Die Erfindung der sozialistischen Nation DDR
Im neuen SED-Programm von 1963 stand nicht mehr die gesamtdeutsche Problematik im Vordergrund, sondern die sozialistische Entwicklungsperspektive. Zwar hielt man an der Idee der Konföderation fest, aber betonte, dass diese die Souveränität und Gleichberechtigung beider Staaten voraussetze. In einem Nationalen Dokument (1962) wurde die DDR zum einzig rechtmäßigen deutschen Staat erklärt und im Parteiprogramm war von der nationalen Mission der DDR die Rede. Doch die Haltung der SED-Führung in der nationalen Frage war ambivalent. Die Konstellation zwischen Verteidigern und Gegnern eines Kurses auf Wiedervereinigung blieb einige Jahre offen. „Charakteristisch für die zeitweilige Pattsituation ist der VII. Parteitag der SED 1967. Während die Gruppe um Erich Honecker die Verabschiedung der Konföderationsidee und erste Elemente eines Abgrenzungskurses durchsetzen, bringt Walter Ulbricht noch einmal seine gesamtdeutsche Vision zum Tragen, wonach die Arbeiterklasse vereinigen würde, was der Imperialismus gespalten habe. Der Parteitag erteilte beiden, sich eigentlich ausschließenden Orientierungen seine Zustimmung. Die durch Volksabstimmung bestätigte neue DDR-Verfassung von 1968 ist in ihren deutschlandpolitischen Aussagen gleichfalls ambivalent.“[3]
In den Sechzigern folgte die SED der These von den zwei Staaten in einer Nation. Sie fand ihren letzten Niederschlag in der Verfassung von 1968, in der die DDR als sozialistischer Staat deutscher Nation definiert wurde. „Die SED suchte ihre Legitimation also in einer Mischung aus gesamtdeutsch nationalistischer und eigenständig sozialistischer Zielsetzung, aus Kultur- und staatsnationaler Propaganda und Praxis“.[4] Dagegen gab es neuere Aussagen, die den Schluss nahelegten, die nationale Frage sei entschieden, wenn die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse ihre eigene Staatlichkeit geschaffen haben. Damit deutete sich ein Wandlungsprozess im offiziellen nationalen Verständnis an und die Jahre 1968 bis 1970 zeigten ein widersprüchliches Bild.
In Zugzwang geriet die SED-Führung nach dem Machtwechsel in Bonn 1969. Die neue Ostpolitik Willy Brandts beruhte auf der Formel „Wandel durch Annäherung“, die Egon Bahr schon 1963 geprägt hatte. Und welche Hoffnungen viele Menschen in der DDR in den neuen Bundeskanzler setzten, wurde schon in dem Empfang deutlich, den sie ihm im März 1970 in Erfurt bereiteten. Als am 12. August 1970 der Moskauer Vertrag unterzeichnet wurde, gelang der Bundesregierung der Durchbruch.
Schon im Januar 1970 reagierte Ulbricht auf die neue Situation, als er auf einer Pressekonferenz von der Verfassung abwich und die DDR zum „sozialistischen deutschen Nationalstaat“ erklärte.[5] In diesem Begriff war das Primat der Nation gegenüber dem sozialistischen Staat aufgehoben. Im Frühjahr 1970 arbeitete eine Arbeitsgruppe unter Leitung Kurt Hagers ein internes Papier zur nationalen Frage aus, worin, wie schon intern 1961/62, die Auffassung formuliert wurde, dass in der DDR die sozialistische Nation Gestalt annehme. Und Ulbricht bestätigte im Januar 1971, dass sich die DDR „zum sozialistischen deutschen Nationalstaat entwickelt hat“, der sich „als selbständiger, souveräner Staat vom NATO-Staat der Bundesrepublik“ abgrenzt.[6] Nicht Honecker also leitete den Paradigmenwechsel in der nationalen Frage ein, sondern Ulbricht selbst. Freilich entschied man, nach Konsultation mit der KPdSU-Führung im Februar 1971, das neue Nationskonzept in den Bericht an den VIII. Parteitag der SED einfließen zu lassen, um auch in dieser Frage Ulbricht das Heft aus der Hand zu nehmen.
