Von Marx zum „Kommunismus“ des 20. Jahrhunderts – Rückblick auf eine paradoxe Karriere
von Gerd Koenen[1]
Kommunismus statt Sozialismus
Heute würde man sagen: Es war ein Propaganda-Scoop von Jahrhundertformat, als der eben erst zur Macht gekommene Wladimir Uljanow, Kampfname Lenin, im März 1918 - genau 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Manifests der Kommunistischen Partei von 1848 - seine „Sozialdemokratische Partei Russlands (Bolschewiki)“ in „Kommunistische Partei“ umbenannte. Wie der Führer der Bolschewiki seinen Genossen erklärte, sei dies der „wissenschaftlich richtige“ Name für eine Partei, die als einzige noch einen „revolutionären Marxismus“ vertrete. Und dessen Kern sei, wie er in seiner im Sommer 1917 als Programm zur Machteroberung seiner Partei verfassten Schrift Staat und Revolution festgestellt hatte, die „Anerkennung der Diktatur des Proletariats“.[2]
Lenin schaffte es, dem Marxismus im 20. Jahrhundert diese Lesart aufzudrängen – und umgekehrt, sich selbst und seine Gefährten und Nachfolger als theoretisch-wissenschaftlich inspirierte Akteure darzustellen, deren erste, kostbarste Quelle die „Lehre von Marx“ gewesen sei, von der er schon 1913 einmal in einem weiteren Akt der Usurpation gesagt hat, sie sei „allmächtig, weil sie wahr ist“.[3] Natürlich sprach er dabei über sich selbst.
Was Marx betrifft, wäre zunächst darauf hinzuweisen, dass er sich den Begriff des „Communismus“, der Ende der 1830er Jahre in einem äußerst heterogenen Feld französischer, englischer und deutscher Geheimbündler und Schwarmgeister aufkam, parallel zu dem des „Socialismus“ nur sehr zögernd zu eigen gemacht hat – vor allem wegen der „rohen“, gleichmacherischen, antimodernen oder sogar reaktionären Komponenten, die in dieser Grundsuppe mitschwammen. So war das „Gespenst des Kommunismus“ im Manifest vor allem ein ironisches, aus der zeitgenössischen Publizistik entnommenes Zitat der Angstvisionen der besitzenden Klassen vor einer drohenden „roten“, das heißt sozialen Revolution. Außer in der negativen Bestimmung einer Abschaffung – sprich: einer Sozialisierung – des kapitalistischen Privateigentums taucht der „Kommunismus“ als ein positives Leit- oder gar Endziel weder im Manifest noch in den späteren veröffentlichten Schriften von Marx überhaupt auf. Unter den wenigen, betont kargen Umschreibungen einer höheren Gesellschaftsform findet sich allenfalls die vollkommen unanfechtbare, sehr hohe Maßstäbe setzende Formel einer „Association, worin die freie Entwicklung eines Jeden die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist“[5] – und zwar in dieser Reihenfolge, nicht umgekehrt. Die Differenz zum scharfen Antiindividualismus und eisernen Kollektivismus der Kommunisten des 20. Jahrhunderts könnte kaum größer sein.
