Ein Blick zurück auf Buchenwald

von Sonia Combe

Geschichtsschreibung ist von Legenden und Mythen durchzogen, die den ideologischen Bedürfnissen der jeweiligen Zeit angepasst sind. Jeder Staat geht so vor, um eine nationale Identität auf der Grundlage eines fiktiven oder realen Konsenses zusammenzubasteln. Während eine Revision der offiziellen Darstellung der Entstehungsgeschichte der DDR – eines selbsternannten antifaschistischen Staates, der von Antifaschisten gegründet wurde – notwendig war, verlangte die Ironie der Geschichte, dass nach der deutschen Vereinigung eine völlig gegensätzliche Version präsentiert wurde – eine, die Verzerrungen auf der Grundlage ebenso einseitiger Fakten enthält.

Die seit den 1990er Jahren entwickelte Geschichtsschreibung über das Konzentrationslager Buchenwald belegt dies. Sie wurde in dem von Lutz Niethammer und Karin Hartewig herausgegebenen Sammelband Der gesäuberte Antifaschismus. Die SED und die Roten Kapos von Buchenwald (Akademie Verlag, 1994) dargestellt. Bis heute gilt dieses Werk unseres Wissens nach als das grundlegende Buch zur Neubeschreibung der Geschichte des deutschen Antifaschismus. Sein Einfluss zeigt sich in den aufeinanderfolgenden Dauerausstellungen der Gedenkstätte Buchenwald und sogar letztlich in Ines Geipels jüngstem Buch Landschaft ohne Beweise: Buchenwald und der Riss der Erinnerung (S. Fischer, 2026).

Das „Buchenwaldkind“

Historischer Hintergrund: Die 1958 errichtete Gedenkstätte Buchenwald entwickelte sich mit ihren Ritualen und dem Heldenkult zu einem Altar der „antifaschistischen Religion“ (Enzo Traverso). Zur selben Zeit veröffentlichte der ehemalige Buchenwaldhäftling Bruno Apitz eine Art „Nationalroman" der DDR: einen fiktionalisierten - aber dennoch auf einer realen Geschichte basierenden Roman über die Rettung eines jüdischen Kindes. Das Buch mit dem Titel Nackt unter Wölfen sollte den Humanismus der Häftlinge, die das Kind versteckt hatten, inmitten der unmenschlichen Welt eines Konzentrationslagers zeigen. Der Roman wurde in rund zwanzig Sprachen übersetzt. Als die Identität des Kindes 1962 aufgedeckt wurde, errichtete die Gedenkstätte Buchenwald eine Stele mit dem Bildnis von Stefan J. Zweig vor dem Ort, an dem er sich laut dem Roman versteckt gehalten hatte: der Effektenkammer.

Teilnehmende an einer Fahrt der DDR-Jugendorganisation “Freie Deutsche Jugend” vor Skulpturengruppe von Fritz Cremer Mahnmals für die Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald. Solch eine Fahrt gehörte zum Programm der Vorbereitung auf die Jugendweihe, oft wurde auch die Aufnahmen in die FDJ dort vollzogen.

Mit der Öffnung der Archive nach der Vereinigung wurde mit Einsichtnahme in die Dokumente die Erzählung von der Rettung des sogenannten Buchenwaldkindes Stefan Jerzy Zweig und über die interne Lagerführung durch kommunistische Häftlinge in Frage gestellt. Es wurde bekannt, dass das Kind gerettet worden war, weil an seiner Stelle ein anderer Junge - ein Sinto - nach Auschwitz deportiert worden war. Funktionshäftlinge hatten Stefan J. Zweigs Namen von der Deportationsliste der 200 jüdischen und Sinti-Kinder gestrichen. Bruno Apitz hatte dies nicht erwähnt, vermutlich weil er nichts davon wusste. Der Vater des Kindes Zacharias Zweig erwähnte es jedoch in einer Veröffentlichung, die unbeachtet blieb (Mein Vater, was machst du hier? Dipa-Verlag, 1987). Vor der Vereinigung war dies für beide deutsche Staaten bedeutungslos. Die Zeit für eine Dekonstruktion der ostdeutschen Geschichtsschreibung war noch nicht gekommen.

