Unscharf in Stein - Die Karl-Marx-Gedenkstätte auf Stralau
Von Detlef Krenz[1]
Die SED erklärte 1953 zum Karl-Marx-Jahr. Aus Anlass seines 70. Todestages erhielt die Abteilung Gedenkstätten beim Museum für Deutsche Geschichte den Auftrag herauszufinden, wo Marx in Berlin gelebt und gewirkt hatte.[2] Weil die Wohnadresse Alt-Stralau Nr. 17 bekannt war, schrieb man an den dort logierenden Herrn Louis Lehmann, um zu erfahren, ob es noch Räume gäbe, in denen sich Marx einst aufhielt, oder ob sich aus der Familienakte der Lehmanns Hinweise zu dessen Aufenthalt ergäben. Der Brief schloss mit den Worten: „Sollte das der Fall sein, könnte das Anbringen einer Gedenktafel in Erwägung gezogen werden.“[3]
Lehmann antwortete: „Ein wahrhaft würdiges Denkmal für Karl Marx und seine Lehre zu schaffen, wäre bestimmt in seinem Sinne, wenn man den Ortsteil Stralau wieder als Wohnviertel innerhalb unseres neu erstehenden Berlins aufbauen würde, statt der jetzigen Planung eines Industriegeländes.“ Im März und Oktober 1953 fragte der Wirkungsbereich 65 der Nationalen Front beim Rat des Stadtbezirks an: „Wenn wir eine Erinnerungsstätte für Karl Marx erstehen lassen wollen, so sollte man von der Tatsache ausgehen, dass irgendwelche Gründe vorlagen, die Karl Marx damals, 1836, bewegten, nach dem Orte Stralow zu kommen.“[4]
Ortsfindung
Nach Franz Mehring wohnte Marx in der Alten Leipziger Straße 1. Der Magistrat ließ deshalb 1929 am Haus Mohrenstraße 17 (jetzt Anton-Wilhelm-Amo-Straße) eine Gedenktafel anbringen: An dieser Stätte wohnte 1837/1838 Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. 1933 wurde sie entfernt.[5] Dr. Walter, einst Bibliothekar an der Berliner Magistratsbibliothek, ermittelte im „Amtlichen Verzeichnis der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin,“ dass Marx, nachdem er am 22. Oktober 1836 an der Universität zu Berlin immatrikuliert worden war, während acht Semestern mehrmals den Wohnsitz wechselte. Unter muffigen Aktenbündeln der Registratur-Kanzlei stieß Günther Rose, Assistent an der Humboldt-Universität, auf einen Anmeldebogen mit Adressen und Briefen der Eltern an „Herrn Karl Marx stud. juris in Stralow Nr. 4 bei Berlin“.[6] Als Achtzehnjähriger kam Karl Marx zum Wintersemester 1836 nach Berlin und wohnte wegen seines „Unwohlseins“ auf „Stralow“.[7] Marx belegte nur wenige Vorlesungen, galt dafür als fleißig und fand Anschluss an den „Doktorklub“, eine gesellige Vereinigung von Junghegelianern, die im „Roten Zimmer“ des Cafés Stehely in der Jäger- Ecke Charlottenstraße über die „Weltphilosophie“ diskutierten.
