Trügerische Botschaften - kommunistische Mythen
HuG 26/2 Editorial
von Martin Böttger und Christian Booß
Ausgerechnet in Eisenach am Fuße der Lutherburg liegt eine wichtige kirchliche Einrichung in der Ernst-Thälmann-Straße. Besser kann man die Widersprüche der Neuzeit nicht abbilden. Atheismus trifft auf Protestantismus. Auch die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin hatte lange ihren Sitz an der Karl-Liebknecht-Straße, davor ein optimistisch in die Zukunft weisender Proletarier aus Bronze. Und in Schwerin tobt derzeit der Streit um Lenin. Die einen wollen ihn auf den Schrotthaufen der Geschichte entsorgen, andere erhalten.
Die Halbgötter der kommunistischen Bewegung waren umstritten, spätestens als es mit dem Kommunismus abwärts ging. Vieles wurde eliminiert, Straßen meist rückbenannt. Nicht immer glücklich. Von Knipprode war ein fürchterlicher Deutschritter, der Jagd auf Lithauer machte. Artur Becker, nach dem die Straße vorher hieß, ein Kommunist, der im Spanischen Bürgerkrieg vermutlich von Stalinisten ermordet wurde. Wer war wohl der Bessere von Beiden? Trotz zahlreicher Umbennungen und Denkmal-Schleifungen sind jedoch viele Namen geblieben, manche Orte sind länger geblieben, wie die Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals.
Um nicht falsch verstanden zu werden. Es geht nicht um dumpfe Bilderstürmerei. Nach 1989 sollte die Mauer komplett verschwinden, heute sind wir froh, dass einige Betonteile erhalten sind. Aber es gibt eben daneben auch die Mauergedenkstätte, mir ihren vielen aufklärerischen Facetten. Aber wo sind diese angesichts der Thälmann- und Liebknechtstraßen? Jahrelang existierte in Strausberg eine Peter-Göringstraße, zum Gedenken an einen angeblich aus dem Westen ermordeten DDR-Grenzsoldaten. Dass er durch einen Querschläger der eigenen Leute umgekommen war, und vorher entgegen einer Weisung einen minderjährigen Flüchtling erschossen hatte. wollten viele in Strausberg lange nicht wahrhaben. Sie glaubten an den Göring-Mythos. Bei anfassbaren Resten der kommunistischen Mythen bekommt man physisch einen Anstoß, sich auseinander zu setzen. Aber wie sieht es mit dem immateriellen Mythen aus? Dem Friedensstaat DDR. Den Freunden, mit denen man lernend siegen kann.
Die atheistischen kommunistischen Parteien schufen eine Art Ersatzreligion mit Glaubensätzen, Legenden und Heiligen. Walter Ulbricht formulierte 10 Gebote der sozialistischen Moral. Warum Gebote, warum waren es ausgrechnet 10? Der Kommunismus kam nie ohne Mythen aus. Sie hatten mit der Wirklichkeit oft wenig gemein, schlossen die Lücke zwischen der kruden Realität und dem ideologischen Anspruch. Aber ganz ohne Realitätsbezug hat ein kreierter Mythos kaum eine Chance, erfolgreich zu sein. Auf dem Papier waren manche Rechte der Frauen in der DDR großzügiger als gleichzeitig in der Bundesrepublik. Aber an die Spitze ließ man dennoch nur wenige und Sexismus war gerade auch beim alkoholschwangeren Umtrunk am internationalen Frauentag Alltag. Das der Wirtschaft verordnete Überholen statt einzuholen dagegen, glaubte von Anfang an keiner.
Mythen sind nicht nur etwas Schlechtes. In antiken Zeiten versuchten sich die Menschen mit Göttergeschichten, Naturereignisse zu erklären. Irgendwann kollidierten religiöse Mythen aber mit dem Rationalismus von Renaissance und Aufklärung. Mythen sind auch aber nicht nur ein Phänomen des Kommunismus. Auch im Westen halten Mythen heterogene Gesellschaften zusammen. Bisher wenigstens. Die USA halten sich immer noch für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und haben ihren way of life. Die Briten halten mit dem Common Wealth immer noch an ihrem Empire fest. Und Deutschland? Bzw. die Bundesrepublik? Sie hatte ihr Wirtschaftswunder, die Westintegration, ihr Tor von Bern und das Sommermärchen, in Abgrenzung den 17.Juni, die Wiedervereinigung. Die Westlichen Mythen stimmen auch nicht 1:1, aber sie sind nicht ganz so verlogen wie die kommunistischen, die sich die Realität zurecht biegen, weil sie nicht wirklich stimmen. Aber was passiert, wenn sie auf einmal weg sind? Sind sie dann wirklich weg? Es stellt sich die Frage: Welche Wirkung hat es, wenn Menschen jahrzehntelang mit solchen Mythen aufgewachsen sind? Leben sie immer noch in Blasen? Oder glauben sie an gar nichts mehr?