Was die ominöse „Diktatur des Proletariats“ betrifft, so hat Marx diesen zeitgenössischen Begriff öffentlich nur einmal 1850 in einer Nachbetrachtung über die soeben blutig niedergeschlagenen revolutionären Erhebungen der Vorjahre in Frankreich und ganz Europa verwendet. Im Manifest ist stattdessen die Rede von der „Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse“, oder auch einfach von der „Erkämpfung der Demokratie“.[6] Deshalb waren er und sein (immer mitzudenkender) intellektueller Kampfgefährte Friedrich Engels mit der Selbstbezeichnung der in den 1860/70er Jahren entstehenden Arbeiterparteien als „Sozial-Demokraten“ oder Sozialisten durchaus einverstanden. Nur sollten diese bereit sein, ihre wachsende Organisationsmacht und ihre Zug um Zug, nach der Einführung des allgemeinen Männer-Stimmrechts von Wahl zu Wahl zu erkämpfende politische Hegemonie dafür zu nutzen, mittels radikaler, notfalls despotischer Eingriffe in die sakrosankten Eigentumsrechte der Grund- und Kapitalbesitzerklassen und mittels eines demokratischen Um- oder Rückbaus der staatlichen Zwangsorgane die Bastionen einer bürgerlich-feudalen Klassenherrschaft zu schleifen – um die es sich ja großteils auch nach wie vor handelte. In diesen Aufstiegs- und Machtperspektiven lagen gewiss einige Zweideutigkeiten, so wie man in der Marx’schen Geschichtsphilosophie fragwürdige Reste einer hegelianischen Geschichtsteleologie oder prometheische Allmachtsfantasien ausfindig machen kann. Aber die Züge des Eschatologischen, Apokalyptischen und Totalisierenden, die man seinen herkulischen Theorieanstrengungen und Zeitdiagnosen als solchen schon zuschreiben kann, und der fiebrige Revolutionarismus, der gleichsam seine Betriebstemperatur bildete, waren in erster Linie doch nur Ausdruck eines hypochondrisch geschärften, aber vollkommen realistischen Bewusstseins, gesamtgesellschaftlichen und weltwirtschaftlichen Umwälzungen beizuwohnen, die auf nichts weniger als einen irreversiblen Riss im Kontinuum der bisherigen menschlichen Geschichte hinauslief.
Theorie als verändernde Kraft
Plakativ gesagt, war Marx der Erste, der versucht hat, „den Kapitalismus zu denken“ – und das nicht nur als eine neuartige, in ihren Mechanismen zu analysierende moderne Wirtschaftsweise, sondern als eine sämtliche überkommenen Lebensordnungen, Welt- und Wertvorstellungen erschütternde globale Umwälzung. Aber so drastisch er die kapitalistischen Produktions- und Vergesellschaftungsformen in ihren zerstörerischen und knechtenden Wirkungen brandmarkte, so nachdrücklich erkannte er sie in ihren befreienden und Reichtum schöpfenden Potenzialen an.
So und nur so fand dieses schwierige Denkmodell eines Fortschritts in antagonistischer Form, getrieben von unversöhnlichen und womöglich unaufhebbaren inneren Widersprüchen, wie er und Engels es in einer Reihe anspruchsvoller, selten populärer Schriften entwickelt und vertreten haben, Anschluss an die aus ganz eigenen Antrieben entstehenden Sozial- und Arbeiterbewegungen ganz Europas und Amerikas (Nord wie Süd). Denn in ihnen verbanden sich ebenfalls elementare Abwehrimpulse und eine tiefe Abscheu gegen die universelle Durchsetzung kapitalistischer Waren- und Geldbeziehungen mit einem immer entschiedeneren Kampf um die Nutzung der damit eröffneten Spielräume. Diese Bestrebungen einer „Befreiung der Arbeit“ aus ihrer knechtenden, die ganze Lebenszeit und Lebensenergie aufbrauchenden Unterwerfung unter die kapitalistische Produktion und die damit untrennbar verbundenen Postulate einer demokratischen und rechtlichen Gleichstellung der Arbeiter verbanden sich in vielfacher Weise mit den Emanzipationsbestrebungen der Frauen wie der Juden oder diskriminierter Minderheiten. Alle zusammen bildeten sie ein Kernmotiv und eine Bedingung dessen, was man in einem positiven Sinn als die Heraufkunft einer (vorerst europäischen und westlichen) Moderne bezeichnen könnte.