Erst mit dem von Honecker vorgetragenen Rechenschaftsbericht wurde im Juni 1971 der offizielle Startschuss zur Propagierung des nationalen Paradigmenwechsels gegeben. Dort sagte er lapidar: „Was die nationale Frage betrifft, so hat hierüber bereits die Geschichte entschieden“.[7] Hermann Axen, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK für internationale Verbindungen, übernahm die „Verantwortung für diese Position in der nationalen Frage“ im positiven wie im negativen Sinne, wie er später aussagte.[8] Und Honecker verkündete auf dem Parteitag: „Im Gegensatz zur BRD, wo die bürgerliche Nation fortbesteht und wo die nationale Frage durch den unversöhnlichen Klassenwiderspruch zwischen Bourgeoisie und den werktätigen Massen bestimmt wird ... entwickelt sich bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik, im sozialistischen deutschen Staat, die sozialistische Nation“.[9]
Zweifellos ging es auch um eine realistische Einschätzung der Lage. Der Abschied von den Wiedervereinigungsvorstellungen der fünfziger und sechziger Jahre lag ebenso im Interesse der Entspannungspolitik wie die Normalisierung der Beziehungen zwischen BRD und DDR im Jahre 1972. Eine Position von der Nation auf zwei unterschiedlichen Entwicklungsstufen, bestehend aus zwei Staatsvölkern, wie sie Anfang der sechziger Jahre formuliert worden war, hätte auch weiter eine tragfähige Grundlage geben können.[10] Aber stattdessen kam es zu einem radikalen Positionswechsel. Es ist also nach den Hintergründen und Rahmenbedingungen für diesen radikalen Einschnitt zu fragen. Sechs Aspekte wären zu benennen:[11]
Erstens war der SED-Führung klar geworden, dass ihr gesamtdeutscher Anspruch nicht zu realisieren war. Die erhoffte und erwartete Ausstrahlungskraft der DDR auf den Westen war weitgehend ausgeblieben. Es gelang nicht, die BRD auf dem Felde des Lebensstandards einzuholen. Im Gegenteil, die DDR geriet in größeren Rückstand. Der Bau der Mauer war das erste und einschneidendste Eingeständnis dieses Misserfolgs. 1966 war auch der Versuch der SED-Führung gescheitert, in einen Redneraustausch mit der SPD einzutreten, nicht ohne internes Gegensteuern durch die KPdSU. 1970 wurde L.I. Breschnew noch deutlicher, der die DDR als „unsere gemeinsame Sache“ bezeichnete. Es „kann und darf zu keinem Prozess der Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen.“[12]
Zweitens wurde im Zusammenhang mit der sozialistischen Integration im Ostblock der Sonderstatus der DDR als Teil einer Nation obsolet. Die Breschnew-Doktrin strebte eine engere Verklammerung der sozialistischen Staaten an. Mit dem Komplexprogramm, das der RGW im Juli 1971 beschloss, war von der Annäherung und dem Aufblühen der sozialistischen Nationen auf der Grundlage des sozialistischen Internationalismus die Rede. Diese Vorstellungen setzten grundsätzlich eine nationale und soziale Gleichartigkeit der Partner voraus. Integrieren könnten sich nur selbstständige Nationen und Staaten. Diese Positionen kollidierten zwangsläufig mit dem bisherigen nationalen Sonderstatus der DDR.
Drittens war die Umorientierung wesentlich von den neuen Tendenzen in den internationalen Beziehungen beeinflusst. Seit 1966 liefen jene Prozesse, die zur KSZE, zu den Helsinki-Beschlüssen von 1975 führten. Ein Stimmungswechsel des Auslands zur deutschen Frage bahnte sich an. Eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten wurde aktuell. Die Politik der DDR-Staatsführung richtete sich in dieser Situation auf den Punkt der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR. Zugleich sollten nach den sowjetischen Vorstellungen von Entspannung und friedlicher Koexistenz eindeutige Linien gezogen werden: hier sozialistische Nationen, dort kapitalistische Nationen.
