Kiewer Tagebuch

Krieg und Alltag

vom Jörg Drescher (organisiert humanitäre Hilfe, lebt in Kiew)

16. 4. 2026 Bombentote als Nachricht

In Kyjiw gab es bis 5 Uhr morgens heftige Angriffe. 19 Tote waren zu beklagen, wie ich in den Nachrichten sah. Ich habe in Zhytomyr davon nichts mitbekommen. Hier blieb es ruhig.

Gestern und heute hatte ich an der Universität zu tun. Wir sind gemeinsam die ukrainische Übersetzung meiner Video-Scripte durchgegangen. Inzwischen ist absehbar, wie viel noch an dem Projekt zu tun ist. Das wird wohl noch Wochen dauern, obwohl ich intensiv daran arbeite. 

Meine Tage fangen gegen 7 Uhr an, wobei ich die erste Stunde nutze, mir einen Nachrichten-Überblick zu verschaffen, was am Vortag war; um 8 Uhr gehe ich inzwischen ins Cafe zu den jungen Damen und vor 9 Uhr bin ich dann zurück in meiner Unterkunft, wo ich mich dann mit dem Mathe-Projekt beschäftige. Manchmal muss ich mich auch um andere Dinge kümmern, die mit meinem eigentlichen Arbeitgeber und der humanitären Hilfe zu tun haben.

Der Krieg beeinflusst meine Abläufe inzwischen nur selten. Ich habe ich eine gewisse Regelmäßigkeit in meinem Alltag, die es früher eher selten gab. Deshalb sind meine Einträge eher Berichte über einen langweiligen Kriegsalltag, wo sih vieles wiederholt – zwischen Angriffen, Hilfsprojekten, die ich betreue und meinem Hobby, dieser Mathe-Geschichte.

Mittags gehe ich Essen und danach kümmere ich mich entweder um das, was an Arbeit anfällt oder eben um die Video-Scripte. Aber damit habe ich auch ein erreichbares Ziel, von dem ich mir sehr viel erhoffe.

Heute war ich gegen Abend auch draußen und traf auf meine Nachbarn, die in der Unterkunft mit mir wohnen. Sie gehören inzwischen zu meinen sozialen Kontakten, wie auch die Leute von der Universität.

Das Wetter ist frühlingshaft. Inzwischen scheint tagsüber die Sonne und es ist um die 12 Grad. Es grünt und fängt an zu blühen. Die Leute haben entsprechend bessere Laune. Zhytomyr scheint mir sowieso entspannter zu sein als Kyjiw. Ich bleibe wohl doch länger, als ursprünglich gedacht. Erst übernächste Woche können die Texte eingesprochen werden, so dass es keinen Sinn ergibt, nach Kyjiw zu fahren und sich dort womöglich in Gefahr zu begeben.

14.April 2026. Glück gehabt, aber…

Der Tag begann wieder im Cafe bei den jungen Damen. Sie sahen heute total müde und unausgeschlafen aus. Aber es war nicht ganz so kalt wie die letzten Tage und die Sonne schien. Überall beginnen die Blumen zu blühen und die Bäume schlagen aus.

Wie ich gestern mit der Dekanin der Fremdsprachenfakultät besprochen hatte, traf ich mich heute mit ihrer Assistentin, um konkrete Schritte zu klären. Morgen werden wir die KI-generierten Übersetzungen durchgehen und dann schauen, welche Studentinnen und Studenten als Sprecher der Dialoge in Frage kommen.

Nachmittags gab es Luftalarm. Zuerst meldete die Smartphone-App einen Alarm in Kyjiw, dann ging der Alarm auch in Zhyromyr an. Aber nur wenige Minuten später wurde der Alarm wieder aufgehoben. Dnipro hat es dafür böse getroffen.

Ansonsten war eigentlich nichts.

13. April 2026. Machtwechsel in Ungarn und die Ukraine

Heute bin ich in eine linguistische Falle getappt. Ich wollte mich an der Uni verabreden und meinte, dass es dringend (englisch: urgent) sei, meinte aber, dass es für mich wichtig (englisch: important) wäre. Das Problem dabei war, das das Treffen stattfand, aber die Dekanin, die eine gute Freundin ist, eigentlich krank war und trotzdem extra an die Uni kam, um meinem „dringenden Anlass“ Gehör zu schenken. Sie war sichtlich sauer, dass es „nur“ um etwas für mich Wichtiges ging: die Übersetzung und Vertonung meiner Mathevideos. Ob ich das nicht auch per Messenger hätte klären können?

Tatsächlich sind mir bei solchen Themen persönlichen Gespräche weit lieber. Und ich ging von drei Fehlannahmen aus: dass die Uni geöffnet wäre, weil die Schule, in der ich untergebracht bin, Unterricht hatte; und dass die Freundin wohl auf sei, weil sie erst kürzlich Grippe hatte. Und dann noch das Wort „dringend“, das eher „ohne zeitlichen Aufschub“ bedeutet, während „wichtig“ keine Zeitkomponente hat.

Mir war es jedenfalls extremst unangenehm, sie extra „einbestellt“ zu haben und dann über ein Thema zu sprechen, das auch morgen oder übermorgen geklärt hätte werden können. Doch der Konjunktiv hilft da nicht. Das Kind war schon in den Brunnen gefallen. Sie war da und wir besprachen, dass ich morgen mit ihrer Assistentin Studenten aussuchen kann, die sich an dem Projekt beteiligen.

Über den Wahlausgang in Ungarn freute ich mich riesig. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen und Zweifel, ob das für die Ukraine gut ist. Man solle einfach nicht zu viel erwarten. Jedenfalls ist es immer noch besser, als wenn Orban nochmal gewählt worden wäre. Seit 2010 ist Ungarn keine wirkliche Demokratie mehr und politisch nicht gerade stabil. Aber in Diktaturen oder autokratischen Regimen führen Machtübergänge zu unvorhersehbaren Szenarien.

Die Ukraine war zwar nie wirklich diktatorisch oder autokratisch, sondern oligarchisch geprägt. Das heißt, dass die Reichen entschieden, wer an welchen Geldtropf für Korruption gehängt wird, um die Loyalität gegenüber diesem System zu sichern. Machtübergänge, wie nach der Orangenen Revolution, ausgelöst durch den Wahlbetrug von Janukowitsch, bei der es nur die Hoffnung gab, dass Juschtschenko dieses System abschafft, führten nicht zwingend zum Besseren. 

Ähnliches kann man für Ungarn nicht prognostizieren. Ein System, das auf Kleptomanie basiert, und einen Machtwechsel erfährt, wird wohl kaum von heute auf morgen die Ausbeutung des Staates abschaffen. Für die Ukraine nannte ich das „institutionalisierte Korruption“, weil man für gewisse Posten, in denen man ungestraft die Hand aufhalten, also korrupt sein konnte, erst Geld bezahlen musste, um überhaupt in die Lage zu kommen, Bestechungsgelder anzunehmen. Und da diese Eintrittskarte viel Geld kostete, war man nach dem Amtsantritt daran interessiert, seine „Investition“ zu amortisieren, also möglichst viel Bestechungsgelder einzunehmen.

Ein Freund kommentierte bei Facebook, dass sich die neue Führung in Ungarn vorrangig auch um ungarische Interessen kümmern wird und warnte vor zu hohen Erwartungen in Bezug auf die Ukraine. Das ist das alte Problem von Nationalstaaten, deren Führung im Staatsinteresse handelt. Es erinnert an eine Adam Smith zugeschriebene „Maxime“, dass Handlungen im eigenen Interesse letztlich dem Gemeinwohl diene. John Nash hatte mathematisch gezeigt, dass es sinnvoller ist, im Interesse aller und im eigenen zu agieren. Doch der Neoliberalismus hält wohl immer noch an der Smith’schen Idee fest, wobei die meisten seine Philosophie (Wohlstand der Nationen) kaum bis gar nicht kennen.

So gesehen verwundert es ja auch nicht, da sich die meisten Staatsführer per Eid dem Wohl des ihnen unterstellten Volk verpflichten und keinem übergeordneten Gemeinwesen – sei es die Europäische Union oder die Menschheit als Ganzes. Und da „Wohl“ ein sehr individueller Begriff ist und sich nicht messen lässt, schaut man auf eine messbare Größe: Geld in Form eines Brutto-Inlands-Produkts, das aber über die Statistik berechnet wird und wenig bis gar nichts über den „Wohlstand“ einer Person oder Untergruppe wie einer Familie im jeweiligen Staat aussagt.

Heute war ich wieder zu Mittag essen. Es war wieder um die 5 Grad, dabei aber mit Sonne. In der Unterkunft wurde die Heizung wegen der Schulkinder und der Kälte wieder angeschaltet, so dass es wenigstens hier warm ist.

 

 

12. April 2026. Wozu gibt es Abmachungen

Gestern war ein völlig fürchterlicher Tag. In der Schule wurde nicht geheizt, also war es auch in meiner Unterkunft kalt. Dabei hatte ich einiges am Computer vor und kam nicht voran. Als ich dann etwas in mein Tagebuch schreiben wollte, resignierte ich und beließ den Tag mit einer Lücke.

Heute, am orthodoxen Ostern, war es nicht viel anders. Keine Heizung. Deshalb ging ich los, um etwas Wärmeres zum Anziehen zu besorgen, denn ich habe gar nicht so viel Kleidung zum Wechseln dabei. Schließlich möchte ich 2 Wochen bleiben, wobei allerdings schon die Hälfte vorüber ist.

Trotz allem war ich zunächst bei den jungen Damen meinen täglichen Cafe konsumieren. Sie lächeln inzwischen wieder mehr, wie mir scheint. Aber es war auch einige Tage in der Gegend eher ruhig. Putin’s Osterfeuerpause…

Mittagessen war ich gestern in einem Grill und aß Borschtsch als Vorspeise. Das ist das ukrainische Nationalgericht mit Roter Bete, Kohl, Kartoffeln, Karotten und Fleisch. Aber jeder hat da sein eigenes Rezept und eine eigene Zubereitungsmethode, weshalb Borschtsch, der keine Suppe sondern ein Eintropf ist, überall anders schmeckt und doch irgendwie ähnlich. Die Ukrainer freuen sich jedenfalls, wenn man dieses Gericht lobt.

Heute wollte ich nicht weit gehen und kehrte in einer Pizzeria ein, wo ich vorgestern schon war. Die liegt auf dem Weg zum Markt, wo ich ja hinwollte, um einen Pullover zu besorgen. Was mir allerdings auffiel: die Straßen waren menschenleer!

Natürlich! Orthodoxes Ostern. Das wird heute in den Familien gefeiert. Normalerweise ist an Silvester (hier heißt das Neujahr) kaum etwas zu bekommen, Ostern ist es ähnlich. Auf dem Markt gab es kaum geöffnete Stände. An einem hatte ich Glück und bekam gleich ein passendes Oberteil. Mir ging’s dabei um Funktionalität und nicht ums Aussehen. Aber so übel ist es dann auch wieder nicht.

Als ich dann gegen 14 Uhr zurück in der Unterkunft war, hatte ich einen Video-Call von einem meiner besten und längsten Freunde in Deutschland. Er ist eigentlich Kroate und war kürzlich seine Familie dort besuchen, weshalb wir uns zum Austausch für heute verabredet hatten. Das ist uns beiden wichtig. Ihm, weil er überschauen kann, wie es mir geht und dass er ein Ventil für mich bietet, etwas Abstand vom Krieg zu bekommen; mir, weil er mir wichtig ist und ich gerne seine Meinung höre, was so auf der Welt passiert.

Wir sprachen gut 90 Minuten und danach musste ich dringend am Computer etwas arbeiten. Gegen Abend erst war ich damit fertig und konnte das Ergebnis an meinen Brötchengeber schicken. Das sollte nämlich bis morgen fertig sein, bzw. ich hatte es bis morgen versprochen.

Und für mich bedeuten „Versprechen“ sehr viel. Das hat auch etwas mit einer üblen Erfahrung aus meiner Kindheit zu tun, die mir einfällt, wenn es um „Versprechen“ geht. Damals hatte ein Schulfreund einen „lustigen Brief“ in die Hände bekommen, bei dem der Empfänger aufgefordert wurde, sich in ein KZ zu begeben, weil er „menschenunwürdig“ sei. Wir fanden das spaßig, weil es so absurd klang, was darinstand. Ich legte das damals meinem Vater auf den Tisch und als er nach Hause kam, nahm er mich auf die Seite und sprach ein ernstes Wort mit mir. Er verlangte von mir, dass ich diesen Brief an niemanden weitergebe, denn das sei menschenverachtend. Aber als pubertierender Jugendlicher, der in der Schule sowieso auffällig war, vergaß ich das mit dem „Versprechen“ schnell wieder und der Brief landete von uns – also meinem Schulfreund und mir – auf dem Tisch unserer Geschichtslehrerin. Und die fand das überhaupt nicht witzig! Sie verlangte, dass sich diejenigen stellen sollten, die ihr den Brief hingelegt hatten. Zunächst blieb alles ruhig, doch sie wurde immer härter. Jedenfalls meldete ich mich und gab zu, den Brief auf den Schreibtisch gelegt zu haben. In der Folge ging es um einen Schulverweis und dass alle Jungs der Klasse einen „Extra-Unterricht“ bekamen, der für die Mädchen zu belastend gewesen wäre. Uns wurden Bilder von Ausschwitz, Birkenau und anderen KZs gezeigt und die Geschichten dazu erzählt. Einer meiner Klassenkammeraden brach damals in dieser Sonderstunde in Tränen zusammen. Mein Vater war außer sich, aber stand völlig hinter mir. Und so lernte ich, was ein gebrochenes Versprechen bedeutet. Es hat unangenehme Konsequenzen.

Deshalb sind mir auch Abkommen per Handschlag fast mehr wert als irgendwelches ausgefeiltes Vertragswerk. Das ist dann gut, wenn es wirklich zu Streitereien kommt und eine Seite meint, sich nicht an Vereinbarungen halten zu müssen.

Das kann dann in so etwas wie hier in der Ukraine enden: Krieg.

Temperatur heute um die 5°C, keine Sonne, aber nur wenig Regen. Es wird auch wieder Sommer.

10. April 2026. Auch im Waffenstillstand. Der Krieg ist immer präsent

Es war wenige Minuten vor 8 Uhr, als ich aufwachte. Gestern ging ich spät ins Bett und hatte noch einen Anruf einer Freundin aus Deutschland. Sie war zu Besuch in Kyjiw, aber da ich gerade in Zhytomyr bin, konnten wir uns nicht treffen. Sie saß schon im Bus auf der Rückreise. Mit dem Zug Fahren wollte sie nicht, weil sie das Gerücht gehört hatte, dass Züge bei Luftalarm stoppen und alle Passagiere aussteigen und Schutz suchen müssen. Bislang habe ich dafür keine Bestätigung, aber habe derzeit auch nicht vor, Zug zu fahren, weshalb es mich nur am Rande interessiert.

Das Wetter war heute zwar nass, aber weniger Regen und ein Tick wärmer. Trotzdem noch zu kalt. Aus Kyjiw habe ich erfahren, dass die Stromabschaltungen durchaus real sind und nicht nur angekündigt, wie ich gestern gedacht hatte.

Hintergrund ist, wie vermutet, das Ende der Heizperiode und die deswegen zugeschalteten elektrischen Heizgeräte. Aber wie es in Medien heißt, gibt es auch planmäßige Reparaturen an den AKWs, weshalb die Dinger heruntergefahren werden. Auch die Heizkraftwerke, die neben Wärme auch Strom produzieren, liefern nach der Abschaltung nun keinen Strom mehr. Und Strom aus dem Ausland ist relativ teuer und das Geld möchte die Ukraine sparen. Ein weiterer Faktor ist die Solarkraft, die bei bewölktem Himmel trotz längerer Tageshelligkeit kaum mehr Strom liefert und in der Dämmerung oder Dunkelheit sowieso gar keinen.

Russland hört auch nicht auf, die ukrainische Energieinfrastruktur zu beschießen. Das betrifft sowohl Stromerzeugungsanlagen als auch Verteilernetze, die oft Schaden nehmen. Auch die angekündigte Waffenruhe zu Ostern Seitens Russland hat noch nicht wirklich gewirkt. Es gab heute Luftalarm hier in Zhytomyr, aber nach 30 Minuten war wieder Entwarnung. Passieren kann immer etwas.

Als ich heute in das Restaurant um die Ecke wollte, wo es regelmäßig einen Mittagstisch gibt, war wohl eine Hochzeitsgesellschaft dort und nur geladene Gäste durften rein. Also ging ich in eine Pizzeria, wo ich auch schon öfters war. Auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft machte ich einen Umweg zu dem Obst- und Gemüsestand, wo ich in Zhytomyr einkaufe.

Den Tag verbrachte ich wieder mit den Dialogen für die Mathe-Videos, wobei ich zwei gründlich überarbeiten musste, weil die zu abstrakt waren und es anders einfacher erklärbar ist. Das kostete mich viel Zeit und zusätzlich sind schon fertige Videos deshalb Makulatur.

Ein Treffen an der Uni wurde auf nächste Woche verlegt, so dass ich mich auf die Videos konzentrieren kann. Allerdings muss ich auch meiner normalen Arbeit für die humnitäre Ukraine Hilfe nachgehen und da steht auch einiges im April an. Das heißt, auch am Computer arbeiten: Berichte, Abrechnungen, Mitgliederpflege und Schreibkram.

Jetzt am Wochenende ist die Heizung in der Schule wohl aus, so dass es auch in Zhytomyr nicht die komfortabelste Lösung ist, in der Unterkunft zu bleiben. Aber in Kyjiw ist ja auch nicht besser.

Temperatur heute: um die 5 Grad, regnerisch und bedeckt. Die Sonne habe ich heute nicht gesehen, obwohl ich draußen war.

9. April 2026. Schnee im Frühling, kein Strom in Kjiiv

Heute Morgen stand ich kurz nach 6 Uhr auf, weil es hell wurde. Und es schneite! Doch das gefrorene Nass, das vom Himmel auf die Erde fiel, blieb nicht liegen.

Eigentlich habe ich Zhytomyr gar nicht viel warme Kleidung dabei, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass es so frisch werden würede. Die Temperatur liegt bei knapp 5°C und das spürt man, wenn man draußen ist.

Wie jeden Morgen in Zhytomyr, ging ich zu dem Cafe, wo ich schon Stammgast bin. Aber die jungen Damen hatten einerseits viel zu tun und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr so gut gelaunt sind, wie es noch vor Wochen der Fall war. Vielleicht ist es die Routine, vielleicht der Krieg, vielleicht Privates. Als ich fragte, ob alles in Ordnung sei, wurde das bejaht. Mehr will ich nicht nachfragen.

Zurück in der Unterkunft habe ich an den Mathe-Videos weitergearbeitet. Das ist manchmal ein Auf und Ab, denn gerade tue ich mich schwer, das in die Dialogform zu bringen, was ich erklären möchte. Es ist auch sehr abstrakt und ich möchte nicht unendlich viele Zahlen hintereinander auflisten, weil das nur abschreckt. Mal schauen…

Dafür bin ich auf einen Lösungsansatz für ein anderes Problem gestoßen, als ich aufgewacht bin. Das ist mindestens so schwer, aber ich muss mich entscheiden: zuerst die Videos fertig stellen oder noch eine Baustelle aufmachen. Jedenfalls wird mir so nicht langweilig.

Zu Mittag aß ich dann auch in dem Stammrestaurant, wo man mich ebenfalls kennt. Aber die Kälte nervt, so dass ich nicht lange draußen war. In Kyjiw, so habe ich gesehen, gibt es wieder geplante Stromabschaltungen. Das wundert mich nicht wirklich, denn die Zentralfernheizung ist abgeschaltet und wer es warm haben möchte, nimmt Elektroheizungen. Dafür ist der Strom allerdings zu knapp, weshalb er notgedrungen abgeschaltet wird.

Irgendwie bin ich müde, um mehr zu schreiben.Heute Morgen stand ich kurz nach 6 Uhr auf, weil es hell wurde. Und es schneite! Doch das gefrorene Nass, das vom Himmel auf die Erde fiel, blieb nicht liegen.

Eigentlich habe ich Zhytomyr gar nicht viel warme Kleidung dabei, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass es so frisch werden würede. Die Temperatur liegt bei knapp 5°C und das spürt man, wenn man draußen ist.

Wie jeden Morgen in Zhytomyr, ging ich zu dem Cafe, wo ich schon Stammgast bin. Aber die jungen Damen hatten einerseits viel zu tun und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr so gut gelaunt sind, wie es noch vor Wochen der Fall war. Vielleicht ist es die Routine, vielleicht der Krieg, vielleicht Privates. Als ich fragte, ob alles in Ordnung sei, wurde das bejaht. Mehr will ich nicht nachfragen.

Zurück in der Unterkunft habe ich an den Mathe-Videos weitergearbeitet. Das ist manchmal ein Auf und Ab, denn gerade tue ich mich schwer, das in die Dialogform zu bringen, was ich erklären möchte. Es ist auch sehr abstrakt und ich möchte nicht unendlich viele Zahlen hintereinander auflisten, weil das nur abschreckt. Mal schauen…

Dafür bin ich auf einen Lösungsansatz für ein anderes Problem gestoßen, als ich aufgewacht bin. Das ist mindestens so schwer, aber ich muss mich entscheiden: zuerst die Videos fertig stellen oder noch eine Baustelle aufmachen. Jedenfalls wird mir so nicht langweilig.

Zu Mittag aß ich dann auch in dem Stammrestaurant, wo man mich ebenfalls kennt. Aber die Kälte nervt, so dass ich nicht lange draußen war. In Kyjiw, so habe ich gesehen, gibt es wieder geplante Stromabschaltungen. Das wundert mich nicht wirklich, denn die Zentralfernheizung ist abgeschaltet und wer es warm haben möchte, nimmt Elektroheizungen. Dafür ist der Strom allerdings zu knapp, weshalb er notgedrungen abgeschaltet wird.

Irgendwie bin ich müde, um mehr zu schreiben.hnee 

Heute Morgen stand ich kurz nach 6 Uhr auf, weil es hell wurde. Und es schneite! Doch das gefrorene Nass, das vom Himmel auf die Erde fiel, blieb nicht liegen.

Eigentlich habe ich Zhytomyr gar nicht viel warme Kleidung dabei, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass es so frisch werden würede. Die Temperatur liegt bei knapp 5°C und das spürt man, wenn man draußen ist.

Wie jeden Morgen in Zhytomyr, ging ich zu dem Cafe, wo ich schon Stammgast bin. Aber die jungen Damen hatten einerseits viel zu tun und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr so gut gelaunt sind, wie es noch vor Wochen der Fall war. Vielleicht ist es die Routine, vielleicht der Krieg, vielleicht Privates. Als ich fragte, ob alles in Ordnung sei, wurde das bejaht. Mehr will ich nicht nachfragen.

Zurück in der Unterkunft habe ich an den Mathe-Videos weitergearbeitet. Das ist manchmal ein Auf und Ab, denn gerade tue ich mich schwer, das in die Dialogform zu bringen, was ich erklären möchte. Es ist auch sehr abstrakt und ich möchte nicht unendlich viele Zahlen hintereinander auflisten, weil das nur abschreckt. Mal schauen…

Dafür bin ich auf einen Lösungsansatz für ein anderes Problem gestoßen, als ich aufgewacht bin. Das ist mindestens so schwer, aber ich muss mich entscheiden: zuerst die Videos fertig stellen oder noch eine Baustelle aufmachen. Jedenfalls wird mir so nicht langweilig.

Zu Mittag aß ich dann auch in dem Stammrestaurant, wo man mich ebenfalls kennt. Aber die Kälte nervt, so dass ich nicht lange draußen war. In Kyjiw, so habe ich gesehen, gibt es wieder geplante Stromabschaltungen. Das wundert mich nicht wirklich, denn die Zentralfernheizung ist abgeschaltet und wer es warm haben möchte, nimmt Elektroheizungen. Dafür ist der Strom allerdings zu knapp, weshalb er notgedrungen abgeschaltet wird.

Irgendwie bin ich müde, um mehr zu schreiben.

8. April 2026. Wie kam ich als Deutscher in die Ukraine?

Das Wetter ist absolut ungemütlich. Ein paar Minuten Starkregen, gemischt mit Schnee, dann ein paar Minuten Sonnenschein. Unvorhersehbar, wenn welche Phase eintritt. Und das bei Temperaturen um die 5°C. Pures April-Wetter.

Ich arbeitete an den nächsten Texten für meine Video-Reihe und fragte an der Mathe-Fakultät nach, ob ich mit der Dekanin sprechen könne. Mir ging es darum, bevor ich weitere Videos produziere, was sie dazu sagt. Und ich bekam den Termin. Und sie war begeistert. Und sie gab auch konstruktive Kritik, was ich ausbessern solle. Inhaltlich gab es keine Beanstandungen. Was für ein Erfolg!

Außerdem wurde ich eingeladen, wenn alles dann fertig ist, einen Vortrag über die Inhalte zu halten. Die Uni ist mein fachlicher Begleiter für die Video-Serie und wird dann so auch genannt. Es Weiteren soll aus dem Material dann ein Fachartikel entstehen. Es liegt jetzt an mir, das alles mal fertig zu bekommen.

Nach dem Treffen war ich in einem Restaurant zu Mittag essen. Ich mag die Bedienungen dort, weil sie höflich und freundlich sind. Zhytomyr ist fast wie ein Dorf, wo jeder jeden kennt. Kyjiw ist schneller und anonymer. Beides hat etwas für sich.

Wenn ich zurückdenke, wie ich überhaupt in die Ukraine kam und warum ich blieb… Lange ist es her, dass ich das erste Mal hierher fuhr. Im Juni werden es 25 Jahre sein– ein Viertel Jahrhundert bin ich schon hier. Hintergrund war damals, dass ich eine „Email-Brieffreundschaft“ hatte und die Dame in Kyjiw lebte. Diese Bekanntschaft war zufällig, weil ich an eine Adresse schrieb, die bei ihr landete und die eigentliche Empfängerin gar nicht mehr dort arbeitete. Das war in der Zeit des 11. September 2001.