Putin hat es vorgemacht und den Mythos vom großen Vaterländischen Krieg wiederaufleben lassen, um seine Bevölkerung gegen die Ukraine zu mobilisieren. Dass die UdSSR damals nur gewinnen konnte, weil die USA sie aufrüsteten und Hitler-Deutschland von Westen her angriffen; dass Stalin keineswegs ein genialer Feldherr war, sondern viele Fehlentscheidungen traf; dass nicht nur wegen der Nazis so viele Sowjetbürger starben, sondern auch wegen einer Kriegsführung, die das Leben der eigenen Soldaten - wie heute - egal ist, hat Putin für sein Volk weggeblendet. Der Mythos ist umgelenkt, aber er lebt weiter.
Unsere Zusammenschau ist keineswegs vollständig. Erst bei der Zusammenstellung des Schwerpunkte wurde uns bewusst, wie viele derar ideologisch aufgeblasene Geschichten es gibt. Die SED hat eine Art Ersatzrealität kreiert, die vom Kind im Buchenwald bis zum Megabytechip reicht.
Zu den Themen im Einzelnen:
Der Kopf ist ab. Mit dem Ende des Kommunismus wurden fast überall im sowjetischen Imperium Lenin-Denkmäler geschleift. Auch in der ehemaligen DDR. Manche blieben. Z. B. In Schwerin. (Felix Ludwig/André Rohloff)
Ideologisch berief sich die SED auf den Marxismus-Leninismus. Was jeweils gelehrt wurde, hatte oft wenig mit den Urvätern zu tun. (Gerd Koenen)
Der Ukrainer Yermolowski plädiert angesichts der Bedrohungen der Demokratie heute für einen westlichen Mythos. Wirtklichkeitsvernebelung oder realistischer Ansporn?
Die Liedzeile “die Partei hat immer recht” glaubten nur wenige Verbissene. Als öffentliches Ritual hatte sie bald ausgedint, wie Stefan Wolle schreibt.
Viele Kommunisten waren geflohen, eingesperrt, getötet worden. Dass die Kommunisten mit zu den ersten gehörten, die die Nazis unerbittlich verfolgten, ist unbestritten. Dass sie auf dem Antifaschismus ihren Staat gründeten, ist verständlich. Aber wie sie Verfolgtengruppen wie die Juden weitgehend ausblendeten, dominierten in der DDR die Kommunisten die Politik. Jefry Herf schildert am Fall des Kommunisten Paul Merker, wie die SED den Holocaust “verdrängte”. Der Roman "Nackt unter Wölfen" berührt schriftlich wie als Film. Die wirkliche Geschichte von Jerzy im KZ Buchwald verlief anders, wie Sonja Combe nachzeichnet. Auch die neueste Pubikation von Ines Geipel setzt sich mit dem Buchenwald-Mythos auseinander.
Junkerland in Bauernhand lautete der Slogan, der deutlich machern sollte, dass die DDR nicht nur ein Arbeiter- sondern auch ein Bauernstaat ist. Doch die Enteignung des Großgrundbesitzes führte langfristig keineswegs zu bäuerlichem Eigentum, dem Kyritzer Denkmal zum Trotz. (Arndt Bauerkämper)
Die SED zog ihre Traditionslinie bis hin zum Bauernkrieg. Der von ihr verehrte Aufrührer Thoma Müntzer hätte in der DDR sicher sofort Ärger mit der Stasi bekommen.
Die Partei der Jugend war nicht für die Jugend da, sondern hoffte die nachwachsende Generation in ihrem Sinne zu prägen.
