80 Jahre Babelsberger Filmkunst. Wie die Defa die DDR propagierte und kritisierte.
Knut Elstermann [1]
Die Dreharbeiten zum ersten Defa-Film - und damit zum ersten deutschen Nachkriegsfilm überhaupt - begannen schon am 4. Mai 1946, einige Tage vor der offiziellen Gründung der Deutschen Film-Aktiengesellschaft (Defa). Wolfgang Staudte drehte in den Trümmern Berlins "Die Mörder sind unter uns".
"Wochenschau"-Aufnahmen zeigen den enthusiastischen Regisseur bei der Arbeit am zerstörten Schlesischen Bahnhof, Menschen drängen sich aus dem übervollen Zug, darunter auch Susanne, die als Überlebende aus dem Konzentrationslager kommt. Sie wurde von Hildegard Knef gespielt, die durch diesen Film - der international als Neubeginn des deutschen Kinos wahrgenommen wurde - zum Weltstar aufstieg.
Susanne trifft in Berlin auf den Kriegsheimkehrer Hans Mertens (gespielt von Ernst Wilhelm Borchert), der von einem Vorgesetzten Rechenschaft für ein Massaker an polnischen Zivilisten fordert. Zum ersten Mal wurde in einem deutschen Film von Schuld und Verantwortung gesprochen - in einer melodramatischen, sehr emotionalen Weise, die für ein großes Publikum anschlussfähig war.
Gründung im Althoff-Atelier
Am 17. Mai 1946 trat dann im Althoff-Atelier in Potsdam-Babelsberg das Gründungskomitee der Defa zusammen, dem unter anderen der Regisseur Kurt Maetzig und der Schauspieler Hans Klering angehörten, der auch das bekannte Logo entwarf. Im eigentlichen Sitz der Gesellschaft, dem Studio Babelsberg, mussten noch Kriegsschäden beseitigt werden.
Die berühmte Stunde Null schlug für die Filmindustrie nicht so radikal, wie es heute empfunden werden mag, gerade weil personelle Kontinuitäten wohl unvermeidlich waren. Die meisten Emigranten waren noch nicht zurückgekehrt, das alte Personal arbeitete teilweise weiter. So komponierte Wolfgang Zeller, von dem die Musik zum antisemitischen Propagandafilm "Jud Süß" (1940) stammte, auch für Kurt Maetzig antifaschistisches Drama "Ehe im Schatten" (1947).
Aber inhaltlich gab es mit der Defa ohne Zweifel einen echten Neuanfang. Mit dem Welterfolg von "Die Mörder sind unter uns" begann sie eine thematische Linie, die ihre Produktion bis zum Ende prägte. Ihre antifaschistischen Filme wie "Nackt unter Wölfen" (1963), "Ich war neunzehn" (1968) und "Die Verlobte" (1980) gehören zum deutschen Kulturerbe.
International gefeierte Meisterwerke wie "Sterne" von Konrad Wolf (1959), der in Cannes ausgezeichnet wurde, oder "Jakob der Lügner" (1974), die einzige Oscar-Nominierung der DDR, thematisierten bewegend die Shoa - viel intensiver als in der offiziellen, auf den kommunistischen Widerstand konzentrierten Gedenkkultur. Ich bin mir sicher, dass meine tief verwurzelte und unerschütterliche Abneigung gegen Rechtsradikalismus in jeder Form, gegen Faschisten alter und neuer Prägung, auch mit dem frühen Einfluss dieser bedeutenden Filme zu tun hat.
Nicht alles Konsens in der DDR
Man kann und soll die antifaschistische Gründungserzählung der DDR, deren Bestandteil die Filme waren, differenziert und kritisch betrachten. Doch an der ehrlichen Überzeugung der Schöpfer dieser Werke, an ihrem aufrichtigen Bedürfnis nach einer Abrechnung mit den Nazi-Verbrechen, hege ich keinen Zweifel, dafür spricht eben auch die überzeugende künstlerische Qualität.
Es gab bei diesen Produktionen einen Konsens zwischen den Künstlern und den Kulturverantwortlichen, was keineswegs bedeutete, dass es dort immer konfliktfrei zuging. Der Film "Das Beil von Wandsbek" (1951) nach dem Roman von Arnold Zweig wurde zunächst verboten und später verstümmelt, weil er einen - von Erwin Geschonnek gespielten - Nazi-Henker in den Mittelpunkt stellte.