Viertens: In akuten Zugzwang geriet die SED-Führung in dem Moment, als im Herbst 1969 die BRD den bisherigen Alleinvertretungsanspruch regierungsoffiziell aufgab. Nun hieß es aus Bonn, dass in Deutschland zwei selbständige Staaten existieren. Damit war die deutsche Frage gleichsam von der staatlichen auf die nationale Ebene verlagert worden. Die Nation erschien nun in der Politik der Bundesregierung als das verbindende und überwölbende Dach, womit Zusammenhalt und Gemeinsamkeit der Deutschen gewährleistet werden sollten. Mit der Anerkennung von zwei deutschen Staaten hatte die Bundesregierung gewissermaßen eine Offensivposition gewonnen. Dagegen war die Zwei-Nationen-These im Grunde eine Defensivreaktion.
Fünftens ist nicht zu vergessen, dass sich diese Politik des nationalen Positionswechsels auch auf bestimmte veränderte Realitäten in der DDR selbst stützen konnte. Erinnert sei an den Wohlstandschub der vorangegangenen Jahre und die anfängliche Akzeptanz der Politik Honeckers. Soziologische Untersuchungen hatten der SED-Führung zudem bestätigt, dass sich von den sechziger bis in die beginnenden achtziger Jahre große Teile der Bevölkerung mit Gesellschaft und Staat doch irgendwie identifizierten oder zumindest arrangierten. Schließlich war auch von westlichen Beobachtern artikuliert worden, dass sich so etwas wie eine eigene DDR-Identität herauszubilden begann.
Sechstens weist die Frage nach Identität und Staatsbewusstsein auf das Legitimitätsdefizit der DDR hin. In diesem Sinne wurde die nationale Frage vor allem zu einem innergesellschaftlichen Problem. Sie war kein Problem der Außenpolitik mehr, weder nach Osten noch nach Westen. Mit Formulierungen wie sozialistische Nation, sozialistisches Vaterland, sozialistische Heimat oder „unsere Republik“ wollte die SED-Führung der Bevölkerung eine eigene Identität anbieten und versuchte, ein spezifisches DDR-Nationalbewusstsein als Legitimationshilfe aufzubauen.
Die nationalen Positionen, die die SED-Führung seit dem VIII. Parteitag vertrat, enthielten also zumindest drei Geburtsfehler: Zum einen war die Zwei-Nationen-These ein absolutes und überzogenes Fazit aus der bisherigen Nationalentwicklung, eine gewisse Verwechslung von Staat und Nation und der Versuch, die politischen Verhältnisse zu zementieren. Zum zweiten war der Paradigmenwechsel gänzlich der Logik einer unfruchtbaren Abgrenzungsstrategie geschuldet. Die zugespitzte Politik der Abschottung gegenüber der BRD verdrängte historisch bedingte nationale Gemeinsamkeiten und mündetet in eine Absage an das Weiterbestehen der deutschen Nation überhaupt. Zum dritten wurden die bisherigen Entscheidungen zu endgültigen erklärt, mögliche künftige Lageveränderungen aus den strategischen Überlegungen ausgeschlossen. Ein wissenschaftliches, den Realitäten entsprechendes Konzept des Entstehens von zwei Nationen lag nicht vor.[13]
Im Ganzen war die Situation 1970/71 geradezu paradox, für den einfachen Bürger schwer verständlich. In dem Augenblick, als die BRD endlich die alte These der DDR von den zwei Staaten in einer Nation anerkannte, rückte die SED von ihr ab. Nachdem der Westen zwanzig Jahre die Existenz der DDR geleugnet hatte, fürchtete man sich nun im Osten vor den Konsequenzen der bisher vertretenen Position. Zwanzig Jahre hatte die DDR-Führung anscheinend eine aktive Deutschlandpolitik betrieben, als die neue Bundesregierung darauf einging, zog man sich zurück. Um dieser flexiblen Position begegnen zu können, stellte die SED-Führung gleich generell die Fortexistenz der deutschen Nation in Frage.