Kommunisten als Funktionshäftlinge

Während der DDR-Zeit hob die Dauerausstellung den Kampf der im Lager internierten Antifaschisten hervor, die sie zu ihren Helden stilisierte. Da die SS zahlenmäßig nicht ausreichte war sie gezwungen, Aufsichtsfunktionen kommunistischen Häftlingen anzuvertrauen. Im Gegensatz zu den als „Berufsverbrechern“ bezeichneten kriminellen Häftlingen, die diese Aufgabe ursprünglich übernommen hatten, waren die Kommunisten gut organisiert und diszipliniert. Aus Effizienzgründen wurden sie von der Lagerleitung als Funktionshäftlinge zur Aufrechterhaltung der Ordnung sowie zur Verteilung der Arbeit bevorzugt. Dies verlieh ihnen zwar begrenzte, aber nicht unerhebliche Macht.

Was die kommunistischen Funktionshäftlinge (die „roten Kapos“) betraf, so stützte man sich auf die Nachkriegsuntersuchungen in Ostdeutschland zu ihrem Verhalten im Lager. Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre wurden sie der Misshandlung sowjetischer Gefangener beschuldigt. Offenbar war es Stalins Ziel, sie aus Machtpositionen im neuen Deutschland herauszuhalten. Nach Einschätzung der sowjetischen Machthaber würden die überlebenden Antifaschisten, abgehärtet durch das Leben in den Lagern, Moskaus Anweisungen weniger bereitwillig befolgen als die aus der Sowjetunion zurückgekehrten loyalen Kommunisten. Den kommunistischen KZ-Überlebenden wurde vorgeworfen, ihre Macht zum eigenen Schutz missbraucht zu haben. Dies ging aus den Verhörprotokollen der SED und der sowjetischen Behörden hervor. Die Autoren von Der gesäuberte Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald nahmen diese „Enthüllungen“ für bare Münze. Sie warfen ihnen vor, letztlich aus „Gruppenegoismus“ auf Kosten nichtkommunistischer Gefangener überlebt zu haben.

Umdeutungen

Alles deutete somit auf eine Neubewertung der Rolle der antifaschistischen Helden der DDR hin, gegen die nun Vorwürfe erhoben wurden. Gleichzeitig wurde das „Kind von Buchenwald” indirekt des Todes eines anderen Kindes beschuldigt.

Die Praxis des Opfertauschs war bereits bekannt. Insbesondere die berühmten Autoren Stéphane Hessel, Imre Kertész und Jorge Semprun haben nicht verheimlicht, davon profitiert zu haben - was ihnen nie angelastet wurde. Ihre Namen wurden weiterhin genannt, während Stefan J. Zweigs Name hingegen aus den Dauerausstellungen der Gedenkstätte verbannt werden sollte. Die Gedenktafel mit seinem Bild vor der Effektenkammer sollte durch ein Foto einer Gruppe überlebender Kinder ersetzt werden, auf dem er zu sehen ist, sein Name aber nicht mehr erwähnt wird. Es ist bemerkenswert, wie taktlos man ihm gegenüber vorging: Zweig starb 2024. Der britische Historiker Bill Niven liefert hierzu in seinem Buch Das Buchenwaldkind. Wahrheit, Fiktion und Propaganda (Mitteldeutscher Verlag, 2008) wertvolle Erläuterungen.