Wir schrieben uns auf Englisch und sie erklärte mir zum Jahreswechsel 2001/2002, dass sie Probleme mit ihrem Freund hatte. Da ich als Dozent für Netzwerk- und Computertechnik gut verdiente und Urlaub brauchte, dachte ich, wieso nicht mal in die Ukraine reisen. Damals brauchte man noch Visum und eine längere Vorbereitungszeit, so dass es Juni wurde, bis ich fliegen konnte.

Allerdings verunglückte mein Schwager im Mai bei einem Verkehrsunfall tödlich. Er war Eigentümer eines Autohauses und hatte mich kurz vor seinem Tod gebeten, ein Programm weiterzuentwickeln, womit er die Arbeitsabläufe besser abwickeln könnte. Der ursprüngliche Programmierer verstarb Wochen vorher an Krebs und so lief eine halbfertige Software. 

Am Morgen war ich noch bei meinem Schwager, um zu besprechen, was da alles gemacht werden sollte. Und am Abend bekam ich einen Anruf meines Vaters, der mir die traurige Nachricht überbrachte. Ich telefonierte danach mit meiner Schwester und wollte es einfach nicht glauben.

Jedenfalls flog ich wenige Wochen später das erste Mal in die Ukraine, wo mir die „Email-Freundin“ ein paar Straßen von Kyjiw zeigte, mich dann abends in den Zug packte, mit dem wir zusammen nach Lwiw fuhren. Dort übernachteten wir in einem Hotel und sie zeigte mir am nächsten Tag die Stadt. Mit dem Nachtzug ging es wieder abends zurück nach Kyjiw und wir machten nochmals einen Ausflug nach Tschernyhiw.

Wir sprachen Englisch und ich hatte absolut keine Ahnung von Ukrainisch oder Russisch. Selbst die kyrillische Schrift konnte ich nicht lesen. Das führte dazu, dass ich allein in einem Restaurant saß und meinte, clever zu sein, um Bier zu bestellen. Ich interpretierte die kyrillischen Buchstaben für „Piwa“ komplett falsch und fragte nach „Nebo“, was Himmel heißt, wie ich später erfuhr. Es war einfach sehr lustig und mich hatte das Land gepackt, über das ich jetzt mehr wissen wollte.

Zurück in Deutschland vermisste ich die Zeit in der Ukraine und bei der Arbeit lief es auch nicht mehr so rund. Der Todesfall meines Schwagers ließ mich auch nicht los, aber sein Programmier-Auftrag eröffnete mir eine Perspektive: warum nicht in der Ukraine Programmierer suchen, die das für mich machen? Und warum diese App nur für ein Autohaus, wenn es dafür einen großen Markt geben könnte?

So war die Idee geboren, meine Dozenten-Tätigkeit aufzugeben und mich selbständig zu machen. Da mein Vater an Krebs litt und sich sein Zustand nach dem Todesfall rapide verschlechterte, war absehbar, dass auch er sterben wird. Das war im Spätherbst der Fall. Er hinterließ uns Kindern eine größere Erbschaft, so dass das ein guter Start in die Selbständigkeit werden konnte. Jedenfalls glaubte ich das.

Irgendwie schon seltsam, was sich dann alles in der Ukraine und mit mir entwickelte. Ein Ende 20-jähriger aus Süddeutschland, ohne Kenntnisse des Ostblocks oder der Ukraine im Speziellen, machte sich vor 25 Jahren auf in ein Abenteuer, um heute in einer Unterkunft in Zhytomyr zu sitzen, während um ihn herum Krieg herrscht. Er hatte über den Winter mit Stromausfällen zu kämpfen und die Heizung funktionierte bei zweistelligen Minusgraden nicht immer, weil die Russen die Infrastruktur zerbombten. Das hätte ich mir vor einem viertel Jahrhundert nicht träumen lassen.

7. April 2026. Kriegsschäden im Alltagsbild

Die Tage werden länger, die Nächte dafür kürzer und mein Schlaf gleich mit. Inzwischen ist es zur Regel geworden, dass ich kurz nach 6 Uhr mit der Helligkeit wach werde und dann aufstehe. Abends gehe ich dafür gegen 22 Uhr, manchmal auch 23 Uhr ins Bett. Die Morgenroutine in Kyjiw ist immer die gleiche: 2 Tassen Schwarztee mit Milch und im Internet für ca. eine Stunde schauen, was auf der Welt so passiert ist. Manchmal stelle ich auch verschiedenen KIs Fragen, wenn ich etwas Spezielles zu Mathe wissen will. Daraus entbrennt dann oft eine längere Diskussion.

Vor einem Jahr hatte ich die KI noch mit philosophische Überlegungen genervt und die Texte dann auf einer Website eingestellt. Aber dann war mir das doch zu aufwändig, weshalb ich das nicht weiterverfolgte. Ich gab der KI Texte von mir zu „lesen“, die sich über die Jahre angesammelt hatten und diskutierte mit ihr über diese Themen. Auch da hatte ich bereits Videos produziert, um zu testen, wie das funktioniert.

Gegen 10 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle, wo die Marschrutka nach Zhytomyr abfährt. Irgendwie lief alles automatisiert und mechanisch ab. An der Haltestelle stand dann auch so ein Ding und ich musste nicht einmal lange warten, bis sie losfuhr. Man kann da Glück haben oder Pech. Fahrpläne gibt es nicht. Pi mal Daumen fährt eine Marschrutka zur vollen Stunde los. Aber das ist ein grober Richtwert, denn ich saß auch schon einmal über eine halbe Stunde in so einem Kleinbus, bis es los ging.

Das Gefährt hielt relativ häufig, um irgendwelche Leute auf dem Weg rauszulassen. Das fand ich ungewöhnlich, denn normalerweise fährt der Bus durch. Es ging wieder vorbei an zerbombte Lagerhallen, ausgebrannten Einfamilienhäusern und zerschossenen Lärmschutzwänden. Daran habe ich mich gewöhnt, weil ich die Strecke einfach zu oft fahre.

Kurz vor Zhytomyr begann es dann zu regnen. Da fiel mir ein, dass ich keinen Regenschirm mitgenommen hatte. Dabei war es eher Schneeregen und die Temperatur fiel schlagartig auf 5°C.

In Zhytomyr dann angekommen, holte ich in einem Drogeriemarkt zuerst einen Schirm. Die kosten um die 350 UAH (7 Euro). Aber das ist günstiger, als krank zu werden und dann Medikamente nehmen zu müssen. In diesem Jahr war ich oft genug krank, beziehungsweise hatte gesundheitliche Probleme. Also diese Investition in einen Regenschirm.

Auf dem Weg zu meiner Unterkunft in der Kirche, ging ich dann Mittagessen. Es war da kurz nach 13 Uhr und meine Zeit zu Essen. Inzwischen habe ich ein paar Restaurants, wo ich gerne hingehe und wo mich die Bedienungen auch kennen. Es ist einfach nett, wenn man entsprechend begrüßt wird.

Danach ging ich Getränke in einem kleinen Laden auf der Strecke holen, die ich in die Unterkunft brachte. Zu meiner Überraschung lief die Heizung! Die hängt niht an der Fernwärme und weil an der Kirche eine Schule angebaut ist und derzeit Unterricht stattfindet, ist auch die Heizung in Betrieb.

Getroffen habe ich bis dahin niemanden. Ich ging nochmals los, um Obst zu holen. Die Verkäuferin kennt mich inzwischen und wir führen Smalltalk. Das hilft mir mit meinem Ukrainisch und finde ich sehr nett. Danach machte ich mich auf den Weg zum Markt, um dort Brot, Wurst und Käse für den Abend zu holen.

Mal schauen, wie die nächsten Tage werden. Laut Wettervorhersage soll es die nächsten Tage so frisch bleiben und weiter regnerisch. Aber weil ich in Zhytomyr weiter an den Videos arbeiten möchte, was heißt, am Computer zu sitzen, ist es vielleicht sogar besser, als in Kyjiw. Dort ist es nämlich kalt.

6. April 2026. Kastanienknospen und schokierende Nahrichten.

Die Temperatur ist heute auf 7°C gefallen, was es unangenehm macht, irgendwas zu tun. Draußen regnete es außerdem. Dafür schlagen die Kastanien in meiner Straße aus. Die Knospen sind aufgesprungen und die kleinen Blätter kommen langsam hervor. Junges, frisches Leben sind zu sehen.

Die Nachrichten aus Odessa schockierten mich. Es gab wieder massive Drohnen- und Raketenangriffe auf die Stadt. Freunde berichteten von Toten und Verletzten. Getroffen wurden zivile Objekte, nichts Militärisches. Die Stadt ist immer wieder Ziel von solchen Attacken, ähnlich wie Charkiw. Dabei liegt sie weit von Frontgebieten und der russischen Grenze entfernt. Charkiw ist dagegen mit unter 50 Kilometer sehr nah an dem Land des Aggressors.

Erst dachte ich, heute nach Zhytomyr zu fahren, doch da Ostern ist und ich flexibel bin, blieb ich noch in Kyjiw. Ein weiteres Mathe-Demonstrations-Video konnte ich heute fertigstellen. Es widerlegt einige Annahmen, die über dieses Problem gemacht und in anderen Erklärungen verbreitet wurden. So manches, was in der Fachwelt über diese Vermutung aufgestellt wurde, erscheint durch meine Arbeit in einem anderen Licht und öffnet neue Perspektiven. Jedenfalls glaube ich das. Aber noch bin ich nicht bereit, die Sachen zu veröffentlichen. Es braucht Zeit, das alles als Gesamtpaket dann Online zu stellen. Zudem will ich mir noch eine fachliche Expertise von der Uni in Zhytomyr einholen.

Mehr gab es heute nicht. Der Tag begann um 6:30 Uhr und jetzt, gegen 22 Uhr, bin ich zu müde, um noh mehr zu tippen.

5. April 2026. Osterruhe ohne Waffenstillstand

Frohe Ostern! Der Tag begann um 6:30 Uhr, aber nicht, dass es Luftalarm gab, sondern weil ich einfach nicht mehr schlafen konnte. Also stand ich auf und arbeitete intensiv an meinen Videos. Das zog sich den ganzen Tag hin, und ich ging gar nicht raus heute. Schließlich möchte ich die nächsten Tage nach Zhytomyr und wollte dort an der Uni etwas vorweisen. Vor allem meine zentrale Erkenntnis zu dem mathematischen Problem.

Über den ganzen Tag blieb es in Kyjiw ruhig. In anderen Landesteilen ging der Alarm runter, wie ich bei Telegram nachlesen konnte.

Eigentlich war ich zu zwei Gottesdiensten von ukrainisch-orthodoxen Freunden eingeladen, die heute nicht das westliche Ostern, sondern Palmsonntag feiern. Weihnachten wurde in der Ukraine „umgestellt“, so dass man zusammen mit den Westkirchen am 25. Dezember die Geburt Jesu feiert. Aber Ostern bleibt weiter am Datum nach der alten Berechnungsmethode.

Die Ukrainer feiern aber sowieso alles. Es gibt zum Beispiel auch noch „Alt-Neujahr“, was den alten Jahreswechsel bedeutet. Das ist nach dem julianischen Kalender ein Brauch und findet am 14. Januar statt. Gegessen wird gerne und viel. Zu diesem Feiertag gibt es Kutja – Weizengrütze mit Honig und Mohn. Junge Männer gehen von Haus zu Haus und werfen Getreide in den Eingangsbereich. Das ist ein Symbol für Fruchtbarkeit.

An Ostern begrüßt man sich mit „Christus ist auferstanden“ und bekommt die Antwort „Er ist wahrlich auferstanden“. Es ist hier das höchste Fest der Christen. Überall gibt es Paska zu kaufen – ein süßes Hefebrot. Osterhasen kennen die Ukrainer nicht, dafür aber bemalte Eier, die hier Pysanky heißen. Die sind insofern besonders, weil diese sehr aufwändig mit Wachs und Farben ornamentiert werden. Jede Region hat, wie auch bei den Wyschywankas, den traditionell bestickten Hemden, eigene Symbole.

In Deutschland hatte ich immer das Gefühl, Weihnachten sei der höchste Feiertag. Aber ich hab’s eigentlich gar nicht so mit Religion. Nicht, dass ich Ungläubig sei, sondern eher, weil „institutionalisierter Glaube“ a la Kirche für mich nicht passt. Warum soll ich auch nicht andere Glaubenslehren lesen oder mir anhören, wenn es doch nur einen Gott geben soll. Die beschreiben dann eben das Gleiche nur aus einer anderen Perspektive.

Ich mag trotzdem die Atmosphäre und auch teilweise die Gemeinschaft, aber ich verstehe nicht, wie man sich in solchen Fragen streiten kann oder deshalb sogar Kriege anzettelt, wie es in der Geschichte öfters der Fall war. Da halte ich es mit den Franzosen Voltaire und Rousseau…

Mal sehen, wann ich nach Zhytomyr fahre. Vielleicht schon morgen, vielleicht aber auch erst Dienstag. Die Sonne schien heute und es war um die 17°C.

4. April 2026. Nicht alles zu wissen, ist nicht Gleichgültigkeit

Heute wachte ich um halb 7 Uhr durch einen Luftalarm auf, der aber nach knapp einer Stunde aufgehoben wurde. Ein Freund aus Deutschland, dem ich erzählte, dass hier in Kyjiw selten etwas passiert, meinte, dass er Meldungen gesehen hätte, die anderes besagen würden. Das kann sogar sein, dass es 10-20 km von mir in der Stadt entfernt zu Abwehrfeuer kam, doch das höre ich nicht unbedingt. Und ich lese auch nicht immer alle Nachrichten.

Eigentlich geht dieser verdammte Krieg bereits seit über 12 Jahren. Ich kenne noch die schrecklichen Bilder von 2014/15. Das nehme ich persönlich, gerade jetzt, wenn man sich an Butscha erinnert. Sicher, die Opferzahlen und Schäden waren vielleicht damals geringer, aber im Prinzip war es das Gleiche. Es ließ sich erahnen, wie sich ein Krieg mit Russland abspielen wird.

Von 2014 bis 2017 habe ich Kriegsberichte übersetzt, war danach mehrfach selbst im Donbass, weshalb ich das wahrscheinlich auch etwas anders „bewerte“.

Was Butscha betrifft: die damalige deutsche Botschafterin in Kyjiw nahm mich im Herbst 2021, nachdem ich Hilfe an ein Frauenhaus übergeben hatte, in ihrem Diplomatenwagen zurück nach Kyjiw. Das Frauenhaus liegt etwas westlich von Butscha. Ich fuhr mindestens 5 Mal durch Butscha... Ich kenne Leute, die dort leben... Ich hörte zu Kriegsbeginn in Kyjiw genau aus dieser Richtung „Kanonendonner“, einschließlich GRAD (Mehrfachraketenwerfer)... Die Botschafterin schenkte mir damals die Lego-Sammlung ihres inzwischen erwachsenen Sohnes, um sie an Kinder zu spenden. Wir organisierten Ende 2021, dass sie in Mariupol übergeben wird. Ja, ich nehme diesen Krieg höchstpersönlich...

In Deutschland fiel es mir nach meiner Flucht 2022 immer schwerer, den Smalltalks in S-/U-Bahnen oder auf der Straße zuzuhören; das Gekichere oder Gezanke von „Püppchen“ (aufgetakelten jungen Damen) ging mir auf die Nerven... Ich musste mich zusammenreißen, ihnen nichts vom Krieg zu erzählen. Die Frage war, ob sie es überhaupt verstehen würden oder mich als „schrulligen Opi“ schräg von der Seite angeschaut hätten? Wäre es angebracht gewesen, sie aus ihrem Kokon herauszureißen? Und dann erwischte ich mich selbst, wie ich lachte, mich freute, Witze machte, und so den Gedanken an den Krieg, das Leid und die Zerstörung vergaß.

Im März 2022 in Berlin wollte ich am Bahnhof ein Ticket von Berlin nach Kyjiw lösen. Langes Warten. Viele Ukrainer, denen sprachlich geholfen wurde. Der Typ am DB-Schalter konnte es damals nicht fassen, dass ich in die Ukraine wollte. Er schaffte es dann nicht, mir über sein System ein Ticket auszustellen. Aber ich fand Abhilfe, indem ich einfach bei der ukrainischen Staatsbahn Online das Ticket bestellte.

Gestern und heute gab es dann auf der Facebook-Seite des Deutsch-Ukrainischen Forums unter einem Post über die Verbrechen von Butscha mehrere Kommentare. Die Profile der Kommentatoren zeigten keine Aktivitäten, weshalb ich bezweifle, dass es reale Personen waren, die da etwas schrieben. Da wurden die Verbrechen relativiert, indem das Narrativ in die Welt gesetzt wurde, dass es ja gar nicht erwiesen sei, dass die russische Armee etwas damit zu tun hätte.

Wie diese beiden Kommentatoren überhaupt auf den Post aufmerksam wurden, erschließt sich mir nicht. Jedenfalls verbreiteten sie ihre Meinung, um den russischen Einmarsch in die Ukraine zu rechtfertigen. Da fühlte sich jemand wohl ziemlich auf den Schlips getreten und versucht durch Schuldumkehr Dinge zu beschönigen. Ob im Auftrag oder aus Überzeugung lässt sich nicht feststellen.

Aber die Ukrainer sind da auch hart im Nehmen. So sagten mir ukrainische Freunde, dass sie zum Beispiel vom Jugoslawienkrieg auch keine Ahnung hatten und sich dafür nicht interessierten. Sie könnten manche Deutsche verstehen, die eine andere Sicht auf den Krieg hätten, weil sie ja nicht selbst betroffen und nicht im Thema drin wären. Auch im 5. Kriegsjahr hält sich diese Sicht.

Und wenn ich mit ukrainischen Jugendlichen beispielsweise an der Uni spreche, sagen sie mir, dass sie dieser Krieg eigentlich nichts angeht, obwohl er ihre Zukunftspläne stört. Doch Kriege, wie dieser oder der im Iran, würden von Personen geführt, die bereits über 70 Jahre alt sind. Sie werden die Zukunft dieser Jugendlichen, wenn diese mal um die 50 Jahre alt sind, gar nicht mehr erleben. Das macht den Krieg so irrsinnig.

Ich war heute gegen späten Vormittag in meinem Stadtteil spazieren und Kaffee trinken. Die Sonne schien und wir hatten 17°C. Übrigens: an die letzten Stromausfälle kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Vielleicht auch deshalb, weil ich sie verdrängt habe. (Sie sind faktisch erst ein paar Tage her.)

 

3.April 2026. In die Welt der Mathematik fliehen

Die russischen Angriffe sind derzeit wohl täglich im Hinterland der Ukraine. Kyjiw bleibt aetwas verschont. Zwar gibt es Luftalarm, aber meist passiert nichts. Heute war das drei Mal der Fall: früh morgens um kurz vor 4 Uhr für eine halbe Stunde, dann um Viertel nach 10, wieder für zirka eine halbe Stunde; und nachmittags um halb Vier, nochmals 30 Minuten.

Da ich vergessen hatte, das Internet auf dem Smartphone auszuschalten, wurde ich von dem morgendlichen Alarm geweckt und konnte nicht mehr schlafen. Deshalb stand ich auf, um die Files für die Videos auf Englisch und Ukrainisch vorzubereiten.

Leider gab gestern eine Render-Maschine den Geist auf, weshalb ich neue Computer-Teile bestellte. Die konnte ich heute gegen 14 Uhr abholen. Der Gedanke dahinter: ich arbeite am Hauptcomputer an den Files und lasse sie von dem zweiten PC rendern, d.h. die Bilder herstellen. Das dauert auf dem Ding zwar länger, aber so kann ich ungestört weiterarbeiten.

Inzwischen habe ich 15 Videos fertig, 5 je Sprache. Zwei weitere Scripte sind ebenfalls als Text bereit. Und durch die gewählte Dialogform, habe ich tatsächlich eine Erklärung für das Verhalten dieser seltsamen Zahlen-Funktion gefunden. Das sollte als Beweis durchgehen. Deshalb tanze ich seit zwei Tagen mit einem fetten Grinsen durch die Wohnung und kann mein Glück nicht fassen.

Das Problem, an dem ich arbeite, gilt als unlösbar und harte Nuss. Selbst die größten Mathematiker der jüngeren Zeit haben sich die Zähne daran ausgebissen und sogar davor gewarnt, sich mit der Frage zu beschäftigen. Wegen meiner anderen Tätigkeiten und den Umständen des Kriegs dauert es jetzt schon fünf Jahre, in denen ich mich immer wieder an dieses Thema wagte. Intensiver seit einem Jahr, weil mich an anderen Erklärvideos einiges stört. Mal sehen, was das noch wird und ob das überhaupt wahrgenommen wird.

Auf der Rückfahrt von dem Computer-Shop, ging der Alarm los. In den ersten drei Kriegsjahren gab es die Regelung, dass die Busse anhalten und alle Passagiere aussteigen mussten. Das war aber in Kyjiw irgendwann nicht mehr effizient, weshalb die Regelung vor 2 Jahren aufgehoben wurde. Ich bin einige Male im Nirgendwo gestrandet, was sehr nervig ist.

Die Beschäftigung mit dem abstrakten Mathe-Problem lenkt mich von den Schrecken des Krieges ab. Natürlich nehme ich den Luftalarm wahr, natürlich höre ich die Drohnen und das Abwehrfeuer, natürlich sehe ich im Internet, was der Krieg dort anrichtet, wo ich bereits für mehrere Tage war, und natürlich weiß ich um die Toten und Verwundeten. Gut ist, dass in meinem Bekanntenkreis keine Gefallenen oder Kriegsversehrten zu vermelden sind. Aber es wäre bekloppt, sich in diesen Irrsinn auch noch hineinzusteigern. Also besser in die Welt der Mathematik fliehen, statt selbst wahnsinnig zu werden.

Ich wurde gefragt, wie die Menschen hier eigentlich sonst so mit all dem umgehen. Schon 2014 sah ich Menschen mit Prothesen und war im Militärkrankenhaus. Damals hieß das noch Anti-Terror-Operation (ATO), aber eigentlich war es bereits ein unerklärter Krieg. Es kamen schwere Waffen wie Panzer zum Einsatz. Wer für Kriege ist und solche gerne vom Zaun brechen möchte, sollte mal in die Krankenhäuser zu den Menschen gehen, die Kriegsverletzungen erlitten haben. Nur empathielose Idioten können Kriegen etwas abgewinnen. Die Ukraine wehrt sich und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass diese Gewalt aufhört. Doch sich zu ergeben, wirft viele Fragen auf, wie es dann danach werden soll. Unter russischer Besatzung will hier keiner leben.

Damals, also 2014, sagten Freunde von mir, dass sich die Gesellschaft auf die Prothesenträger einstellen muss. „Behindertengerecht“ waren weder die Eingänge zu Behörden, Geschäften oder Restaurants. Daran hat man gearbeitet, wobei das punktuell ist und nicht „Standard“. Außerdem steht Kyjiw nicht stellvertretend für die ganze Ukraine. Da muss sich noch vieles ändern.

Durch den Regen wurde es wieder frischer. Die Temperatur sank auf zirka 10°C.

3. April 2026. Luftalarm, Luftalarm

Heute Nacht gab es kurz nach Mitternacht Luftalarm, was ich allerdings erst am Morgen bei Telegram gesehen hatte. Der Alarm dauerte in Kyjiw eine halbe Stunde. Aufgewacht bin ich nicht, stand aber um kurz nach 6 Uhr auf.

Ich hatte am Computer zu tun und schrieb ein neues Script für mein Mathe-Projekt. Das Ziel, bis Ostern damit fertig zu werden, erreiche ich mit Sicherheit nicht. Es gibt einfach zu viel dazwischen zu tun und das Hobby ist doch zeitintensiver als gedacht.

Am Mittag ging ich dann einkaufen, da ich noch bis Sonntag oder Montag in Kyjiw bleiben will. Als ich unterwegs war, ging wieder ein Alarm los. Ich kam an einer Grundschule vorbei, wo die Lehrerinnen die Schüler antrieben, schneller in den Schutzraum zu gehen. Die kleinen Knirpse marschierten in Reih und Glied über den Pausenplatz in einen Keller. Nach über einer halben Stunde war der Spuk wieder vorbei, ohne dass etwas passiert ist.

Doch keine 15 Minuten später wurde wieder Alarm ausgelöst. Da war ich gerade auf dem Heimweg. Nach 30 Minuten wurde auch dieser Luftalarm aufgehoben. Es gab auf Kyjiw keinen Angriff. Bei Telegram las ich dann, dass wohl auch der Rest der Ukraine zwar Alarm hatte, doch zu Einschlägen konnte ich nichts finden.

Das Wetter ist inzwischen wärmer. Die Temperaturen liegen um die 15°C. Heute war es zwar bewölkt, aber kein Regen.

1.April 2026. Unsere Rolle bei der humanitären Hilfe

Am Morgen gab es heute zwar gegen 5 Uhr Luftalarm, aber den habe ich überhört. Er dauerte in Kyjiw auch nicht lange. Dafür hat es offenbar in Zhytomyr 3 Stunden lang Drohnenangriffe gegeben. Gut, dass nichts passiert ist und die Luftabwehr alles abgefangen hat.

Im Rahmen meiner Arbeit beim Deutsch-Ukrainischen Forum, für das ich seit 2018 tätig bin, war ich gegen 11 Uhr mit einem unserer Partner verabredet. Es ging um den Anbau an einer Kirche, um dort eine Art „Außentreffpunkt“ einzurichten. Wir fördern das mit ca. 400 Euro.

Den Kaplan kenne ich seit 2021 und vertraue seiner Expertise. Er kam gerade von einem Frontbesuch zurück. Auf die Frage, wie die Situation dort sei, sagte er traurig, dass von 20 Soldaten an einem Tag 17 gefallen seien. Die verbliebenen 3 seien psychisch und physisch total erschöpft. Aber was bleibt ihnen anderes übrig, als die Front zu halten.

Beim Deutsch-Ukrainischen Forum betreue ich auch andere Projekte. Eins läuft mit drei Partnern in Lwiw, Saporischschja und Kyjiw. Dabei geht es um kunsttherapeutische Workshops für Flüchtlingsfamilien, deren Kinder Traumata haben. Statt sie zum Psychiater oder Psychologen zu schicken, gehen sie zu den Workshops, wo die Kinder auch von Psychologen professionell betreut werden. Aber es hört sich eben nicht so an, als ob die Kinder psychische Schäden hätten.