Zum „Nations-Theoretiker“ der SED-Führung gerierte sich Hermann Axen, zumeist als Außenpolitiker bekannt. Auch damit sollte wohl die Nachordnung des Nationalen zum Ausdruck gebracht werden. Sein Vortrag „Der VIII. Parteitag der SED über die Entwicklung der sozialistischen Nation in der DDR“ vom 7. Juni 1973 wurde als Broschüre und Schulungsmaterial massenhaft vertrieben. Hierin legte er apodiktisch und thesenhaft seine Auffassung dar, „dass über die nationale Frage die Geschichte bereits entschieden habe“. Der „nationalistischen Demagogie“ der BRD sagte Axen dem Kampf an: „Die Herausbildung der sozialistischen Nation in der DDR bedeutet eine völlig neue Qualität nationaler Entwicklung auf deutschem Boden. Die ausschlaggebenden ökonomischen, klassenmäßigen und politischen Grundlagen für die Entwicklung der sozialistischen Nation in der DDR schließen jedwede ‚Annäherung‘ oder ‚Gemeinsamkeit‘ mit der sozial entgegengesetzten kapitalistischen Nation in der BRD aus“. Massiv argumentierte er gegen die These vom Fortbestand der Einheit der deutschen Nation, die er als gegen die DDR „gerichtete spezifische Variante des bürgerlichen Nationalismus“ abservierte; sie sei „ein pseudotheoretisches Konzept mit neorevanchistischer, konterrevolutionärer Zielstellung“.[14]
Um der westdeutschen These von den nationalen Gemeinsamkeiten zu begegnen, legten SED-Politik, Agitation und Propaganda in dieser Zeit alles darauf an, die Gegensätze zwischen DDR und BRD voll auf das nationale Thema durchschlagen zu lassen. Dabei missachtete man weitgehend diese Gemeinsamkeiten in der Kultur und Sprache, in den Sitten, Gebräuchen und Lebensgewohnheiten oder im geschichtlichen Erbe. Eilig war die SED-Führung weiterhin bemüht, die Vokabel deutsch aus dem offiziellen Sprachgebrauch zu tilgen. Zahlreiche Organisationen wurden umbenannt, deutsch durch DDR ersetzt. Sogar das Wort Deutschland verschwand aus Meyers Neuem Lexikon, DDR-Ausgabe. In der DDR lebten schlechthin keine Deutschen mehr, sondern DDR-Bürger. Aus den Rundfunkprogrammen wurde Unterhaltungsmusik mit westlichen Namen suspendiert. Selbst aus den Katalogen des Versandhauses „Konsument“ waren Artikel mit westlichen Modellbezeichnungen zu entfernen.
Den Begriff „sozialistische deutsche Nation“ wird man in dieser Phase in offiziellen Reden von DDR-Politikern nicht finden. Das „deutsche“ wird einfach weggelassen. Stattdessen wurde auf einen Internationalismus, auf die Annäherung der sozialistischen Nationen als Gegenmittel zu gesamtdeutschem Denken gesetzt. Die stärkere Einbindung der DDR in den Ostblock sollte nationales Denken gleichsam substituieren. Praktisch-politisch flankiert waren diese Bestrebungen von der Öffnung der DDR-Grenze nach Osten und Südosten durch den pass- und visa-freien Reiseverkehr mit Polen ab 1. Januar 1972, mit der ČSSR ab 15. Januar 1972 und mit Rumänien ab 2. April 1972.