Die demokratische Zuversicht, die sich im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der deutschen Sozialdemokratie zu der mit Abstand stärksten Partei im Deutschen Reich bis 1912 verkörperte, als sie in fast allen Großstädten und Industrierevieren 40 bis 50 % der abgegebenen Stimmen auf sich vereinte, erlaubte es ihr auch, in Fragen eines vermutlich notwendigen politischen Umsturzes eine relativ gelassene Haltung einzunehmen, die man später (etwas ironisch, aber treffend) als „revolutionären Attentismus“[7] bezeichnet hat. Das bedeutete im Klartext, wie der alte Engels es 1891 noch seiner Partei souffliert hatte, den herrschenden bürokratisch-militärischen Eliten und dem von ihnen repräsentierten Kartell der besitzenden Klassen zu sagen: „Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren!“[8] Dann würden diese Reaktionäre schon sehen, wie es mit ihrer sozialen Existenzgrundlage und Verankerung wirklich aussah.
Diese übergroße Zuversicht war allerdings auch der Hauptgrund für die Hilflosigkeit der Sozialdemokraten beim Ausbruch des Weltkriegs im Sommer 1914 – eines Krieges, dessen Radikalität und Totalität (von hier stammt ursprünglich der später so bedeutsam gewordene und umstrittene Begriff des „Totalen“ oder „Totalitären“) niemand sich bis dahin hatte vorstellen können. Er wurde zur Stunde Lenins, der sich als Theoretiker und Doktrinär bis 1914 allen querulatorischen Polemiken und sektiererischen Spaltungen zum Trotz nicht entscheidend von den übrigen Führern und Köpfen des europäischen Sozialismus unterschieden hatte – umso mehr allerdings als revolutionärer Realpolitiker und Stratege, der früh die säkulare Chance gewittert hatte, mit einer Organisation von professionellen Revolutionären „Russland aus den Angeln zu heben“. Davon hätte ohne den Weltkrieg zwar keine Rede sein können, aber als der Krieg im Sommer 1914 wie aus heiterem Himmel ausbrach, war es wieder Lenin, der mit kaltblütigem Realismus und anfangs in totaler Isolation (selbst in seiner eigenen, winzigen Parteifraktion) die Verwandlung dieses Weltkriegs in einen universalen Bürgerkrieg und in eine große, alles umstürzende Weltrevolution voraussah – so wie sie 1917/18 dann auch zur historischen Tatsache wurde. Damit veränderte sich die Perspektive, wenn nicht sogar der Begriff einer sozialistischen Umwälzung: Wer „eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet“, schrieb Lenin 1916, „der wird sie niemals erleben“. Neben Kämpfen von Fabrikarbeitern und städtischen Proletariern seien in Zukunft vielmehr zu erwarten: Aufstände unterdrückter Nationen und Nationalitäten; Angriffe halbproletarischer bäuerlicher Massen gegen Grundeigentümer, Kirchen und Klöster; Meutereien der Soldaten an den Fronten und im Hinterland gegen sämtliche angestammten Gewalten sowie Rebellionen kleinbürgerlicher Schichten mit all ihren „reaktionären Phantastereien“.[9] Mit den Letzteren waren, ohne dass Lenin es ausbuchstabierte, in Russland die Pogromisten der „Schwarzen Hundert“ angesprochen und im Westen die entstehenden, vorerst noch namenlosen „faschistischen“ Bewegungen. Die Aufgabe der wahren Revolutionäre war es, alle diese blinden, sogar reaktionären Bewegungen auf die eine oder andere Weise auszunutzen, sie wie einen Tiger zu reiten – so wie es gleichzeitig galt, die Differenzen und Konflikte zwischen den imperialistischen Mächten gründlich auszunutzen oder möglichst zu schüren. So abenteuerlich diese Politik war, deren Losung eines „revolutionären Defaitismus“ mit Kriegsgegnerschaft nicht zu verwechseln war, enthielt sie, wie sich im Weiteren zeigen sollte, Elemente eines furchterregenden Realismus.