Bei Befreiung des Lagers wurden 900 Kinder in einem durch eine Barriere aus Typhuskranken vom Rest des Lagers abgetrennten Bereich des Konzentrationslagers gefunden. Diese Barriere hatte die SS vom Betreten dieses Bereichs abhalten sollen. Eine der Schlüsselfiguren bei der Rettung jüdischer und Sinti-Kinder, der tschechische Kommunist Antonín Kalina, wurde 2012 von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Natürlich war er nicht der einzige, der diese Aufgabe übernommen hatte. Auch andere Funktionshäftlinge hatten sich an der Rettung beteiligt: Wilhelm Hammann, Robert Siewert und Gustav Schiller. Wie Antonín Kalina erhielt auch der deutsche Kommunist Wilhelm Hammann 1984 posthum die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“. Die Benennung von Schulen nach ihm in seiner Heimatregion in Ostdeutschland sorgte nach der Vereinigung jedoch für Kontroversen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob all diese Namen in der DDR-Ausstellung vertreten waren, aber „Das Kind von Buchenwald“ war sicher – in einer Mischung aus Fiktion und Realität – überrepräsentiert. War dies ein berechtigter Grund, ihn nach dem Ende der DDR gänzlich aus Ausstellungen auszuschließen?

Die Ausstellung in der Gedenkstätte

Die Kommunisten, einst die Helden der DDR-Inszenierungen, wurden ebenfalls verbannt. Um sie heute noch zu finden, braucht man eine Lupe oder sie sind negativ erwähnt.

Anbei einige Beschriftungen aus der Ausstellung, gesehen im Mai 2026: „Von der SS eingesetzt, organisieren kommunistische Funktionshäftlinge den Häftlingskrankenbau. Sie nutzen das, um das Überleben ihrer Gruppe zu sichern, Bündnispartner zu schützen oder an sich zu binden. Oft können sie jedoch nur auf Kosten anderer gerettet werden. Das führt zu Opfern unter Häftlingen, die nicht den Schutz der Funktionshäftlinge besitzen.“

Ein anderes Etikett beschreibt die Zeichnung eines Häftlings, der ein Porträt des für den Krankenbau verantwortlichen Funktionshäftlings Ernst Busse anfertigte: „Ernst Busse in seinem gut ausgestatteten Büro im Häftlingskrankenbau (...) Als einflussreichster Häftlingsfunktionär kann er entscheidend auf das Schicksal anderer Häftlinge einwirken.“

Nach dem Krieg wurde Ernst Busse von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt und nach Workuta deportiert. Dort starb er 1952.

Aussagen Überlebender

Die Rettung von drei alliierten Geheimdienstoffizieren (darunter Stéphane Hessel), die durch einen Identitätstausch (in dem sie den Namen eines Toten oder Sterbenden annahmen) überleben konnten, organisierten Häftlingsärzte und nicht Funktionshäftlinge. Stéphane Hessel berichtete dies unmittelbar nach seiner Befreiung in der Zeitschrift Les Temps Modernes (März 1946), und der französische Schriftsteller Grégory Cingal hat die Geschichte kürzlich in seinem ins Deutsche übersetzten Buch Die letzten auf der Liste (Kunstmann, 2026) festgehalten.

Darüber hinaus belegen die ersten Zeugenaussagen von Überlebenden, insbesondere von Eugen Kogon und H.G. Adler, dass die Funktionshäftlinge zwar – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Gleichgesinnte schützten; zugleich verdankten viele, nicht nur die Kinder des Kinderblocks 66, ihr Überleben auch der internen Organisation. Es wäre daher unzutreffend, von „Gruppenegoismus" zu sprechen. Meinen eigenen Recherchen zufolge, die insbesondere auf Interviews der USC Shoah Foundation basieren, war die nationale Zugehörigkeit für den Erhalt von Schutz ein weitaus wichtigerer Faktor als die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei. So forderte beispielsweise Marcel Paul, der französische Parteichef, deportierte französische Ärzte auf, ihren Landsleuten zu helfen, ungeachtet ihrer politischen Gesinnung. Nach dem Krieg nach Frankreich zurückgekehrte Überlebende des KZ Buchenwald bestätigten, dass sie selbst davon profitiert haben.