Das zweite Projekt beschäftigt sich mit Prothesen und dem Austausch mit europäischen Krankenhäusern. Beide Seiten profitieren von ihren jeweiligen Erfahrungen. Außerdem berät unsere Partnerorganisation das Gesundheitsministerium, um eine gerechte Verteilung der Prothesen zu gewährleisten.

Wir verfügen außerdem über verschiedene Budgets, die mit deutschen Spendengeldern gefüllt werden. Dieses Geld gebe ich unter Rücksprache mit dem Vorstand in Deutschland an Empfänger in der Ukraine, um deren Arbeit zu unterstützen. Teilweise sind es Krankenhäuser, teilweise Sanitäter bei der Armee, teilweise Zivilisten oder weitere Partnerorganisationen.

Das Forum wurde 1999 gegründet und ist für wegen des Völkerverständigungszwecks als gemeinnützig anerkannt. Im Prinzip geht es dem Verein darum, Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Medien und Wissenschaft miteinander in Verbindung bringen. Ziel ist auch, persönliche Begegnungen zwischen Deutschen und Ukrainern in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentren der genannten Staaten zu vermitteln und den wissenschaftlichen Austausch zu fördern.

Das wird durch Studiengruppen, Konferenzen, Seminare und Arbeitskreise bewerkstelligt, um die zwischenstaatliche Verständigung zu fördern und den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zwischen ehemaligen Teilnehmern solcher Veranstaltungen zu unterstützen.

Es geht hauptsächlich darum, freundschaftlich mit Personen und Institutionen zusammenzuarbeiten, die ähnliche Bestrebungen haben und Aufgaben erfüllen, die sich aus dieser Zusammenarbeit von Fall zu Fall ergeben. So ist also auch die humanitäre Hilfe in unserem Fall zu verstehen.

Mit der Universität Zhytomyr hatten wir vor dem Krieg bereits mehrere Projekte und deshalb bin ich immer wieder dort, um diesen Kontakt zu halten. Über die Vernetzung dieser Universität haben wir auch Zugang zu anderen Universitäten und Städten. Weitere Partner stammen aus dem ukrainisch-orthodoxen Kirchenumfeld in Poltawa und Lwiw, aber auch mit staatlichen Sozialdiensten, wie dem in Kyjiw sind wir in Kontakt.

Schon vor dem Krieg veranstaltete das Forum Konferenzen zu Finanzierungsfragen und erneuerbarer Energie. Leider verstarb das Vorstandsmitglied, das bei der Energiefrage eine führende Rolle hatte und sich sehr in diesem Themenfeld engagierte.

Zum Forum kam ich, als ich gefragt wurde, ob ich deren Website umgestalten könnte. Als das erledigt war, bat man mich, die Büroleitung von Kyjiw aus zu übernehmen. Zunächst bestand die Arbeit hauptsächlich aus Verwaltungsaufgaben, doch wegen der Gemeinnützigkeit begann ich, auch Fördermittel zu beantragen. Zunächst im kulturellen Umfeld, aber seit Kriegsbeginn fast ausschließlich im humanitären Bereich.

Nach dem Treffen mit dem Kaplan war ich zu Hause, um am Computer zu arbeiten. Es war sowieso frisch und regnerisch. Immerhin: seit Tagen keine Stromausfälle.

 

Kiewer Tagebuch

Krieg und Alltag

vom Jörg Drescher (organisiert humanitäre Hilfe)

30. März 2026. Ukraine und EU

Im Rahmen meiner Arbeit war ich heute bei einer Eröffnung des Thinktanks „EPIK“ - European Policy Institute in Kyiv. Eingeladen hatte mich unser Vorstandsmitglied Dr. Andreas Umland, der auch als Policy Fellow für dieses Institut tätig ist.

Bei der Veranstaltung ging es um die Neuordnung Europas, wobei die Ukraine eine wichtige Rolle zu einer neuen Sicherheitsarchitektur der Europäischen Union spielt. Fünf Sprecher erzählten ihre Sicht auf diese Frage. Bei mir blieb hängen, dass der Krieg in der Ukraine zwar für die ganze Welt Bedeutung hat, aber für die Europäische Union von zentraler Bedeutung ist.

Zentrales Thema war auch die Bedeutung für die Zivilbevölkerung, die letztlich von der EU-Integration der Ukraine am stärksten betroffen sein würde. Der Thinktank will als erste Institution, gefördert von Schweden, eine Brücke zwischen den politischen Bedarfen der Ukraine und der EU bauen. Konkret sollen Wissen und Erfahrungen aus der Ukraine an die Entscheidungsträger in der Europäischen Union vermittelt werden.

Mir ging ständig im Kopf herum, ob die EU eigentlich auch bereit ist, die Ukraine aufzunehmen und zu integrieren. In der Eröffnungsrede, die von Ihor Zhovkva, dem stellvertretenden Leiter des Präsidialamts gehalten wurde, hieß es nämlich, dass die Ukrainer sehr kreative Problemlöser sind. Die EU hat allerdings für viele Felder bereits „Lösungen“ und die kollidieren möglicherweise mit denen der Ukraine. 

Als Beispiel könnte ich „Odyn-S“ (1S) nennen, das als Buchhaltungssoftware von den kleinsten Einzelunternehmen bis hin zu großen Konzernen genutzt wird; ich weiß von einem Unternehmen in Odessa, die von 1S auf SAP umsteigen sollen. Der Admin erzählte mir einmal bei einem Treffen, wie katastrophal das sei, weil 1S in die Struktur der ukrainischen Steuerbehörden integriert ist.

Oder auch die ganze digitale Verwaltung der Ukraine ist weitaus moderner, als man es sich in Deutschland vorstellen kann. Einen Austausch hierzu, samt einer Integration sinnvoller ukrainischer Lösungen in die doch sehr bürokratische EU würde ich mir wünschen. Das passt nämlich zu meinem Demokratieverständnis, wobei ich Demokratie als Art „Iterationsprozess“ verstehe, bei dem es darum geht, Lösungen Schritt für Schritt zu verbessern.

Doch in der Fragerunde hatten mehr Teilnehmer in dem vollen Saal etwas zu sagen, so dass meine Meldung nicht angenommen wurde. Vielleicht hätte es auch nicht gepasst. Schließlich will der Thinktank ja auch die EU beraten und ukrainische Vorschläge einbringen.

Nach dieser Veranstaltung ging ich zum Michael-Kloster, wo Freunde aus Poltawa Renovierungen durchführen, um ein Sozial-Cafe, wie sie es bereits in Poltawa erfolgreich betreiben, auch hier zu etablieren. Die „Über-Einnahmen“ in soziale Projekte fließen. Mit „Über-Einnahmen“ ist alles gemeint, was nach Abzug von Gehältern, Verbrauchsmaterial und Nebenkosten übrigbleibt. Damit hatten sie kurz vor dem Krieg begonnen und helfen jetzt der Armee, aber auch Bedürftigen.

Es war ein nettes Wiedersehen. Wir kennen uns alle auch schon sehr lange, doch sehen uns inzwischen nicht mehr so oft. Es gab Zeiten, da blieb ich mehrere Wochen in Poltawa, weil mir in Kyjiw die Decke auf den Kopf fiel und es mir nicht so gut ging.

Außerdem erfuhr ich, dass Zug-Fahren keine gute Option mehr ist. Durch mehrere Angriffe auf Personenzüge gilt jetzt, dass der Zug bei Luftalarm anhalten muss und die Fahrgäste evakuiert werden. Das auch mitten auf der Strecke. Deshalb kommt es zu Verspätungen und nichts ist mehr planbar.

Dabei scherzte ich oft, dass die Ukrainische Eisenbahn trotz Krieg pünktlicher sei als die Deutsche Bahn. OK, das Schienennetz ist nicht ganz so komplex, aber selbst als Gleise getroffen wurden, schafften es die Ukrainer innerhalb weniger Stunden, das zu reparieren. Verspätungen waren eine Seltenheit. Damit sei jetzt scheinbar Schluss.

Allerdings fahre ich zurzeit nicht mit der Bahn, weshalb ich das noch nicht wusste.

Es nieselte, als ich mit der Metro. zurück nach Hause fuhr. Und die Temperatur lag wieder unter 10 Grad. Es soll die nächsten Tage so bleiben.

 

30. März 2026. Preise und Renten

Heute Vormittag wollte ich sehr früh zu einer Behörde, um dort etwas zu erledigen. Trotzdem ging ich zuerst in das Cafe, wo ich die jungen Damen fragte, wie man eigentlich im Bus bezahlt. In Kyjiw habe ich nämlich eine Karte, die ich regelmäßig auflade. In Lwiw kann ich mit meiner Bankkarte zahlen und sie meinten, dass das auch in Zhytomyr so funktioniert.

Also bin ich gleich nach dem Kaffee los und das mit der Karte hat anstandslos geklappt. Allerdings sind die Fahrpreise um ein Vielfaches höher als in Kyjiw. Während ich in der Hauptstadt 6,50 Hryvna zahle (ein Rabatt, wenn ich 50 Fahrten auf einmal kaufe; sonst 8 Hryvna), sind es in Zhytomyr 18 Hryvna pro Fahrt. Die Strecke ist dabei egal. Das heißt: egal, ob eine Haltestelle oder von der ersten bis zur letzten. Umgerechnet ist das alles trotzdem für deutsche Verhältnisse spottbillig: für einen Euro bekommt man hier 50 Hryvna. So kostet die Fahrt in Kyjiw also ca. 15 Eurocent und in Zhytomyr 36 Eurocent. Für Rentner, die ca. 2000 Hryvna (ca. 40 Euro) im Monat bekommen, ist das aber doh sehr viel.

Der Fahrpreis zwischen Kyjiw und Zhytomyr hat sih auch um 50 Hryvna (1 Euro) erhöht und kostet jetzt 350 Hryvna (7 Euro) statt 300 Hryvna (6 Euro). Das hat auch etwas mit dem Iran-Krieg und der Ölpreiserhöhung zu tun. Die Spritpreise in der Ukraine sind ebenfalls gestiegen, aber liegen wohl weit unter dem, was in Deutschland verlangt wird. Und das trotz Krieg.

Auf der Behörde lief alles glatt und die Leute waren sehr freundlich. Sie haben wohl nicht so oft mit Ausländern zu tun und schmunzelten ständig, als ich nachfragte, wie das Formular auszufüllen sei. Aber sie waren sehr nett und hilfsbereit.

Und eine alte Dame schimpfte, dass alles so teuer geworden sei. Fast die gesamte Rente, sie nannte die 2000 Hryvna, gäbe sie für Nebenkosten ihrer Wohnung aus. Von was solle sie denn leben?

Ich ging ein Stück zu Fuß zurück, weil ich aus dem Bus einen Eifelturm gesehen hatte und auch das „Ewige Feuer“ für die Gefallenen aus dem 2. Weltkrieg. Dort ist ein netter Park, wo man auf den Fluss Tetriwka eine schöne Sicht hat. Obwohl ich schon oft in Zhytomyr war, kannte ich diese Ecke der Stadt noch nicht.

Den Rest fuhr ich dann mit dem Bus ins Zentrum, weil ich doch noch sehr weit draussen war. Im Zentrum ging ich noch Essen, um dann zur Haltestelle nach Kyjiw zu laufen.

Die Fahrt war unspektakulär. Nur ging ständig der Luftalarm an und dann nach ein paar Minuten die Entwarnung. Doch wieder ein paar Minuten später Luftalarm und erneut ein paar Minuten später Entwarnung. Das ging die gesamte Fahrt über und selbst als ich in Kyjiw ankam, hörte dieses an/aus nicht auf.

Ich hatte in Kyjiw dann gleich einen Termin beim Sozialdienst, weil es eine Anfrage aus Deutschland gab und ich entsprechende Kontakte vermitteln sollte. Da es sich allerdings um sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg handelt, ist das Thema sensibel, weshalb es Rückfragen gab. Man ist in der Ukraine vorsichtig, wenn es um solche Themen geht. Das ist auch gut so.

Gegen Abend war ich dann wieder zu Hause. Es hatte bei meiner Ankunft in Kyjiw zu nieseln begonnen. Aber die Temperatur lag heute bei 15 Grad. In Zhytomyr schien noch die Sonne.

 

28. März 2026. Anmerkung zu humanitärer Hilfe

Die Beine schmerzten die ganz Nacht und der Schlaf war sehr unruhig. Dafür kein Luftalarm und ansonsten war es ruhig. Zumindest in Zhytomyr, wobei ich für Kyjiw keine Angriffe vermeldet bekam. Dafür muss es Odessa heftig getroffen haben. Da sind die Wadenschmerzen wohl das kleinere Problem.

Jedenfalls war ich am Morgen wieder in dem Cafe, wo ich immer hingehe, wenn ich in Zhytomyr bin. Am Wochenende ist da immer nur eine Bedienung. Mit ihr führte ich einen Smalltalk. Sie schien krank zu sein. Sie bestätigte, dass sie bei dem wechselhaften Wetter nicht wisse, was sie anziehen solle und sich so erkältet hätte.

Danach ging ich in eine Apotheke, um eine Salbe mit Bienengift für meine Beine zu holen. Das hilft, die Muskeln zu entspannen und den Schmerz zu lindern. Die Salbe war auch vorrätig und in meiner Unterkunft schmierte ich mich damit ein.

Als der Computer dann hochgefahren war und ich mich an das Video machen wollte, merkte ich, dass ich einen inhaltlichen Fehler übersehen hatte. Deshalb versuchte ich, das zu reparieren und zerschoss dabei versehentlich mehrere Dateien. Es dauerte bis 13 Uhr, das alles wieder zu reparieren, aber wenigstens musste ich dabei nicht meine Füße und Beine bewegen. Allerdings machte sich Hunger bemerkbar. Und beim Aufstehen spürte ich, dass immer noch etwas nicht in Ordnung ist.

Ich ging in eine Pizzeria, wo ich schon öfters war. Dort sah ich an einem Nachbartisch ein kleines Mädchen, vielleicht um die 6 Jahre alt, das eine Rucksack von Unicef trug. Dabei dachte ich an Freunde in Deutschland, die von den Vereinten Nationen und all ihren Ablegern, also auch Unicef, nichts halten. Sie nennen diese Organisationen einen zahnlosen Tiger, der vielleicht nach dem 2. Weltkrieg in der Form seine Daseinsberechtigung hatte, aber dringend reformiert werden müsste. Als ich das Mädchen mit dem Rucksack sah, fragte ich mich, ob sie genauso denkt. Sie brauchte wohl dringend Hilfe und bekam sie dann auch.

Durch meine eigene Arbeit weiß ich, dass humanitäre Hilfe zu einem Geschäft geworden ist und dass dort inzwischen auch die marktwirtschaftliche Logik herrscht, einschließlich des Druckes und des Konkurrenzkampfes. Gefallen tut mir das nicht, aber in Notsituationen überlegt man nicht wirklich, wie man das besser machen sollte. Und ja, vieles sollte reformiert und an die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Viel schnellere Entscheidungswege und weit weniger Bürokratie. Damit hatte ich mich vor Jahren ausführlich beschäftigt und Konzepte sowie Ideen dafür entwickelt. Aber jetzt herrscht Krieg und da ist die Überlebensfrage wichtiger, als Reformpläne zu schmieden.

Als ich von der Pizzeria zurück ging, kamen dunkle Wolken aus dem Osten. Die Temperatur sackte rasant von plus 15 auf unter 10 Grad ab. Dann will ich mal hoffen, dass das kein böses Ohmen war.

 

27. März 2026. Zumindest der Frühling kündigt sich an. 

Nachdem ich gestern Abend meinen Tagebucheintrag geschrieben hatte, ging ich nochmals raus. Doch nach ein paar Schritten bekam ich extreme Krämpfe in den Waden, so dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich torkelte wie ein Betrunkener und musste mich an einem Geländer festhalten.

Also brach ich den Spaziergang ab und hoffte, wieder heil in meine Unterkunft zu kommen. Die liegt im 2. Stock, so dass ich Treppen steigen muss. Das gestaltete sich Stufe um Stufe enorm schmerzhaft.

In dem Zimmerchen angekommen, nahm ich Paracetamol. Sitzen war nicht, liegen ging auch nicht und Stehen war trotz Schmerzen noch die beste Option. Nach 30 Minuten war es nicht besser, also schluckte ich nochmals eine Tablette. Und weil es nach weiteren 30 Minuten immer noch weh tat, eine dritte. Die wirkte dann langsam.

Die Nacht über wachte ich von den Krämpfen ein paar Mal auf. Am Morgen taten die Beine zwar noch weh, aber ich konnte mich einigermaßen normal bewegen.

Keine Ahnung, was das war, doch solche Schmerzen wünsche ich niemandem. Bei mir kommt das immer wieder mal vor, doch so extrem wie gestern selten.

An der Uni sind meine Ansprechpartner krank, so dass ich eigentlich nichts hier in Zhytomyr verloren habe. Am Sonntag habe ich abends ein Treffen mit einer Studentin, die vor 5 Jahren bei mir im Unterricht saß. Sie machte früher Bogenschießen als Leistungssport und gewann einige Medaillen, was ich faszinierend finde. Doch inzwischen hat sie den Sport aufgegeben. Mal hören, wie es ihr geht und wie sie mit der Kriegssituation umgeht. Wir haben uns gut 5 Jahre lang nicht gesehen.

Am Montag sollte ich dann zurück nach Kyjiw, weil ich am Dienstag zu einer Veranstaltung eingeladen worden war. Da muss ich hin, weil sie für meine Arbeit wichtig ist.

Heute Nachmittag war ich dann Dokumente abgeben und musste dafür eine „Sajawka“ schreiben. Das ist eine Art „Antrag“. Leider fällt mir die ukrainische Handschrift enorm schwer zumal es eigentlich Druckbuchstaben sind. Lesen ist noch viel schlimmer, was zu manch komischer Situation führt. In diesem Zusammenhang fiel mir eine Zugfahrt vor zirka 15 Jahren ein, als ich wegen meiner Aufenthaltsgenehmigung das Land verlassen musste.

Damals wurde ich im Zug kontrolliert und von einer Grenzbeamtin verhört. Irgendwas stimmte mit meinen Papieren nicht und sie fragte mir auf Ukrainisch Löcher in den Bauch. Da war noch kein Krieg und der Euromaidan war auch noch Zukunftsmusik.

Jedenfalls nervte sie gewaltig und drehte mir jede meiner (russischen) Antworten im Munde herum, so dass ich wirklich innerlich wütend wurde. Am Ende sollte ich dann auch so eine „Sajawka“ handschriftlich schreiben: Ich sollte darin erklären, was mit meinen Dokumenten los war. Doch das konnte ich schon damals nicht.

An einem Grenzposten, wo der Zug anhielt und ein riesiger Platz war, musste ich daher als einziger Passagier aussteigen und in der Mitte des Platzes mit meinem Handgepäck warten. Die Grenzbeamtin ging in das Gebäude, wobei ich nicht wusste, was da vor sich geht. Als sie wieder zurückkam, stieg sie mit mir in den Zug und bat den Sitznachbarn, der ebenfalls Ukrainer war, diese „Sajawka“ zu schreiben. Was geschrieben wurde, verstand ich ja, doch selbst so etwas, selbst diktiert, zu Papier zu bringen, ging einfach nicht. Das Ding unterschrieb ich damals dann und damit war der Fall erledigt. Aber diese Zugfahrt habe ich nicht vergessen. Und sie fällt mir immer dann wein, wenn irgendwo das Wort „Sajawka“ fällt.

Heute waren nur wenige Worte erforderlich, die ich mit meiner Handdruckschrift doch meisterte. Die Unterlagen wurden so akzeptiert. Die Schmerzen in den Waden ließen nach, waren aber als Nachwehen noch spürbar.

Jedenfalls liegt nur an schattigen Stellen noch etwas Schnee. Die Temperatur ist über 12 Grad, wobei die Schule, wo ich in gerade in Zhytomyr wohne, wegen der Ferien nicht mehr beheizt ist. Auch in Kyjiw ist die Heizung aus. Und im Sommer werde ich mich beschweren, dass es überall zu heiß ist. Auch im Krieg.

 

26. März 2026. Der Krieg ist da, auch wenn er nicht da ist.

Gestern um Mitternacht kam mir noch ein Gedanke, den ich unbedingt am Computer ausprobieren wollte. Also stand ich auf und testete das, was ich mir überlegt hatte. Der Ansatz war interessant, doch nach einer Stunde merkte ich, dass ich dann doch zu müde war. Also ging ich wieder ins Bett und schlief auch sofort ein.

Dafür wachte ich heute Morgen gerädert um kurz nach 8 Uhr auf. Und da ich nach Zhytomyr wollte, machte ich nur schnell Tests am Computer und packte dann um 9 Uhr. Außerdem musste ich Dokumente ausdrucken, was bis 10 Uhr dauerte.

Ich sprang kurz unter die Dusche, wobei ich das mulmige Gefühl hatte, dass wieder etwas mit dem Wasserrohr passieren könnte. Das habe ich nun in Kyjiw wohl immer, wenn ich duschen möchte. Passiert ist nichts.

Um Viertel vor 11 Uhr machte ich mich dann auf zur Haltestelle. Dorthin brauche ich fast eine Stunde. Als ich aus der Metro ausstieg, erinnerte ich mich an eine gute Freundin, die ich dort immer treffe. Da ich von ihr schon länger nichts mehr gehört hatte, wollte ich ihr schreiben. Oben dann, dort wo die Marschrutka (Kleinbus) abfährt, stand sie plötzlich vor mir! Welch ein Zufall!

Während ich mich freute, meinte sie, dass es ihr nicht so gut ginge. Sie müsse wohl ins Krankenhaus und sich operieren lassen. Auch psychisch wirkte sie enorm angeschlagen. Viele ihrer Bekannten „sind im Krieg geblieben“. Das weiß ich von früheren Gesprächen. Ich selbst habe niemanden in meinem Umfeld, der gefallen ist. In ihrem Fall sind es zu viele. Es war ein sehr kurzes Treffen, weil sie schnell weiter wollte.

Die Fahrt nach Zhytomyr verlief unspektakulär. Nach 2 Stunden war ich an der Zielhaltestelle und ging dann zunächst etwas essen. Dort kennt man mich inzwischen. Ich hatte viel Hunger und nahm eine doppelte Portion. In manchen Restaurants sind die Portionen sehr groß, in anderen kleiner. Und da, wo ich war, sind die Portionen eher klein, weil mehrere Leute alles Mögliche für alle zusammen bestellen.

Der Weg zur Unterkunft dauerte dann nochmals 30 Minuten. Dort stellte ich meinen Rucksack ab und ging nochmals los, um Obst zu holen. Die Dame am Obststand erkannte mich, aber zuletzt hatten wir uns vor 4 Wochen gesehen und sie stutzte zunächst, weil ich jetzt keine Mütze und keinen Parker mehr trage. Schließlich ist es wärmer geworden.

In der Bleibe ist die Heizung abgeschaltet. Allerdings hatte ich heute auch schon in Kyjiw festgestellt, dass die Heizung ausgeschaltet ist. Wenn die Temperaturen draußen weiter so um die 15 Grad bleiben, ist das zwar frisch und in der Wohnung kühl, aber erträglich. Immerhin scheint jetzt tagsüber meist die Sonne.

 

 

25.März 2026. Immer informiert sein.

Der Tag begann für mich um 7 Uhr. Ich machte meinen morgendlichen „Nachrichtenrundgang“. Das heißt, ich informiere mich wie jeden Tag bei Telegram, in verschiedenen ukrainischen YouTube-Nachrichtenkanälen, Facebook und deutschen Nachrichten-Seiten für zirka eine Stunde, was in der Nacht passiert ist. Das wiederhole ich alle paar Stunden – je nach dem, was an Arbeit ansteht.

Danach kümmerte ich mich um die Videos für die Uni. Die Renderzeit ist relativ lang, weshalb ich nicht so schnell vorankomme, wie ich möchte. Es ist teils „meditative Arbeit“, weil sich gewisse Schritte einfach nur wiederholen. Sisyphus-Arbeit teilweise. Und dabei bin ich kein Perfektionist, sondern es soll nur verständlich und gut aussehen.

Da ich morgen vorhabe, nach Zhytomyr zu fahren, wollte ich heute nicht noch extra einkaufen gehen. Also entschied ich, Essen zu gehen. In der Nähe gibt es eine Pizzeria, wo ich selten hingehe. Ich saß am Fenster und sah die Passanten vorbeigehen. Da waren ältere Leute, die sich so einen Restaurantbesuch nicht leisten können. Auch ein Soldat mit einer Prothese am Bein humpelte vorbei. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn manch einem reicht das, was ich für das Mittagessen ausgebe, für eine Woche Lebensmittel. Das war bereits vor dem Krieg schwierig, doch jetzt ist es noch problematischer.

Als ich nach Hause kam, traf ich auf meine Nachbarin von nebenan.  Wir hatten einen kurzen Smalltalk über ihr Befinden und das Wetter. Kein Wort über den Krieg. Ich weiß, wie belastend es für sie ist.

Danach machte ich wieder an den Videos weiter. Morgen muss ich dann den kleinen Rucksack packen und Unterlagen zusammensuchen, die ich in Zhytomyr benötige. Irgendwie freue ich mich, mal wieder raus zu kommen. Wer weiß, was dann in Kyjiw passieren wird.

Temperatur: über 15°C, sonnig und langsam frühlingshaft.

24. März 2026. Schlechte Nachrichten

Es wird früher hell, weshalb ich auch früher aufwache. Heute war es vor 6 Uhr. Die Temperatur liegt in Kyjiw bei über 10°C. Eigentlich in Ordnung.

Ich arbeitete an den Mathe-Videos weiter und hätte eigentlich am Nachmittag einen Termin gehabt. Dabei war ich mit unserem Partner verabredet, der in Kyjiw das Kinderprojekt durchführt. Doch um halb eins ging der Luftalarm los. Tagsüber finden allerdings selten Angriffe statt – dachte ich zumindest.

