Nachruf auf Martin Gutzeit

(30. April 1952 – 15. September 2026) 

von Markus Meckel 
(verfasst für die Bundeszentrale für politische Bildung) 

Nun ist Martin Gutzeit gestorben, der enge Freund und Weggefährte über mehr als fünf Jahrzehnte. In der Öffentlichkeit ist er weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er 1989/1990 einer der zentralen Akteure der Selbstdemokratisierung der DDR und im Prozess der deutschen Einheit war. Doch wer ihn kennengelernt hat bzw. sich eingehender mit dieser für die deutsche Geschichte so wichtigen Zeit beschäftigt, konnte und kann ihm seine Hochachtung nicht versagen. Sein scharfsinniges Denken mit weitem Horizont, seine aufrechte Haltung, sein Mut und die Fähigkeit zu strategischem Handeln waren in den Kreisen der Opposition in der DDR hochgeschätzt. 

Martin war im besten Sinne ein Radikaler – er war auf Tiefe aus, auf das Durchdringen der Wirklichkeit und der Entwicklung von Perspektiven, er wollte die Realität in ihren Wurzeln und Grundlagen durchdringen und so Zukunft gewinnen. 

Wir lernten uns 1974 beim Studium am Sprachenkonvikt kennen, einer vom kommunistischen Staat unabhängigen Theologischen Hochschule in Berlin. Beide stammten wir aus einem evangelischen Pfarrhaus, wir hatten nicht das normale Abitur machen dürfen und hatten den Wehrdienst total verweigert, also auch den Dienst als Bausoldat. Wir liebten die Freiheit und suchten sie im Glauben und im Denken zu begründen. Wir begegneten uns in einem kleinen Kreis von Studenten, die sich regelmäßig morgens um 7 Uhr mit Michael Milbradt trafen, der Philosophie lehrte. Wir lasen philosophische Texte, durchdachten und interpretierten sie Satz für Satz. Hegel und Marx, Plato, Aristoteles, Nikolaus von Kues und andere. Diese Beschäftigung war uns nicht geistige Spielerei, sondern war ganz existentiell, denn es ging immer um das Verstehen der eigenen Existenz im Ganzen, das Weiten des Horizonts und das Eröffnen von Freiheitsräumen. Das Leben in der Diktatur war uns zuerst eine geistige Herausforderung, sich mit den Fragen von Staat, Macht und Gewalt zu beschäftigen und die Bedingungen von Freiheit und Recht, Verantwortung und Solidarität zu denken – und zu leben. Gleichzeitig wurden wir dann auch praktisch aktiv. In einer kleinen Gruppe vervielfältigten und verteilten wir Ende der 70er Jahre – damals noch ganz konspirativ - politische und literarische Texte, etwa von Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs oder Reiner Kunze. 

Nach dem Theologischen Examen nahmen wir uns noch eine Auszeit für das gemeinsame Studium philosophischer Texte, insbesondere interessierte uns Hegels Logik. Als mich meine eigene Kirche in Berlin-Brandenburg nicht in den kirchlichen Dienst aufnahm und die Mecklenburgische Kirche mir und meiner Familie Asyl gab, kamen Gudrun und Martin Gutzeit mit nach Mecklenburg, damit wir unsere Zusammenarbeit fortsetzen konnten. Gutzeits hatten ab 1982 das Pfarramt in Schwarz bei Mirow, ich war schon seit 1980 in Vipperow an der Müritz. Dort organisierten wir dann ab 1982 in jedem Sommer die „Mobilen Friedensseminare im Osten Mecklenburgs“. Hier trafen sich politisch Interessierte aus der ganzen DDR, aber auch aus der Bundesrepublik und den Niederlanden zum Austausch über aktuelle politische Fragen, Themen, die zur Vernetzung der in den 80er Jahren entstehenden oppositionellen Gruppen beitrugen. 

Nach vier Jahren im Pfarramt bot Richard Schröder, damals Dozent für Philosophie am Sprachenkonvikt, Martin Gutzeit 1986 eine Assistentenstelle an, so konnte er sich ganz der Beschäftigung mit Hegels Dialektik und Logik widmen. So zog Familie Gutzeit nach Marwitz am nördlichen Rand Berlins, wo Gudrun Gutzeit die Pfarrstelle übernahm. Daneben setzte Martin seine politischen Aktivitäten sowohl in Mecklenburg als nun auch in Berlin fort. 

Schon die „Charta 77“ und die Gründung der „Solidarnosc“ hatten uns aufgewühlt. Doch erst durch die Politik Gorbatschows begannen bei uns 1987 erste reale Hoffnungen zu sprießen, dass sich wirklich etwas an den betonierten Verhältnissen im Osten Europas ändern ließe. Martin und ich begannen darüber nachzudenken, nun auch außerhalb der Kirche eine eigene oppositionelle Struktur aufzubauen. Von zentraler Bedeutung war dann Gorbatschows Rede vor der UNO im Dezember 1988. So beschlossen wir Anfang 1989, damals noch zu zweit, eine Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) zu gründen, wenige Tage später begann in Polen der Runde Tisch. Wir zielten auf die grundlegende Infragestellung der Herrschaft der SED – wir wollten gewissermaßen die sozialdemokratische Hand aus dem SED-Parteiabzeichen ziehen, gleichzeitig machten wir so die Zielstellung einer parlamentarischen Demokratie deutlich. Mit diesem Bekenntnis zur repräsentativen Demokratie standen wir Anfang 1989 auch in der demokratischen Opposition noch ziemlich allein. Martin Gutzeit begann dann mit der Arbeit an dem Aufruf zur Gründung der Partei, den wir schließlich am 24. Juli 1989 fertigstellten und bei einem Seminar zum 200. Jahrestag der „Bürger- und Menschenrechte“ am 26. August 1989 veröffentlichten. Dies war faktisch der Start in der Reihe der Gründungen demokratischer Initiativen und Netzwerke, die den revolutionären Herbst 1989 einleiteten. 