Am Ende aller Sprachregelungen stand die unheilvolle und überfallartig veranstaltete Änderung der DDR-Verfassung im Herbst 1974, aus der jeder nationale Bezug, jeder Bezug auf Deutschland, getilgt wurde. Sechs Jahre zuvor erst hatte man in der Präambel die Verantwortung verankert, der ganzen deutschen Nation den Weg zu weisen. Das wurde durch die Formulierung ersetzt: Das Volk der DDR hat „sein Recht auf sozialökonomische, staatliche und nationale Selbstbestimmung verwirklicht“. Zuvor war die DDR in Artikel 1: ein sozialistischer Staat deutscher Nation. Nun verkündete Artikel 1, dass die DDR „ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“ sei. Noch weiterreichend als die Substitution des Wortes deutsch schien die Fixierung der Anbindung der DDR an die Sowjetunion. Da stand nun in Artikel 6, dass die DDR für immer und unwiderruflich mit der UdSSR verbündet sei. 1968 war demgegenüber nur von der Pflege allseitiger Hilfe und Freundschaft die Rede. Auch die Verpflichtung aus Artikel 8, für ein vereintes Deutschland zu wirken, wurde gestrichen und durch den Verzicht auf einen Eroberungskrieg ersetzt.
Die neue nationale Doktrin der SED-Führung stieß im Ausland, in West wie Ost, zumeist auf Unverständnis. Selbst innerhalb der SED gab es beträchtlichen Widerstand. „Vor allem seit 1973 häufen sich die Parteiverfahren gegen Mitglieder, die in ihren Vorstellungen von der Nation nicht auf Parteilinie waren. ‚Es gibt immer noch die Meinung, dass doch die Einheit der deutschen Nation fortbestehe und das Ziel unserer Politik wäre, die Einheit Deutschlands noch zu erreichen‘“[15] Auch von der DDR-Bevölkerung wurde der Positionswechsel in der nationalen Frage zumeist rigoros abgelehnt. Unter den Intellektuellen gab es teilweise Akzeptanz und teilweise heftigen Widerspruch, der freilich selten öffentlich artikuliert werden konnte. Die soziologischen Befragungen aus den siebziger Jahren in der DDR vermitteln ein differenziertes Bild. 1969, als von den zwei Nationen offiziell noch keine Rede war, blieb für die Hälfte der Befragten Deutschland als Ganzes ihr Vaterland, während ein knappes Drittel diese Sicht nicht mehr akzeptierte und 16,1 Prozent sich enthielten. Die „Abgrenzung“ zum Kern der nationalen Politik zu machen, fand nur bei einem kleinen Teil der Ostdeutschen Zustimmung. 1972, als die Abgrenzungskampagne auf Hochtouren lief, hielten nur 16,4 Prozent der Befragten die Abgrenzung von der Bundesrepublik für richtig, während 72,6 Prozent verlangten, eher zu versuchen, sich näher zu kommen, und rund 10 Prozent ihre Meinung verweigerten. Die Zwei-Nationen-These lehnten Anfang der Siebziger fast 50 Prozent der Bürger ab, weil sie dem gesunden Menschenverstand widersprach und die historischen, ethnischen und kulturellen Gemeinsamkeiten der Deutschen leugnete.[16]
Die Verfassungsänderung hatte die antinationale Haltung auf die Spitze getrieben. Erst als in der Bevölkerung heftig gegen diesen nationalen Nihilismus opponiert wurde, als selbst SED-Mitglieder massenhaft und ironisch nachfragten, ob die DDR-Bürger denn überhaupt noch Deutsche seien, sah man sich veranlasst einzulenken. Unter dem massiven Druck von unten musste das Gewicht ethnischer Komponenten anerkannt werden. Honecker blieb nichts anderes übrig, als in einer Rede auf dem ZK-Plenum am 12. Dezember 1974 den Bezug zum Deutschen wieder einzuführen. Erstmals differenzierte er offiziell zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität. Er sagte, dass die Staatsbürger der DDR „der Nationalität nach in der übergroßen Mehrheit“ Deutsche seien. „Es gibt also keinen Platz für irgendwelche Unklarheiten beim Ausfüllen von Fragebögen, die hier und dort benötigt werden. Die Antwort auf diesbezügliche Fragen lautet schlicht und klar und ohne Zweideutigkeiten: Staatsbürgerschaft – DDR, Nationalität – deutsch“.[17] Das war zwar keine neue Erkenntnis, aber bis zu diesem Zeitpunkt war der Begriff der Nationalität noch nie von der SED auf die nationale Lage angewandt worden. Fortan sprach man wie selbstverständlich von der „sozialistischen deutschen Nation“.
