Was tun mit Lenin? Zur Kontroverse um die Lenin-Statue in Schwerin

von Felix Ludwig[1]

Wessen Stimme zählt in der Erinnerungskultur? Wer hat zu bestimmen, welche Form der Erinnerung an die deutschen Diktaturen im öffentlichen Raum präsent zu sein hat? Die Bevölkerung? Stadtverordnetenversammlungen? Behörden? Historiker:innen? Opfer der Diktaturen? Die Konfliktlinien zwischen diesen Gruppen sind mal mehr, mal weniger in allen Bereichen der modernen Erinnerungskultur präsent: beim Betreiben von Gedenkstätten über die Vermittlung in digitalen Medien bis hin zum Umgang mit baulichen Überresten von Diktaturen. Gerade um letztgenannte, beispielsweise in Form von Denkmälern, wird mit großen Emotionen gestritten. Das kann kaum verwundern, sind sie im Stadtbild doch sehr präsent, laufen täglich teils tausende Menschen an ihnen vorbei.

Entsprechend heftig führen alle Beteiligten die Kontroverse um die Lenin-Statue in Schwerin – nicht erst seit gestern, sondern schon viele Jahre lang. Die immerhin 3,20 Meter hohe Statue aus Bronze steht im Stadtteil Neu-Zippendorf. Errichtet wurde sie 1985 zur 825-Jahr-Feier der Stadt als Teil der Propaganda des Ostblockes, die den Diktator Lenin als bedeutenden Staatsmann und Denker verklärte. Heute ist die Statue auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die letzte ihrer Art. Unter anderem damit begründete das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sein Bestreben, die Statue in die Denkmalliste des Landes aufzunehmen. Dies wiederum rief heftigen Widerspruch bei Opferverbänden und der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft hervor, die dadurch Diktatur-Propaganda geehrt wähnten. Sie wollen den Abriss der Statue, teilweise fordern sie stattdessen ein Denkmal für den hingerichteten Liberalen Arno Esch. Zahlreiche weitere Akteur:innen aus der DDR-Aufarbeitung schlossen sich der Forderung an, darunter Grit Poppe und Ilko-Sascha Kowalczuk.[2]

Jüngst hat sich das Schweriner Stadtparlament mehrheitlich gegen den Denkmalstatus für dier Statue ausgesprochen – was freilich nur eine Empfehlung sein kann, da das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege eine Landesbehörde ist und damit nicht in die Zuständigkeit der Stadt fällt – gleichwohl sie als Eigentümerin der Statue dagegen klagen kann.

Diese Gemengelage ist voller Spannungen: Ist die Schutzwürdigkeit des Denkmals bedeutender als das Recht der Opfer auf Mitsprache? Wiegt die rechtliche Zuständigkeit des Landesamtes schwerer als die geographische Zuständigkeit des demokratisch gewählten Parlamentes vor Ort? Was ist die Perspektive der Geschichtswissenschaft, die ich an dieser Stelle einnehme? Es sind schwierige Fragen, die dieser Beitrag in seiner Kürze kaum befriedigend behandeln kann. Gleichwohl versucht er, die verschiedenen Optionen zum Umgang mit der Lenin-Statue abzuwägen.

Stehenlassen der Statue

Es ist die simpelste, vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege gewiss favorisierte Variante: die Statue an ihrem Standort zu belassen, sie unter Denkmalschutz stellen und so den Status quo zementieren. Es ist zugleich aus meiner Perspektive die ungünstigste Option. Gewiss: Denkmalschutz ist nicht gleichbedeutend mit einer Form von herausgehobener Ehrung, sondern bewahrt schlicht rechtlich bedeutende bauliche Kulturgüter, die nicht verloren gehen dürfen – auch (und gerade weil) sie an die negativen Seiten der deutschen Geschichte erinnern. Für Laien jedoch bedeutet allein schon eine Statue eine Form der positiven Erinnerung. Da hilft vermutlich auch die inzwischen angebrachte Hinweistafel wenig, die an der Statue angebracht wurde. Die Erfahrung zeigt leider, dass solche Hinweisschilder nur von wenigen gelesen und noch seltener eingeordnet werden.

Abbruch der Statue

Die Statue abzureißen ist jene Variante, die von den Opferverbänden bevorzugt und vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege sicherlich abgelehnt wird. Es ist sehr verständlich, dass jene, die unter der kommunistischen Diktatur gelitten haben, im Alltag nicht mit ihrer Propaganda konfrontiert werden wollen. Das unter anderem von der Union der Opferverbände der kommunistischen Gewaltherrschaft vorgebrachte Argument, die Statue würde die Opfer des SED-Regimes verhöhnen, ist sehr nachvollziehbar.[3] Aus Sicht der Geschichtswissenschaft scheint der Abriss jedoch die ungünstigste Variante: Ein Abbruch bedeutet, die Geschichte des SED-Regimes ein Stück weit auszulöschen, anstatt sie aufzuarbeiten. Das Denkmal zu Ehren Lenins durch ein anderes für einen Widerständler zu ersetzen, löst das Problem nicht:  Aus erinnerungskultureller Perspektive verschiebt es den Fokus von Täter:innen der Diktatur zu ihren Opfern. Freilich nehmen Letztgenannte im Gedenken einen zentralen Raum ein – anders wäre es gar nicht vorstellbar. Aber eine Diktatur kann nicht funktionieren ohne jene, die mitmachen. Deswegen muss auch ihre Propaganda, ihre Versuche im öffentlichen Raum für Unterstützung zu werben, Teil der Aufarbeitung sein.

