Der Superproletarier - Adolf Hennecke

von Sven Felix Kellerhoff

Die Genossen hielten ihrem Helden die Treue – über den Tod hinaus: Als die Urne mit der Asche Adolf Henneckes am 4. März 1975 auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Ost-Berlin beigesetzt wurden, erwiesen ihm höchste Vertreter von Partei und Staat die letzte Ehre. Anwesend waren die Mitglieder des SED-Politbüros Werner Krolikowski und Paul Verner, die Kandidatin des Politbüros Inge Lange sowie der stellvertretende Ministerpräsident Wolfgang Rauchfuß; hinzu kamen weitere Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees der SED, mehrere Minister sowie Vertreter des Präsidiums der Volkskammer und des Staatsrates.

Ihre Trauer galt einem sorgfältig zum Helden stilisierten einfachen Mann. Der Hauer Adolf Hennecke hatte am 13. Oktober 1948 im sächsischen Bergbau-Revier fast dreimal mehr Steinkohle gefördert wie seine Arbeitsnorm ihm vorschrieb, nämlich statt der verlangten 6,3 genau 24,4 Kubikmeter. Das war rechnerisch eine Planerfüllung von 387 Prozent. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um eine gut vorbereitete Täuschung aus politischen Gründen, eine Aktion im Dienste der SED-Agitation. Für Hennecke spricht: Der zum Helden ausersehene Kumpel hatte gar kein Vorbild werden wollen.

Tatsächlich hackte Hennecke in sieben Stunden in einem Schacht des VEB „Steinkohlenwerk Karl Liebknecht“ in Lugau fast die vierfache Menge aus dem Flöz, die von jedem normalen Bergmann in jeder normalen Schicht erwartet wurde. Doch dafür standen ihm alle technischen Hilfsmittel zur Verfügung – unter anderem war gewährleistet, dass sein Presslufthammer nicht wie so oft ausfiel und dass die abgebaute Kohle rasch abtransportiert wurde. Außerdem hatte er sich tags zuvor die Stelle für seine Aktion in 616 Meter Tiefe genau ausgesucht. Vorher und danach hatte er jeweils frei. Zusätzlich bekam Hennecke eine Extraportion von 1,5 Kilogramm des in der Sowjetischen Besatzungszone strikt rationierten Fetts, drei Schachteln Zigaretten und eine Flasche Schnaps. Seine Normüberfüllung war also eine nur einmalig mögliche Ausnahmeleistung unter völlig realitätsfernen Umständen, ein reines Propagandamanöver.

Das gemachte Vorbild

Im Oktober 1948 war längst klar, dass die Effizienz der „volkseigenen“, ehemals privaten und meist entschädigungslos enteigneten Betriebe in der Sowjetischen Besatzungszone weit hinter ihren einstigen Leistungen zurückblieben. Das lag schlicht am Wirtschaftssystem und war überall im Sozialismus ähnlich. Weil die SED und ihre Aufsicht, die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, dagegen nichts tun konnten, setzten sie auf Propaganda.

Das Vorbild lieferte das Propagandamanöver des Bergmannes Alexej Stachanow, der am 31. August 1935 in einer Kohlegrube im Donezbecken in der Ostukraine während einer Schicht angeblich 102 Tonnen Kohle gehauen hatte – das 13-Fache seiner offiziellen Arbeitsnorm. Allerdings schaffte Stachanow das in Wirklichkeit nur dank sieben Zuarbeitern. Diese Inszenierung löste in der komplett von der KPdSU kontrollierten sowjetischen Gesellschaft die sogenannte Stachanow-Bewegung aus. Deren eigentliches Ziel war, im Arbeitsalltag höhere Normen durchzusetzen, was natürlich misslang.

Hennecke war als ostdeutsche Version von Alexej Stachanow ausgewählt worden, weil sich ein anderer Bergmann im selben Revier namens Franz Franik geweigert hatte, den entsprechenden Auftrag der örtlichen SED zu erfüllen. Denn er fürchtete, von seinen Kollegen als „Normbrecher“ beschimpft zu werden. Eigentlich hatte sich auch Hennecke geweigert, für so eine inszenierte Hochleistungsschicht bereitzustehen. Doch schließlich überredete ihn der Revierdirektor, ein treuer SED-Funktionär. Was er ihm dafür versprach, ist im Detail nicht bekannt.