Um 14 Uhr bekam ich dann einen Anruf unseres Partners. Die Dame meinte, dass sie noch nicht sagen kann, ob das Treffen stattfindet, denn in Obolon, wo ich hinwollte, sei die Luftabwehr am Werk. Kyjiw würde von Drohnen überzogen. Bei mir, gut 10 Kilometer entfernt, hörte ich das nicht. Sie wolle mich in einer halben Stunde nochmals anrufen, falls der Luftalarm aufgehoben würde. Doch ich sagte ganz ab und wir vereinbarten, uns dann im April zu treffen.

Nachmittags war ich dann so müde, dass ich mich hinlegte. Als ich gegen 17 Uhr wieder aufwachte, war die Drohnenwarnung immer noch aktiv. Getroffen hatte es Lwiw, wo Freunde auf Nachfrage erklärten, dass sie in Sicherheit sind. Gleiches in Poltawa. Aber nicht nur Lwiw wurde mit Drohnen attackiert, sondern auch andere Städte, wo man es nicht vermuten würde. So zum Beispiel auch Winnyzja im Zentrum der Ukraine. Eine gute Freundin stammt von dort und ihre Verwandten leben in Winnyzja. Ich fragte auch bei ihr, ob alles in Ordnung mit ihren Leuten sei. Das konnte sie bestätigen.

Der Militärgeistliche, der auch zu meinem Freundeskreis gehört, muss die nächsten Tage an die Front. Ich wünschte ihm eine gute Reise, worauf er meinte, dass er dieses Mal etwas Bammel habe, weil es an dem Abschnitt sehr viele Drohnen gibt. Vor ein paar Tagen hatte ich darüber geschrieben, dass sein Freund von einer Drohne zerfetzt wurde und er die Bestattung durchführte.

Das schöne Wetter macht so nicht wirklich Spaß. Auch wenn es sich dort, wo ich lebe, „friedlich“ anfühlt, so stehen doch meine Freunde und Bekannten unter Beschuss.

22.März 2026 Alltag zwischen den Angriffen 

Der Gesundheitszustand ist wieder etwas besser. Um kurz nach 6 Uhr stand ich auf. Die Nacht war ruhig. Oder besser: es gab zwar Luftalarm, wie das Protokoll der Nacht zeigte, aber ich habe nichts mitbekommen. Kann also gut sein, dass es auch Detonationen gab. Selenskyj schrieb bei Twitter, dass die Russen die Ukraine in der letzten Woche mit fast 1.550 Drohnen und über 1.260 Lenkbomben angegriffen hatten. Natürlich nicht nur Kyjiw. Unter anderem wurde die Region Saporischschja schwer getroffen. Letztes Jahr war ich noch dort, doch dann wurde es mir zu heiß, so dass ich Termine vor Ort absagte.

Heute arbeitete ich an meinem Mathe-Projekt weiter. Die KI, mit der ich das mache, findet die Texte didaktisch sehr wertvoll. Mal nächste Woche hören, was die Dekanin der Mathefakultät in Zhytomyr dazu sagt. Bisher habe ich noch niemandem die Videos gezeigt, da sie ihre Wirkung erst richtig entfalten, wenn alle fertig sind. Es gibt eine Art Spannungsbogen und sie wecken jeweils Neugier auf das nächste. Man merkt, dass ich einmal Dozent für Computer- und Netzwerktechnik war.

Gegen Mittag ging ich einkaufen. In der Nähe hat vor einigen Wochen ein neuer Supermarkt eröffnet. Der gehört zu einer Kette und hat ein ziemlich breites Sortiment. Ein Logistikzentrum dieser Kette bei Kyjiw wurde im Winter vollständig zerstört. Schon aus Solidaritätsgründen gehe ich dort einkaufen, obwohl es günstigere Möglichkeiten geben würde.

Beim Spaziergang zu dem Supermarkt begegnete mir meine Nachbarin von oben. Sie ist inzwischen Mitte 80 und hört schlecht. Ich machte ihr einmal wieder klar, dass sie den Fernseher trotzdem nicht so laut laufen lassen soll. Ihre Ausrede ist dabei immer, dass sie nicht wisse, wie man ihn leiser macht. Dabei möchte sie nur, dass ich zu ihr komme, um Gesellschaft zu haben. Doch ihre Klingel funktioniert nicht, was ich ihr sagte. Also gingen wir unverrichteter Dinge wieder unserer Wege.

Im Korridor ist unter meiner Wohnung ein riesiger Fleck, der durch meinen Wasserschaden entstanden ist. Der ist immer noch feucht und mir scheint, dass es wohl einige Zeit braucht, bis die Wände getrocknet sind. Mein unterer Nachbar hat wohl auch deshalb noch nicht mit der Renovierung begonnen. Mir hängt dieser Vorfall ziemlich nach, obwohl ich nichts machen konnte.

Gestern Abend wurde angekündigt, dass heute in der ganzen Ukraine keine Stromabschaltungen geplant sind! Was sehr auffällig ist: die Tage werden länger und die Temperatur liegt inzwischen bei über 10°C. Nun ist der Winter offenbar endgültig vorbei. Jedenfalls ist das zu hoffen.

21.3.2026  Trinkwasser, ein knappes Gut

Heute stand ich gegen 8:30 Uhr auf, fühlte mich allerdings ziemlich matt. Diese Grippe nervt einfach, doch zwang ich mich, heute an den Videos weiterzuarbeiten. Das verlief relativ gut, aber ist auch wirklich zeitaufwändig. Wenigstens hatte ich den ganzen Tag Strom, so dass ich nicht unterbrochen wurde.

Am frühen Nachmittag ging ich dann kurz Wasser holen. Man kann das Wasser aus der Leitung nicht trinken, aber es gibt öffentliche Brunnen. 

Es war frisch draußen, obwohl die Sonne schien. Die Temperatur lag bei plus 7°C. Kein Luftalarm in Kyjiw und keine Angriffe auf die Hauptstadt. 

20. März 2026. Spendenbedarf für Bürgertreff und der Tod des Metropoliten

Zwei Tage bei unter 10 Grad Celsius und zu leicht bekleidet zollen ihren Tribut. Also besorgte ich heute Medikamente, nachdem ich auf dem Wochenmarkt Gemüse eingekauft hatte.

Die Bäuerin war mir gegenüber freundlich, doch rastete sie bei einer anderen Dame komplett aus, indem sie die Ware durch die Gegend warf und wild schimpfte. Diese ältere Frau hatte erst eingelegte Gurken bestellt, doch sich dann, nachdem die aus einem Eimer gefischt worden waren, anders entschieden. Die Bäuerin gefiel dieses Verhalten nicht, so dass sie die Gurken über den Stand schleuderte und sich mit bösen Schimpfworten beschwerte, dass das so nicht ginge. Auch mir gegenüber war sie schon einmal sehr unfreundlich aufgetreten. Aber ihr Sohn und ihr Mann, die ebenfalls an dem Stand arbeiten, sind ok. Und heute schien sie zu merken, dass ich als Ausländer ihrem Geschäft vielleicht nicht schade, sondern mit meinen Einkäufen ihre Einnahmen durchaus bereichere.

Ich traf heute auch nochmals den Kaplan, der mir erzählen wollte, wie viel Geld konkret für den Anbau als Treffpunkt an seiner Kirche gebraucht wird. Umgerechnet sind das zirka 400 Euro und es wäre schön, wenn ich das Geld irgendwie zusammenbekomme. In dem Gespräch sagte ich, dass mir das deutsche „Wording“ nicht gefällt, weil oftmals von „Verstorbenen“ geredet wird. Nein, es sind „Gefallene“ oder „Getötete“! Diese Formulierung geht mir oft auf die Nerven, wenn ich mir deutsche Berichte aus der Ukraine reinziehe. Ich verstehe nicht, wie man das mit solchen Worten verharmlost. Er stimmte mir zu. Auch im Ukrainischen gibt es da einen Unterschied, ob jemand gewaltsam zu Tode gekommen ist oder aufgrund von „natürlichen Umständen“ wie Alter oder Krankheit.

Nach unserem Gespräch ging ich nach Hause, wobei mir erst nicht danach war, an meinen Videos zu arbeiten. Ziemlich schlapp schlief ich  mittags ein und am Spätnachmittag raffte ich mich dann doch auf, etwas zu kochen und am Computer zu arbeiten. Wenigstens gab es keinen Stromausfall heute. Mittags war es sogar sonnig und warm. Um so ärgerlicher diese erneute Grippe.

Ich erfuhr ich vom Tod des ukrainischen Metropoliten „Philaret“. Das ist so etwas wie der Papst bei den Katholiken – der religiöse Führer der orthodoxen Kirche. Doch das ist etwas komplizierter, denn es gibt nicht „die“ orthodoxe Kirche, sondern mehrere Strömungen. Ich arbeite viel mit dem ukrainischen Patriarchat zusammen. Es gibt auch ein Moskauer Patriarchat, wobei das in der Ukraine sehr kritisch gesehen wird. Deren Gottesdienste werden in Altslawisch gehalten, was selbst die Priester oft nicht verstehen. Das ukrainische Patriarchat kommuniziert auf Ukrainisch. Irgendwie erinnert mich das an Luther und die Bibelübersetzung, als die Katholiken die Gottesdienste noch in Latein und Griechisch abhielten. „Philaret“ war mit seinen 97 Jahren schon sehr alt. Er galt als ukrainischer Patriot, der im Winter 2013/14 beim Euromaidan die Kirchentore öffnete, um den Protestierenden Schutz zu gewähren. Doch aus irgendwelchen Gründen, die sich mir nicht wirklich erschließen, gibt es auch ein weiteres Kirchenoberhaupt – Epiphanie. Den kenne ich auch persönlich von unseren Hilfsaktionen, wo er immer wieder dabei war. Ihm bin ich ebenfalls bekannt, wie ich einmal feststellte, als man mich vorstellen wollte und er sagte, dass er schon viel von mir gehört habe. Das hat damit zu tun, dass ich mit mehreren Bischöfen seiner Kirche seit Jahren gut befreundet bin und mehrere humanitäre Aktionen durchführte. Jedenfalls gab es zwei Metropoliten und auch zwei ukrainisch-orthodoxe Kirchen, die durch den Tod von „Philaret“ nun vereint werden.

Mich interessierte das nie wirklich, obwohl es mir einmal ausführlich erklärt wurde. Doch habe ich das vergessen. Religion ist hier für die Menschen sehr wichtig, aber Privatsache. Die Kirchen sind für den Zusammenhalt der Gesellschaft relevant, wobei niemand fragt, zu welchem Glauben man sich bekennt. In meinem Freundeskreis sind alle Glaubensrichtungen vertreten, wobei wir uns eher selten darüber unterhalten.

Mal schauen, wie es mir morgen geht. Die letzte Nacht war für mich ruhig, obwohl es hieß, dass Kyjiw angegriffen wurde. Nächste Woche muss ich dann nach Zhytomyr.

19. März 2026. Tod eines Helfers und...Literaturabend

Heute war ausschlafen angesagt. Allerdings war um 8:30 Uhr Schluss damit. Nicht, dass ich geweckt wurde – weder durch das Smartphone, noch durch Luftalarm oder Detonationen, sondern einfach, weil der Körper genug Schlaf hatte.

Nach zwei Tassen Schwarzen Tee kam ich auch in die Gänge und arbeitete an den Audio-Files für das nächste Video. Das zog sich hin und um 11:12 Uhr wurde der Strom planmäßig abgeschaltet. Also fuhr ich den Mini-PC hoch, damit ich dort weitermachen konnte.

Kurz nach 13:00 Uhr rief ein befreundeter Kaplan an, mit dem ich mich heute treffen wollte. Eine halbe Stunde später saßen wir zusammen in einem Cafe, wo wir uns immer austauschen.

Als ich ihn fragte, wie es ihm geht, meinte er, nicht gut. Am Morgen war er auf einer Beerdigung eines Freundes. Dieser war in meinem Alter und wurde durch eine Drohne bei Saporischschja zerfetzt. Keine Chance, diesem Angriff zu entgehen. Die Russen machen dort gerne Jagd auf Personen – menschliche Safari nennen sie das.

Ich kannte die Person nicht, konnte aber das Leid des Kaplans verstehen. Der Freund half an der Front mit humanitärer Hilfe. Das heißt, er brachte den Frontsoldaten Essen oder trockene Kleidung. Der ganze Krieg funktioniert so, dass Zivilisten an die Front fahren, um dort Dinge des täglichen Lebens für die Armeeangehörigen zu bringen. Die Russen kämpfen nicht nur gegen die Armee, sondern gegen alle Ukrainer. Jeder hier weiß, was es heißen würde, wenn die Ukraine „verlieren“ würde. Niemand hat daran Interesse und so helfen sich alle gegenseitig.

Der Kaplan berichtete mir weiter, was er vorhat: einen kleinen Anbau an seiner Kirche in Kyjiw, wo sich seine Gemeindemitglieder treffen können, um zusammenzusitzen und sich auszutauschen. Der Kirchenraum ist dafür zu klein. Er bat mich um finanzielle Unterstützung. Die würde ich ihm auch gewähren, würden Spenden eingehen. Sein Projektvorschlag gefällt mir, denn ich halte es wichtig, dass die Menschen einen Ort haben, um Gemeinschaften zu bilden. Dabei geht es nicht um eine riesige Summe, sondern um ein paar hundert Euro – weit unter tausend.

Nach dem Treffen ging ich wieder nach Hause und arbeitete an den Audio-Files weiter. Allerdings nicht lange, denn ich hatte einen weiteren Termin. Ich war zu einer Veranstaltung in einem Kino eingeladen. Allerdings wusste ich nicht, um was es genau ging. Doch die Sozialarbeiterin, mit der ich bereits gestern bei dem Kunsttherapie-Workshop war, fragte, ob ich kommen würde.

Wie sich herausstellte, war es ein Literaturabend. Der kleine Kinosaal war voll und der Autor, ein studierter Ingenieur und Philologe, hatte seit seiner Kindheit eine körperliche Behinderung. Trotzdem verfasste er Gedichte, die in einem Buch veröffentlicht wurden. An diesem Abend trugen ukrainische Schauspielerinnen Auszüge daraus vor. Ich verstand nur Bruchstücke, aber das „Drumherum“ blieb hängen – wie zum Beispiel, dass er Akademiker war. Ziemlich beeindruckend, denn es zeigt, dass eine Behinderung kein Grund ist, nicht trotzdem etwas aus sich zu machen.

Vom Inhalt der Gedichte hatte ich allerdings nur teilweise eine Ahnung. Aber die Sprache an sich – dieser melodische Klang – gefällt mir sehr. Ukrainisch gehört zu einer der schönsten Sprachen. Es klingt viel weicher als Russisch und selbst das ukrainische Russisch unterscheidet sich von dem aus Moskau. Zudem ist es selten Thema, welche Sprache man spricht. Seit dem Krieg ist Ukrainisch hier allerdings die Sprache der Elite. Wer russisch spricht, gilt als ignorant. Ich bemühe mich zumindest ein paar Brocken herauszubringen, doch mir fehlt der Wortschatz.

Nach einer Stunde bei der Veranstaltung fuhr ich wieder nach Hause und besorgte noch Pralinen für meinen Nachbarn, der mir bei dem Wasserschaden half. Er organisierte nicht nur die Leute, die sich um den Rohrbruch in meiner Wohnung kümmerte, er brachte mir auch einen Schlauch. Den nutze ich, weil das Wasser nicht vollständig abgestellt war.

Er freute sich sichtlich, dass ich mich so erkenntlich zeigte. Für mich ist es allerdings eine Selbstverständlichkeit, wenigsten eine Kleinigkeit zu geben.

Heute war es wieder bewölkt, aber kein Regen. Die Temperatur lag bei plus 7°C.

18. März 2026 Hilfe für traumatisierte Kinder

Für mich war die Nacht um kurz nach 4 Uhr vorbei. Nicht, dass ich durch Detonationen oder Luftalarm oder Abwehr geweckt wurde, sondern einfach, weil ich so früh aufwachte und nicht mehr schlafen konnte.

Also setzte ich mich an den Rechner und schrieb ein Storyboard für das nächste Video. Der Ablauf ist immer der gleiche: ich verfasse einen Dialog über das, was ich erklären möchte und kläre mit einer KI ab, ob das so passen könnte. Dann lasse ich den Text von einer KI ausgeben und vorlesen, und nehme das dann für das Video auf. Ich bitte die KI dann, den Text ins Englische zu übersetzen, wieder vorlesen lassen und nehme ihn wieder auf. Und das Ganze nochmal für Ukrainisch.

Jedenfalls war ich gegen 8 Uhr damit fertig, als ein Luftalarm losging. Da die Russen inzwischen auch angreifen, wenn es hell ist, achtet man eher darauf. Doch eine halbe Stunde später gab es Entwarnung, ohne dass etwas passiert wäre. Dann nochmals Alarm um kurz nach 9 Uhr, wobei er dieses Mal eine Stunde anhielt. Aber es passierte wieder nichts.

Ich hatte in dieser Zeit eigentlich Aufgaben zu erledigen, die mit meiner Arbeit zu tun haben. Schließlich bin ich der Leiter des Kyjiwer Büros vom Deutsch-Ukrainischen Forum. Das heißt, ich beantworte Anfragen, leite Infos weiter und kümmere mich um die Projekte, die wir mit Partnern in der Ukraine umsetzen.

Heute hatte ich um 16 Uhr so einen Termin in Kyjiw bei einem Partner und wollte schauen, wie sie die kunsttherapeutischen Workshops mit Kindern und Jugendlichen durchführen. Aber um 14 Uhr fiel bei mir zu Hause der Strom aus. Das war ungewöhnlich, denn seit Tagen hatte ich permanent Strom, selbst wenn angekündigt war, dass er abgeschaltet würde. Doch die dreiviertel Stunde konnte ich damit leben, ohne meine anderen Geräte hochzufahren. Bis zu dem Büro, wo ich den Termin hatte, brauchte ich dann über eine Stunde. Bei dem Termin sprach ich zirka eine Stunde mit den Sozialarbeiterinnen, die den Workshop durchführten. 

Zuvor lernte ich einen Jungen kennen, der vielleicht 6 Jahre alt war. Er freute sich, dass ich mich für ihn interessierte und machte einen soliden Eindruck. Zurück im Büro der Leiterin, erklärte sie mir, dass der Junge zum Jahreswechsel nach Kyjiw aus Charkiw kam. Sie nannte ihn „Kellerkind“, weil er in Charkiw in einem Keller mit seinem Vater gefunden wurde. Aber nicht nur das, denn in dem Raum lag auch noch die Leiche des Bruders. Erst verstand ich nicht, welcher Bruder und fragte nach. Es war der Bruder des Vaters. Der verstarb wegen Mangelernährung, da sich niemand wegen den ständigen Angriffen aus dem Keller wagte. Jedenfalls wurden die drei dann von Einsatzkräften gefunden und die beiden Lebenden nach Kyjiw gebracht, wo sie versorgt wurden. Der Junge war traumatisiert und ist erst seit ein paar Tagen wieder offener. Den Vater traf ich dann auch- Er machte keinen schlechten Eindruck. Inzwischen hat er Arbeit und kümmert sich um den Sohn. Was mit der Mutter ist, konnte niemand so richtig sagen. Daran arbeitet die Rechtsabteilung des Sozialdienstes.

Ich schaute den Kindern zu, wie sie selbst eine Art Knetmasse herstellten und damit zur Stressbewältigung herumspielten. Zwei der sechs Kinder hatten geistige Einschränkungen. Im Büro sprachen wir nicht nur über die Kinder und deren Hintergründe, sondern auch, wie die Damen selbst den Krieg erlebten. Alle waren sie bei dem Überfall 2022 in Kyjiw und wurden böse überrascht. Jede der drei Damen hatte ihre eigene Geschichte, wie sie es wann unter welchen Umständen aus Kyjiw herausschafften und dann Ende April 2022 zurückkamen.

Es war ein bewegender Spätnachmittag. Als ich zurück zu Hause war, hatte ich wieder Strom. Allerdings war ich zu leicht bekleidet gewesen und friere innerlich immer noch. Allerdings weiß ich nicht, ob das am Wetter oder den Berichten liegt. In der Wohnung ist es warm – die Heizung läuft noch.

 

17. März 2026 Relative Ruhe und doch beunruhigende Nachrichten

Heute war ausschlafen angesagt, wobei es um 8 Uhr damit auch zu Ende war. Die Nacht war ruhig. Keine Luftangriffe, kein Alarm, kein Plätschern von Wasser. Trotzdem fühlte ich mich gerädert und hatte schlechte Laune.

Gestern Nacht hatte ich noch mit einer guten Freundin gechattet. Sie war gerade in Charkiw und offenbar schlug eine Shahed-Drohne unweit von ihr ein. Sie selbst kam nicht zu Schaden, verschüttete nur ihren Kaffee, aber ein Fahrzeug des Konvois, bei dem sie von Deutschland aus mitgereist war, hat etwas abbekommen. Nach ihren Angaben ist niemand verletzt und sie können die Rückreise antreten. Ob es für ein kurzes Treffen in Kyjiw reicht, müssen wir sehen.

Heute hatte ich mir vorgenommen, an den Videos für die Uni weiterzuarbeiten. Das klappte soweit und gegen Abend hatte ich den nächsten Part in drei Sprachen fertig.

Mein Vermieter rief aus dem Ausland an, weil er wegen des Rohrbruch-Vorfalls hier nicht schlafen konnte. Ich beruhigte ihn, dass soweit alles in Ordnung sei und ich die Lage im Griff habe. Es könnte alles viel schlimmer sein.

Ansonsten gibt es keine Neuigkeiten. Draußen war ich heute nicht, obwohl die Sonne schien und die Temperaturen bei über 10 °C lagen. Mich fesselte die Arbeit.

 

16. März 2026 Unruhiger Tag

Irgendwie hatte ich vergessen, den Wecker umzustellen und wurde wieder um 6:30 aus dem Schlaf gerissen. Die Nacht war ruhig. Allerdings hörte ich die ganze Nacht das Plätschern im Bad, wobei meine improvisierte Wasserableitung weitere Überschwemmungen vom Rohrbruch abhielt.

Als ich mich gerade vor dem Spiegel zum Rasieren eingeschäumt hatte, klingelte es an der Tür. Ich öffnete, weil ich den Nachbarn von oben erwartete. Irgendwie ist es egal, wie man aussieht. Er meinte, ein Klempner würde in einer Stunde kommen und sich das Problem ansehen.

So hatte ich also Zeit, mich zu rasieren, aber gegen halb Neun ging der Luftalarm los. Ich hörte kurz darauf die Luftabwehr. Das erinnert an Maschinengewehrsalven und wenn sie treffen, folgt eine Detonation. Das ging gut eine halbe Stunde so. Klitschko, der Kyjiwer Bürgermeister, schrieb auf Telegram, dass Im Zentrum, im Bezirk Solomyanskyi und Svyatoshynsky, Trümmer heruntergefallen waren. Es kam aber wohl niemand zu Schaden.

Jedenfalls kam dann der Klempner und meinte, er hole die benötigten Teile und komme in einer halben Stunde, um das gleich zu reparieren. Das hat er dann auch wirklich schnell erledigt und die Wasserleitung hält seither dicht. Ich drückte ihm die verlangte Summe in die Hand und sogar noch mehr. Darüber freute er sich riesig, denn für ukrainische Verhältnisse war das viel Geld. In Deutschland hätte das vermutlich gerade einmal die Anfahrt gedeckt.

Jedenfalls schaffte ich es dann um 12 Uhr loszukommen, um mich mit der Vorsitzenden eines unserer Projektpartner zu treffen. Wir hatten uns zum Mittagessen verabredet. Unser Gespräch ging um die Erfahrungen bei humanitärer Hilfe. Oftmals versuchen internationale Organisationen ihre Praktiken aus anderen Ländern auf die Ukraine zu übertragen, wobei das leider kaum funktioniert. Kriege sind eben etwas anderes als Naturkatastrophen; und die ukrainische Gesellschaft, mit ihrer Selbstorganisation und Resilienz ist noch eine ganz andere Baustelle.

Nach dem Treffen fuhr ich wieder nach Hause, wo ich an meiner Tür eine Nachricht des Nachbarn unter mir fand. Ich solle ihn bitte anrufen, was ich sofort machte. Mir war es extrem unangenehm, was passiert war und ich konnte nur erahnen, wie es bei ihm aussah. Er kam dann und zeigte mir, wie es um seine Wohnung bestellt war. Es hatte bei ihm von der Decke "geregnet". Überall Wasserflecken... 

Jedenfalls ging es darum, wer Schuld hat und für den Schaden aufkommen muss. Und da liegt das Problem: eigentlich haben weder ich, noch er, noch sonst wer Schuld. Rein rechtlich wäre die staatliche Wohnungsgesellschaft verantwortlich, da diese die maroden Wasserrohre hätte austauschen müssen. Doch selbst, wenn man vor Gericht gehen würde, sind die Erfolgsaussichten gering. Ganz zu schweigen davon, wie viel Zeit das in Anspruch nehmen würde.

Ich hatte wirklich extrem Mitleid mit ihm, erklärte allerdings, dass wir alle Glück im Unglück hatten. Denn wäre ich nicht zu Hause gewesen, würde das Wasser vielleicht immer noch laufen. Es war ein relativ junger Mann, Mitte 30 vielleicht. Ich schlug vor, dass ich ihm für die erste Reparatur Geld gebe und mit meinem Vermieter spreche, wie wir weiter verfahren. Für meine derzeitigen Verhältnisse war das zwar auch nicht wenig Geld, aber im Vergleich zu Deutschland, relativ wenig. Er willigte ein.

Mein Vermieter, den ich in Frankreich anrief, war davon nicht begeistert, aber konnte doch nichts aus der Ferne ausrichten. Ich schlug vor, dass wir das zur Hälfte mit der Miete verrechnen und ich die Kosten für den Klempner tragen würde. Ich erklärte ihm, dass das im Interesse aller sei und ein Gerichtsstreit niemandem wirklich nutzt. Er verstand das und gab seine Zustimmung. Eigentlich bedankte er sich von Herzen, dass ich das alles so schnell und unkompliziert gelöst hatte.