Im Herbst 2026 wird die deutsche Übersetzung von David Roussets Buch Die Tage unseres Todes (Wallstein) erscheinen. Die 1947 in Paris veröffentlichte Sammlung von Zeugenaussagen französischer Deportierter, hauptsächlich aus Buchenwald, lässt sich mit Solschenizyns Der Archipel Gulag vergleichen. Der Autor war ein französischer Journalist, der als trotzkistischer Widerstandskämpfer deportiert worden war. Er hatte also keinen Grund, stalinistischen Kommunisten gegenüber Nachsicht zu üben. Sein wegweisendes Buch ist der deutschsprachigen Leserschaft über 80 Jahre lang vorenthalten worden. Es spiegelt die Aussagen von Eugen Kogon und anderen zitierten KZ-Überlebenden wider. Über Ernst Busse findet sich in Die Tage unseres Todes folgende Aussage eines französischen Deportierten: „Der Kapo des Reviers, Busse, war offen frankophob (er mochte die Franzosen nicht), und doch musste man in seinem Verhalten ein aufrichtiges Bemühen um Fairness anerkennen …“

Mit dem Bade ausgeschüttet

Leider hält sich die aktuelle Version der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald weitgehend an eine revidierte Darstellung, die vor allem der ostdeutschen Version widerspricht. Dies ist bedauerlich, auch wenn der Reichtum des Ortes trotz ideologischer Voreingenommenheit weiterhin zu würdigen ist. Die Ausblendung deutscher Antifaschisten, vor allem Kommunisten, aus dem postkommunistischen (und aus guten wie schlechten Gründen antikommunistischen) Narrativ beweist leider eine Instrumentalisierung des KZ Buchenwald bis heute. So wurden die Antifaschisten wie das „Kind von Buchenwald” gewissermaßen mit dem Bade ausgegossen.

Es gab zweifellos Ungenauigkeiten im Erinnerungsdiskurs der DDR, doch wäre es angebracht, diese mit jenen Mythen zu vergleichen, die noch weiter von der Wahrheit entfernt waren: nämlich die Behauptungen im Erinnerungsdiskurs der alten BRD, wonach die Wehrmacht und der diplomatische Dienst des Dritten Reiches nichts von der Vernichtung der Juden und „Zigeuner“ gewusst hätten.

Vor einigen Jahren schrieb die Historikerin Annette Leo über die tatsächlichen Umstände der Rettung von Stefan J. Zweig: Ein anderes Kind wollte mit seinem Bruder mitgehen, was einen Namenstausch ermöglichte. (Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie. Aufbau, 2018).

Leider bietet die Buchhandlung der Gedenkstätte keine Bücher zum Verkauf an, die der Darstellung der Ausstellung widersprechen, sei es die schon erwähnten Bücher von Bill Niven und Grégory Cingal oder mein eigenes Ein Leben gegen ein Anderes. Der „Opfertausch” im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte, Neofelis Verlag, 2017.

Bibliographie Sonia Combe:

Ein Leben gegen ein Anderes. Der „Opfertausch” im KZ Buchenwald und seine Nachgeschichte, Neofelis Verlag, 2017 (übersetzt von Marcel Streng)

Loyal um jeden Preis. „Linientreue Dissidenten” im Sozialismus, Aufbau, 2022 (übersetzt von Dorothee Röseberg)

Choix sous contraintes: survivre et décider dans l’univers concentrationnaire (mit Emmanuel Delille, ENS Lyon, 2025 (Entscheidungen unter extremen Bedingungen: überleben und entscheiden im KZ)

  1.  Sonia Combe ist Historikerin am Centre Marc Bloch in Berlin. Sie hat sich auf die Erinnerungspolitik der Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa vor und nach 1989 spezialisiert.