Das neue Programm der SED von 1976 reflektierte in mancher Hinsicht die flexibleren Aspekte in der Haltung zur nationalen Frage. Aufgenommen wurde ein selbständiger Abschnitt über die Entwicklung der sozialistischen Nation mit den bekannten Thesen. Das Programm definierte: „Die sozialistische Nation ist eine von antagonistischen Widersprüchen freie, stabile Gemeinschaft freundschaftlich verbundener Klassen und Schichten, die von der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei geführt wird. Sie umfasst das Volk der Deutschen Demokratischen Republik und ist gekennzeichnet durch den souveränen sozialistischen Staat auf deren Territorium.“ Ökonomische Grundlage ist das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln und der Marxismus-Leninismus ist die herrschende Ideologie. Darüber hinaus war von einer „sich entwickelnden sozialistischen Nationalkultur“ die Rede sowie von einem „wachsenden sozialistischen Nationalbewusstsein“. Honeckers These von 1974 fand Eingang, indem es hieß, dass die Bürger der DDR „in ihrer übergroßen Mehrheit deutscher Nationalität“ seien. Davon unterschieden wurden nur die gleichberechtigten „Bürger sorbischer Nationalität“, die „alle Möglichkeiten haben, ihre besonderen sprachlichen und kulturellen Interessen wahrzunehmen“.[18] Auch im SED-Programm erschien Nationsbildung sehr verkürzt und vereinfacht und nahezu ohne nationalhistorische Dimension. Damit verbunden war aber auch eine Abkehr von der bisher ausschließlich internationalistischen Fixierung auf die Sowjetunion und den Ostblock. Honecker war ziemlich schnell wieder da angelangt, wo Ulbricht aufgehört hatte.
1976 erschien von Alfred Kosing Nation in Geschichte und Gegenwart. Darin verfolgte er drei Gesichtspunkte: 1. die Auffassungen von Marx, Engels und Lenin zum Problem der Nation zu dokumentieren; 2. die Wechselbeziehungen der Nation zu den gesellschaftlichen Grundlagen, wie Produktionsverhältnissen, Gesellschaftsformationen, Klassen und Staat zu bestimmen; 3. „eine Reihe von Problemen der marxistisch-leninistischen Theorie der Nation speziell als Zugang zum tieferen Verständnis der Entwicklung der sozialistischen deutschen Nation in der DDR“ darzustellen.[19] Das Erkenntnisziel war also von der Politik bereits vorgegeben. Hatte es Kosing noch 1962 als Illusion bezeichnet, dass sich zwei Nationen entwickeln könnten, galt es ihm 1976 als illusionär, beide Staaten nicht als Nationen zu begreifen. Freilich räumte er ein, dass diese Auffassung weithin auf Unverständnis stieß. Sein methodischer Fehlansatz war darin begründet, dass er den ökonomisch-sozialen Faktoren generell das absolute Primat bei der Entwicklung von Nationen zusprach. Ein Prinzip, dass in der DDR fälschlicherweise immer als konsequent historisch-materialistisch galt. Ebenso verwechselte er die normativen Postulate mit empirischen Aussagen, also Fiktion und Realität.