Gedenkplanung: Der genaue Platz ist nicht wichtig
Für August 1956 war im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes geplant, einen Gedenkstein „an der Stelle, wo einst Karl Marx gewohnt hat“ zu errichten. Eine Expertenkommission, die am 27. März 1956 tagte, war sich über die Adresse nicht einig. Der Großvater von Georg Riese, ein 73-jähriger Stralauer, bewirtete einst Karl Marx im Gartenrestaurant „Lindenhof“ (Alt-Stralow Nr. 4), wo er sich mit Freunden traf. Auch Post wurde hier abgegeben. Sie kam per Fähre von Treptow. Seinerzeit wohnte Marx im Hause Nr. 11 (das war 1956 die Nr. 25).[8] Wegen der „Sichtachse“ zum sowjetischen Ehrenmahl Treptow regte Chefarchitekt Henselmann die Nr. 18 als Gedenkort an.[9] Herr Kubitza vom Rat des Stadtbezirks sah es als nicht wichtig an, „den genauen Platz zu wissen“. Man habe hier „eine würdige Gedenkstätte“ zu errichten. Marx hätte sich nur an wenigen Orten in Deutschland aufgehalten und seine Studienzeit in Berlin wäre die längste Zusammenhängende gewesen. Auf Stralau habe er im Kreis der Junghegelianer die Grundlagen für seine philosophischen Ansichten empfangen. „Berlin wird von Gästen aus den sozialistischen Ländern und von den Mitgliedern der Arbeiterparteien der kapitalistischen Länder besucht, die uns danach beurteilen, wie wir unsere revolutionäre Traditionen bewahren.“[10]
1958 wurde die geplante Bausumme von 100.000 Mark auf 45.255 Mark gesenkt. In ehrenamtlicher Arbeit wurde 1959 das Gelände enttrümmert und 1961 eine Grünanlage mit Bänken eröffnet. Am 1. Oktober 1964, zum 15. Jahrestag der DDR, weihten Horst Klemm, Sekretär der SED-Kreisleitung und der Friedrichshainer Bürgermeister Hans Höding die heute bestehende Anlage ein. Hermann Kirchmann schwor im Namen der Nationalen Front, diese Erinnerungsstätte „wie den eigenen Augapfel zu pflegen“.[11]
Der Berliner Bildhauer Franz Kies hatte für die Brigaden der Wismut die Plastik „Atomenergie für den Frieden“ entworfen, außerdem Jungarbeiterporträts für die Stalinallee und Reliefs für die Gedenkstätte Buchenwald. Nun gestaltete er zwei Reliefs für die „Erinnerungsstätte“ Alt-Stralau 18.[12] Eines spielt auf die Treffen des religionskritischen „Doktorklubs“ an. Zwar war Marx dort präsent, aber Privatdozent Bruno Bauer und Lehrer Friedrich Köppen waren die Wortführer, anders als im Relief dargestellt. Das zweite Relief weist auf den Stralauer Glasarbeiterstreik von 1901 hin, der erfolglos war – ebenfalls im Gegensatz zur Darstellung. Der Vorstand des Glasarbeiterverbandes hatte den Streik abgelehnt, weil dieser keine Lohnfragen, sondern politische Ziele verfolgte.[13]
Milch und Dachpappe
Ein halbes Jahrhundert zurück: 1907 war der „Lindenhof“ samt Grundstück verfallen. Der Baustoffhändler Hans Forsch kaufte es als Lagerplatz für Bausteine und ließ ein gutbürgerliches Wohnhaus mit Gaststätte und Laden zur Straßenfront bauen. In diesen zog ein Milchhändler ein. 1928 versuchten Glasarbeiter, eine „Marx-Tafel“ am Haus anzubringen, was Forsch ablehnte. Forschs Idee, ein Bootshaus für Wassersportler bauen lassen, kippte 1931 wegen der Wirtschaftskrise. Dafür fragten 1939 die „Ruberoidwerke – Bedachung – Isolierung“, ob sie „teerfreie Dachmaterialien“ auf Forschs Gelände lagern dürften: „Weil wir zahlreiche wehrwichtige und ähnliche Aufträge auszuführen haben und das oft erforderliche Bautempo von uns verlangt, daß wir die Baustoffe schnellstens von unserem hiesigen Lager am Wasser anliefern können.“ Das Haus brannte nach einem Bombenangriff am 26. Februar 1945 völlig aus.[14]
[1] Detlef Krenz ist Historiker. Er arbeitete am Friedrichshain-Kreuzberg Museum und am Lichtenberg Museum in Berlin, wo er u. a. Ausstellungen mitgestaltete und kuratierte. Für die Ausstellung „Vor dem Fall der Mauer“ befasste er sich mit der Geschichte von Alt-Stralau, das in diesem Text Schauplatz ist.
