Jana Hensel „Es war einmal ein Land“
rezensiert von Joachim Goertz
Unter Journalisten und Publizisten scheint es heutzutage üblich zu sein, um die Stimmung in einem Land einzufangen, ein paar relevante Statistiken zu bemühen, eine Anzahl einfacher Leute zu befragen und schließlich noch mehrere prominente Zeitgenossen in ein Gespräch zu verwickeln.
Hatte gerade August Modersohn „In einem neuen Land“ den Zustand der BRD beschrieben, widmet sich nun Jana Hensel dem Thema mit dem Fokus Ostdeutschland und resümiert schon im Untertitel, „warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“. Mit dieser Zuspitzung erfährt sie natürlich ungleich mehr Resonanz als ihr Zeit-Kollege Modersohn. Als Hobbyhistorikern versucht sich Hensel, indem sie verschiedene Phasen der Entfremdung der Ostdeutschen von der Demokratie meint, identifizieren zu können. 2005, das Jahr, als Angela Merkel Kanzlerin wurde, nimmt sie als Zäsur wahr, vor allem aber, weil in diesem Jahr die Agenda 2010 bzw. die ersten Hartz IV-Gesetze in Kraft traten.
Weil sie als 13-jährige bei den Leipziger Montagsdemonstrationen dabei war (ob vor oder nach dem 9.Okober 1989, verrät sie uns nicht), weiß sie, dass die Demokratie vor allem im Osten an ihr Ende gekommen ist. Dem Osten hat die Demokratie nicht das gebracht, was er sich von ihr erhofft hatte.
Angela Merkel (die sogar als Rezensentin von Jana Hensels „Zonenkinder“ erinnert wird), band viele Ostdeutsche an die Demokratie, aber zugleich entfremdete sie immer mehr von ihr. „Es ist vorbei“ resümiert Jana Hensel in Bezug auf das Verhältnis der Ostdeutschen zur Demokratie.
Speziell nimmt sie die jeweiligen Kanzler in den Blick, von Kohl über Schröder, Merkel bis zu Scholz und Merz.
Allerdings scheint ihr Blick einmal getrübt: Hat Schröder gegen Stoiber 2002 nun klar oder knapp gewonnen?
In den Kapiteln des Hauptteiles nimmt sie uns mit auf eine Reise durch die ostdeutsche Seelenlandschaft von Weißwasser, Dresden, Berlin, Schwerin und Erfurt -und zu einem Abstecher nach Hamburg- zu den Radikalen (Tino Chrupalla, Maximilian Krah und dem „Vordenker“ Benedikt Kaiser), zu den Abgedrifteten (Alexander Teske, Antje Hermenau) und zu den Wehrhaften (Ulf Leisner, Manuela Schwesig, Katja Wolf).
„Der Osten tritt nach links“, so beschreibt sie die Jahre 1990 bis 2005, „der lange Weg nach rechts“, so kennzeichnet sie die Zeit von da an(Finanzkrise, Eurokrise, NSU, Migrationskrise) bis 2021.
Sie zitiert die 4 Arenen, die Steffen Mau als die Felder der politischen Auseinandersetzungen in Deutschland erkannt hat: „Oben-Unten (sozial), Außen-Innen (Migration), Wir-Sie (Identität) und Heute-Morgen (Klima)“, wobei sie die soziokulturelle Repräsentanz der Ostdeutschen als grundlegend bewertet.
Ausführlich lässt sie die oben genannten Radikalen, die Abgedrifteten und die Wehrhaften zu Wort kommen und setzt dazu ihre eigene Biographie ins Verhältnis. Das hinterlässt beim Leser manch interessante Beobachtung, trotz der Weitschweifigkeit der Darstellung. Ihre Begegnung mit Angela Merkel 2017 in Finsterwalde bleibt dabei besonders eindrücklich.