Als Kandidat für einen „Helden des Sozialismus“ taugte Hennecke gut. Geboren 1905 als Sohn eines Bergmannes in der westfälischen Bergbaustadt Meggen, hatte er eigentlich eine Lehre als Kaufmann absolviert. Vermutlich wollte sein Vater ihm ersparen, denselben körperlich aufreibenden Beruf zu ergreifen. Doch nach einer längeren Arbeitslosigkeit 1922 bis 1924 ging Adolf Hennecke selbst untertage, zuerst in seiner Heimatregion, ab 1926 in Oelsnitz im Erzgebirge. Wie viele andere Kumpel engagierte er sich in einer Unterorganisation der KPD, überstand aber das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet – auch im Zweiten Weltkrieg brauchte die (Rüstungs-) Industrie Kohle, und Bergmänner konnten nun einmal nicht durch Frauen und auch nur zu einem geringen Anteil durch Fremdarbeiter oder Kriegsgefangene ersetzt werden. Nach dem Krieg trat Hennecke der SPD bei, nach deren Zwangsvereinigung mit der KPD im April 1946 gehörte er der neuen Staatspartei an. Als Bergmann gehörte er zu den Leistungsträgern: Hennecke war hager, ja dürr, bestand fast nur aus Muskeln, Sehnen und Knochen. Manchmal baute er die Hälfte mehr ab pro Schicht als seine Norm vorschrieb, manchmal sogar bis zu 60 Prozent – aber niemals schaffte er es auch nur entfernt in die Nähe seines inszenierten Rekordes

Für Adolf Hennecke lohnte sich die Bereitschaft zu seinem trotz aller Unterstützung extremen Einsatz am 13. Oktober 1948: Innerhalb weniger Tage kannte so gut wie jeder Mensch in der Sowjetischen Besatzungszone seinen Namen Die SED-Parteipresse lobpreiste ihn, während westliche Blätter hämisch über einen gewissen „Adolf H.“ berichteten. Ein Jahr später, direkt nach der formalen Staatswerdung der SED-Diktatur unter dem Namen Deutsche Demokratische Republik, erhielt er als einer der ersten fünf Ausgezeichneten und bezeichnenderweise als einziger Arbeiter unter ihnen den „Nationalpreis der DDR“ 1. Klasse. Zwei Jahre nach seiner Sonderschicht wurde er in das Pseudoparlament der DDR „gewählt“, die Volkskammer; er behielt diese bedeutungslose Funktion 17 Jahre lang. 1954 stieg Hennecke, der längst nur noch als Galionsfigur der Aktivistenbewegung unterwegs war, als Mitglied ins SED-Zentralkomitee auf, ab 1958 arbeitete er offiziell bei der Staatlichen Plankommission der DDR. Was und wie viel er dort wirklich tat, ist unklar.

Übrigens trat genau das ein, was Franz Franik erwartet hatte: Hennecke wurde von seinen Kollegen als „Normbrecher“ beschimpft, weil sein inszeniertes Vorbild den Bergleuten höhere Leistungen bei gleichem Lohn abverlangte. Ein Kumpel aus dem Braunkohletiefbau Dölitz bei Leipzig schrieb einen Leserbrief an das Hamburger Magazin „Der Spiegel“, der schon am 6. November 1948 unter Pseudonym veröffentlicht wurde: „Adolf Hennecke mit seiner Rekordarbeitswut hat uns armen zwangsbewirtschafteten Ostzonenhörigen gerade noch gefehlt. Dieser kommunistische Tiefbohrer gab das Startsignal für eine völlig hemmungslose Ausbeutung unserer Arbeitskraft. Wie in allen Kohlengruben der Sowjetzone, ist auch bei uns in Dölitz ein ,revolutionärer Wettbewerb‘ zur allerhöchsten Übererfüllung der sowieso hochgeschraubten Arbeitsnorm entbrannt. Sonderschicht über Sonderschicht muss gefahren werden, ohne Rücksicht auf Menschen und Material. Die Betriebsfunktionäre schwelgen in Prozentzahlen und hochprozentigem Kartoffelschnaps. Über 600 Prozent der Arbeitsnorm steht der Rekord zurzeit schon. Es fehlt nicht mehr viel, und die 1000-Prozentigen sind wieder da.“

Solche Wut führte zu Übergriffen: Das Hennecke zugeteilte Auto, damals für einen Bergmann absolut ungewöhnlich, wurde angezündet; auch die Fenster seiner Wohnung wurden eingeworfen. Im Kollegenkreis gab es nur noch Hohn und Spott für den „Helden der Arbeit“, was auch durchsickerte. Im Januar 1950 veröffentlichte die „New York Times“ eine Zusammenstellung von Witzen aus dem sowjetischen Machtbereich. Aus der DDR war folgender dabei: „Ein Musikfreund verspätete sich bei einem Leipziger Sinfoniekonzert um zwölf Minuten. Zu seinem Ärger fand er die Konzerthalle leer. Auf seine Frage nach dem Grund erhielt er die Antwort: ,Das Konzert ist bereits beendet. Adolf Hennecke dirigierte heute.‘“

Trotz dieser Redaktionen bedauerte Franz Franik seine Weigerung von 1948 und nahm sich ein Beispiel an Hennecke: 1952 ließ er sich von der Partei als Anführer der „Neuerer-Bewegung“ instrumentalisieren, die seinen Namen erhielt. Als Belohnung erhielt er ebenfalls den Nationalpreis und stieg in die Funktionärsschicht auf. Zum SED-Adel, also der Mitgliedschaft im Zentralkomitee, reichte es für Franik aber nicht.

  1. Sven Felix Kellerhoff, Leiter des Ressorts Geschichte in der Welt.