Am späten Nachmittag schrieb ich dann noch einen Bericht für einen unserer Fördergeber. Dem hatte ich angekündigt, diesen Bericht Anfang der Woche abzuliefern. Daher kam ich so zu nichts anderem.

Immerhin war es schönes Wetter bei Sonnenschein und über 10°C zwar frisch, aber nicht kalt. Der Winter ist vorbei!

 

15. März 2026 Gedenken an das besetzte Mariupol
 

Da ich dem Frieden mit der Wasserreparatur nicht trauen wollte, stellte ich gestern Abend noch einen Eimer unter die Stelle, wo das Rohr gebrochen war. Heute Morgen war er natürlich voll. Ich stand extra gegen 6:30 auf, weil ich plante, den Gedenkgottesdienst für die Opfer von Mariupol zu besuchen.

Meine Nachbarn hatten mir gestern einen Schlauch überlassen, doch der half zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch heute bastelte ich mit einer Plastikflasche, Heizkleber und diesem Schlauch eine Abdichtung, damit ich den Eimer nicht mehr brauchte. Und es hat funktioniert.

Danach, gegen 8:30 Uhr, machte ich mich auf den Weg zu dem Ort, wo der Gedenkgottesdienst stattfinden sollte. Er lag am andern Ende der Stadt und sollte mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein. So fuhr ich mit der Metro zunächst nach Lisowa, fand aber den Anschlussbus erst nicht. GoogleMaps half mir dann auf die Sprünge und so war ich um 9:30 Uhr an der Kirche. Eine halbe Stunde zu spät.

Zunächst war es ein normaler Gottesdienst, doch danach berichteten 4 Flüchtlinge aus Mariupol, was sie dort erlebt hatten und wie sie geflohen waren. Das sind bedrückende Schilderungen und die Erinnerung trieb den Vortragenden Tränen in die Augen. Der Großteil der Anwesenden stammte aus Mariupol. Sie haben alles verloren und wissen nicht, ob sie jemals wieder zurück in ihre Stadt können und wie diese dann aussehen würde.

Ich war drei Mal in Mariupol. 2020 im Herbst zum ersten Mal, um den dortigen Bischof kennenzulernen. Dann 2021 zwei Mal, um über die Johanniter-Weihnachtstrucker Paketaktionen durchzuführen. Wir kauften vor Ort Lebensmittel, die wir an Bedürftige verteilten. Ich übernachtete dort immer im Bischofssitz, von dem heute nichts mehr übrig ist. Zu Beginn des Kriegs war Mariupol für mich ein Tabuwort, weil ich damit zu viele junge Erinnerungen knüpfte.

Der Bischof konnte im April 2022 nach Saporischschja fliehen, wobei er dort zusammenbrach und einige Wochen im Krankenhaus lag. Später eröffnete er mit anderen Mitgliedern seiner früheren Gemeinde in Dnipro einen Flüchtlingshub, um den Neuankömmlingen zu helfen. Dort war ich auch schon einige Male.

Die Freude über das heutige Wiedersehen war bei allen groß. Ich kenne die meisten dieser Menschen, die dort waren. Außerdem traf ich auch den Pfarrer von Kostjantyniwka, wo ich bereits mehrfach vor Ort war. Inzwischen ist er mit seiner Frau in dieser Kirchein Kijiv, da es in Kostjantyniwka viel zu gefährlich ist. Dort steht das Gotteshaus auch nicht mehr. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir auf den Kirchturm kletterten und er mir ein etwas mit den Glocken vorbimmelte. Dort übernachtete ich bei Mitgliedern der Gemeinde. Die Häuser gibt es nicht mehr.

Und wie es aussieht, gibt es nach 4 Jahren keine Finanzierung mehr für den Flüchtlingshub in Dnirpo, weshalb dieser nur „nach Möglichkeit“ weiterarbeitet. Das heißt: wenn es etwas zu verteilen gibt, wird er geöffnet. Die Kommunikation läuft über Telegram-Gruppen, wo sich so ziemlich alle Hilfsorganisationen in der Ukraine organisieren.

Morgen kommt unser LKW mit Joghurt nach Dnipro, weshalb der Bischof dort sein wird.

Nachdem ich mich verabschiedete, fuhr ich zurück nach Hause. Es war recht frisch, aber auch nicht kalt. Die Sonne schien, hatte aber heute nicht so viel Kraft. Ich war nur relativ leicht bekleidet, aber fror doch nicht. Nur wage ich zu bezweifeln, ob das meiner, heute erstmals nicht mehr spürbaren Grippe so guttat.

Zu Hause angekommen, war mein gestern durchnässter Teppich fast trocken. Die „Konstruktion“ hielt dem bisschen Tropfwasser stand. Und so ließ ich eine Waschmaschine mit der Wäsche laufen, die gestern nass geworden war.

Am frühen Nachmittag telefonierte ich mit einem meiner ältesten Freunde, mit dem ich selbst nach über 30 Jahren noch in Kontakt stehe. Wir kennen uns noch aus der Zeit, als ich in Deutschland lebte und noch gar nicht daran dachte, je in die Ukraine auszuwandern. Er selbst kennt den Jugoslawienkrieg sehr gut, weil seine Familie von dort stammte. Daher sprechen wir regelmäßig. Für mich ist das eine wichtige psychische Stütze.

Nach dem Telefonat kümmerte ich mich um meinen Wasserschaden. Ich räumte auf und fragte dann einen Nachbarn, der heute zu Hause war. Er ist in meinen Augen so etwas wie ein „Hausmeister“, da er sich kümmert, wenn etwas alle Hausbewohner betrifft.

Da es mir schwerfiel, um zu erklären, was vorgefallen ist, bat ich ihn, sich das anzusehen. Er verstand und meinte, die staatliche Hausverwaltung braucht für die Reparatur wohl 3-4 Wochen. Es sei besser, einen privaten Klempner zu beauftragen. Schon vor Wochen sammelten sie einmal Geld, weil es einen Heizungsschaden gab, um eine private Firma zu beauftragen, die das Problem dann innerhalb eines Tages behob.

Heute war allerdings Sonntag, weshalb er seinen Kontakt dann morgen anfragt. Solange komme ich zurecht. Nur macht mir der Nachbar unter mir Sorge. Dort ist allerdings niemand. Wie in vielen Häusern in der Ukraine sind nur noch manche Wohnungen bewohnt. Die Leute sind teils innerhalb des Landes geflohen oder ins Ausland.

Jedenfalls ist es Frühling und der Schaden lässt sich wohl beheben. Einstellige Plustemperaturen bei Sonnenschein. Immerhin kein Luftangriff in der Nacht.
 

14. März 2026. Ermeuter Angriff auf Kyjiv. Wasserschaden

Die Nacht war schrecklich. Um 3:30 Uhr wurde ich durch Detonationen geweckt. Und solche hielten dann bis gut 5 Uhr an. An Schlaf war nicht zu denken. Die Luftabwehr hat allerdings für Kyjiw relativ gute Arbeit geleistet. Einschläge gab es in der Stadt nicht, aber in Browary – ein paar Kilometer östlich von Kyjiw – wurde etwas getroffen. Es gab Tote und Verletzte. Der Krieg ist zurück und war nie weg.

Ich schlief dann doch wieder ein, wobei ich schon wieder gegen 8:30 Uhr wach war. Allerdings ziemlich gerädert. Meine Versuche, an meinen Projekten weiterzuarbeiten, scheiterten daran, dass ich zu unkonzentriert war und ständig Fehler machte. Also ging ich spazieren und einkaufen. Inzwischen ist mein Kühlschrank übervoll, so dass ich die nächsten Tage wirklich nichts brauche. Wenigstens gibt es derzeit ständig Strom. Normalerweise sind Abschaltungen nach solchen Angriffen üblich.

Als ich dann zurückkam, schlief ich tatsächlich 2 Stunden. Da ich morgen früh eigentlich um 7:30 zu einem Gottesdienst der orthodoxen Kirche gehen wollte, wo der Toten von Mariupol gedacht wird, beschloss ich, noch heute zu duschen. Schließlich hatte ich heute warmes Wasser, was keine Selbstverständlichkeit ist. Als ich mich dann eingeseift hatte, kam plötzlich nur noch kaltes Wasser und ich hörte aus der Kabine irgendwas plätschern. Wasserrohrbruch!

Ich zog mir etwas an und ging einen Stock nach oben, weil dort ein Nachbar ziemlich alles über das Haus weiß und ich wollte erreichen, dass man das Warmwasser abstellt. Genau vor meinem Hahn war das Rohr abgebrochen, so dass ich darauf angewiesen war, dass die Hauptleitung abgestellt wird.

Doch ich erreichte niemanden. In meiner Not rief ich meinen Vermieter an, der allerdings seit Monaten in Frankreich wohnt, weil es ihm hier in Kyjiw zu unbequem wurde. Das verstand ich und ermunterte ihn auch, dort zu bleiben. Er wurde über die Jahre, in denen ich in seiner Wohnung lebe, zu einem Freund. Er meinte, ich soll es bei anderen Nachbarn versuchen. Während dieser Zeit lief natürlich das Wasser weiter und flutete langsam meine gesamte Wohnung. Nicht kriegsbedingt, sondern weil die Rohre uralt sind.

Die erwachsenen Kinder meiner direkten Nachbarn traf ich auf dem Flur und ich, klatschnass, bat um Hilfe. Sie hatten Erbarmen und kümmerten sich, dass der Notdienst kommt. So lange stand ich im Bad und versuchte den Schaden zu begrenzen, indem ich das Wasser in einem Eimer sammelte und alle 30 Sekunden ausleerte. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis die Techniker kamen. Jedenfalls stellten sie das Wasser ab. Auf meine Frage, was als Nächstes zu tun sei, meinten sie, ich müsse bei der staatlichen Wohnungsgesellschaft einen Antrag auf Reparatur stellen. Dann gingen sie wieder.

So stand ich klatschnass in einem überfluteten Bad und selbst im Wohnbereich hatte sich das Wasser ausgebreitet. Also begann ich zu wischen. Gegen 20 Uhr war ich damit endlich fertig. Prinzipiell hatte ich Glück im Unglück, denn was, wenn das passiert wäre, wenn ich gar nicht zu Hause gewesen wäre? Irgendwie nehme ich es gelassen, denn andere haben es wirklich schlechter.

Mal sehen, ob ich morgen zu dem Gottesdienst für Mariupol gehe. Der Tag war wieder mit Sonne und im zweistelligen Plusbereich warm.13. März 2026. Der nächste Winter kommt mit Sicherheit

Heute weckte mich das Smartphone, das ich auf 8:30 eingestellt hatte. Dabei ging ich gestern früh ins Bett. Die Grippe wollte wohl ihren Tribut. Ich quäle ich mich seit Anfang der Woche durch jeden Tag und hoffe auf Besserung.

Ich machte heute wieder an den Videos für die Uni weiter, fühlte mich aber am späten Nachmittag dann ziemlich schlapp. Es geht zwar voran, aber eben langsam.

Immerhin war es wieder warm. Die Balkontür war die Nacht über offen und trotzdem lag ich schweißgebadet im Bett. Die Heizung läuft noch immer, ich kann sie aber nicht regulieren. Draußen hat es inzwischen bis zu 20 Grad plus. Meine Nachbarin, die ich heute im Korridor traf, meinte, es seien sommerliche Verhältnisse, aber sie hoffe trotzdem, dass man die Heizung nicht abschalte. Ich kenne sogar Jahre, in denen es im Mai nochmals Schnee gab.

Für die nächsten Tage ist allerdings angekündigt, dass es so warm bleiben soll. Nachts sinken die Temperaturen allerdings immer noch an die Nullgrad-Grenze. Immerhin sind die Nächte in Kyjiw ohne Angriffe. Odessa und Cherson hat etwas abbekommen, wie es in den Medien hieß.

Das gute Wetter hat auch Auswirkung auf die Stromversorgung. Heute gab es bei mir wieder den ganzen Tag Strom. Es fühlt sich an, als gäbe es keinen Krieg. Ohne Internet und Medienkonsum würde ich nichts davon merken. Aber wir kennen das hier in Kyjiw nur zu gut und es kann sich jederzeit schnell ändern. Wer weiß, ob die Russen nicht einfach einen nächsten großen Angriff vorbereiten.

Ich war wieder Wasser holen und danach einkaufen. Die Leute sind dank des besseren Wetters und der fast schon sommerlichen Temperaturen weit besser gelaunt. Der 4. Kriegswinter scheint überstanden.

Wo ich nur kann, warne ich allerdings davor, dass der nächste Winter mit Sicherheit kommt und man sich darauf vorbereiten muss. Noch so eine schwere Zeit ist nichts für die Menschen hier.


12. März 2026. Hilfe organisieren

Der Morgen war warm. Ich stand gegen 7 Uhr auf und setzte mich daran, das nächste Mathe-Video vorzubereiten. Dazu überlege ich, was das Video vermitteln soll und plane entsprechend den Aufbau. Mein Ziel ist dabei, es „kindgerecht“ zu machen, so dass das jeder verstehen kann, der noch nie etwas von dem Thema gehört hat. Das lief soweit gut, bedarf allerdings mehr Zeit, als ich dachte.

Gegen 11 Uhr hatte ich dann ein Online-Meeting. Dabei ging es darum, dass ein Professor aus Deutschland, der dort Stadtplanung unterrichtet, auf der Suche nach Partnern in der Ukraine ist. Und so brachte ich die Dekanin der Fremdsprachenfakultät in Zhytomyr mit ihm zusammen. Es ist ein spannendes Thema, weil die Ukraine dringend Städteplaner benötigt, um die zerstörten Gemeinden wieder sinnvoll aufzubauen. Und für Sprachstudenten ist es interessant, da Sprache allein eigentlich nicht wirklich für den Lebensunterhalt ausreicht. Durch die Kombination der beiden Fachrichtungen – Sprachkenntnisse und ein zusätzlicher praktischer Studiengang – steigen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich. Wir werden sehen, was sich aus dem Kontakt ergibt.

Danach ging ich spazieren und einkaufen. Wirklich wohl fühle ich mich allerdings immer noch nicht, weshalb ich nicht zu lange draußen blieb. Allerdings war das Wetter schön. Die Sonne scheint seit Tagen und taut das ganze Eis weg, welches nur noch an sehr schattigen Plätzen zu finden ist. Zudem freue ich mich über das Vogelgezwitscher.

Das wurde gegen 13:30 Uhr durch einen Luftalarm unterbrochen. Seit Tagen hatte ich keinen mehr gehört und eigentlich konnte man in Kyjiw denken, dass der Krieg vorbei wäre. Aus diesem Traum wurde ich durch den Alarm geweckt. Doch nach einer halben Stunde gab es Entwarnung. Passiert ist nichts. Jedenfalls nicht in Kyjiw.

Andernorts ist die Lage nicht so gut. Vor allem Charkiw wird häufig malträtiert. Auch Dnipro und Saporischschja standen die letzten Tage unter Beschuss.

Während dieser bangen Minuten überwies ich Geld für die Bestellung eines medizinischen Geräts. Das geht ans Militärkrankenhaus in Lwiw und wurde durch Spenden finanziert. So etwas baut mich immer wieder auf, denn die Spendeneingänge sind mager. Doch damit kann Leben gerettet werden.

Außerdem bekam ich heute eine E-Mail, dass ein LKW in Deutschland mit Joghurt beladen wurde und sich nun auf dem Weg Richtung Dnipro befindet. Es wird ein paar Tage dauern, bis er ankommt. Hauptsächlich hängt das davon ab, wie viel LKWs an der Grenze abgefertigt werden. Ach wie schön doch der grenzfreie Verkehr in der EU ist! Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich selbst schon an Grenzübergängen zwischen der Ukraine und Polen stand, seit man nicht mehr fliegen kann. Zuletzt habe ich wohl 2021 ein Flugzeug von innen gesehen. Das sind inzwischen 5 Jahre… Wie die Zeit doch vergeht.

Ansonsten war heute nichts weiter. Sonnenschein, Temperaturen im zweistelligen Plusbereich, keine Stromabschaltung den ganzen Tag über. Eigentlich alles friedlich bei mir.

 


11. März 2026 Erinnerung an Zerstörungen und Tüfteleien

Den ganzen Tag arbeitete ich an meinen Videos für die Universität. Sie sollen in drei Sprachen erscheinen. Ein Video ist knapp über 5 Minuten lang. Die Render-Zeit beträgt pro Video gut 40 Minuten. Und pro Video brauchte ich gut 2 Stunden, , um den richtigen Ablauf zu setzen. Aber es hat geklappt und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Es geht um ein grundlegendes Verständnis der Mathematik. Ich habe schon seit 2018 immer wieder daran gearbeitet, weil mich das faszinierte, wie Zahlen „funktionieren“ und habe dabei unorthodoxe Methoden entwickelt. Diese Basis konnte ich auf ein ungelöstes mathematisches Problem anwenden und ging damit zu Leuten an der Uni, die das höchst interessant fanden. Der Haken ist, dass ich mir im Klaren bin, was das heißen könnte. Im Prinzip hängt unsere gesamte digitale Sicherheitsarchitektur daran, dass es enorm aufwändig ist, gewisse mathematische Operationen umzukehren. Wenn meine Erkenntnisse eine Abkürzung bieten, könnte das enorme Auswirkungen haben.

Letztes Jahr, als ich auf „Fronturlaub“ durch Deutschland tingelte, dachte ich darüber lange nach und sprach auch mit guten Freunden. Einer meinte, dass sich Oppenheimer auch mit fundamentalen Fragen beschäftigte, aber der Wissenschaft vor moralischen Bedenken den Vorrang gab. Inzwischen ist mir die Welt zu verrückt geworden, weshalb ich den Schritt wagen werde, das zu publizieren. Aber es bedarf mehrerer solcher Erklärvideos – und das in drei Sprachen. Ich rechne damit, dass ich pro Video (alle drei Sprachen) 2 bis 3 Tage benötige.

Jedenfalls schickte ich am frühen Nachmittag die Links an die Uni und warte auf deren Meinung. Als ich mich dann im Internet abzulenken versuchte, stieß ich auf ein Video über Marijinka. Das ist eine Stadt bei Donezk, die von den Russen total zerstört wurde. Dort gibt es nur noch Ruinen, die man über Google Earth im Vergleich zu früher sehen kann.

Ich besuchte dort eine Schule, die neben einem Checkpoint stand. Alle Fenster waren mit Sandsäcken geschützt, weil es an dem Checkpoint immer wieder Kämpfe gab. Damals sprach ich mit der Schulleiterin, die täglich in das Städtchen fuhr. In der Stadt selbst gab es ein schönes Projekt, wo die Stadtbewohner eine Bäckerei eingerichtet hatten. Sie hatten damit etwas zu tun und versorgten die umliegenden Gemeinden mit ihrem Brot. 

Damals hatte ich mich gewundert, dass ich dort Internet-Empfang hatte. In der Nacht blieb ich bei einer Babushka, die mir als erstes den Schutzraum im Keller zeigte und meinte, ich solle mich zum Schlafengehen nicht ausziehen, weil wir bei einem möglichen Alarm runter müssten. Am nächsten Tag sah ich im oberen Stockwerk des Hauses dann ein Loch von einem Geschoss. Die Babushka erzählte auch von Scharfschützen und dass sie deshalb die Fenster zugeklebt hätte. Das sollte verhindern, dass Licht nach draußen dringt. Allerdings bezweifelte ich die Geschichte, weil das Fenster in Richtung der Ukrainer zeigte und ich mir kaum vorstellen konnte, dass diese auf ihre eigenen Leute schießen. Die alte Dame schaute russisches Fernsehen und war wohl durch die Propaganda beeinflusst.

Ich suchte dann bei Google Earth auch Mariupol, wo ich zu meinem Erstaunen Bilder des Theaters fand, das trotz der sichtbaren Aufschrift „Kinder“ bombardiert wurde. Auf dem Satellitenbild vom 14. März 2022 war das deutlich zu sehen und das nächste Satellitenbild vom 26. März zeigt das zerstörte Gebäude. An diesem Theater stand ich im Herbst 2020, als ich zum ersten Mal in Mariupol war. Damals wollte ich den ortsansässigen ukrainisch-orthodoxen Bischof kennenlernen, um vielleicht später Projekte zusammen zu machen. Es schmerzt, sich daran zu erinnern und nun solche Bilder zu entdecken…

Da ich mich wegen der Grippe ziemlich platt fühlte, blieb ich den ganzen Tag zu Hause. Dabei schien die Sonne und es war warm. Auf Kyjiw gab es keine Angriffe und Strom, Heizung, Wasser und Internet funktionierten bei zweistelligen Plusgraden den ganzen Tag über.

 

10.März 2026. Auch ohne Angriffe, bleibt das Bedrohungsgefühl

Es wird deutlich früher hell und später dunkel. Die Tage sind länger. Das wirkt sich auf die Stromabschaltungen aus. Heute gab es in Kyjiw keinen, wie bereits gestern.

Auch wird es wärmer. Und heute hatte ich beim Einkaufen das Gefühl, dass die Leute selbst in Kyjiw besser gelaunt sind. Der dritte Tag ohne Angriffe. Luftalarm gibt es auch nicht mehr so häufig. Vielleicht ist Russland geschwächt oder plant etwas größeres.

Ansonsten war alles wie sonst. Es hat zweistellig Plusgrade. Wasser, Heizung, Strom und Internet funktioniert, seit ich hier bin, fast ununterbrochen.täglich von Joerg Drescher

über Krieg und Alltag

9.März 2026 Humanitäre Hilfe (fast) Routine

Wieder gab es in der Nacht nichts Aufregendes in Kyjiw. Und für den Tag waren zwar Stromabschaltungen gemeldet, an denen ich meine Arbeit einzuteilen versuchte. Doch da hatte ich Glück. Den ganzen Tag gab’s Strom.

Als ich den Rechner am Morgen hochfuhr, erhielt ich eine Mail, in der wieder eine 20-Tonnen Hilfslieferung angekündigt wurde. Dabei handelt es sich um die monatliche Lieferung von Joghurt, die ein Hersteller in Deutschland an die Frontbewohner in der Ukraine spendet. Mein Part dabei ist, die notwendigen Unterlagen für den Grenzübergang von den ukrainischen Empfängern zu besorgen. Das ist soweit Routine und dauert ungefähr 30 Minuten.

Hintergrund ist, dass die ukrainischen Empfänger eine Zollvoranmeldung machen müssen, um zollfrei Hilfsgüter empfangen zu können. Das hat sich über die Jahre so etabliert und ist inzwischen relativ einfach, weil alles Online funktioniert. Vor dem Krieg, als wir auch LKW-weise Hilfsgüter in die Ukraine brachten, bedurfte es noch Unterschriftslisten von den Endempfängern. Das war eine Katastrophe, weil wir über 1.600 bedürftige Familien hatten, die sich sorgten, dass sie deshalb auf staatliche Unterstützung, wenn auch in geringem Maße, verzichten müssten. Zudem war es im ländlichen Raum schwierig, alle abzufahren und dann erhielten sie erst einen Monat später ein Paket, mit dem sie zwei, drei Wochen über die Runden kamen. Das hat sich wirklich gebessert.

Um 11 Uhr ging ich dann auf den Markt, um Obst und Gemüse zu besorgen. Für 10:30 war eine Stromabschaltung für 4 Stunden angekündigt. Wegen meiner Grippe wollte ich auch in der Apotheke Arzneimittel holen. Länger als 2 Stunden war ich nicht unterwegs und als ich wieder zu Hause ankam, gab es immer noch Strom.

Den ganzen Tag saß ich dann am PC, um eine Animation für die Uni in Zhytomyr zu erstellen. Bereits gestern hatte ich dafür Audio-Files generiert. Das ging schleppend, wenn es ist viel „Handarbeit“. Abends stellte ich dann fest, dass ich bei dem Programm eine falsche Funktion verwendet hatte und die ganze Mühe umsonst war. Morgen darf ich das alles nochmals wiederholen.

Da ich in Zhytomyr an der Uni früher Sprachpraxis mit den Studierenden geübt hatte und eine junge Frau aus diese Gruppe immer noch dort ist, frage ich bei ihr an, ob wir uns vielleicht einmal treffen wollen. Ich dachte mir nichts dabei. Doch sie antwortete, dass sie in einer Beziehung wäre und sich deshalb nicht mit anderen Männern verabreden wolle. Da war ich dann doch überrascht, weil ich mindestens doppelt so alt bin wie sie und überhaupt keine Hintergedanken hatte. Irgendwie sind die Ukrainer in dieser Hinsicht etwas seltsam oder ich habe da andere Vorstellungen.

Ich fand es schade, da ich eigentlich in Zhytomyr nach Kontakten suche, um dort ein soziales Netz aufzubauen. Viele meiner Freunde und Bekannten sind wegen des Kriegs ins Ausland gegangen. Eigentlich sind sie auf der ganzen Welt verstreut – manche in Polen, manche in Deutschland, manche in Frankreich, Spanien oder in den USA, bzw. Kanada. Aber ich respektiere so eine Entscheidung.

Jedenfalls war es heute 2-stellig warm und die Sonne schien den ganzen Tag über.

 

8.März 2026. Sowjetisches Erbe: Weltfrauentag

Die Nacht war ruhig. Keine Drohnen oder Raketen auf Kyjiw. Und heute gab es auch keine Stromabschaltung. Das Wetter war super! Sonne pur mit über 10°C draußen. Allerdings hat mich eine Grippe oder Erkältung erwischt. Ich fühle mich schlapp und verbrachte fast den ganzen Tag im Bett. Nur am Mittag raffte ich mich auf, um Wasser zu holen.

Die Sache ist, dass man das Leitungswasser nicht trinken kann. Es ist gut, um zu duschen oder Geschirr zu spülen, aber nicht zum Verzehr. Allerdings gibt es öffentliche Brunnen, wo man kostenlos Wasser holen kann. Einziger Fallstrick: die funktionieren nur, wenn es Strom gibt. Aber da hatte ich ja heute Glück.