Totalisierung durch Lenin
Vor und nach seiner Rückkehr nach Petrograd im April 1917, wo das Zarentum ohne jede Mitwirkung seiner Partei in einer großen Volksrevolution bereits zu Fall gekommen war, entwarf Lenin in einer Serie von Kriegsschriften eine Perspektive, die alle historischen Horizonte des Marxismus überschritt. Und nicht zufällig waren es gerade die berufensten Hüter eines Marx’schen Theorieerbes wie Karl Kautsky, Georgi Plechanow oder auch Rosa Luxemburg, die das konstatierten, als sie nach dem Machtstreich der Bolschewiki im Oktober/November 1917 seinen theoretischen Sozialentwurf Staat und Revolution zu Gesicht bekamen. Das hier und in einer Serie begleitender Texte entwickelte Modell eines „Kriegssozialismus“ oder „Kriegskommunismus“, der sich der Mittel und Instrumente eines despotischen „Kriegskapitalismus“ (vom allgemeinen Arbeitszwang über die Rationierung der Lebensmittel bis zur Lenkung der Gesamtproduktion) bedienen sollte, um das Fehlen aller historischen Voraussetzungen für eine sozialökonomische und kulturelle Höherentwicklung der gegebenen, vorwiegend agrarischen Gesellschaft zu kompensieren, mag man als eine apokalyptische Antwort auf die Apokalypse des Weltkriegs interpretieren. Aber tatsächlich war es ein Aufbruch zu vollkommen neuen Ufern.
Mit der Gründung der UdSSR und einer von Moskau aus geführten „Kommunistischen Internationale“ (Komintern) verlagerte sich nicht nur der geografische und geopolitische Schwerpunkt von Westen nach Osten, von Frankreich über Deutschland nach Russland und weiter nach China und Asien, sondern auch die Ratio und das reale Momentum des Handelns der Kommunisten verlagerte sich von den Fragen der sozialen Emanzipation auf Forderungen nach nationaler Befreiung. Der Kapitalismus, der mit seinen zugleich produktiven und destruktiven Kräften im Zentrum der Marx’schen Gesellschaftsanalyse gestanden hatte, nahm hier die Gestalt eines „Weltimperialismus“ an, war also primär ein externes, nur in zweiter Linie ein internes Problem der betreffenden, vorwiegend agrarischen Länder, die eher an einem Mangel an kapitalistisch-industrieller Entwicklung und sozialer Differenzierung litten.
Das bedeutete aber keine Minderung und Mäßigung, sondern im Gegenteil eine Ausdehnung und Totalisierung der Gestaltungsansprüche nach außen wie nach innen. Der von Lenin und seinen Gefährten kreierte neue „Kommunismus“ sprengte mit seiner betont unbestimmten Skala von Sozial-, National- und Weltfeinden alle vorgefundenen sozialen Strukturen und Klassengliederungen, während er gerade in diesem Feuer eines allseitigen Bürgerkriegs (das war sein Erfolgsgeheimnis) aus den herausfraktionierten, aktivistischen und ehrgeizigen Elementen aller Klassen einen neuen, zentralen Machtkörper formte. Auf diese Weise haben die Bolschewiki auf dem Boden des alten russländischen Imperiums eine Macht- und Sozialformation „neuen Typs“ geschaffen, die als östlicher Gegenpol und globaler Antagonist der Welt des (primär westlichen) Kapitalismus und Imperialismus gegenübertrat. Mittels der Komintern dehnte sie ihren Geltungsanspruch nominell auf die ganze Welt aus, die ihrerseits in revolutionäre und konterrevolutionäre Klassen, Parteien oder Staaten unterteilt wurde, während von den Türmen des Kreml ein roter Stern als eschatologisches Hoffnungszeichen den Weg wies. Und wie die Symbole des alten Sozialismus wurde das marxistische Erbe, einschließlich großer Teile des Nachlasses von Marx und Engels, mit fanatischer Entschlossenheit usurpiert, in den Moskauer Archiven gesammelt und in Katechismen gepresst, um von dieser Position aus der internationalen Sozialdemokratie als dem „inneren Hauptfeind“ der internationalen Arbeiterbewegung und „Verräterin am Marxismus“ entgegentreten zu können.