Gleichwohl lieferte Kosing seinerzeit den anspruchsvollsten Versuch, historische Entwicklungsprozesse der Nation zu beschreiben und zwischen der universellen Geltung des Sozialen und der partikularen Rolle des Nationalen zu unterscheiden. Im Gegensatz zu Stalin begriff er Nation als eine notwendige Struktur- und Entwicklungsform der Gesellschaft, hervorgegangen aus der Entstehung überregionaler kapitalistischer Gesellschaften. Kosings Nation war „ein Kommunikationsverband auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Integration und Komplexität“. In diesem Sinne, stellte Sigrid Meuschel fest, könnte man „Kosings Definition der Form der Nation als Kombination historisch-materialistischer und kommunikationstheoretischer Elemente bezeichnen“.[20] Schwieriger war, den Inhalt der Nation zu bestimmen. Hier wäre nach zwei Bestimmungsfaktoren zu unterscheiden. Zum ersten würde der Inhalt primär durch die soziale, was dem üblichen ökonomischen Reduktionismus geschuldet war. Freilich waren diese sozialökonomischen Faktoren hinsichtlich der Nation die varianten Merkmale. Zum zweiten unterschied Kosing davon ethnische und naturwüchsige Faktoren, die den Entwicklungsprozessen „nationales Kolorit“ verleihen. Diesen ethnischen Faktoren – Sprache, Sitten, Bräuche, ihre Verbindung zu Klima, Territorium u. a. – schrieb er hohe Kontinuität zu. Sie waren die konstanten Merkmale der Nation. Und sie besaßen eine historische Dimension. Zugleich glaubte er, dass sie schrittweise an Bedeutung verlieren würden. Er verstand die Nation als eine dialektische Einheit der beiden Seiten: des Ethnischen und des Sozialen. Darüber hinaus verfolgte Kosing einen explizit anti-emotionalen Ansatz. Nationalistisches Pathos war ihm zuwider. Obligatorische Begriffe wie Patriotismus und Nationalbewusstsein, Vaterland und Nationalgefühl versuchte er historisch-materialistisch einzubinden und er setzte sich mit der sozialdemokratischen These von der Kultur- und Bewusstseinsnation auseinander. „Insgesamt mutete Kosings Anstrengung wie eine Zurückweisung der Theorien Stalins und Otto Bauers an. Er beschwor ein rationales, klassentheoretisch fundiertes Nationalbewusstsein, das wesentlich Klassenbewusstsein sei und den Verführungen der sozialdemokratischen Behauptung, die Kultur- und Bewusstseinsnation bestehe fort, erst gar nicht erliegen könne“.[21] Für eine solche Position wird in der Literatur der Begriff der Klassennation verwendet, im Unterschied zur Kulturnation und in gewisser Weise auch zu Staatsnation. Das für die Definition der Klassennation freilich auch der Staat eine wichtige Rolle einnahm, begründete Kosing damit, dass „die sozialistische Nation grundsätzlich durch einen eigenen Staat charakterisiert“ ist.[22] Auch hier zeigt sich der Unterschied zu den fünfziger/sechziger Jahren, als man, sich auf Stalin berufend, die zwei Staaten in Deutschland nicht als Definitionskriterien der Nation ansah.
In der Folgezeit wurden zwar die einmal fixierten Positionen hinsichtlich der sozialistischen Nation beibehalten, kritische Positionen dagegen verdrängt. Das Thema trat nach der propagandistischen Vordergründigkeit Anfang der Siebziger zurück und wurde zeitweise fast gänzlich aus der ideologischen Diskussion ausgeblendet. Dagegen nahm es in den spezifischen Debatten um Erbe und Tradition, um Romantik und Moderne, in der Preußenwelle wie im Lutherjahr, neue Fahrt auf und es begannen sich differenzierende Ansichten durchzusetzen. Allerdings war es durchaus berechtigt, wenn z. B. Helmut Hanke im Januar 1990 darauf verwies, dass Kulturwissenschaftler vor Jahren bereits „gegen den Verfall nationaler Kultur in der DDR, die Missachtung nationaler Gefühle, die Vernachlässigung regionaler Besonderheiten, den Bruch mit ‚deutschen‘ Traditionen“ protestiert hatten.[23] Klaus von Beyme wies darauf hin, dass das Nationskonzept der SED scheitern musste, weil ihm die Verdinglichung zu einer unausweichlichen objektiven Kategorie innewohnte. In diesem abstrakten Sinne stand die Klassennation DDR als „objektiver Fakt“ in der Tradition der preußischen und völkischen Verdinglichung des Nationsbegriffs. Alle drei historischen Tendenzen leugneten und bekämpften eine demokratische Konzeption der Nation, die schließlich in den Neunzigern auch in Deutschland Gestalt annahm.[24]
[2] Historiker, zuletzt apl. Professor an der Humboldt-Universität Berlin
[3] Jürgen Hofmann: Deutschlandpolitische Ziele. Theoretische Leitgedanken und Grundaktivitäten in den beiden deutschen Staaten von 1949-1990. In: Ansichten zur Geschichte der DDR. Hrsg. von Dietmar Keller, Hans Modrow und Herbert Wolf, Bd. II, Bonn/ Berlin 1994, S. 68.