[2] C Rep. 110-04 Nr. 17 Amtliches Verzeichnis der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.
[3] Der Aufenthalt von Karl Marx in Stralau ist durch Briefe belegt, wie Walther G. Oschilewski in seinem Aufsatz „Karl Marx als Student in Berlin“ im Jahrbuch 1953 des Vereins für die Geschichte Berlins schreibt: „Für die private Biografie ist es unerheblich, ob die Sorge des Vaters, der Rat des Arztes oder sonstige Umstände in dem jungen Studenten den Entschluss reifen ließen, der angegriffenen Gesundheit wegen in Stralau Quartier zu nehmen. Aber dass er in Stralau wohnte, geht sowohl aus mehreren Briefanschriften (Briefe des Vaters an Karl Marx vom 16. September 1837 und vom 17. November 1837) als auch aus seinem Schreiben an den Vater vom 10. November 1837 hervor, in dem es heißt: „… ein Arzt riet mir das Land, und so geriet ich zum ersten Male durch die ganze lange Stadt vor das Tor nach Stralow. Dass ich dort aus einem bleichsüchtigen Schwächling zu einer robusten Festigkeit des Körpers heranreifen würde, ahnte ich nicht.“ Karl Marx wohnte im Hause des Fischers und Gastwirts Gottlieb Köhler, Stralow Nr. 4, neben der „Alten Taverne". Nach dem späteren Abriss des Gasthauses stand in Alt-Stralau 18 ein Wohnhaus, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.
[4] C Rep. 110-04 Nr. 17 Amtliches Verzeichnis der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.
[5] Berliner Zeitung 11. August 1961 „Der Gast in der Stralauer Sommerfrische“.
[6] C Rep. 110-04 Nr. 17.
[7] Neues Deutschland, 9. Juli 1952 „Aus dem Leben und Schaffen des größten Sohnes der deutschen Nation Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin“.
[8] Berliner Zeitung 11. August 1961 „Der Gast in der Stralauer Sommerfrische“.
[9] C Rep. 110-04 Nr. 17 Prof. Henselmann zur Planung der Gaststätte am 6. April 1958: „Der Rat des Stadtbezirks Friedrichshain beabsichtigt, bis zum August 1956 (Stralauer Fischzug) in Alt Stralau 18, einem Grundstück, von dem angenommen wird, dass Marx dort gewohnt hat, eine Erinnerungsstätte im Rahmen des ‚NAW‘ zu schaffen. An Sachmitteln stehen 10.000,- MDN zur Verfügung. Das in Aussicht gestellte Grundstück ist Westberliner Besitz. Es müsste in Anspruch genommen werden. Das Grundstück liegt im Bereich des Ufergrünstreifens, der nach den Ideenskizzen für den perspektiven Ausbau des Kulturparks Treptow entstehen soll und etwa im Bereich der Querstraße vom Treptower Ehrenmal über den geplanten Rosengarten und die Spree zum Ufer der Stralauer Halbinsel führt. Da an dieser Stelle eine besondere Betreuung notwendig ist, lassen sich beide Gedanken verknüpfen. Es ist allerdings notwendig, eine Gesamtidee für diesen Teil des Grünzuges zu entwickeln und die jetzt zu treffenden Maßnahmen auf die Perspektive abzustimmen.“ NAW bedeutet Nationales Aufbauwerk, das 1951 in der DDR gegründet wurde.