Als Handlungsanleitung, Blaupause oder Wegkarte waren die Texte von Marx und Engels in ihrer Vieldeutigkeit ohnehin nie zu gebrauchen, und schon gar nicht für ein sozialgeschichtlich so verfehltes Unternehmen wie den „Aufbau des Sozialismus“ nach den Maximen des Hausbaus: Erst das bürokratisch-diktatorische Gerüst, dann das schwerindustrielle Fundament, und irgendwann dann der Komfort und die Kultur für alle. Im Gegenteil, diese Texte der angeblichen Gründerväter waren in vielem irritierend – so für Stalin vor allem Marx’ Russland-Schriften, deren kräftig gezeichnetes Bild vom Zarentum als einem „halborientalischen Despotismus“ problematische Assoziationen wecken konnte. Und das galt gleichermaßen für seine sporadischen, aber doch substanziellen Ansätze einer Theorie der historisch ältesten, außereuropäischen, asiatischen oder „orientalischen“ Produktionsweisen und Despotien.[10]
Ohnehin konnte sich aber niemand mehr gegen die Politiken der eigenen Staats- und Parteiführer auf Marx berufen. Und so hatte es eine ganz eigene, tiefe Bedeutung, als in den 1930er Jahren der eminent belesene, aus der alten europäischen Sozialdemokratie stammende David Rjasanow und ein Großteil des Stabes des von ihm geleiteten Moskauer Marx-Engels-Instituts erst verhaftet und dann in die Erschießungskeller geschleppt wurden. Aber auch sonst braucht es kein tieferes historisches Wissen und theoretisches Verständnis, um zu erkennen, dass die Reihung der emblematischen Köpfe von Marx und Engels über Lenin und Stalin bis Mao und die Liste der theoretischen oder doktrinalen Schöpfungen – vom „Leninismus“ über den von Stalin dogmatisch fixierten „Marxismus-Leninismus“ bis hin zu den „Mao Tsetung-Ideen“ – in Wirklichkeit Akte einer jeweiligen späteren Appropriation oder auch Expropriation waren. Sie dienten vor allem der eigenen Salbung und Selbsterhöhung und repräsentierten einen jeweils eigenen Mix oder Remix von Theoriefragmenten und Doktrinen, in die naturgemäß ältere geistige Traditionen und Leitbilder einflossen, welche mit den jeweiligen nationalen und imperialen Ambitionen verbunden waren, im Falle Russlands nicht anders als im Falle Chinas, Indochinas (Vietnams) oder irgendeines anderen Landes, in dem Kommunisten zur Macht kamen – bis die ursprüngliche Marx’sche Gedankenessenz allenfalls noch in homöopathischer Verdünnung nachzuweisen war.
