Zweite Stürmung der Runden Ecke - Der bisherige Leiter, Tobias Hollitzer, soll gehen

von Christian Booß

Der Streit um die Runde Ecke in Leipzig hat einen erneuten Höhepunkt erreicht. Der langjährige Leiter der legendären Stasi-Gedenkstätte, Tobias Hollitzer wurde vom Trägerverein entlassen. Der Konflikt schwelt schon seit Jahren und es ist nicht immer einfach Akteure, Gründe und Motive festzumachen. Vordergründig geht es um die Stasi-Ausstellungen. Viele halten die jetzige, die in den 1990er Jahren unmittelbar nach der Stasibesetzung entstanden ist, für veraltet. Unbestritten ist, dass es Ergänzungen geben sollte. Das Areal am Matthäi-Kirchhof bietet genügend Raum dafür, um beispielsweise mit Videos oder interaktiven Formaten zu arbeiten, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen.

Gegenspielerin von Hollitzer war jahrelang die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, die ihm vorwarf, kein Konzept für eine neue, zeitgemäße vorgelegt zu haben. Der Gescholtene  bestreitet den Vorwurf. Er habe bei der Stadt Konzept eingereicht, was aber dort blockiert worden sei.

Offenbar geht es aber um mehr. Die Kulturbürgermeister will für die Linke im kommenden Jahr für das Amt des Oberbürgermeistes kandidieren. Hollitzer gilt als konservativer als seine Gegner. Er hat immer stark eingemischt und den repressiven Charakter der DDR betont und sich dafür stark gemacht, dass möglichst viel von dem ehemaligen Stasi-Komplex der Bezirksverwaltung in der Leipziger Innenstadt erhalten bleibt und der Aufarbeitung dient. Ein Forum für Freiheit und Bürgerrechte sollte dort entstehen. Doch inzwischen ist mehr von Freizeit und Begegnung und Wohnen die Rede, weniger von Aufarbeitung. So beschleicht manchen das Gefühl, dass es nicht nur um eine  Personalie, sondern auch eine Verschiebung der Aufarbeitungskultur geht.

Insbesondere das Stadtmagazin der Kreutzer begleitete diese Streitigkeiten mit Häme und informationen, von den manche behaupten, sie könnten nur aus der Kulturverwaltung stammen.

Die Fundamentalkritik an Hollitzer war zum Teil nicht nachvollziehbar. Das legendäre Gebäude, das als eines der ersten Stasiverwaltungen am 4. Dezember 1989 gestürmt wurde, erfreute sich nach wie vor einem lebhaften Publikumsinteresse, das reichhaltige Veranstaltungsprogramm in der Runden Ecke im Rahmen der Leipziger Messe "Leipzig liest", erfreute sich weit über die Stadt hinaus, bei Autoren und Experten großer Beliebtheit. Allerdings hatte Hollitzer kaum Talente ausserhalb seines Vereins Bündnispartner zu finden. Der Verein, Bürgerkomitee Leipzig, hielt ihm zwar lange die Stange, aber dessen Substanz schmolz dahin. Als Mitglieder aufgenommen wurden, kippten die Verhältnisse, der Einfluss von Hollitzer wurde zurückgedrängt. Der Kreutzer begleitete die Entlassung Hollitzers erneut mit Polemik und Häme: "Aus für den Revolutionswächter!"

Doch es ist noch nicht ausgemacht, ob das Manöver zum Erfolg wird.

Zum einen gehen üblicherweise solche Fälle erst einmal vor Gericht, in diesem Fall durchaus mit guten Chancen. Zum Zweiten verspricht der neue Vorstand, die Ausstellung zu erneuern und zu modernisieren. Sie übersehen dabei, dass inzwischen eine Reihe Experten die erste Stasiausstellung mit der Patina von 1990 selbst für ein schützenswertes Artefakt halten, was den damaligen Zeitgeist dokumentiert. 
Die Ausstellung in Leipzig ist inzwischen ein zeitgeschichtliches Dokument, das davon zeugt wie kurz nach der Auflösung der Geheimpolizei Staatssicherheitsdienst dessen Machenschaften visualisiert wurden. Die Runde Ecke dürfte also weiter ein Ort für Kontroversen bleiben.