Problematisch, mindestens diskussionswürdig sind aber viele Ihrer Einschätzungen, die ihre Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Exemplarisch seien hier einige genannt: „Außerdem bindet sie (die Ostdeutschen) ihr linkes Erbe an die Demokratie.“ (Seite 98)
Sie behauptet einen Emanzipationsvorsprung des Ostens und macht das vor allem von der DDR überlieferten Frauenrechten fest. Aber auch an ihrer Religionsskepsis. Was daran fortschrittlich sein soll, erschließt sich allerdings nicht. „Die DDR war… gesellschaftspolitisch…ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts.“ (Seite 127). Da kann ich nur sagen: Das gilt wohl nur im Hinblick auf den Alkoholkonsum.
Auch wenn sie die Ostdeutschen zu verteidigen sucht „während des Krieges in (sic) der Ukraine“, wird das deutlich: „Hier wünschten sich viele Ostdeutsche bis weit hinein ins demokratische Lager einen anderen(? JG) Umgang mit Waffenlieferungen und vor allem ein größeres diplomatisches Engagement…. Brachten sie das aber zur Sprache, galten sie schnell als Putin-Freunde oder als solche, die einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg rechtfertigen, wenn nicht gar gutheißen wollten. So als müssten sie erneut beweisen, ebenfalls gleichwertige Demokraten zu sein.“ (Seite 132). Dann sind wohl Rolf Mützenich, Erich Vad, Johannes Varwick, Gabriele Krone-Schmalz, Alice Schwarzer, Richard David Precht, Peter Brandt, Michael von der Schulenburg „Haltungsostdeutsche“ im Sinne von Holger Friedrich?
Sie attestiert den Ostdeutschen, dass sie Konflikte lösen wollen, während die AfD Konflikte heraufbeschwören will. Oder aber wie es Anje Hermenau prognostiziert: „Dann wählen wir eben die AfD, bis die Schmerzen steigen. Und machen hier unser eigenes Ding“. (Seite 184). Ja, was denn nun?
Im Kapitel über Manuela Schwesig lässt Jana Hensel noch einmal die Geschichte von Nord Stream 2 Revue passieren und konstatiert: „So richtig die Kritik an Schwesig ist, so maßlos ist sie in Teilen auch.“ (Seite 209) Und dann vergleicht sie die öffentlichen Reaktionen auf Schwesig Einsatz für die Fertigstellung von Nord Stream 2 mit denen auf das von Robert Habeck vorgelegte Heizungsgesetz.
Differenzierung kommt hier freilich an ihre Grenzen. Da wundert es nicht, dass Wolfgang Thierse, der Meister der Differenzierung, ihr Gewährsmann für ihre Ängste und Befürchtungen ist , der schon im Jahr 2000 den Osten „kippen“ sieht. (Seite 49ff)
Ebenso erwartbar ist, dass Joachim Gauck in mancher Bemerkung nicht gut bei ihr wegkommt, und auch dass sie Richard Schröder nicht rezipiert (z.B. „Irrtümer über die deutsche Einheit“, 2014 und „Abschaffung der Religion“, 2009) ist bemerkenswert.
Dass Angela Merkel Thomas de Maiziere beim Demokratischen Aufbruch begegnet ist, war mir allerdings neu.
„Der Osten hätte ein feines Gespür für gesellschaftliche Fehlentwicklungen“, so und ähnlich beschreiben es Antje Riis (Podcast „Born in the GDR“), Monika Maron, Thomas Faßbender.
Jana Hensel meint, die AfD werde gewählt, nicht weil sie rechtsextrem sei, sondern obwohl sie rechtsextrem sei. Sie macht sozioökonomische Gründe dafür geltend. Und sie ruft die demokratischen Kräfte auf, die zugrundeliegenden Probleme endlich zu lösen. Wie das im konkreten aussehen soll, lässt sie allerdings nur erahnen.
Und wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung der Fehlentwicklung wirkt da die Selbstbefragung der Autorin.
Nach den Wortmeldungen von Kowalczuk „Freiheitsschock“, Marko Martin „Freiheitsaufgaben“ und Ines Geipel „Fabelland“ nun ein Appell, der ehrlich daherkommt, aber unterschwellig fragwürdige Denkschablonen transportiert und mehr Fragen aufwirft, als Lösungen verspricht.
„Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragt Herbert Grönemeyer. Wann ist ein Demokrat ein Demokrat, frage ich mich nach der Lektüre dieses aufregenden Buches.
erschienen Aufbau Verlag Berlin 2026