Chinesische Inanspruchnahme
So hat der Kompilator des kleinen „Roten Buches“ und designierte Nachfolger Maos, Lin Biao, über die „Mao Tse-tung-Ideen“ gesagt, dass sie zu 30 % europäisch und zu 70 % chinesisch seien. Allerdings waren die „europäischen“ Anteile in Wirklichkeit stalinistisch-leninistischer Provenienz. Spätere Nachforschungen haben ergeben, dass in den Mao-Werken ganze 5 % Marx-Zitate oder -Bezüge zu finden sind[11] – was kein Wunder ist, denn tatsächlich kannte Mao nach eigenem Bekenntnis von Marx so gut wie nichts, als er 1921 die Kommunistische Partei Chinas mitbegründete.[12] Und auch als er im Heerlager von Jenan zwischen 1935 und 1945 mit Hilfe theoretisch etwas besser bewanderter Ghostwriter an einer „Sinisierung des Marxismus“ arbeitete, war fast alles, was ihm an „europäischen“ Quellen zur Verfügung stand, sowjetischer Provenienz.[13]
Den originären und halbwegs vollständigen Marx hat die Welt ohnehin erst in den 1950er Jahren kennengelernt, als auch seine Pariser Frühschriften, seine Russland-Schriften und seine als Grundrisse berühmt gewordenen Vorstudien zum Kapital breit publiziert wurden, die ganz neue Begriffe wie zum Beispiel „Entfremdung“ eingeführt und neue Blicke eröffnet haben, weshalb sie im bürgerlich-demokratischen Westen intensiver, weil kontroverser gelesen und diskutiert worden sein dürften als in den Schulungskursen eines östlichen Staatssozialismus. Ob dieser originäre Marx in China überhaupt je angekommen ist, kann bezweifelt werden. Und wenn die Kommunistische Partei unter der Ägide Xi Jinpings ihm neue Statuen errichten lässt (wie 2018 in seiner Geburtsstadt Trier) und hunderte Ideologiebeamten ans Werk setzt, um einen neuen, verbindlichen „Marx-Kanon“ (Ma Zong) zu erarbeiten, analog zum „Kanon“ der konfuzianischen Klassiker, dann ist das nach außen hin vor allem die Markierung eines erweiterten Weltanspruchs, den die Volksrepublik China als aufsteigende Großmacht für sich und ihre „geistige Software“ reklamiert, die sie als einen mit Marx- und Konfuzius-Zitaten gespickten Ideologie-Hybriden unter dem Flaggschiff der „Xi Jinping-Ideen“ nun in die ganze Welt hinausschickt. Nach innen hin dürfte diese Kanonisierung dagegen eher Teil der großen Firewall gegen „schädliche westliche Ideen“ sein – als welche die Schriften von Marx, dessen Wahlspruch De omnibus dubitandum (An allem zweifeln) war, sich im Falle einer offenen Nachlektüre und freien, kontroversen Debatte auch durchaus herausstellen könnten.
[1] Gerd Koenen ist promovierte Historiker. Er forscht zur Geschichte des Kommunismus und den deutsch-sowjetischen bzw. deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert.
[2] Lenin, Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution, in: Lenin Werke (LW), Bd. 25, Berlin/DDR 1975, S. 424.
[3] Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: LW 19, S. 3.
[5] Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4, Berlin/DDR 1959, S. 482.
[6] Ebenda, S. 481.
[7] Dieter Groh, Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkriegs, Berlin 1973.
[8] Friedrich Engels, Der Sozialismus in Deutschland (1891), in: MEW 22, S. 251.
[9] Lenin: Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung [= „Sbornik Social-Demokrata“, Nr. 1, Oktober 1916]. In: LW 22, Berlin 1960, S. 363f.
[10] Als maßgebliche Zusammenstellung der Russland-Schriften noch immer tauglich die kommentierte Textsammlung: Maximilien Rubel (Hg.), Marx/Engels: Die russische Kommune, München 1972. – Marx‘ fragmentarische Ansichten über China, den Orient und die „asiatische Produktionsweise“ finden sich zusammengestellt und (problematisch) weiterentwickelt u. a. in: Karl August Wittfogel, Die orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1981.
[11] Nach Thomas Heberer, Chinesischer Sozialismus = Sozialistischer Konfuzianismus?, in: Ulrich Menzel (Hg.), Nachdenken über China, Frankfurt/M. 1991, S. 134.
[12] Vgl. Maos offenherzige Selbstbeschreibung in seinen Gesprächen mit Edgar Snow, Roter Stern über China, Frankfurt 1970, S. 196 f.
[13] From Hegel to Mao and Beyond: The Long March of Sinicizing Marxism, ed. by Jana Rošker u. a., Lubljana 2019.