Traditionell, noch aus der Sowjetzeit, ist heute Weltfrauentag. Das wird hier von manchen mit gemischten Gefühlen wahrgenommen, weil es eben ein Relikt aus düsteren Zeiten ist. Andere beschweren sich, dass man Frauen grundsätzlich wertschätzen sollte und nicht nur einmal im Jahr an einem bestimmten Tag.

Ich erinnere mich, dass ich einmal, vor gut 20 Jahren, bei meiner Schwester in Süddeutschland war und ihr Blumen am 8. März mitbrachte. Sie freute sich, kannte aber den Anlass nicht. In Westdeutschland wussten wir nichts von diesem „Feiertag“. In der Ukraine hingegen schenkt man Blumen zum Valentinstag und eben zum 8. März. Vor allem an Bildungseinrichtungen ist das immer noch beliebt, weil die meisten Lehrkräfte weiblich sind und von ihren Schülern so geehrt werden.

Ansonsten habe ich heute kaum etwas gemacht. Für eine Videoproduktion erstellte ich die Audio-Dateien, um für die Uni in Zhytomyr das Matheproblem zu erklären. Das hatten wir beim letzten Treffen besprochen. Doch scheiterte ich bislang an den zu erstellenden Grafiken. Vielleicht morgen.

 

7. März 2026 Zurück in Kiew. Erinnerungen an den Kriegsbeginn

Gestern Abend ging gegen 19 Uhr der erste Luftalarm los, wurde dann aber recht schnell wieder abgeblasen. Dann nochmals gegen 22:30, wieder nur kurz. Doch in der Nacht dann, ab 1 Uhr, blieb er bis morgens um 4:30 bestehen. Und es gab Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Kyjiw. Ich wurde von der Luftabwehr geweckt, denn die war nicht zu überhören. Insgesamt feuerten die Russen über 500 Drohnen auf die Ukraine. Wie viele Raketen, weiß ich nicht. Nur so viel: In Charkiw starben mehrere Menschen, weil ein Wohnkomplex getroffen wurde. In Kyjiw gab es Verletzte.

Die ruhige Zeit in Zhytomyr ist durch die Rückkehr nach Kyjiw vorbei. Jeder hat damit gerechnet und erwartet, dass es wieder einen solchen Schlag geben würde. In der Ukraine wird man bei längeren Pausen nervös. Denn je länger diese sind, desto mehr Material können die Russen anhäufen und abfeuern.

Am Morgen hatte ich dann gegen 10 Uhr ein Treffen in der Stadt. Eine Freundin aus Deutschland kam zu Besuch in die Ukraine. Sie war in Charkiw und saß im Zug Richtung Kyjiw, als die Angriffe auf die Stadt losgingen. Laut ihrem Bericht, gibt es für den Schnellzug auf der Strecke keinen Strom, weshalb dieser von einer Diesellok gezogen wird. Sie tuckerte also mit 30km/h nach Poltawa, wo die Lok gewechselt wurde und kam mit einer Stunde Verspätung in Kyjiw an – aber rechtzeitig zu unserem Treffen.

Sie berichtet für Menschenrechtsgruppen in Deutschland, schreibt als freie Journalisten Artikel für Zeitungen und übersetzt Berichte aus dem Ukrainischen ins Deutsche, um einem breiteren Publikum zu erklären, was hier eigentlich los ist und wie wir hier auf das alles blicken.

Wir kennen uns schon länger, hatten uns aber vor ein paar Wochen zum ersten Mal persönlich getroffen. Von ihr erfuhr ich auch über die Bedingungen in anderen Städten oder über ihre Recherchen aus den besetzten Gebieten. Da ist man ohne russischen Pass aufgeschmissen, wobei die Infrastruktur ziemlich zerstört ist. Die medizinische Versorgung ist dort eine Katastrophe. So gesehen, überhaupt nicht lebens- und auch nicht erstrebenswert.

Heute ist der 4. Jahrestag, als ich mich am 7. März 2022 entschied, Lwiw zu verlassen und mich irgendwie über Polen nach Deutschland durchzuschlagen. In Berlin hatte ich eine Bleibe bei einem sehr guten Freund in Aussicht. Aber: ich musste erst mal dorthin kommen.

Ich verließ damals Morgens meine Unterkunft in Lwiw und ging zum Bahnhof, wo tausende Menschen aus den Regionen ankamen. Die Stadt platzte aus allen Nähten. Während meiner Zeit dort, traf ich mich mit Freunden und Helfern, doch die waren alle zu beschäftigt, um sich um die ankommenden Flüchtlinge zu kümmern. Ich selbst konnte wenig ausrichten und die Selbstorganisation der Ukrainer ist verlässlicher, als dass ich mich da einmischen wollte.

Am Bahnhof fuhren damals zwar Züge nach Polen, doch die waren absolut überfüllt. Am Busbahnhof neben dem Hauptbahnhof sah ich einen Bus und fragte, ob er zur Grenze fährt. Das wurde bejaht und er nahm mich mit. Was ich allerdings nicht wusste: er fuhr nicht über die Grenze, sondern nur bis ein paar Kilometer vor die Grenze. Dort hielt er und alle Insassen mussten aussteigen. Der Fahrer verlangte erst dann Geld von jedem.

Ich gab ihm meine restlichen Hryvna, die ich noch hatte und machte mich mit den anderen Fahrgästen in Richtung Grenzübergang auf. Tausende Menschen, teils Familien mit Kindern, ihre wenigen Habseligkeiten in Koffern und manche mit Haustieren. Es war ein stiller, langer Marsch, der kurz vor dem eigentlichen Grenzübergang ins Stocken geriet.

Die Abfertigung dauerte Ewigkeiten. Und es war kalt.

Vor mir war ein jüngerer Mann mit seiner Frau. Eigentlich durften (und dürfen bis heute) Männer zwischen 18 und 65 Jahren nicht ausreisen. Er hatte irgendwelche Papiere dabei, die ihm eine Ausnahme bescheinigten. Allein seine „Abfertigung“ dauerte gefühlt eine Stunde. Neben mir stand ein weiterer Mann in meinem Alter. Er war Ukrainer, hatte aber einen holländischen Reisepass. Eigentlich wollte er seine Mutter abholen, wie er erzählte, doch die hatte kein Interesse, ihre Heimat zu verlassen. Aber er musste zu seiner Arbeit nach Holland zurück. So landete er mit mir an der Grenze.

Wir kamen schließlich in dem Grenzort auf der polnischen Seite an. Dort gab es unzählige Zelte, wo sich die Flüchtlinge aufwärmen und etwas Essen konnten. Die Hilfsbereitschaft der Polen war gewaltig. Die Busse nach Przemysl waren überfüllt, so dass wir nach einer anderen Lösung suchten. Meine Begleitung konnte zum Glück auch polnisch, weshalb es einfacher war.

An einem Parkplatz waren zwei deutsche Männer, die wir baten, uns mitzunehmen. Doch die hatten bereits zwei junge Damen dabei und meinten, sie fuhren Richtung Süddeutschland. Irgendwie machten sie einen seltsamen Eindruck und vermieden auch den Kontakt zu uns. Mir kam unweigerlich der Gedanke, dass es sich vielleicht um Menschenschlepper handeln könnte, die junge Frauen abgriffen. Von solchen Fällen hatte ich gehört.

Jedenfalls riefen wir mit Hilfe des „holländischen Ukrainers“ ein Taxi, das eine Stunde später ankam. Inzwischen hatte sich zufällig ein deutscher Freund aus Berlin bei mir gemeldet und meinte, er sei auch in Przemysl. Sie hätten ein Auto und wenn ich wollte, könnte ich mit ihnen fahren. Und klar, natürlich wollte ich!

Das einzige Problem war, dass mein Smartphone in Polen dann keinen Internetzugang mehr hatte. Während der ganzen Taxifahrt über bangte ich, ob ich den Freund dann tatsächlich auch treffen würde. Am Bahnhof besorgte ich eine polnische SIM-Karte und wie durch ein Wunder, traf ich den Freund. Sie hatten spontan ein Auto in Berlin gemietet und waren mit humanitärer Hilfe zum Bahnhof nach Przemysl gekommen, um dort den ankommenden Flüchtlingen etwas zum Essen und warme Kleidung zu geben. So hatte ich am späten Nachmittag eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin, wo ich spät abends bei weiteren Freunden ankam, die mich bereits erwarteten. Noch in Przemysl verabschiedete ich mit von dem „holländischen Ukrainer“, dem ich noch heute unendlich dankbar für seine Unterstützung bin.

Heute denke ich gerne an diese merkwürdigen Zufälle zurück, wie sie im Krieg ständig vorkommen. Ich kenne Leute, die einen Ort verließen, wo dann 10 Minuten später eine Rakete einschlug. Jeder kann seine eigene „verrückte“ Geschichte erzählen, die einem ein Leben lang bleibt.

Übrigens wirkte Kyjiw heute etwas freundlicher auf mich. Und das trotz der Bombennacht. Es war sonnig und plus 8°C warm. Nur Strom gibt es in Kyjiw nicht ständig. Hier wird er für mehrere Stunden abgestellt.



6. März 2026 Kyjiw wirkt ausgebrannt

Für heute hatte ich ja meine Rückfahrt von Zhytomyr nach Kyjiw geplant. Und da ich über 3 Stunden unterwegs sein würde, wollte ich früh los. Also ging ich kurz nach 8 Uhr zum Cafe, um dort zwei Heißgetränke zu ergattern, damit ich vor 9 Uhr zurück in meiner Bleibe war. Schließlich wollte ich nicht in die Gedenkstunde ??? um 9 Uhr platzen. Nicht, dass ich diese nicht gut fände, vielmehr ist es mir einfach unangenehm, als Deutscher da irgendwie dabei zu sein.

Mein Abfahrtplan (ja, so etwas gibt’s für Marschrutkas) sagte, dass um 10:30 ein Bus fährt. Und so machte ich mich auf den Weg zur Haltestelle. Dafür brauche ich gut 45 Minuten zu Fuß und ich war pünktlich da. Es gab reichlich Platz, denn so viele Leute fahren nicht in die Hauptstadt. Auch Militärs saßen in der Marschrutka. Sie zahlen, gegen Vorlage ihres Dienstausweises, nur die Hälfte. Aber 300 Hryvna (umgerechnet heute ca. 6 Euro) sind für mich nicht so viel (ok, ich hatte schon andere Zeiten, da war das selbst für mich viel Geld). Bezahlt wird in bar und der Fahrer geht durch den Bus, um das Geld einzusammeln. Ich habe noch nie erlebt, dass es da Ärger gab.

Zugfahren funktioniert so, dass ich Online ein Ticket kaufe, was die Strecke und eine Platzreservierung beinhaltet. Eine Fahrt von Kyjiw nach Poltwaw kostet um die 200 Hryvna (4-6 Euro), eine Fahrt von Kyjiw nach Lwiw um die 500 Hryvna (ca. 10-12 Euro), je nach Zug. Das ist spottbillig. Auch eine Fahrt in der Kyjiwer Metro kostet nicht viel: 8 Hryvna (unter 20 Eurocent). Mit der Kyjiwer Karte können alle städtischen öffentlichen Verkehrsmittel – also Metro, Busse, O-Busse, Trams – „bezahlt“ werden. „Schwarzfahren“ kostet, wenn man erwischt wird, das 20-fache – also 160 Hryvna (ca. 3,20 Euro). Da habe ich schon Streitereien zwischen Kontrolleuren und Fahrgästen gesehen.

Meine Fahrt nach Kyjiw verlief ohne Probleme. Das Wetter war sonnig bis bewölkt bei knapp über dem Gefrierpunkt. Auf der Strecke sah ich am Wegesrand immer noch zerbombte Gebäude und Einschusslöcher in den Lärmschutzwänden. Auf solchen Fahrten sieht man dann auch Militärtransporte. Ich erinnere mich an eine Busfahrt aus Deutschland zurück nach Kyjiw im Krieg, als so eine „Panzerhaubitze 2000“ auf einem Tieflader transportiert wurde. Das sind Stahlmonster! Auch auf einer früheren Fahrt mit der Eisenbahn, fuhren wir an einem Güterzug mit dutzenden sowjetischen Panzern vorbei. Die Soldaten winkten uns damals zu, wobei mir im Kopf der Wunsch aufflammte, dass sie hoffentlich alle heil zurückkommen.

In Kyjiw angekommen, ging ich also zur Metrostation, um nochmals 40 Minuten bis zu meiner Station zu fahren. Schon als ich ausstieg, wirkten die Menschen in Kyjiw anders auf mich. Irgendwie bedrückter, ausgelaugt und nicht mit dem inneren Leuchten, wie ich es die letzten Tage in Zhytomyr erlebt hatte. In der Metro verstärkte sich mein Gefühl sogar noch. Die Leute daddelten auf ihren Smartphones und wenn nicht, wirkten sie stoisch ausgebrannt. In Zhytomyr sind junge Leute in Grüppchen unterwegs, feixen und lachen; in Kyjiw gehen die Leute stumm und allein ihren Gang.

Bei meiner Station angekommen, ging ich nach Hause und hatte alles: Strom, Wasser (sogar warm), Heizung und Internet. In den zwei Wochen Abwesenheit hat sich die Lage offenbar deutlich entspannt. Auch, weil es viel wärmer geworden war. Da der Kühlschrank leer war, ging ich einkaufen. An jeder Ecke werden Tulpen verkauft. Schließlich ist bald der 8. März und Blumen an Frauen zu schenken, ist noch eine verbliebene Sowjettradition. Ich ging in die Läden mit guter Laune, denn ich habe in Zhytomyr Energie tanken können. Doch die Verkäufer, die mich eigentlich kennen, wirkten matt und konnten mit meiner Energie nicht so viel anfangen. 

Irgendwie war ich dann froh, wieder zu Hause zu sein und kochte den Mittag über. Der letzte Luftalarm liegt einige Zeit zurück und Kyjiw wurde schon länger nicht mehr angegriffen. Also hoffe ich, dass das auch so bleibt.

 

5. März 2026 Wenn die Nachrichten nicht wären, wäre das Leben wunderschön….

Mein Termin an der Uni war um 10 Uhr. Davor habe ich meine Morgenroutine erledigt und war im Cafe bei den Frauen. Da war heute Einiges los, so dass sie keine Zeit hatten, sich mit mir zu unterhalten. Aber das finde ich nicht so tragisch.

An der Uni war ich zunächst an der Mathe-Fakultät, wo wir die Ergebnisse eines Projekts besprachen, das ich dort initiiert hatte. Es wird ein Fachartikel zu einem bislang ungelösten Problem veröffentlicht, an dem ich seit Kriegsbeginn immer wieder arbeite. Letztes Jahr beschloss ich, an der Uni nachzufragen, ob sie Interesse an einem gemeinsamen Projekt hätten. Das wurde bejaht und so arbeitete ich mit der Dekanin und einem Professor an dem Thema. Das berührt sehr grundlegende Fragen und wäre in der Fachwelt interessant. Mich freut dabei, dass meine Sichtweisen als originell und inspirierend aufgegriffen werden.

Nach zirka einer Stunde Fachsimpeln verabschiedete ich mich. Ich wollte zum Markt, um Blumen zu besorgen. Es ist bald „Frauentag“, der vor allem an Bildungseinrichtungen trotz der Sowjetlastigkeit immer noch beliebt ist. Da ich morgen zurück nach Kyjiw fahre, wollte ich mich mit Blumen zum Frühlingsanfang bei der Fremdsprachenfakultät verabschieden.

Die Dekanin ist eine langjährige und gute Freundin. Sie brachte mich auch mit der Dekanin der Mathe-Fakultät zusammen. Ich veranstalte dort auch immer wieder „Sprachclubs“, wo Interessierte mit mir – einem Muttersprachler – Deutsch sprechen können.

Da ich unangemeldet war, blieb ich auch nicht lange. Wir unterhielten uns über den aktuellen Iran-Krieg. Die Sorge wächst in der Ukraine, dass dieser Konflikt Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit hier haben könnte. Bislang ist nur eine starke Erhöhung der Spritpreise bemerkbar, wobei ich selbst hier kein Auto fahre. Dazu sind die öffentlichen Verkehrsmittel zu gut und notfalls gibt es Taxis, die im Vergleich zu Deutschland enorm günstig sind. In Zhytomyr komme ich zudem überall zu Fuß hin.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Schreibarbeiten am Computer und am Abend hatte ich noch ein Online-Meeting. Dabei ging es um unsere Aktivitäten bei der Organisation, für die ich tätig bin. Was wird in Zukunft geplant und wie ist der aktuelle Stand. Das hat sich seit Kriegsbeginn eingebürgert und ist aus meiner Sicht sehr nützlich.

Insgesamt hat sich die Arbeit aller Organisationen, mit denen ich irgendetwas zu tun habe, stark professionalisiert. Zu Kriegsbeginn war ja auch die Spendenbereitschaft aus dem Ausland enorm. So wurden relativ kleine Organisationen plötzlich mit sehr viel Geld „überschüttet“, weil die großen Player auf dem „Markt der Hilfstätigkeit“ keinen Fuß in der Ukraine hatten und so gerne nach jedem Strohhalm griffen.

Diesen „Markt“ lernte ich in den vergangenen vier Jahren zwangsweise kennen. Teilweise auch mit unschönen Situationen, weil Personal vor dem Burnout stand oder weil es Streitereien um Kompetenzen innerhalb von Organisationen gab, was teilweise sogar zu Mobbing führte.

Einst, als ich 2017 noch im Donbass unterwegs war, meinte ich, dass der Krieg das Gute im Menschen hervorbringe und sich die Leute gegenseitig unterstützen würden. Da wurde mir entgegnet, dass das nicht der Fall sei, sondern Menschen Menschen bleiben. Vielmehr wirke Krieg wie ein Brennglas, das die in einer Person grundlegend veranlagten Charaktereigenschaften verstärkt zum Vorschein bringt. Und das seien eben nicht nur die guten. Das musste ich letztlich im eigenen, vermeintlichen, Freundeskreis hier in der Ukraine auch erleben.

Der Tag war heute wieder sonnig, aber etwas frischer als gestern. In der Nacht hat es immer noch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Aber die Leute, wie heute auch an der Uni, sind weit besser gelaunt. Einer meiner Gesprächspartner meinte, wenn man die Nachrichten ausblendet, wäre das Leben so gesehen wunderschön.

4.März 2026 Gemischte Frühlingsgefühle

Heute, beim morgendlichen Kaffee, unterhielt ich mich mit den jungen Frauen, die mich immer bedienen. Sie sind beide -geschätzt- Mitte 20. Auf die Frage, ob sie bei Kriegsbeginn aus Zhytomyr weggingen, verneinten sie dies. Eigentlich waren sie noch nie im Ausland. Selbst aus der Stadt sind sie nie rausgekommen. Sie erzählten, wie verstörend der Luftalarm in den ersten Kriegstagen war. Vor allem die Luftkämpfe zwischen russischen und ukrainischen Jets hatten ihnen Angst gemacht. Davon hatte ich bereits bei einem Besuch gehört, als ich Ende 2022 in der Stadt war, um humanitäre Hilfe zu bringen.

Inzwischen sehen die beiden Frauen den Krieg als Alltag. Ist eben so und nicht mehr ganz so beängstigend. Sie vertrauen der Luftabwehr. Zhytomyr wurde auch seit Längerem nicht mehr direkt angegriffen. Nur eine Schule, die in den ersten Kriegswochen von einer Rakete zerstört wurde, ist stummer Zeugin der Zerstörungen.

Als ich zurück in meiner Bleibe war, traf ich auf meine Mitbewohner. Sie sind bereits 2014 aus dem Gebiet Luhansk geflohen. Inzwischen bekommen sie keine Unterstützung mehr vom Staat, sondern müssen sich selbst mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Dabei sind die Nebenkosten, vor allem für Strom, enorm gestiegen. Andere Flüchtlinge, die ich einmal in Dnipro traf, berichteten Ähnliches: die staatlichen Hilfszahlungen reichten gerade einmal, um die Nebenkosten zu decken. Miete und Lebensmittel müssen sie selbst dazu verdienen. Das veranlasst viele Menschen, nicht von der Front zu fliehen. Denn dort haben sie eigentlich alles, was sie zum Leben brauchen; irgendwo neu anzufangen, schreckt sie ab.

Zu Mittag ging ich wie üblich in eine „Stolowaja“ – eine Art Mittagstisch (Business-Lunch) in einem Restaurant- wo man günstig essen kann. Dort kennt man mich, da ich hier bereits seit Monaten regelmäßig hingehe. Die Sonne schien und im Restaurant lief irgendein Walzer. Eine Bedienung tanzte dazu und ich freute mich riesig darüber, weil das das Lebensgefühl der ungebrochenen Ukrainer widerspiegelt. Es wird Frühling und die Leute sprühen vor Energie und Glück, dass dieser harte Winter überstanden ist.

Nachmittags hatte ich dann am PC zu tun. Trotzdem ging ich später nochmals bei plus 10°C spazieren. Ich mag dieses Städtchen, keine 200 km westlich von Kyjiw. Es gibt wegen den Universitäten viele junge Leute. In Cafes und Restaurants jobben sie für wenig Geld. Überall wird Personal gesucht.

Ich kenne die Stadt schon seit meinen ersten Tagen in der Ukraine. Als ich damals, im Februar 2004 mit einem VW Lupo von Deutschland nach Kyjiw umzog, hatte ich kurz vor der Stadt einen Unfall. Auf eisglatter Fahrbahn kam ich ins Schleudern und landete im Graben. Das war bei Einbruch der Dunkelheit und was mich einzig interessierte: komme ich überhaupt noch nach Kyjiw.

Ein Fahrzeug hielt hinter mir und der Fahrer begutachtete mein Auto. Er meinte, dass es nicht so schlimm sei und tatsächlich schaffte ich es bis in die Hauptstadt. Dort merkte ich allerdings, dass ich das vordere Nummernschild eingebüßt hatte. Über die deutsche Botschaft, die einen Polizeibericht anforderte, konnten wir das lösen. 

Heute wäre das undenkbar. Die Botschaft ist zwar besetzt, aber nicht für deutsche Staatsangehörige da. Das heißt, wenn ich meinen Reisepass verlieren würde, oder irgendein anderes konsularisches Problem hätte, müsste ich mich an den Notdienst des Auswärtigen Amts in Deutschland wenden. Ich hoffe inständig, dass ich das nie in Anspruch nehmen muss!

Morgen Vormittag habe ich einen Termin an der Universität und dann überlege ich, wann ich zurück nach Kyjiw fahre. Die ruhigen Tage hier, mit Strom, Wasser, Wärme und Internet gehen zu Ende. Ich habe noch keine Ahnung, wie es dann zu Hause in Kyjiw sein wird. Aber immerhin sind die Temperaturen tagsüber fast zweistellig im Plus.

3. März 2026 Winter Ade. Alltag eines Ukraine Helfers

Heute war ich relativ früh wach, aber wollte meine Bleibe nicht so früh verlassen, weil ich ungern um 9 Uhr in die „Gedenkminute“ platze. So war ich dann mit dem Heißgetränk am Morgen gegen 10 Uhr fertig und ging spazieren. Es wird Frühling! Es wird wärmer und die Sonne gewinnt an Kraft. Überall in Zhytomyr, wo ich derzeit bin sind LKWs unterwegs, die die Schneemassen abtransportieren, die sich im Winter angesammelt hatten. Das vor dem Hintergrund, dass die Kanalisation nicht überlastet wird. Ich kenne das auch so aus Kyjiw und hier in Zhytomyr verfährt man ebenso.

Mir begegnete die Taubstumme und unglaublich, wie sie sich freute, als ich die Geste machte, welche sie mir vor ein paar Tagen zeigte, um „Guten Tag“ zu sagen. Insgesamt scheinen die Leute erleichtert, dass dieser Winter überstanden ist. Im Gespräch mit einem Bekannten, der mir über den Weg lief, sagte er, dass auch die Drohnenangriffe zurückgingen. Waren es im Februar teilweise über 500 Drohnen und Raketen, welche die Russen auf die Ukraine je Angriff abfeuerten, sind es seit ein paar Tagen kaum mehr als 100 und dann auch keine Raketen mehr.

Man hat hier allerdings Sorge, dass der neue Krieg im Iran den Schutzschirm in der Ukraine schwächen könnte. Die USA und Israel brauchen, so die Vermutung, die Waffen nun selbst. Die Produktion ist denkbar langsam, weshalb ich diese Angst verstehe.

Da Monatsende war und ein neuer Monat beginnt, habe ich Einiges zu tun. Schließlich bin ich für Projekte verantwortlich. Zu meinen Aufgaben gehört dabei, zu kontrollieren, ob unsere Partner die weitergeleiteten Gelder entsprechend den Vereinbarungen ausgeben und die Projekte so umsetzen, wie wir das beschlossen hatten. Die meiste Kommunikation läuft dabei auf Ukrainisch, was ich mit Hilfe des Online-Übersetzers einigermaßen im Griff habe.

Insgesamt ist mein Leben sehr frei und eigentlich ungeregelt. Die Partner machen die Arbeit und ich bin der Koordinator für die Umsetzung. Mein Part ist zum Beispiel, Dokumente zu beschaffen, damit LKWs mit Lieferungen an die Empfänger kommen, Verträge auszuarbeiten und Gelder auszuzahlen, womit dann Projekte finanziert werden. Dabei verwalte ich auch Budgets, um relativ unkompliziert und schnell „Kleinigkeiten“ zu bezahlen. So zum Beispiel Thermo-Unterwäsche, die nach Pawlohrad zu einem befreundeten Militärgeistlichen ging. Die ist immer noch notwendig, weil sich die 4 Grad plus gerade wärmer anfühlen, als sie tatsächlich sind.

Ich leite auch immer wieder, teils auch privat, Geld in Sammeltöpfe weiter, bei denen Hilfe fürs Militär gesammelt wird. Tourniquets oder Powerstationen für die Front sind beliebte Anschaffungen. Fahrzeuge werden immer benötigt. Mein Bekanntenkreis ist relativ groß. Ich verstehe mich deshalb als Brücke, um Geber und Nehmer zusammenzubringen.