[10] C Rep. 110-04 Nr. 17 Zitate vom 23. Mai 1958, Stadtbauamt Grünplanung, Baubeschreibung an den Rat des Stadtbezirkes Friedrichshain Abt. kommunale Wirtschaft: „Im Zuge der perspektiven Begrünung der Halbinsel Stralau ist auf dem Grundstück Alt-Stralau Nr. 18 eine Berlins würdige Karl-Marx-Gedenkstätte geplant. Durch vorwiegend ökonomische Schwierigkeiten kann jedoch dieses Projekt vorerst nicht zur Ausführung gelangen. Der Bezirk Friedrichshain hat aus diesem Grunde eine vorübergehende Lösung auf dem Grundstück Alt-Stralau Nr. 50-51 vorgeschlagen. Dieses Grundstück wird durch eine Kindertagesstätte der Stralauer Glaswerke genutzt, die, nach der Anlage des Gedenkplatzes, den Namen von Karl Marx tragen wird. Der Gedenkplatz liegt neben dem Haupteingang der Kindertagesstätte etwa gegenüber dem Grundstück Nr. 18, auf dem Karl Marx einige Jahre gelebt hat. Die zeitgenössische Kostenrechnung ergab 16.000 MDN.
[11] Berliner Zeitung 2. Oktober 1964, Zur Einweihung der Gedenkstätte.
[12] Berliner Zeitung 20. März 1959, Ankündigung zum Bau der Gedenkstätte; Berliner Zeitung 05. Mai 1963, „Seine Idee lebt und siegt“ zum Leben vom Marx in Bezug auf die Gedenkstätte; Berliner Zeitung 20. August 1963, Ateliergespräch mit Franz Kies zur Gestaltung der Gedenkstätte.
[13] Jeder Streik gab der Polizei Gründe zur unmittelbaren Konfrontation mit den streikenden Personen. Streiks waren, solange es um Lohnforderungen ging, prinzipiell nicht verboten. Sobald aber der Verdacht zum strafbaren „Koalitionszwang" entstand, also die Streikenden sich mit anderen solidarisierten oder umgekehrt andere mit ihnen, bot dies Anlass, „diesen verwerflichen Streik" mit Polizeigewalr zu beenden. Laut Dienstvorschrift der Berliner Schutzmannschaft war die Aufstellung von Streikposten als „Belästigung nicht ausständiger Arbeiter durch ausständige" anzusehen und die Streikposten als „Verkehrshindernis" erklärt, weggewiesen oder verhaftet werden. Thomas Lindenberger, „Streikexzesse" - Zur öffentlichen Unordnung im Kaiserreich, Ausstellung Streik – Realität und Mythos, Deutsches Historisches Museum Berlin 1992 https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/streik/html/kaiserzeit1.html;
Eines der Ziele des Glasarbeiterstreiks auf Alt-Stralau war, die Kriminalisierung der Streikposten abzuschaffen, gewerkschaftliche Organisationen anzuerkennen und die Arbeitsnachweispflicht aufzuheben. Diese Pflicht gab den Arbeitgeberverbänden die Möglichkeit zu überprüfen, ob Bewerber oder Beschäftigte Gewerkschafter waren. Die Gewerkschaften waren jedoch schwach und ohne zentrale Führung. Deshalb organisierten diesen Streik Arbeiter vor Ort. Trotz internationaler Solidaritätsbekundungen, wie beim 6. Internationalen Glasarbeiterkongress in Hannover, scheiterte der Streik wegen versiegender Spenden am 16. September 1901, ohne das eine der Forderungen durchgesetzt war. Karl-Heinz Speckmann, Die Glasarbeiterschaft in Nienburg 1870-1933, Iggesen, Nienburg an der Weser 1996, S. 139; Sechster Internationaler Kongress der Glasarbeiter - Hannover, 27. August 1901, Dritter Verhandlungstag. In: Volkswacht Bielefeld 28. August 1901.
Daher konnte von „unseren revolutionären Traditionen“, wie es Hermann Kirchmann von der Nationalen Front im Sinne der SED ausdrückte, keine Rede sein, denn weder wurde dieser Streik von einer Partei noch von einer parteigelenkten Gewerkschaft geführt, noch lag dem Streik eine zentralistische Ideologie zugrunde. Und genau darin besteht der Widerspruch zur Reliefdarstellung.
[14] Archiv FHXB Museum, hier Ausschnitte aus Bauakten, neben Notizen und Zeitzeugenaussagen oft undatiert.