Ulrich Weiß' bedrückende Willi-Bredel-Verfilmung "Dein unbekannter Bruder" (1982) zeigte die Angst, die Einsamkeit und Verzweiflung von Widerstandskämpfern. Der Film durfte trotz einer Einladung nicht in Cannes laufen, weil er dem Selbstbild der SED-Funktionäre widersprach.
Es ließe sich sehr aufschlussreich eine Geschichte der DDR anhand der antifaschistischen Filme nachzeichnen, mit unterschiedlichen Sichtweisen und Funktionen in den Jahrzehnten. Diente der heroische Schluss von "Nackt unter Wölfen" auch als ideologisches Identifikationsangebot, als Vorbild für den jungen Staat und seine Bürger, gibt es in "Jakob der Lügner" keine Helden mehr, sondern ganz normale, bedrängte Menschen in höchster Not.
Zwischen Schuld und Selbsterkenntnis
In "Der Aufenthalt" (1982) nach dem autobiografischen Roman von Hermann Kant erleben wir den steinigen Weg zur Selbsterkenntnis eines jungen Wehrmachtssoldaten, der beginnt, seine eigene Schuld zu begreifen. Diese unvergesslichen Filme drehte Frank Beyer, der genau diese Veränderungen in verschiedenen Perioden wesentlich mitgeprägt hat.
Vollkommen der Parteilinie dienten Filme wie der unsägliche Zweiteiler "Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse" (1954) und "Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse" (1955) von Kurt Maetzig. Generationen von DDR-Schülern wurde das geschichtsklitternde Heldenepos gezeigt und es hat auch meine Wahrnehmung des kommunistischen Arbeiterführers und seiner Rolle in der deutschen Geschichte lange verzerrt.
Maetzig hat sich nach der Wende, auch in Gesprächen mit mir, von seinem Werk klar distanziert, nannte es "ziemlich scheußlich und ungenießbar". Es gehört zu den inneren Widersprüchen der Defa und der DDR-Kulturpolitik, dass auch ein Film des hochgeachteten Defa-Gründungsmitglieds Kurt Maetzig 1965 dem berüchtigten elften Plenum der SED zum Opfer fiel.
Steine zerschmettern das Defa-Porzellan
Sein Film "Das Kaninchen bin ich" (1965) gehörte zu jenem Jahrgang offener und sehr kritischer Gegenwartsfilme, der fast vollständig verboten wurde. Filmen wie "Karla" , "Denk bloß nicht, ich heule" (beide 1965), "Jahrgang 45" und der berühmteste der Verbotsfilme "Spur der Steine" (beide 1966) von Frank Beyer wurde die Wirkung verweigert. Sie hätten einen neuen, ehrlichen Ton in die Defa gebracht und dringend notwendige Debatten über den Zustand des Systems angestoßen und gingen in vielen Fällen wirklich an die Substanz der DDR.
Ich konnte Frank Beyer mehrmals interviewen und spürte dabei, wie sehr ihn das Verbot von "Spur der Steine" bis zum Ende seines Lebens schmerzte. Der Film war vor dem Verbot bereits einige Wochen im Kino gelaufen, bestellte Randalierer schrien ihn in den Vorführungen nieder. Das verhängnisvolle Verdikt galt bis zum Ende der Honecker-Ära 1989. Es riss eine spürbare Lücke, erzeugte eine Art Phantomschmerz und kostete die Defa viel Vertrauen beim Publikum.
Von nun an versuchte das Studio, spektakuläre Verbote zu vermeiden, heikle Stoffe schon im Vorfeld abzumildern oder zu verhindern. Vorsicht und Zurückhaltung zogen in die Dramaturgie der Defa ein. Bestimmte Tabus wie die Überwachung, die fehlende Reise- und Meinungsfreiheit, das Grenzregime galten fast bis zum Ende der DDR und wurden nur selten und dann sehr subtil unterlaufen.
Im Schatten von Paul und Paula
Nicht alle Regisseure ließen sich entmutigen. Ihnen gelangen realistische, ungeschönte Erkundungen des oft beschwerlichen DDR-Alltags, besonders in den 80er Jahren als Filme wie "Bürgschaft für ein Jahr" von Herrmann Zschoche (1981), "Bis dass der Tod euch scheidet" von Heiner Carow (1979), der einige Jahre verbotene "Jadup und Boel" von Rainer Simon und "Solo Sunny" von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase (beide 1980) in die Kinos kamen.
