Landschaft ohne Zeugen Buchenwald und der Riss der Erinnerung

Vom Staatsmythos Buchenwald zum Angriff auf die Demokratie1

Von Ines Geipel

 

Kap. Die Ausgangsstory

Am 21. April 1945 war die Befreiung zehn Tage her, am 22. April elf, irgendwann ein Jahr. 1960, fünfzehn Jahre später, beschrieb der ehemalige Buchenwald-Häftling Imre Kertész den Moment der Befreiung »als wirklich große Wende« und notierte:

»Der hatte ich bisher keinerlei dramatische Funktion zugedacht, obwohl die Geschehnisse genau von diesem Punkt als retrospektivem Motiv aufgeklärt werden sollten.« Der Punkt, der zurückläuft zu dem, was der spätere Nobelpreisträger »sein vergangenes beschmutztes erniedrigtes Leben« nennen wird. Der Punkt, der nach vorn fällt, um den Rückweg vom Tod ins Leben zu gehen, als käme man von der anderen Seite der Welt. »Die Befreiung ist keine eindeutige Freude und wirft im Wesentlichen die Frage auf, ob es gut ist, ins Leben zurückzukehren«, betonte Imre Kertész.

« DDR-Generalstaatsanwalt zu Aufenthaltsermittlungen in der DDR an den Leiter der Zentralstelle, Land NRW. Betrifft: Sammelermittlungsverfahren wegen im KL Buchenwald begangener Verbrechen gegen die Menschlichkeit, 9. 4. 1965, BArch, MfS, HA IX / 11, V RHE West 67, Bd. 1.1

1Die schräg gedruckten Quellentexte sind als quasi zweite Ebene in den Autorentext eingefügt.Der Originalext enthält zudem zahlreiche Fußnoten mit Belegstellen.

Buchenwald nach dem 11. April 1945: Im Moment der Befreiung wurde das Lager vom Internationalen Lagerkomitee kontrolliert und verwaltet. Zwei Tage später übernahmen es die amerikanischen Behörden. Neben der medizinischen Versorgung der Überlebenden waren von Beginn an amerikanische Ermittlungsteams unterwegs, um Beweismittel zu sichern und die verbliebenen Häftlinge zu befragen. Die Interviews führten deutschsprachige Offiziere und Spezialisten der »Abteilung Psychologische Kriegsführung« vom Hauptquartier der 12. US-Heeresgruppe.

Am 24. April, drei Tage also nachdem die britische Crew das Lager Buchenwald in Augenschein genommen hatte, lag ein zunächst als vertraulich deklarierter »vorläufiger Bericht« der »Abteilung Psychologische Kriegsführung« vor. Nur schon die Einführung: »Die volle Wahrheit über Bu-chenwald wird niemals bekannt werden. Um sich ihr auch nur anzunähern, wäre ein großer Vernehmungsstab ebenso notwendig, wie Mittel und Wege, um die Zeugen zu schützen.« Weiter heißt es: »Es ist die Geschichte von Rädern im Getriebe. Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten. Der Bericht ist offensichtlich kontrovers.«
 

»Firmen, die im Lager Dora Aufträge ausgeführt haben: Grün und Bilfinger, Innung der Installateure und Klempner, Nordhausen, Firma Holzmann, Nordhausen, Albert Becker, Appenroda Post Ilfeld, Wernauerstraße 11 (Zimmereigeschäft, kann Dachdecker im  Ort benennen). Jeschek bei der Firma Hahn, Berlin, baut z. Zt. die Brauerei Nordhausen wieder auf, u. a. Dachdecker wissen eingehend Bescheid über sämtliche Arbeitsvorgänge und Produktion und über die eingesetzten Firmen, Bauführer Falk, Kamerad Himmler kann auf Grund von Nachforschungen im Krimderode und Niedersachsen-Werfen eingehende Ermittlungen anstellen.« Barch fS, HA IX / 11 ZM, Nr. 1625 A.265.

Glatte Wand. Tödlicher Terror innerhalb des Terrors. Ein System im System. Der Vorwurf wog schwer und teilte das Lager bereits Tage nach der Befreiung in zwei Erzählungen: Die eine handelte von einer der »heroischsten Schlachten des Antifaschismus«, die andere suchte, so der Bericht, »nach den anständigen demokratischen Elementen, denen wir in Deutschland vertrauen können«. Aufschlussreich bleibt, dass die US-Behörden sich in ihren Erstuntersuchungen besonders mit dem »komplizierten Widerstandsmuster im Lager« und weniger mit der Lager-SS befassten. Was waren die Gründe? Als die Befreier das Lager erreichten, war ihnen eine Gruppe deutscher Kommunisten entgegengetreten, die »wie vermögende Geschäftsleute« gekleidet waren. Doch nicht nur die Kleidung war auffällig. Die Amerikaner zeigten sich auch erstaunt über die Physis der exklusiven Häftlingsgruppe: »Die Deutschen hatten mehr zu rauchen und zu essen als irgend jemand sonst, voraus-gesetzt, sie gehörten zur herrschenden Partei. Selbst jetzt noch können sie vom Rest der Insassen durch ihre rosigen Wangen und ihre robuste Gesundheit unterschieden werden.«

In den Folgetagen wurde die Irritation durch die anlau-fenden Vernehmungen insbesondere zahlreicher französischer, polnischer und tschechischer Häftlinge noch bekräftigt. Die US-Vernehmer hörten ständig neue Tatvorwürfe, wie das spezielle Lagernetzwerk und die Gefangenen-Macht der deutschen Kommunisten erlebt worden waren. Anschuldigungen, die vor allem die roten Kapos unter Akutverdacht stellten. Der US-Report stellte heraus, diese Lagerelite sei »direkt für einen großen Teil der Brutalitäten verantwortlich, die in Buchenwald begangen worden sind. Nicht alle Quälereien und Tötungen gingen auf das Konto der SS-Wachleute.« Harte Anwürfe, die auf strafrechtlich relevanten Mord zielten. Aber gab es Beweise dafür?

Der April 1945, in dem sich das Lagergedächtnis von Buchenwald teilte. Ich denke an die Vierzehnjährige. Wie wir im Frühjahr 1974 oben auf dem Lagerplatz standen. Ich erinnere mich, was wir in den drei Tagen erfuhren, was unser Erstblick war. In ihm existierten keine britischen, ameri-kanischen, französischen Lager-Texte. Für uns gab es nur einen. Er handelte von deutschen Kommunisten, die von den Nazis verfolgt wurden, die nach Buchenwald ins KZ mussten, die litten, die sich heldenhaft organisiert, gekämpft, befreit und damit als Einzige Hitler besiegt hatten. Und die anderen? Wo waren sie?

Zu den kommunistischen Bollwerken in Buchenwald gehörte das Gefängnishospital. Sein Stab war fast 100-prozentig aus deutschen Kommunisten zusammengesetzt. Die Armeeuntersuchungsbeamten fanden heraus: dass Hospital-Einrichtungen zum großen Teil nur der Pflege der Kommunisten gewidmet wurden. Alle knappen Arzneien (und viele waren in Buchenwald knapp) waren kommunistischen Patienten vorbehalten. Hospital-Nahrungsmittel waren verfügbar für Partei-Mitglieder, selbst wenn es nicht unbedingt notwendig war.« Donald B. Robinson


Buchauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des S.Fischer Verlages.

2 Die schfäg gedruckten Quellentexte sind als quasi zweite Ebene in den Autorentext eingefügt.Der Originalext enthält zudem zahlreiche Fußnoten mit Belegstellen.