[4] Sigrid Meuschel: Kulturnation oder Staatsnation? Zur Renaissance der Suche nach der nationalen Identität in beiden deutschen Staaten. In: Leviathan 16 (3) 1988, S. 415.
[5] Walter Ulbricht: Internationale Pressekonferenz in der Hauptstadt der DDR. In: Neues Deutschland, 20. 01.1970, S. 1.
[6] Ders.: Der Sozialismus – Werk des Menschen. In: Neue Deutsche Literatur 4/1971, S. 4f.
[7] Erich Honecker: Bericht des ZK der SED an den VIII. Parteitag, in: Protokoll der Verhandlungen des VIII. Parteitages der SED, Bd. 1, Berlin 1971, S. 55.
[8] Hermann Axen: Ich war ein Diener der Partei. Autobiographische Gespräche mit Harald Neubert, Berlin 1996, S. 312.
[9] Erich Honecker, Bericht des ZK der SED, S. 55 f.
[10] Alfred Kosing: Die nationale Lebensfrage des deutschen Volkes, Berlin 1962, S. 14.
[11] Vgl. zum Folgenden: Walter Schmidt: Das Zwei-Nationen-Konzept der SED und sein Scheitern. Nationsdiskussion in der DDR in den 70er und 80er Jahren, Berlin 1996, S. 11–15.
[12] Peter Przybylski: Tatort Politbüro (Bd. 2). Honecker, Mittag und Schalck-Golodkowski, Berlin 1992, S. 22.
[13] Vgl. Jürgen Hofmann: Wie weiter mit der Nation? Der Autor im Gespräch mit Hans-Dieter Schütt, Berlin 1990, S. 13 ff.
[14] Ebenda, S. 22f.
[15] Johannes Schütz: Dresden bleibt deutsch?! Vorstellungen von der nationalen Gemeinschaft im Bezirk Dresden 1969-1990, in: Joachim Klose und Walter Schmitz (Hg.): Freiheit, Angst und Provokation. Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der postdiktatorischen Gesellschaft, Dresden 2016, S. 54.
[16] Detlef Eckert / Jürgen Hofmann / Helmut Meier: Zwischen Anschluss und Ankunft. Identitätskonflikte und Identitätssuche der Ostdeutschen auf dem Weg zum Bundesbürger, Potsdam 1992, S. 9ff.; Heinz Niemann: Hinterm Zaun. Politische Kultur und Meinungsäußerung in der DDR – die geheimen Berichte an das Politbüro der SED, Berlin 1995,
[17] Erich Honecker: Berichtdarzustellen. des Politbüros des ZK der SED an die 13. Tagung des ZK der SED, 12. Januar 1974. In: Ders.: Reden und Aufsätze, Bd. 3, Berlin 1976, S. 262.
[18] Programm der SED, IX. Parteitag der SED. Berlin, 18. Bis 22. Mai 1976, Berlin 1976, S.56f.
[19] Alfred Kosing: Nation in Geschichte und Gegenwart. Studie zur historisch-materialistischen Theorie der Nation, Berlin 1976, S. 6.
[20] Sigrid Meuschel: Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945–1989, Frankfurt a. M. 1992, S. 281.
[21] Ebenda, S. 282.
[22] Kosing, Nation in Geschichte und Gegenwart, S. 216.
[23] Helmut Hanke: Wollen wir nur noch Deutsche sein? Identität in der Krise (31. Jan.1990). In: Sonntag, Berlin, 8/1990, S. 3.
[24] Klaus von Beyme: Kulturpolitik und nationale Identität. Studien zur Kulturpolitik zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Autonomie, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 58f.