Besonders schön wirken noch heute die Filme des poetischen Realismus von Roland Gräf und Lothar Warneke, die mit fast dokumentarischen Mitteln leise und eindringlich menschlichen und moralischen Fragen in der DDR-Wirklichkeit nachgingen, in Filmen wie "Dr. med. Sommer II" (1970) und "Die Beunruhigung" (1981) von Lothar Warneke und "Bankett für Achilles" (1975) und "Märkische Forschungen" (1982) von Roland Gräf.
All diese Filme stehen heute im Schatten der bestens bekannten "Legende von Paul und Paula" (1973), des "Kleinen Muck" (1953) oder der "Spur der Steine". Sie sind es aber unbedingt wert, wiederentdeckt zu werden.
Sicherheit und Kontrolle
Die Defa funktionierte von Beginn an nach dem klassischen Studiosystem, mit einem festangestellten Stab, mit Dramaturgen und Regisseuren, dem großen Fundus für Kostüme und Requisiten, Werkstätten für die Maler und Stuckateure, der Schneiderei und vielen anderen Abteilungen. Das verschaffte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine soziale Sicherheit, die bei kreativen Berufen ungewöhnlich ist, schuf aber auch Strukturen der perfekten Kontrolle. Es war auch ein goldener Käfig.
Die Defa war ein hundertprozentiger Staatsbetrieb. Wer Kinofilme in der DDR drehen wollte, kam an ihr nicht vorbei. Die hervorragenden handwerklichen Fähigkeiten der Babelsberger konnten nur selten ganz ausgefahren werden, etwa in dem durchaus subversiven Science-Fiction-Film "Eolomea" (1972) oder in der aufwendigen Lion-Feuchtwanger-Verfilmung "Goya" (1971), Konrad Wolfs dramatische Reflexion über das Verhältnis von Macht und Kunst.
Die DDR war ein kleines Filmland, die Jahresproduktion pendelte sich auf etwa 16 Filme pro Jahr ein. Wobei mindestens vier bis fünf Produktionen dem Kinder- und Jugendfilm vorbehalten waren - eine beachtliche Planvorgabe. Gerade auf diesem Gebiet hat die Defa hervorragende Arbeit geleistet und manche dieser Filme nahmen sich die Freiheit, sehr ehrlich von der Lage im Lande zu erzählen.
Auch hier gibt es noch viele Schätze wiederzuentdecken: Rolf Losansky und seine Autorin Christa Kozik sprachen im Gewand des "modernen Märchens" in Filmen wie "Moritz in der Litfaßsäule" (1983) von Alkoholismus und überforderten Familien, von einsamen Kindern. "Erscheinen Pflicht" (1983) von Helmut Dziuba über die Tochter eines SED-Funktionärs, die schonungslos Privilegien und Verlogenheit hinterfragt, wurde vermutlich nur deshalb nicht verboten, weil der Autor der Vorlage, Gerhard Holtz-Baumert, Mitglied des Zentralkomitees der Partei war.
Die Schwerfälligkeit des Studiobetriebs, aber auch politische und ästhetische Vorsicht führten zu einem überwiegend konventionellen Stil, zu einem soliden Erzählkino, das auch heute noch gut ansehbare Filme hervorbrachte. Aber gelegentliche, kühne, filmische Experimente waren immer wieder möglich, die heute zu den Höhepunkten des Defa-Schaffens gehören wie die Filme "Der Dritte" (1971) oder "Die Schlüsse" (1974) vom wagemutigen und brillanten Egon Günther. Er brach herkömmliche Erzählweisen auf, verweigerte sich einem platten Realismus, hatte viele Schwierigkeiten und verließ 1978 die DDR.
"Die Defa war ein Männerbetrieb"
Einschränkungslos verehre ich die Schauspielerinnen und Schauspieler der Defa. Die meisten von ihnen hatten ihre künstlerische Heimat an den Theatern der DDR, in Berlin, Dresden oder Leipzig. Sie waren hervorragend ausgebildet, großartige Sprechkünstler und Meister der Charakterdarstellung. Schauspielerinnen und Schauspieler wie Jutta Wachowiak, Jutta Hoffmann, Dieter Mann, Hermann Beyer und Annekathrin Bürger und viele andere machten selbst mittelmäßige Filme sehenswert.
In meinem Berufsleben bin ich vielen von ihnen begegnet und war immer beeindruckt von ihrer Professionalität, ihrem künstlerischen Verantwortungsgefühl und der analytischen Klarheit, mit der sie über Jahrzehnte zurückliegende Dreharbeiten sprachen. Die Defa war ein Männerbetrieb, Frauen arbeiteten dort unter sehr günstigen Bedingungen - gerade berufstätige Mütter, Autorinnen, Dramaturginnen, Schnittmeisterinnen und Kostümbildnerinnen.