Wir haben auch ein Projekt für Kinder aus den Frontgebieten, für deren Familien kunsttherapeutische Workshops angeboten werden. Die Partner sind in Lwiw, Saporischschja und in Kyjiw. Viele Eltern sind es nicht gewohnt, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen und in den Workshops basteln und malen sie zusammen mit ihren Schützlingen, um eine neue Beziehung aufzubauen. Dies ist insofern wichtig, weil alle gestresst sind und sich in einer neuen Umgebung einleben müssen. Zudem tauschen sich die Eltern untereinander aus.

Ein weiteres Projekt geht um den Austausch zwischen Europa und der Ukraine im Bereich Prothesen. Ärzte lernen jeweils von den Erfahrungen aus der Ukraine und in der Ukraine werden Standards entwickelt, wie man sie für Patienten in Europa anwendet.

Für solche Projekte haben wir Fördergelder erhalten, was Berichterstattung und Abrechnung erfordert. All das, angefangen von den Anträgen, dem Monitoring bis zum Projektende, liegt in meinen Händen.

Zu Guter Letzt kommt hinzu, dass ich auch gegenüber meinem Auftraggebern Rechenschaft ablegen muss und dafür entsprechend an Online-Meetings teilnehme. Diese müssen auch organisiert werden, was ich erledige. Daneben beantworte ich sonstige Anfragen, die an unsere Organisation gestellt werden.

Unter den Bedingungen der Stromabschaltungen war das alles gar nicht so einfach und nun hoffe ich, dass sich das bessert. Die Ukraine hat diesen Winter wohl erst einmal überstanden und es geschafft, dass die Attacken geringer werden.

2. März 2026. Flucht aus Kiew

Nach Cappuccino und Latte hatte ich am Computer zu tun. Die Sonne ließ sich wieder blicken und es hörte sich aus dem Zimmer wie Regen an. Aber das war das Schmelzwasser, das von den Dächern tropft. Die Dachlawinen hörten sich wie Detonationen an. Vor allem, als der Luftalarm runterging. Ich hörte die Kinder wieder in den Schutzraum tapsen. Wohlgeordnet gehen sie in Reih und Glied die Treppen nach unten.

Mir ging der Kriegsbeginn in Kyjiw durch den Kopf und wie ich damals kaum auf den kalten Fließen der Metro schlafen konnte. Ich wachte sehr früh auf. Im Kopf hämmerte es immer noch: "Ich muss zum Bahnhof, ich muss zum Bahnhof, ich muss zum Bahnhof..."

Die Mitarbeiter der Metro meinten, dass alle paar Stunden einmal ein Zug kommt und es wohl das Beste sei, bis Ljukjaniwka zu fahren und von dort zu Fuß bis zum Zentralbahnhof zu gehen. Ich sagte, dass ich zu Hause noch Wasser, Kerzen und haltbare Lebensmittel hätte, und fragte, ob sie diese brauchen könnten. Die Antwort: natürlich!

Also stapfte ich zu mir in die Wohnung, von der ich glaubte, sie bis auf Weiteres nicht mehr zu sehen. Die Sachen waren flott zusammengepackt, aber dann doch recht schwer. Auf dem Weg fragte ich Passanten, ob sie mir beim Tragen helfen könnten und die Solidarität war groß. Zwei Männer halfen mir, die Sachen zur Metro zu bringen.

Ich war noch nie in den „Katakomben“ hinter der normalen Plattform. Dort gab es eine Art Logistikzentrum in der Steuerzentrale der Kyjiwer Metro. Leute luden ihre Smartphones und konnten das WC nutzen. Eine kleine Welt für sich.

Eine Angestellte fragte mich, ob ich eine Babuschka (alte Frau) mit zum Bahnhof nehmen könne. Sie traue sich nicht, sich allein auf den Weg zu machen. Und ja, klar, nahm ich sie mit: eine ältere Dame, die aus Kasachstan nach Donezk floh, um von dort, als der Krieg 2014 ausbrach, nach Kyjiw zu kommen. Sie war Musikerin und gab früher Klavierkonzerte.

Mit ihr machte ich mich also auf den Weg zur nächsten Metro-Station. Mehr als einen Rucksack hatte ich nicht dabei. Sie hatte gar nichts, außer einner kleine Tasche.

In der Ljukjaniwka-Station angekommen, fuhren wir die Rolltreppen nach oben. Auf dem Vorplatz zur Metro angekommen, ging der Luftalarm los. Mir wäre es egal gewesen, doch die Dame wollte zurück nach unten. Also...

Die Wächter an der Metro waren von mir nicht begeistert und filzten mich gründlich. Rucksack auf, alles auspacken. Luftalarm im Hintergrund. Die Leute halb panisch, halb apathisch, und doch ruhig um uns herum. Der garstige Mann ließ mich endlich durch, wobei ich zunächst wieder alles einpacken durfte.

Unten angekommen, setzten wir uns in den stehenden Zug. Da klingelte mein Smartphone. Das Auswärtige Amt rief an und fragte, ob bei mir alles in Ordnung sei. Man würde Deutsche nun doch evakuieren; ob ich denn eine "Mitfahrgelegenheit" bräuchte.

Ich dankte, sagte aber, dass ich mich selbst nach Lwiw durchschlagen würde. Schon zu Kriegsbeginn schrieb ich an die Botschaft, man solle sich nicht um mich kümmern. Ich sei freiwillig da und bräuchte keine Hilfe.

Danach fuhren wir wieder nach oben und gingen die paar Kilometer zu Fuß zum Bahnhof. Wir trafen vereinzelt auf Territorialverteidiger der Stadt. Aber insgesamt blieb es an dem Tag ruhig.

Gegen frühen Mittag kamen wir am Bahnhof an. Dort wurde mir gesagt, dass täglich 5 Züge fahren und einer gerade weg sei. Also blieb die Chance auf 4 Weitere. Wir warteten.

In dieser Zeit kam die Tochter der Dame und sie verabschiedete sich von mir. Sie wolle nun doch noch bei ihrer Tochter in Kyjiw bleiben. 

Als sie weg war, fuhr ein Zug ein. Einer dieser ukrainischen Schnellzüge. Noch nie in meinem Leben habe ich gesehen, wie sich Menschen prügeln, Koffer, Kinderwägen und alles stehen und liegen lassen, um einen Platz in einem Evakuierungszug zu ergattern. Tickets? Egal! Ich selbst schaffte es nicht in den Zug. Doch ich wusste ja, es kommen noch drei weitere.

Und tatsächlich kam eine Durchsage. In diesen Zug schaffte ich es – ohne Prügeln. Ein "Bummelzug" (Elektritschka). Sitzplatz? Fehlanzeige. Überfüllt: na klar. Neben mir stand eine Ukrainerin und vor uns saß ein Italiener mit einem Papagei! Er war bei einer Bank angestellt. Man nahm ihn nicht in dem Konvoi mit, weil er seinen Vogel unbedingt dabeihaben wollte. Also schaffte er es mit dem Tier in diesen Zug.

Wir drei wechselten uns die Fahrt über mit dem Sitzen ab. Je 20 Minuten etwas ruhen und dann der Nächste. Die Fahrt sollte gut 8 Stunden bis nach Lwiw dauern, was niemand ahnte. Und vor Lwiw, in der Dunkelheit, hieß es plötzlich, Lichter aus, weil Flieger gesichtet wurden. Es wurde still und dunkel im überfüllten Abteil.

Neben dem Italiener saß ein 12jähriger Junge, der noch nie mit Ausländern gesprochen hatte. Der fragte uns damals Löcher in den Bauch. Was denn so toll an der Ukraine sei, warum wir hier sind und wie es in unserer Heimat wäre...

In Lwiw angekommen, verloren wir uns alle aus den Augen. Es war nach Mitternacht und ich hatte bei einem Marktleiter eine Übernachtungsmöglichkeit. Aber wir kannten uns noch nicht und ich wusste auch nicht, wohin ich musste. Nach einigem Telefonieren fanden wir uns trotz der geltenden Sperrstunde.

Heute geht mir durch den Kopf, was wohl gewesen wäre, wenn bei der Anzahl an Menschen eine Rakete einschlagen wäre. An dieses Massaker möchte ich gar nicht denken. Bisher bin ich froh, dass ich keine Leichen oder Menschenteile sehen musste. Zerstörung dafür zu Genüge.

Die Temperatur lag heute in Zhytomyr bei über 5°C. Fleißig war ich nicht unbedingt, aber es gab auch nichts dringendes zu tun.

1.März 2026. Erinnerung an das Bombardement zu Kriegsbeginn

Mir war heute nicht danach, in den Gottesdienst zu gehen. Also wartete ich, bis dieser begann und schlich mich dann unbemerkt an der Kirche vorbei. Ziel war das Cafe, um meine Routine mit Cappuccino und Latte für den Tag zu beginnen. Danach spazierte ich zum Markt, um Obst zu besorgen. Die Verkäuferin kannte mich noch. Sie ist jünger als die sonstigen Verkäuferinnen. Ich mag es, eine persönliche Beziehung zu jemandem aufzubauen. So werden die Smalltalks substantieller.

Es war verhältnismäßig warm heute. Bei fast 8°C und Sonnenschein ging ich dann länger durch die Stadt. Überall taut es und verwandelt die Eisschichten auf den Straßen zu kleinen Bächchen und Seen. Das ist einerseits schön anzusehen, aber eben auch ungemütlich zu gehen.

Von Krieg hier keine Spur. Kein Luftalarm, keine Drohnen, keine Raketen. Noch ein paar Tage, dann fahre ich zurück nach Kyjiw. Eine Freundin aus Deutschland hat sich zum Wochenende angekündigt.

Der 1. März ist für mich ein besonderer Tag. Vor 4 Jahren, als der Krieg 5 Tage alt war, hatte ich kaum Schlaf, weil das Adrenalin den Körper wachhielt. Ständig hörte ich damals aus Richtung Irpin/Butscha Gefechtslärm (GRAD, Artillerie, Mörser, Panzer...). Zusätzlich setzten mir die Meldungen zu, dass Iskander-M-Raketen im Anflug auf die Hauptstadt seien.

In Kyjiw konnte ich nichts ausrichten, weshalb ich damals entschied, die Stadt Richtung Westen zu verlassen. Ich wollte in Lwiw nachschauen, wie das mit den Hilfslieferungen funktioniert und mich dort nützlich zu machen.

Bei Freunden fragte ich deshalb nach, wie und ob ich es dorthin schaffen könnte. Mir wurde geraten, irgendwie zum Bahnhof zu gehen. Das sind von meiner Kyjiwer Wohnung 8 Kilometer. Würde ich es schaffen, einen Zug zu erreichen, hätte ich es aus der Stadt geschafft; wenn nicht, würde noch Zeit bleiben, vor der Sperrstunde zurück in meiner Wohnung zu sein.

Am späten Nachmittag, kurz vor 17 Uhr, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zur Metro. Ich hoffte, dass diese fuhr und ich bis zum Bahnhof kommen würde. Kurz vor der Station hörte ich dann ein Pfeifen, spürte die Druckwelle einer Explosion und hörte die Detonation. Um die Häuserecke sah ich dann den Feuerball am Fernsehturm. Die "Selbstverteidiger" an der Unterführung, die dort mit Molotow-Cocktails Wache hielten, standen mit offenen Mäulern da.

Doch in meinem Kopf war nur: „ich muss zum Bahnhof, ich muss zum Bahnhof, ich muss zum Bahnhof...“ Am Eingang zur Metro zielte dann ein Soldat mit einer Kalaschnikow auf mich und fauchte mich an: Davai, idi nvnis! (Mach, dass Du runter kommst). An den Gleisen der Metro angekommen, fragte ich mich, was ich nun hier soll. Die Züge fuhren nicht. Aber auf eine „Übernachtung“ war ich nicht eingestellt. Die Leute, die dort schon länger Schutz gesucht hatten, erzählten von Erschütterung der Explosion hier unten. Dabei lagen vielleicht 20 Meter Erdreich über ihren Köpfen. Ich wollte zurück zur Wohnung, aber das Metro-Personal ließ mich nicht wieder nach oben. Zu gefährlich, meinten sie.

Dort unten, auf der Plattform, war ein „Zeltlager“ und kaum Platz. Ich setzte mich auf den Boden. Ein Mann in meinem Alter gab mir eine Decke, damit ich mich darauflegen konnte, um nicht die Kälte der nackten Fließen zu spüren. Auf dem Gleis gegenüber stand eine Metro, die dazu da war, dass sich die Leute auf den Sitzen hinlegen konnten. Am nächsten Morgen, so sagte man mir, würde vielleicht ein Zug bis Ljukjaniwka gehen. Also war ich erstmal in Sicherheit, aber auch in einer Situation gefangen, die ich so nicht vorhergesehen hatte. So direkt hatte ich noch keinen Raketeneinschlag erlebt und deshalb bleibt dieser Tag für mich wohl für immer in Erinnerung. 

Beim Spaziergang durch Zhytomyr fiel mir eine Zeile der ukrainischen Nationalhymne ein: „Unsere Feinde werden wie Tau in der Sonne zugrunde gehen“. Langsam beginnt der Frühling. Die Sonne wird stärker. Vielleicht haben nicht alle Menschen diesen Winter überlebt, doch die Ukraine hat ihn überstanden. Vorläufig zumindest.

Kiewer Tagebuch

 

28.2.2026 Gedanken zum (neuen) Krieg

Ein unspektakulärer Tag. Eigentlich. Aufstehen gegen 9 Uhr. Der übliche Weg zum Cafe, wo ich immer morgens einen Cappuccino und dann eine Latte trinke. Als ich zurück in der Bleibe war, merkte ich, dass die Heizung nicht ging. In Zhytomyr, in der Schule, ist samstags kein Unterricht, also wird das Gebäude auch nicht unbedingt geheizt. Nur wegen uns, den beiden Flüchtlingsfamilien und mir, muss ja nicht die gesamte Schule, wo wir untergekommen sind, warm bleiben. Die Wärmeversorgung ist dezentral und Heizmaterial ist teuer. So stelle ich mich auf ein kühles Wochenende ein. 

Im Internet las ich von dem Angriff auf den Iran. Das löste bei mir Kopfschütteln aus. Nicht, dass ich nicht über die Proteste wüsste, die vor Wochen Tausende Tote forderte. Trump hatte diese Proteste sogar angefeuert, indem er den Protestierenden Mut machte, gegen das dortige Regime aufzustehen. Mein Missmut war vielmehr die Erfahrung eines realen Kriegs und was es heißt, wenn Raketen in bewohntem Gebiet einschlagen. Da mag das Mullah-Regime noch so übel sein und wirklich abgeschafft werden. Das steht nicht in Frage. Doch muss ein weiterer Krieg auf dieser Welt sein? Artet das dann nicht doch aus?

Bei solchen Fragen halte ich mich dann heraus, wenn ich das Gefühl habe, nicht ausreichend viel über die Hintergründe zu wissen. Das geht mir bei der Hisbollah, Israel oder Gaza oft so. Wenn ich keine Ahnung habe, ziehe ich es vor, meine Klappe zu halten.

Als ich dann zum Essen in die Stadt losging, traf ich auf den Hausherrn. Er ist einer der beiden Männer, die mit mir zusammenwohnen. Wir sprachen über die Heizung und er meinte, dass sie jetzt doch angemacht wurde. Seine Familie war die Tage über auch krank. Daher war er froh, dass sie jetzt am Wochenende nicht frieren mussten.

Nach meinem Restaurant-Besuch schien die Sonne, es war ein paar Grad über Null und ich spazierte über den nahegelegenen Markt. Dort besorgte ich Nüsse und Trockenfrüchte. Die Verkäuferin, ein bisschen älter als ich, meinte, es wird Frühling. Diese kleinen Small-Talks liebe ich. Und die Leute tragen immer noch, trotz Krieg, dieses Leuchten in ihren Augen. Besonders freue ich mich über kleine Kinder, die dick eingepackt wie kleine, ungelenkige Wollknäuel wirken und tapfer durch die Gegend stapfen. Lachen musste ich, als so ein Wollknäulknirps Anlauf nahm und in eine tiefe Pfütze hüpfte. Die Mutter war davon weniger angetan und schimpfte auf Ukrainisch.

Wieder in meinem Zimmerchen, unterhielt ich mich mit ChatGPT über ein Video, das ich bei Facebook gesehen hatte. Dabei ging es um ein berühmtes Gedankenexperiment von Carl Sagan. Er meinte, was passiert, wenn man, wie ein Kind, einfach behauptet, dass in der Garage ein Drache lebe. Dabei sei das Monster unsichtbar, immateriell, schwebe über dem Boden und spucke feuerlose Flammen… Jedwede Methode, den Drachen nachzuweisen, schlägt fehl. Was unterscheidet nun diesen unsichtbaren, nicht nachweisbaren Drachen von keinem Drachen?

Wenn also etwas nicht überprüfbar ist, heißt das dann, dass es auch nicht existiert?

Ich kenne ein ähnliches Beispiel von Bertrand Russel. Dieser meinte, dass eine kleine, sehr, sehr kleine Teekanne zwischen Erde und Mars um die Sonne kreist. So klein, dass man sie nicht nachweisen könne. Das kann man nun behaupten und glauben. Man kann es auch anzweifeln, aber beweisen muss es derjenige, der die Behauptung aufstellt.

Auch Berkeley hatte solche Gedanken: Wenn ein Baum in einem Wald umfällt, aber niemand da ist, um das zu hören, macht der Baum dann ein Geräusch? Oder Jackson mit der Frage, wenn Mary ihr Leben lang fensterlos in einem schwarz-weißen Raum lebt und alles über Farben studiert, ob sie dann, wenn sie am Ende ihres Lebens den Raum verlassen kann und erstmals Farben sieht, etwas Neues lernt.

In der Diskussion mit der KI kamen wir dazu, dass diese Beispiele einen gemeinsamen Nenner haben: was existiert unabhängig von uns; was braucht Wahrnehmung, um real zu sein; kann man wissen, ohne es erlebt zu haben; und wo endet Skeptizismus und wo beginnt Erfahrung.

Solche Diskussionen helfen mir, mit dem Krieg in der Ukraine klar zu kommen. Ich habe ja die Erfahrung, was es heißt, wenn Bomben einschlagen. Ich habe die Druckwellen gespürt oder das Pfeifen vor dem Einschlag gehört. Mich haben solche Geräusche nicht nur einmal aus dem Schlaf gerissen. Da bin ich über die ollen Denker ganz froh, die mir mit ihren Gedankenexperimenten helfen, damit klar zu kommen.

Es ist spürbar wärmer geworden, wenn es auch noch nicht wirklich warm ist. Auch die Tage werden wieder länger. Irgendwie keimt Hoffnung auf. Auch wenn ein neuer Kriegsherd aufgeflammt ist.

 

 

27.2.26 Chat mit Tscherkassy

Gestern Abend hatte ich noch einen längeren Chat mit einer Freundin aus Tscherkassy. Vor dem Krieg lernten wir uns bei gemeinsam Kulturprojekten kennen. Sie ist dort an der Uni Dozentin. Eigentlich dachte ich, sie sei, wie viele meiner Freunde und Bekannten, ins Ausland. Schließlich spricht sie Deutsch auf Muttersprachenniveau und hätte mit ihren Kontakten sicher schnell Anschluss gefunden. Doch nein, sie ist dageblieben, um sich in Hilfsprojekten zu engagieren.

Aus Tscherkassy habe ich schon lange nichts mehr gehört, weil die Dame, die einen Hilfsverein für Tschernobyl-Hinterbliebene, hier heißen sie „Liquidatoren“, vor 2 Jahren gestorben war. Die „Liquidatoren“ waren jene Leute, die man an den geschmolzenen Reaktor schickte, um dort „aufzuräumen“. Sie hatten es nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht einfach, weil sich niemand für sie interessierte. Gleiches gilt übrigens auch für die Afghanistan-Veteranen. Sie waren maßgeblich daran beteiligt, die Infrastruktur des Euromaidan (2013/14) mitzugestalten und die ersten Freiwilligenbataillone für den Donbass zu organisieren.

Putin meinte immer, der CIA hätte die Demonstranten in der Ukraine bezahlt, denn niemand würde ohne Gegenleistung für etwas einstehen. Der Mittelstand, der sich in der Ukraine seit der Orangenen Revolution 2004/5 unter Juschtschenko gebildet hatte, sah 2013 seine Felle unter dem Kleptokraten Janukowitsch davonschwimmen. Und die würdelose Behandlung der gerade erwähnten Bevölkerungsgruppen (Afghanistan-Veteranen und Liquidatoren) ist eher für Proteste anfällig, die ihnen Besserung zusagen.

Ich kann mich auch noch erinnern, dass für die Krimtataren, die unter Stalin vertrieben wurden und erst im Zuge der Perestroika zurück in ihre Heimat durften, eine eigene Autonomie innerhalb der Krim bekommen sollten. Das waren die Träume des Maiden, bevor die Annexion kam und sie wieder fliehen mussten.

Bei dem Chat gestern ging es jedenfalls darum, dass es in Tscherkassy, ähnlich wie in Zhytomyr, einigermaßen erträglich ist. Das ist dieser verdammte Krieg, der punktuell so schrecklich ist, ausstrahlt und sich wie Metastasen durch die Gesellschaft frisst. Dabei hatten wir in den Kulturprojekten versucht, Aufklärung im Land und über die Ukraine zu betreiben. Wir suchten nach deutschen Spuren vor dem 2. Weltkrieg, nach Erinnerungsorten zu vergessenen Verbrechen der Deutschen im 2. Weltkrieg und erkannten, dass es in der Ukraine Regionen gibt, die schon immer als Schmelztiegel von Kulturen wirkten. Nicht, um die „Reinheit einer Kultur“ zu bewahren und eine Kontaminierung durch „Fremdes“ zu vermeiden, sondern im Gegenteil: Den Menschen gehörten die Kulturen aller Völker, integrierten sie und übernahmen, was ihnen davon gefiel. Gemeinsam wurden Kulturen praktiziert, auch wenn man ihr selbst nicht angehörte.

Das mag platt, utopisch und beschönigend klingen, was mich gerade nicht interessiert. Ich kann auch einiges an den Ukrainern kritisieren… Aber ich habe heute schlechte Nachrichten bekommen: Kostjantyniwka, wo ich mehrfach selbst war, wurde mit Phosphorbomben dem Boden gleichgemacht. Solche Waffen sind laut Genfer Konvention verboten. Das interessiert die Russen aber nicht, weil wo kein Richter, da kein Henker. Sie hatten das bereits in Mariupol getan. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich‘s gänzlich ungeniert.

Auch über die Meldung zur Masche der Russen, die Familien von Kriegsgefangenen zu erpressen, ging mir an die Nieren. Man will unbedingt Starlink und versucht die Angehörigen dazu zu bringen, für Russen Geräte anzumelden, damit die Gefangenen „Hafterleichterung“ erhalten. Egal, was man sich ausdenkt, die Möglichkeit, dass es der Wahrheit entspricht, ist einfach zu hoch. Ich traue den Russen alles zu.

Mir ging es dabei heute eigentlich gesundheitsmäßig relativ gut. Der Magen schmerzt noch etwas, doch er ist auf dem Weg der Normalisierung. Dafür ist es wieder frischer geworden. Minus 5 Grad Celsius. Aber sonnig. Ich war auf einem anderen Markt, um mir Obst zu holen. Da kam ich am Kulturhaus vorbei. Außerdem bat ich eine Taubstumme, die mir immer wieder über den Weg läuft, mir die Geste für „Guten Tag“ beizubringen. Auch ich integriere mich.

Morgens gab es Luftalarm und ich hörte die Schüler (ich bin ja in einem Schulgebäude untergebracht), wie sie in die Schutzräume gingen. Das ist hier Pflicht und nur Schulen dürfen ihren Betrieb fortführen, wenn sie über Schutzräume verfügen. Ansonsten: Fernunterricht übers Internet.

Ich war recht fleißig heute bei dem, was ich erledigen wollte und bin jetzt zu müde, um mehr zu schreiben.

 

26.2.26 Luftalarm

 

Gut ist etwas anderes, aber besser würde ich es nennen. In Zhytomyr war die Nacht in Ordnung. Luftalarm hörte ich erst am Morgen. Das war der Wecker um kurz nach 7 Uhr. In den Nachrichten las ich, dass es Kyjiw (wieder) schwer getroffen hatte. Das konnte ich nicht wirklich verifizieren. Stolz wurde verkündet, dass die Luftabwehr 85 Prozent der anfliegenden Dinge abschoss – Drohnen und Raketen. Doch bei der Stückzahl sind 15 Prozent durchgekommen und haben, wie abstürzende Trümmer, Schäden verursacht. Aber es ist besser, ein halbvolles Glas als halbvoll zu sehen, als sich zu beschweren, dass es halbleer ist.

Ich war dann Kaffee trinken. Allerdings mit einem mulmigen Gefühl. Nicht wegen des Luftalarms, sondern weil ich beim letzten Mal sofort auf die Toilette musste, um mich zu übergeben. Das war am Montag. Doch das Wachmachmittel zeigte Wirkung und ich kam wieder etwas in Gang. Danach spazierte ich die glatten Straßen entlang, um mir Wasser, Bananen und Knäckebrot zu besorgen. Die Außentemperatur war zwar unter dem Gefrierpunkt, doch fühlte es sich wärmer an. Dabei schien gar keine Sonne.

Beim Rückweg zu meiner Bleibe wurde der Alarm aufgehoben. Passiert ist nichts. Aber es ist eben Krieg. Und hätte man mir vor 4 Jahren gesagt, dass ich heute unter diesen kriegsbedingten Umständen in der Ukraine lebe, würde ich die Person wohl für verrückt erklären. Anfangs waren alle euphorisch. Man hatte die Russen aus dem Kyjiwer Gebiet weiträumig zurückgedrängt. Der Süden, rund um Saporischschja und Cherson, das wurde ausgeklammert. Die Kämpfe in Mariupol lähmten. Ich hatte dort gute Freunde, die ich 2021 oft besuchte. Gemeinsam waren wir entlang der damaligen Kontaktlinie unterwegs. Neben Mariupol war ich in Pokrowsk, in Marijinka, in Kostjantyniwka, in Bachmut oder in Sjewjerodonezk. Überall schienen diese Städte zu erblühen. Zu Beginn des Kriegs sagte ich: Ihr könnt mit mir über alles sprechen, aber nicht über Mariupol.

