Hamburger Aufstands, Erfüllungsgehilfe der Säuberungen, die von der Komintern verordneter waren, Maßregelungen unliebsamer Genossen, Verkünder der gegen die Sozialdemokratie gerichteten Sozialfaschismustheorie - all das versetzte der ohnehin schwachen Weimarer Demokratie einen Stoß nach dem anderen. Mythenbildner und Anhänger ficht das nicht an.

Die Verklärung Thälmann als tapferer Antifaschist wirkt bis in die Gegenwart und lässt das Umbenennen von Straßen, die seinen Namen tragen, die rationale Zeichnung seiner Figur in der Literatur zum langwierigen Kampf werden. Geradezu bizarr ist die Auseinandersetzung um ein monumentales Thälmanndenkmal im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg.

Geht es um die Weimarer Republik, Ihren Charakter als Demokratie, ihre Protagonisten und Geburtsfehler, ihr dramatisches Ende, gibt es nicht nur die Mythenbildner auf der linken Seite des politischen Spektrums.

Der Gegner und politische Antipode Ernst Thälmanns, Feldmarschall und späterer Reichspräsident Paul von Hindenburg, erfährt bis in die Gegenwart jede Menge Verklärung im bürgerlichen Lager. Dem „Sieger von Tannenberg und Retter Ostpreußens“ im Herbst 1914 werden Fähigkeiten und Verdienste zugeschrieben, die er niemals besaß. Der eigentliche Militärstratege und befähigte Kommandeur Ludendorff, eine wahrhaft finstere Figur, schob die majestätische Gestalt Hindenburgs vor sich her und hatte seine eigenen Pläne.

Davon ließen sich die Mythenbildner um Hindenburg jedoch nicht beeindrucken. In ihm musste mehr stecken:

„O bleibe unsres Volkes Schild. Du starkes treues Heldenbild.
Dir dankt das Volk, Dir dankt das Land, Gott schütze deine Eisenhand.“

Es war Thälmann, der 1926 dazu beitrug, dass Paul von Hindenburg sich bei der Wahl zum Reichspräsidenten gegen einen Kandidaten der bürgerlichen Mitte durchsetzte. Die Wahl war durch den zu frühen Tod Friedrich Eberts zustande gekommen, den die politische Rechte als „Novemberverbrecher“ in den Tod hetzte. Es blieb dem scharfsinnigen Publizisten Kurt Tucholsky vorbehalten, die Wirklichkeit zurechtzurücken, und Hindenburg mindestens vom Vorwurf des bloßen Erfüllungsgehilfen Hitlers zu befreien: 

„Sie putzen ihm den alten Degen und singen ihm das alte Lied
er gibt dem Unrecht seinen Segen, weil er das Unrecht gar nicht sieht.“

Hindenburg gab dem, von ihm ungeliebten, österreichischen Gefreiten im Winter und Frühjahr 1933 seinen Segen, weil er hoffte ihn in eine monarchistisch geprägte konservative Republik einbinden zu können. Alles andere als eine Demokratie aber kein totalitärer Führerstaat.

Die Frage, ob die folgende Katastrophe vermeidbar war, zerreißt bis heute die Historiker. Der Anteil Thälmanns und Hindenburgs am schmählichen Ende der Weimarer Republik, steht jedoch außer Frage.

Hindenburg hat hier schlechtere Karten als Thälmann, seine Denkmäler wurden abgeräumt. Im aktuellen Kampf um das Thälmann-Denkmal im Prenzlauer Berg, könnte dem Geschichtsbewusstsein auf die Sprünge geholfen werden. In einer Form, die es im Umgang mit totalitären Hinterlassenschaften im Baltikum bereits gibt. In Magazinen schlummern sicher noch vom Sockel gestoßene Hindenburgdenkmäler.

Eines davon neben Thälmann gestellt und mit dem verbindenden Schriftzug „Den Totengräbern der Weimarer Republik“ versehen, würde beiden gerecht werden.  Platz genug ist dort und für die notwendige Kontextualisierung könnte eine neue Generation von Historikern sorgen.

Wie steht es nun aber um den positiven Gehalt von Geschichtsmythen, ihre emotionale, mobilisierende Kraft. Sie ist auch für Demokratien unverzichtbar, verbunden mit einem wachen Bewusstsein für die Realitäten der Geschichte. Diese weisen für Deutschland eine späte, schmale und häufig gefährdete Tradition von Kämpfen um die Demokratie auf. Gipfelnd in der Friedlichen Revolution des Herbstes 1989. Deren Heldinnen und Helden zu besingen, deren Taten zu feiern, sollten wir uns nicht nehmen lassen. Wer könnte das besser als Wolf Biermann, der in diesem September 90 wird. Schon selber zum Mythos geworden, ein herzlicher Geburtstagswunsch vorab.

Wolfgang Templin ist ehemaliger DDR-Bürgerrechtler, heute freier Autor