Künstlerinnen wie Barbara Braumann, die Paul und Paula einkleidete, oder Christiane Dorst, von der die wunderbaren Kostüme von "Lotte in Weimar" und "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" stammen, schufen mustergültige Arbeiten. Einige wenige Regisseurinnen wie Iris Gusner und Hannelore Unterberg drehten in Babelsberg ihre Filme, blieben aber Ausnahmen. Je höher man kam, desto weniger Frauen gab es und an der Spitze standen mit größter Selbstverständlichkeit überhaupt nur Männer. Da unterschied sich die Defa nicht von der männlichen Machtstruktur in der ganzen DDR.
Defa-Erbe bewahren
Die Defa wurde 1992 aus dem Handelsregister gestrichen, sie überstand das Ende des Landes also um zwei Jahre. Die Abwicklung ihres Betriebes war für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein bitterer, aber unvermeidlicher Prozess. Eine Filmproduktion mit am Ende etwa 2.000 Festangestellten hätte wohl keine Chance auf dem bundesdeutschen Markt und im Fördersystem gehabt. Aber den entlassenen Defa-Künstlern noch Sätze wie "Defa stinkt" und "Defa-Filme waren furchtbar" hinterherzuwerfen, zeugt von schlichter Ignoranz.
Der zur Spontanität neigende Volker Schlöndorff - von 1992 bis 1997 Geschäftsführer der Studios Babelsberg - hat diese Sätze später teilweise zurückgenommen, doch vermutlich drückte er nur offen aus, was viele der neuen Herren in Babelsberg dachten. Eine differenzierte Beschäftigung mit diesem Erbe sieht anders aus.
Dabei ist die Defa-Geschichte heute so gut zugänglich wie kaum ein anderer Abschnitt der deutschen Filmgeschichte. Dank der Defa-Stiftung, die 1998 zur Bewahrung und Verbreitung des Defa-Erbes gegründet wurde, findet mit Publikationen, Symposien und Filmreihen eine systematische, kritische und produktive Auseinandersetzung statt, deren Ergebnisse inzwischen auch weltweit nachgefragt werden. Dazu ist die Sicherung der zum Teil sehr alten Kopien ebenso notwendig wie ihre digitale Aufarbeitung, denn nur diese sogenannten "Digitalisate" können überall gezeigt werden.
Im Jahr 2019 wurde das auf zehn Jahre angelegte "Förderprogramm Filmerbe" von Bund, Ländern und der Filmförderungsanstalt (FFA) beschlossen. Alle deutschen Filmerbe-Institutionen konnten Mittel beantragen, um die dringende Digitalisierung von Filmwerken aus allen Jahrzehnten der Filmkunst durchzuführen. Pro Jahr sollten zehn Millionen Euro für dieses Programm bereitgestellt werden. Noch unter der Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) begann die Kürzung, woraufhin auch die FFA und die Länder mit ihren Anteilen heruntergingen, sechs Bundesländer stiegen ganz aus. Insgesamt wurde das Fördervolumen von zehn Millionen Euro auf rund fünf Millionen pro Jahr halbiert, 2028 soll das Programm ganz auslaufen.
Vom gesamten deutschen Filmerbe gelten inzwischen rund sieben Prozent als digital gesichert, beim Defa-Filmerbe sind es etwa zwanzig Prozent. Stefanie Eckert, Vorstand der Defa-Stiftung, will keineswegs alle Defa-Filme digitalisieren: Nicht alle seien es wert, wie sie mir sagte. Nach ihrer Schätzung müsste das Digitalisierungsprogramm aber noch mindestens zehn Jahre laufen: "Wir möchten ein vielfältiges Angebot über alle Jahrzehnte, alle Filmarten und alle Stilrichtungen anbieten. Die bereits beschädigten und sich zersetzenden Materialien müssen konservatorisch aufgearbeitet und digital gesichert werden. Die ältesten Defa-Filme sind nunmehr achtzig Jahre alt. Mit diesem digitalisierten Erbe können wir kluge Reihen im Kino, online, im Fernsehen und auf Festivals kuratieren."
Bei solchen Anlässen erweisen sich die Defa-Filme immer wieder als eine gute Grundlage, um gemeinsam über die DDR nachzudenken, mit all dem, was sie uns über dieses verschwundene Land zu sagen haben, aber auch mit dem, was sie uns verschweigen.
[1]Knut Elstermann, Filmjournalist, v.a. RBB