Martin Gutzeit wurde dann zu einer der zentralen Persönlichkeiten bei der Selbstdemokratisierung der DDR. Er vertrat die Sozialdemokratie in der Anfang Oktober gegründeten Kontaktgruppe der demokratischen Opposition, von der dann im November die Initiative zum Runden Tisch ausging und auch hier war er eine der wichtigen und strategisch agierenden Akteure. Am Zentralen Runden Tisch wurde die freie Wahl in der DDR ausgehandelt, hier begann der Transformationsprozess hin zu demokratischen Strukturen. Martin hat sich entschieden für die Auflösung die Staatssicherheit eingesetzt und daran mitgewirkt. In der ersten Sitzung der SPD-Fraktion nach der freien Wahl im März 1990 initiierte er den Beschluss, dass alle gewählten Abgeordneten sich auf Mitarbeit mit der Staatssicherheit überprüfen lassen müssen. 

Der Zugang zu den Akten der Staatssicherheit blieb für ihn ein zentrales Thema, als er zum Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Volkskammer wurde. In dieser Funktion hatte Martin Gutzeit einen wesentlichen Anteil daran, aus der Volkskammer als kommunistischer Abnick-Körperschaft ein wirkliches Parlament zu machen. 

Als am 9. November die Mauer fiel, wurde die deutsche Einheit zur großen Herausforderung, für die Martin Gutzeit entschieden eintrat. Er setzte durch, dass die Schriftstellerin Helga Schubert als klare Befürworterin der Einheit Sprecherin des Runden Tisches wurde. Dem auch in den Kreisen der Opposition durchaus starken Wunsch, die Eigenstaatlichkeit der DDR zu erhalten – etwa im Aufruf „Für unser Land“, trat er entschieden entgegen und hielt dies für eine gefährliche Illusion. 

Auch im Nachhinein war er stolz darauf, was damals gelang: der Sieg der Freiheit, die Etablierung der Demokratie und die Herstellung der deutschen Einheit. Mit Recht nahm er selbstbewusst für sich in Anspruch, wesentlich dazu beigetragen zu haben. Kürzlich meinte Helga Schubert bei einer Veranstaltung in Berlin zu mir: „Wenn Martin Gutzeit jetzt hier wäre, hätte er (zu den vielen Westdeutschen hier) gesagt: Ohne uns wärt Ihr gar nicht hier!“ 

Für Martin Gutzeit war die Aufarbeitung von belasteter Geschichte und die Übernahme von Schuld und Verantwortung immer eine zentrale Aufgabe glaubwürdiger Politik. Schon 1985, zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, traten wir in einem gemeinsamen Papier für eine glaubwürdige Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus ein, ein Thema, das in der kommunistischen DDR ideologisch verdrängt wurde. Die Erklärung der Volkskammer vom 12. April 1990, in welcher sich die demokratische DDR in die Schuld- und Verantwortungsgeschichte der Deutschen stellte, war Martin Gutzeit bleibend wichtig. So wurde dann wiederum die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in den folgenden Jahrzehnten zu seinem zentralen Thema. 1992 - 1998 war Martin Gutzeit Mitglied der beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ebenfalls ab 1992 war Martin Gutzeit für zweieinhalb Jahrzehnte der Aufarbeitungsbeauftragte des Landes Berlin – von allen Koalitionen immer neu benannt und gewählt. Hier hat er sich bleibende Verdienste erworben. 

Die öffentliche Rede war Martins Sache nicht. Umso mehr traten seine Stärken im persönlichen Dialog und in kleiner Runde im Gespräch hervor, sein scharfer Verstand, seine Zugewandtheit und Überzeugungskraft und nicht zuletzt sein Humor. Jeder, der mit ihm näher zu tun hatte, wird sich an sein Lachen, ja, sein Kichern erinnern. Dann blitzten seine Augen vor Freude. Immer galt: Auf sein Wort – und auf seine Hilfsbereitschaft konnte man sich unumstößlich verlassen. 

Was Martin machte, machte er ganz und mit einer Konsequenz, die ich immer bewunderte. Das galt in allen Lebensbereichen – sogar beim Sport, so nahm er sogar an Marathonläufen teil. Leichtfertigkeit war ihm fremd.   

Martin hat Gudrun, seiner Frau und seiner Familie manchmal einiges zugemutet – und konnte sich doch deren Unterstützung immer sicher sein. Anfangs konnte ich mir das kaum vorstellen, doch je älter er wurde, umso mehr wurde Martin zu einem Familienmenschen und nahm sehr Anteil am Leben der Kinder und Enkel. Gerade die letzten Jahre war er ganz getragen von der umfassenden Liebe und Zuwendung Gudruns. 

Nun ist Martin Gutzeit von uns gegangen. Mit ihm verlieren wir einen Strategen der Freiheit, der diese nicht nur dachte, sondern sie selbst in der Diktatur lebte und viel dazu beitrug, dass wir heute in Freiheit und Demokratie im Zentrum Europa leben können. Solange er konnte, trat er dafür ein, sie auch heute in aller Klarheit zu verteidigen.