Versetzen der Statue

Als Alternative zum Abriss schlugen mehrere namhafte Personen aus der Aufarbeitungsszene, darunter Grit Poppe und Ilko-Sascha Kowalczuk, eine Alternative vor: Die Lenin-Statue solle nicht abgerissen, sondern auf das ehemalige KGB-Gelände in der Stadt versetzt werden. Der Vorteil dieser Variante wäre, dass die Statue nicht mehr im öffentlichen Raum steht. Allerdings überwiegen meines Erachtens die Nachteile deutlich: Erstens wird die Statue ihres besonderen historischen Kontextes entkleidet – sie sollte ja gerade in die Bevölkerung der DDR hineinwirken und nicht hinter den Mauern eines ausländischen Geheimdienstgeländes verschwinden. Die Wirkung auf die Erinnerungskultur würde sich letztlich kaum von einem Abriss unterscheiden.

Zweitens ist die KGB-Zentrale in Schwerin aktuell kein musealer Erinnerungsort: Keine Tagesgäste und keine Gruppen werden sie im Rahmen eines größeren Vermittlungskonzeptes eingeordnet bekommen. Angesichts der klammen Haushaltslage ist es völlig unrealistisch, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. In letzter Konsequenz würde ein Versetzen der Statue kaum mehr bedeuten, als sie aus dem Weg zu räumen und an einem Ort abzustellen, wo sie die Bevölkerung nicht mehr wahrnehmen würde.

Künstlerische Aneignung der Statue

Ebenfalls im Gespräch ist die Möglichkeit, die Statue an ihrem aktuellen Standort stehen zu lassen, sie allerdings künstlerisch zu bearbeiten, sie beispielsweise mit Ranken überwuchern zu lassen. Dadurch würde die Statue einerseits im öffentlichen Bild verbleiben, anstatt zu verschwinden und andererseits die Propaganda der Diktatur nicht unkommentiert lassen. Gewiss, künstlerische Lösungen sind in einer Stadtgesellschaft immer umstritten und bei vielen unbeliebt. Aus erinnerungskultureller Sicht ist dies aber eher Vor- als Nachteil, bedeutet es einen anhaltenden Diskurs und damit auch ein andauerndes Gespräch über die DDR-Diktatur.

Der Hauptnachteil an dieser Variante ist vermutlich, dass sie der öffentlichen Hand viel Geld kosten würde: Die Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs, die Einrichtung eines Kuratoriums zur Entscheidung und natürlich die Umsetzung des Siegerentwurfs wären gewiss nicht billig. Hier stehen das Land und der Bund in der Pflicht, die Stadt Schwerin zu unterstützen, sollte es auf diese Variante hinauslaufen.

Der weitere Weg

Wie nun umgehen mit dem Denkmal? Meine Perspektive als Historiker ist klar: Ein Abriss oder auch nur eine Versetzung der Statue würden ein Stück Geschichte aus dem Stadtbild entfernen – symbolisch, aber auch faktisch. Die DDR-Diktatur fand eben nicht nur an ihrer Westgrenze, in den Haftanstalten und in den Zentralen der Staatssicherheit statt. Es ist mithin ein zentrales Merkmal einer modernen Diktatur, dass sie in alle Bereiche des Lebens und des Alltags vordringen will. Dies geschah nicht nur über die Massenorganisationen und die berüchtigte „Rotlichtbestrahlung“ in Schulen und Betrieben, sondern auch über bauliche Propaganda, wie sie die Statue darstellt. Darin kann ihr Wert in der Vermittlung zur Diktatur liegen: Sie zeigt, dass das SED-Regime nicht an entfernten Orten stattfand, sondern vor der eigenen Haustür. Im Rahmen des örtlichen Schulunterrichtes und von Stadtführungen oder beim einfachen Spazierengehen werden Menschen angeregt, über die Bedeutung der Diktatur zu reflektieren. Und ja, dies kann auch eine angemessene künstlerische Umwandlung bedeuten, besser noch als mit einer bloßen Hinweistafel. So scheint mir diese Option als die geeignetste zwischen Erhalt und Aneignung.

Dies ist allerdings nur die Perspektive des Historikers. Um die zahlreichen Stimmen des Diskurses zusammenzubringen, wäre ein formalisierter Dialog in der Tradition der Runden Tische der Friedlichen Revolution wünschenswert, wie dies die SPD im Stadtparlament bereits vorgeschlagen hat.[4] Es gilt, die verschiedenen Diskursstränge in einem Raum zusammenzubinden. Dort müssten Historiker:innen, Abgeordnete der Stadt, Denkmalschützer:innen und vor allem die Opferverbände eine Lösung aushandeln. Denn gerade letztgenannte haben im Diskurs ein Vetorecht. Die letzte Entscheidung über kommunistische Denkmäler muss entsprechend jenen überlassen werden, die unter der Diktatur litten. Sollten Sie bei Ihrer nachvollziehbaren Position bleiben, so muss – bei aller Pflicht zum Erinnern – die Statue weg.


[1] Felix Ludwig wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena promoviert. Seit 2021 ist der Gedenkstättenpädagoge in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

[2]Offener Brief: Kein Denkmalschutz für die Lenin-Statue in Schwerin – kein Denkmal für den Ursprung von Gewalt und Unterdrückung, 27.10.2025, https://www.workuta.de/aktuelles/2025.html (zuletzt eingesehen: 02.09.2026).

[3]„Ein Denkmal der Schande: Warum Lenin in Schwerin längst verschwunden sein sollte“, 19.06.2025, https://www.uokg.de/2025/06/ein-denkmal-der-schande/ (zuletzt eingesehen: 02.09.2026)

[4]„Schweriner Statue soll kein Denkmal werden“, 26.03.2026, https://katapult-mv.de/artikel/schweriner-lenin-statue-soll-kein-denkmal-werden/ (zuletzt eingesehen: 02.09.2026)