Der Versuch in der Wirtschaft, den Westen zu überholen statt einzuholen, war nicht erfolgreich. Dafür setzte man die ganze Kraft darein, dieses Ziel im Sport zu erzielen. (Jutta Braun)
Die Volkspolizei war zu Beginn der DDR das wichtigste Machtinstrument der SED-Herrschaft. Doch es gab auch immer Tendenzen zur Volksnähe. Wirklich ineins mit dem Volk war sie erst 1989. (Thomas Lindenberger)
Durch die Herbstrevolution entstand der Eindruck, dass die DDR-Bevölkerung gegen ihren Staat war. Anke Giesen beobachtete Anderes.
Die DDR war stolz auf ihre Kulturförderung. Die Gehätschelten überschätzten ihre Rolle, wie Stefan Wolle in Anlehnung an einen Roman von Christoph Hein meint.
Die ostdeutsche Traumfabrik in Babelsberg diente sicher auch propagandistischen Zielen. Aber die künstlerische Professionalität der Filmteams sprengte den Rahmen, so dass der DEFA-Mythos die "Wende" überlebte. (Knut Elstermann)
Nur eingefleischte Systemanhänger glaubten, dass der Mauerbau 1961 Faschisten abwehren sollte. (Thomas Flemming)
Die Arbeitermiliz sollte den SED-Staat schützen. Als es 1989 zum Schwur kam, blieb die Arbeiterklasse zu Hause. (Andreas Vennewald)
Der Versuch der SED ihrer Bevölkerung eine nationale Identität zu verpassen, scheiterte im Halbstaat. (Gerd Dietrich)
Die DDR-Wirtschaft kam nur mit Schwierigkeiten in Gang. Die Werktätigen sollten das durch eine erhöhte Arbeitsleistung wettmachen. Adolf Hennecke wurde als Vorbild aufgebaut. (Sven Felix Kellerhoff) Weil es in der Wirtschaft nicht funktionierte, den Westen zu überholen, ohne einzuholen, wollte die SED wenigstens im Sport vorne sein. Bei den Methoden zur Leistungssteigerung war man nicht zimperlich. (Braun)
Es gab auch Alltagsmythen in der DDR, deren Herkunft unbekannt ist. Wie zum Beispiel beim Wartburg. Wundersam auch, dass die SED das Symbol des bürgerlichen Nationalismus und Protestantismus als Namen für ein Automobil zuliess.(Lindner-Elsner)
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte es die SED geschworen....Die Parteigründer der historischen Vorläuferpartei KPD wurde auf Podest gehoben, auch heute noch von der Folgepartei Die Linke. Der Kampf der beiden gegen den ersten Weltkrieg ist sicher höchst respektabel, die Ermordung der beiden durch rechte Paramilitärs durch nichts zu rechtfertigen. Allerdings haben sie der beginnenden Demokratie in Deutschland keinen Dienst verweisen, wie Manfred Scharrer nachzeichnet.
Manche kommunistische Vorfahren wurden als Helden verehrt, fast vergöttert. Ernst Thälmann war zweifelsohne ein Opfer der Nazis, irgendwie auch von Stalin, der nichts unternahm, Thälmann bei Hitler aus Buchenwald zu retten. Aber als KPD-Führer war Thälmann ein Stalinist und korrupt obendrein. Man fragt sich, worauf sie die Thälmann-Straßen beziehen.
Stalin lebt. Wieder. Tausender Toten zum Trotz ist das Thema Stalin nicht erledigt. (Matthias Uhl)
Marx hat die Welt verändert, jetzt ist der Streit um sein Erbe im Kiez gelandet. (Detlef Krenz)
Nicht zuletzt dank der Initiative von Memorial Deutschland ist die Diskussion um die Gestaltung des sowjetischen Mahnmales in Berlin Treptow entbrannt. Drei Positionen zum Thema (Memorial, Bündnis90/die Grünen; SPD)
Was noch?
In Leipzig hat sich der Streit um die Stasi-Gedenkstätte "Runde Ecke" neu zugespitzt. Erst ging es um Personalien jetzt um die traditionelle Ausstellung. Was dort manche als Fortschritt betrachten, sehen anderere nur mit Sorge.
Rezensionen zu Jana Hensel, u.a.
Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Die Dialektik der Aufklärung.