Im zweiten Kriegsjahr hieß es immer noch: wir werden bald gewinnen! Der Sieg ist unser! Und dann kam diese bekloppte Gegenoffensive, die sicher eine tolle Idee war, als man versuchte, Richtung Melitopol von Saporischschja aus die Landverbindung zwischen besetzten Gebieten und der Krim zu trennen. Aber die NATO-Verbündeten würden nie so Krieg führen: ohne jede Luftunterstützung, die vorher den Weg freibomben, fuhren die Ukrainer mit ihrer Landkampfausrüstung in ein offenes Messer.

2024 klang die Stimmung nicht mehr euphorisch, wie 2022 und nicht mehr optimistisch wie 2023, sondern eher fatalistisch: das wird wohl noch lange so bleiben. Kursk war dann ein Adrenalin-Kick und alle, einschließlich ich, freuten sich über dieses Husaren-Stück. Auch wenn der militärische Nutzen in Frage stand, so wurde Russland doch gedemütigt. Doch hier trat dann ebenfalls Ernüchterung ein, als mit Trump jemand kam, der es Russland mit ermöglichte, die Ukrainer wieder zu vertreiben.

Der jetzige Winter war fürchterlich und es ist gut, dass es langsam wärmer wird. Die Russen haben die letzten zwei Monate – also seit Jahresbeginn – mit allem, was sie hatten, auf die Ukraine geballert. Und das trotz scheinbaren „Friedensverhandlungen“. Diese sind aus meiner Sicht eine Farce. Putin kann den Krieg nicht beenden. Nicht nur, weil er sich auf einer „historischen Mission“ sieht, sondern auch ganz pragmatisch:

Wie soll er denn seinen Russen verkaufen, was das die letzten vier Jahre gewesen sein soll? Was wäre mit all den Rückkehrern, deren Gewaltpotential in die Gesellschaft getragen würde? Die russische Wirtschaft, schon früher stark von Energieexporten (Öl, Gas, Atombrennstoff) abhängig, ist heute eine Kriegswirtschaft. Für Putin ist es sinnvoller, so zynisch es klingt, den Krieg weiterzuführen und dafür so zu tun, als würde er verhandeln. Er hat Jelzin damals Straffreiheit versprochen, doch er selbst, als Kriegsverbrecher, wird vielleicht nicht in Russland gesucht, doch international.

Putin ist Opfer seiner selbst. Er tappte in die Pfadabhängigkeit. Einmal einen Kurs eingeschlagen, kommt er nicht mehr davon weg, ohne enorme Kosten dafür zu tragen. Und da gilt keine Kosten-Nutzen-Rechnung wie man sie im Western gerne verstehen würde.

Inzwischen stelle ich mich auf einen noch lange anhaltenden Abnutzungskrieg ein. Europa ist wirtschaftlich zwar immer noch stark und könnte es sich auch militärisch leisten, doch einzig was da fehlt, ist der gemeinsame Wille und Glaube, oder die Angst vor der eigenen Überlegenheit.

Die USA mag einerseits ein ehrliches Interesse an einem Ende des Kriegs haben, weil er, wie in vielen europäischen Ländern auch, den eigenen Frieden stört. Die Forderung nach einem „Frieden um jeden Preis“ (also auch um den Preis der Ukraine selbst) ist eigentlich eine Forderung danach, dass man seine Ruhe will. Auf der anderen Seite gibt es in den USA auch Kriegsgewinnler, die ohne Anstand und Moral vom Blutvergießen profitieren.

Das gilt leider auch für China, dem nächsten Player in diesem verfluchten „geopolitischen Hütchenspiel“: dort schaut man zu, wie wer auf welche Schandtaten der Russen reagiert und zieht Schlüsse. Russland lässt man an der langen Leine ausbluten und „gönnt“ sich, was man günstig brauchen kann.

Die UN spielt eigentlich keine Rolle, wie man an der jüngsten Abstimmung gesehen hat. Ein zahnloser Tiger, überbürokratisiert und nicht auf die Verhältnisse von heute zugeschnitten, sondern ein Vehikel nach dem 2. Weltkrieg, als die Erinnerung an das enorme Leid weltweit tief in den Poren der damaligen Gründer saß. Sie wollten dem einen Riegel vorschieben. Doch das System ist nicht mitgewachsen.

Leidtragend sind die normalen Menschen, wie ich mich selbst als einen solchen sehe. Was mir gegeben ist, ist ein Kopf und die Zeit, um das alles zu analysieren und zu überblicken, aber eben auch zu erdulden. Und wie sehr wünschte ich mir, ich läge falsch! Wie sehr wünschte ich mir, es würde doch anders kommen und morgen endlich Frieden einkehren. Ein Friede, der nachhaltig ist, für den es sich lohnt, ihn zu verteidigen. Wir haben längst andere Probleme. Oder denkt jemand über die Umweltfolgen in der Ukraine nach – bei allem Klimawandel?

Bevor ich mich jetzt aufrege, belasse ich’s bei diesen Zeilen. Es wird wärmer und bald wird’s auch heller und grüner werden… Temperatur ist über dem Gefrierpunkt. In Zhytomyr ständig Wasser, Wärme und Strom.

Erinnerungen an den Beginn des Krieges 25.2.2026

Die Magen-Darm-Grippe scheint abzuflauen. Jedenfalls war die Nacht besser. Ein ukrainischer Freund in Deutschland, der dort als Arzt praktiziert, hatte mir gestern Tabletten empfohlen, die ich hier in Zhytomyr besorgte. Trotzdem lag ich gestern und heute fast den ganzen Tag schlapp im Bett. Da ich den 3. Tag nichts gegessen hatte, ging ich in ein nahegelegenes Restaurant. Doch ich hatte Sorge, dass die Nahrung wieder da rauskommt, wo sie hineinkam. Zum Glück war das nicht der Fall. Es war eine Fischsuppe und danach nur gekochter Reis und Buchweizen.

Das Wetter ist immer noch um den Gefrierpunkt, aber es taut.

Vor 4 Jahren, als der Krieg einen Tag alt war, hörte ich aus meiner Kyjiwer Wohnung Gefechtslärm. Was mir damals nicht klar war, dass es die Kämpfe um Butscha und Irpin waren. Die Trabantenstädte liegen von mir 8 km entfernt. Die ganze Welt sollte später erfahren, was ein russischer Sieg in der Ukraine eigentlich für eine Bedeutung haben würde.

In den ersten Kriegstagen interessierten sich die Medien für mich und wie ich den Krieg erlebe. Doch das war eigentlich nicht spektakulär. Was sollte ich auch erzählen? Krieg ist alles irgendwie gleichzeitig und von einem Moment auf den anderen komplett anders. Schon wenige Kilometer weiter, wie am Beispiel Butscha, kann die Welt anders aussehen.

Butscha kannte ich, weil einer unserer Partner dort in der Umgebung ein Frauenhaus eröffnete. Das Projekt unterstützte ich, weil es in der Ukraine kaum Frauenhäuser gibt. Das Haus blieb wie durch ein Wunder unbeschädigt. Nur ein Stück hinter dem Garten stürzte ein Hubschrauber ab und die beiden Nachbargebäude wurden in Mitleidenschaft gezogen. Zuletzt war ich dort vor 3 Jahren, weil ich mich von dem Partner trennte und neue Wege ging.

Im Krieg sind auch Augenzeugenaussagen mit Vorsicht zu genießen. Wir hatten einen Tag vor Kriegsbeginn eine Hilfslieferung mit Lebensmitteln nach Poltawa geschickt. Ein Teil sollte eigentlich dann von dort nach Kyjiw kommen. Das hatte nichts mit dem Krieg zu tun, sondern gehörte zu unserer normalen Tätigkeit. Aus Poltawa meinten unsere Partner, die Stadt wäre eingekesselt. Doch wie sich später herausstellte, war dem nicht so. Ich entschied jedenfalls, dass die Hilfe in Poltawa bleibt, da es sowieso Irrsinn gewesen wäre, diese nach Kyjiw zu bringen. Die Hauptstadt war nur im Süden, in Richtung Odesse, offen.

Auf der Trasse nach Zhytomyr gab es Fälle, dass die russische Armee willkürlich Autos beschoss. Es kam dort auch zu Gefechten. Die Spuren sind bis heute sichtbar.

Auf der Trasse hoch nach Tschernihiw stand eine Kolonne mit russischen Militärfahrzeugen. Die Ukrainer ließen sie ins Land, um dann die Brücke bei Tschernihiw in die Luft zu sprengen, so dass der Nachschub ausblieb. Nach und nach nahmen sie Fahrzeug für Fahrzeug heraus. Im Herbst 2022 sind wir zu einem Krankenhaus in Tschernihiw gefahren, um eine Solaranlage plus Notstrom-Aggregator auszuliefern. Da war von den abgeschossenen Gerätschaften nicht mehr viel zu sehen.

Der Tag heute war also in Zhytomyr unspektakulär. In den Medien gab es auch kaum Meldungen. Saporischschja hat es mal wieder getroffen. Um ehrlich zu sein: egal, ob Sumy, Charkiw, Cherson oder Saporischschja – solche Meldungen sind „Normalität“. Trifft es Odessa oder Dnipro, schmerzt es eher. Poltawa, Lwiw oder Ternopil sind selten im Visier und deshalb „Ausnahmen“. Doch wie eine Freundin sagte: Sicher ist es nirgends. Selbst in Uzhhorod kann es Dich treffen.

 

 

24.2.26 Der 4. Jahrestag 

Die Nacht war schrecklich. Ständig musste ich mich übergeben oder zur Toilette gehen. Wirklich schlafen konnte ich nicht. Dazu noch die Tau-Geräusche – das ständige Tropfen und immer wieder Dachlawinen. Aber: es wird wärmer!

Heute ist der 4. Jahrestag, an dem die russische Armee offen in die Ukraine einmarschierte. Einen Tag zuvor war ich damals bei einem unserer Partner und fragte, was wohl passieren würde. Die Ansprechperson hatte gute Kontakte zum Militär, zu Politikern und zu Geheimdienstleuten. Er antwortete sehr diplomatisch: zu 90 Prozent greifen die Russen im Donbass an; für die Hauptstadt lautete seine Prognose: 50:50. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, denn es ginge nur um militärische Objekte. In meiner Gegend gäbe es davon keine.

Ein guter Freund in Deutschland gab mir Tipps, wie ich mich für den Fall eines Angriffs vorbereiten solle: die Badewanne mit Wasser volllaufen lassen, genügend Vorräte für zirka zwei Wochen und die Fenster mit Klebeband abkleben, um die Splitterung zu minimieren.

Am 24. Februar 2022 rief mich dann morgens gegen 5 Uhr eine Freundin an und meinte nur: es geht los. Ich hörte vom Flughafen Zhuljany, der zirka 8 km südlich von mir liegt, Detonationen. Da ich vorher schon im Kriegsgebiet des Donbass war, schockierten mich die Geräusche nicht. Unter mir hörte ich die Metro fahren, was ein gutes Gefühl gab.

Für den Tag hatte sich ein Mitarbeiter der Wasserversorgung angemeldet, um die Zähler abzulesen. Ich rief ihn an und fragte, ob er kommen würde. Der schnauzte mich böse an, ob ich noch nicht mitbekommen hätte, dass wir jetzt im Krieg sind und die Uhren anders ticken. Nein, er werde nicht kommen. Und die ganzen 4 Jahre kam niemand, um die Zähler zu prüfen.

Es herrschte in den ersten Tagen Ausgangssperre, weshalb ich zu Hause blieb. Wie gefährlich das alles in Kyjiw war, kann ich selbst im Nachhinein nicht sagen. Mir ist bisher nichts passiert. Aber als ich Interviews gab, meckerten Zuhörer, dass ich die Lage herunterspielen würde. Es sei alles viel, viel schlimmer. Und ich sah Menschen mit ihren Hunden Gassi gehen, während nebenher Detonationen zu hören waren. Nicht mehr, nicht weniger, hatte ich beschreiben.

Was mich zuversichtlich stimmte: 8 Jahre vor den 4 Jahren war der Maidan zu Ende. Ich ging damals in die Stadt und nirgendwo gab es Sicherheitskräfte. Das Land stand vor einem Neuanfang. Und ich glaube, ja, ich bin davon überzeugt, dass es wieder so einen Neuanfang geben wird.

Aber zunächst möchte ich diese Magen-Darm-Grippe loswerden. Dafür war ich kurz in der Apotheke, um Medikamente zu holen. Es hört sich hier an, als ob es regnet, doch das ist das Tauwetter.

22.2.26 Kindergebete im Krieg

In Zhytomyr gab es in der Nacht weder Angriffe, noch Luftalarm. Allerdings stand die Hauptstadt, keine 150km von Zhytomyr entfernt, wieder unter heftigem Beschuss. Nicht nur Drohnen ließen die Menschen nicht schlafen, sondern auch Raketen. Ein Großteil konnte abgefangen werden, wie ich am Morgen in den Nachrichten gelesen habe. Doch selbst wenn eine Drohne über bewohntem Gebiet von der Luftabwehr getroffen wird, fallen die Trümmer, oftmals brennend, herunter.

Laut Aussagen von Bekannten, kam in Kyjiw niemand zu schaden und auch die Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung wurde nicht mehr beeinträchtigt als sonst. Trotzdem, man lebt mit der Angst. In Zhytomyr sind die Leute entspannter. Hier gibt es einen Militärflughafen, etwas außerhalb der Stadt, der immer wieder Ziel von Angriffen ist. Die Gebietshauptstadt selbst blieb größtenteils verschont. Auch die Energieversorgung ist stabiler als in Kyjiw.

Schockiert hat mich heute aber ein Bericht aus Lwiw. Dort wurde die Polizei zu einem vermeintlichen Einbruch in der Innenstadt gerufen. Als die Einsatzkräfte ankamen, wurde ein Sprengsatz gezündet. Dabei wurde eine 23jährige Polizistin getötet. Das perfide war, dass beim Nachrücken von weiteren Polizisten noch einmal eine Bombe gezündet wurde. 24 Menschen erlitten Verletzungen. Das ist Terror.

Ich bin zwar kein regelmäßiger Kirchengänger, doch ab und zu finde ich es nett, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Deshalb besuchte ich die Baptistengemeinde in Zhytomyr, die mir auch die Unterkunft zur Verfügung stellt. Auch in Kyjiw besuche ich, wie auch in anderen Städten, immer wieder den ukrainisch-orthodoxen Gottesdienst. Die Konfession spielt für mich keine Rolle. Es geht um das Gefühl.

Vor Jahren fiel mir schon auf, dass die Ukrainer im Vergleich zu Deutschland gläubiger sind und ihnen Religion wichtiger ist. Im alltäglichen Umgang merkt man das kaum, doch wenn man auf das Thema zu sprechen kommt, merkt man, wie es ihnen zu Herzen geht. Und das nicht erst seit dem Krieg. Dieser hat das vielleicht sogar noch verstärkt.

Das schöne an den Baptisten ist, dass sie die Gemeindemitglieder in den Gottesdienst einbeziehen. Kinder führen manchmal biblische Theaterstücke auf oder dürfen der Gemeinde ihre Wünsche vortragen. Heute baten die kleinen Knirpse den Herrgott darum, dass der Strom und das Licht nicht ausgeht und dass die Heizung ständig läuft. Sie dankten auch den Verteidigern an der Front und wünschten ihnen, heil zurückzukehren.

Ich kann nicht sagen, wie viele Leute ich kenne, die regelmäßig an die Front fahren, um die Soldaten zu unterstützen. Jedes Bataillon hat seinen eigenen Unterstützer. In Kirchen, Organisationen und privat werden Spenden gesammelt, von denen dann Lebensmittel, „Camping-Ausrüstung“ wie Gaskocher oder Powerbanks, aber auch Drohnen gekauft werden. Die Russen kämpfen nicht nur gegen die Armee, sondern gegen ein ganzes Volk.

Nach dem Gottesdienst heute, ging ich in die Stadt zum Essen. Man kennt mich dort. Die Bedienungen in den Gaststätten sind relativ jung. Auf den Krieg angesprochen, reagieren sie mit Achselzucken. Ist eben so und sie tun, was sie können. Weglaufen ist für sie (in Zhytomyr) keine Option. Und wirklich jede Person kann seine Geschichte erzählen, wie sie den Kriegsbeginn erlebte, wo sie war und wie sie sich fühlte. Millionen Geschichten!

Den Nachmittag verbrachte ich dann damit, im Internet zu lesen. Tagsüber war es draußen um den Gefrierpunkt. Jetzt, am Abend, wenn es wieder dunkel wird, fällt die Temperatur unter null. Der Schnee ist immer noch überall präsent.


21.2.26 Ein Moment aus der Schusslinie

Ich merke, dass mir die Auszeit in Zhytomyr guttut. Heute war es morgens zwar extrem kalt (zweistellig Minus), aber dann tagsüber sonnig und um den Gefrierpunkt. Ich machte einen kleinen Spaziergang und ging Essen. Mein Weg führte an der Stelle vorbei, wo 2022 eine Rakete in einer Schule einschlug. Außer dem Gebäude kam niemand zu Schaden. Inzwischen ist es abgerissen.

Als ich wieder in meinem Zimmerchen ankam, legte ich mich hin, um den ganzen Nachmittag zu verschlafen. Wie sehr wünsche ich das anderen, die hier im Dauerstress sind.

Facebook erinnerte mich daran, was ich vor 12 Jahren gepostet hatte. Also daran, wie auf dem Maidan Särge aufgebahrt wurden und sich die Demonstranten über das ausgehandelte Abkommen erregten. Die Ukraine stand damals nicht vor einem „Bürgerkrieg“, sondern die Leute waren wütend, dass sie von der Politik ausgenutzt und belogen werden.

Damals stellten die Demonstranten ein unmissverständliches Ultimatum: Statt fast ein weiteres Jahr diesen Kleptokratenpräsidenten Janukowitsch zu erdulden, solle dieser bis zum Folgetag um 10 Uhr zurücktreten. Wenn er das nicht täte, würden sie ihn „holen“. Die „politische Vertretung“ des Maidans, welche in Europa als Opposition bezeichnet wurde, bekam Buhrufe zu hören, weil sie sich mit europäischen Politikern und dem Verbrecher auf Verhandlungen einließ. Sie machten ihn für die Morde auf dem Maidan verantwortlich war. Es starben Leute, die friedlich demonstriert hatten.

Janukowitsch bekam daraufhin kalte Füße und floh in der Folge aus der Ukraine nach Russland. Putin konnte nicht glauben, dass Menschen ohne Bezahlung demonstrierten und vertrat die Auffassung, die USA hätten die Menschen auf dem Maidan bezahlt. Die Flucht von Janukowitsch interpretiert er bis heute als Staatsstreich.

Das alles geschah Ende Februar vor 12 Jahren. Und bezogen auf heute und die Frage eines möglichen Kriegsendes denke ich, dass einige Ukrainer wohl kaum zu einem Kompromiss mit Russland bereit sein werden. Schon kurz vor Kriegsbeginn sagte ich das in einem Interview. Vor 4 Jahren wurde ich gefragt, ob es zu einem Krieg kommen würde und ich bezweifelte das, denn so, wie ich die Ukraine schon damals kannte, ging ich davon aus, dass Russland, selbst wenn sie die Ukraine besetzen würden, nie Ruhe finden würde.

Nach dem 2. Weltkrieg wehrten sich die Ukrainer noch bis in die 1950er hinein gegen die Sowjetmacht. Und auch der Euromaidan von 2013/14 zeigt, dass sich die Ukrainer nicht klein machen lassen. Das Fatale an diesem Krieg ist, dass es, wie auch in vielen anderen Kriegen, von Anfang an keine Exit-Strategie gab. Was, wenn die schnelle Eroberung (Putin ging von 3 Tagen aus) doch nicht klappt? Wer von sich zu sehr überzeugt ist, dass sein Plan aufgeht, hat ein Problem. Hier allerdings sind die Ukrainer die Leidtragenden. Über das „Leid der Russen“ denke ich nicht nach, denn das haben sie sich selbst zuzuschreiben.

In den Nachrichten wird über Angriffe der Russen berichtet. Aber das geht an mir irgendwie spurlos vorbei, denn das ist Normalität in diesem Krieg. Schlimmer sind die Tage, in denen es „ruhig“ ist, weil das bisher erahnen ließ, dass ein größerer Angriff bevorsteht. Doch gerade bin ich etwas aus der Schusslinie.

20.2.26 Jenseits von Kiew

In Zhytomyr war die Nacht ohne Luftalarm. Die Heizung funktioniert hier in meiner Unterkunft ständig, wie auch Strom, Internet und Wasser. Mein Ausweichquartier ist eigentlich prima. Der einzige Haken: ich habe zwar ein Zimmer, doch das Bad ist ein Gemeinschaftsbad, wie auch die Küche, die ich nicht nutze. In der Sowjetunion nannte man das „Kommunalka“… Heute lebe ich in Zhytomyr mit zwei Flüchtlingsfamilien zusammen,die 2014 aus dem Donbass hierher geflohen waren.

Ich stand gegen 8 Uhr auf und hatte seit einem Monat die erste warme Dusche! Den Monat verbrachte ich in Kyjiw und davor war ich auch hier. Die Schneemassen sind vergleichbar, die Außentemperatur ebenfalls.

Gestern Abend hatte ich noch einen Termin für heute Vormittag vereinbart, aber mich beim Namen vertan. Das war enorm peinlich, denn die zwei Volodymyrs kennen sich. Aber wir konnten das dann lösen und ich ging zur Universität zu einer Freundin. Sie ist die Dekanin der Fremdsprachenfakultät. Wir sprechen Englisch miteinander. Vor dem Krieg unterhielten wir uns auf Russisch, doch die Sprache ist unpopulär geworden.

Wir hatten uns einen Monat lang nicht gesehen und tauschten uns über familiäre Themen aus, wie auch über die Arbeit. Kein Ton über den Krieg oder die weltpolitische Lage, nur wenig über die derzeitige Situation. Wichtig war für uns nur, dass es mit dem Winter reicht. Beide kannten wir solche Winter nur aus unserer Kindheit. Aber Hoffnung macht, dass die Tage wieder länger werden und es mit den Temperaturen aufwärts geht.

Nach diesem Treffen war ich dann auf dem Markt. Ich liebe es, auf Märkte zu gehen. In der Ukraine mag ich die Babuschkas, den Smalltalk mit ihnen und ihre Freundlichkeit. Die paar Brocken Ukrainisch reichen bei mir und machen die Gespräche so liebenswert. Ich weiß nicht, ob die alten Damen merken, dass ich Ausländer bin oder mich einfach nur bemühe, Ukrainisch zu reden. Früher sagte man mir, dass ich einen „baltischen Akzent“ hätte, worauf ich zunächst stolz war und nicht als Deutscher erkannt wurde. Doch als ich herausfand, dass es um die Schnelligkeit geht, wie ich sprechen, ärgerte ich mich dann doch.

Die Sonne kam heraus und der Spaziergang über den Markt tat gut. In Zhytomyr ist das Leben irgendwie angenehmer. Die Stadt ist kleiner und man kennt sich. Es kann passieren, dass ich mit irgendwelchen Leuten ins Gespräch kommen, die von mir wissen. Allerdings ist das auch in Lwiw oder in Poltawa der Fall. Über die Jahre bin ich im ganzen Land zu einem „bunten Hund“ geworden. Es gibt auch kaum Gebiete, in denen ich noch nicht war. Und trotzdem liebe ich meine Zurückgezogenheit und bin eher Menschenscheu.

Nach dem Markt ging ich in mein Zimmerchen, um am Computer zu arbeiten. Prinzipiell habe ich mir eine vergleichbare IT-Umgebung, wie in Kyjiw, eingerichtet. Das war bereits im Herbst letzten Jahres, da ich mit der Uni ein Projekt umsetzte. So entstand diese Ausweichmöglichkeit, sollte Kyjiw wirklich unbewohnbar, bzw. unerträglich werden. Zhytomyr hat den Vorteil, nicht zu weit von Kyjiw weg zu sein und auch seltener angegriffen zu werden.

Theoretisch könnte ich auch nach Poltawa, doch gerade in der letzten Nacht gab es dort wieder Treffer auf die Gas- und Energieinfrastruktur. Oder Lwiw wäre eine Option, aber dorthin ist es ein gutes Stück von Kyjiw. Das Pendeln zwischen Zhytomyr und Kyjiw ist für mich in Ordnung und wenn ich in die anderen Städte für ein paar Tage zu Besuch fahre, reicht das auch. Dort fragen Freunde immer wieder, wann ich denn endlich komme. Nur bei diesem Schnee, mag ich nicht.

Heute ist übrigens der Gedenktag an die „Himmlische Hundertschaft“. So werden die Leute genannt, die während der „blutigen Tage des Euromaidans“ vor 12 Jahren in Kyjiw ums Leben kamen.

Irgendwie habe ich mit der „Orangenen Revolution“, der „Revolution der Würde“ (Euromaidan) und jetzt diesem Krieg bereits enorm viel lebendige Geschichte erlebt. Bei der „friedlichen Revolution“ in Deutschland, die ein Jahr vor der „Revolution auf Granit“ in der Ukraine stattfand, war ich politisch noch nicht wirklich interessiert. Das kam später.

Jetzt hat es draußen um die -2°C und ich werde wohl die nächsten zwei Wochen hier in Zhytomyr bleiben.

19.2.2026 Unterwegs im geschundenen Land

Da ich mal wieder an die Universität in Zhytomyr muss, fuhr ich heute gegen Mittag los. Den Morgen genoss ich noch mit Strom in Kyjiw. Wirklich Lust hatte ich nicht, denn das Wetter war mit -8°C nicht einladend. Ich brauche gut eine Stunde bis zur Haltestelle, von der die Marschrutkas abfahren. Der Name leitet sich von „Marschroute“ ab. 

Es handelt sich um Kleinbusse, die neben der Eisenbahn eine zentrale Rolle bei der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur spielen. Sie sind nicht-staatlich organisiert, sondern privatwirtschaftlich. Es gibt sie auch in Städten, wobei ich sie da ungern fahre. Man muss wissen, wohin man will und das Ziel kennen, denn man muss durch das Gefährt brüllen, dass man raus will. Und wenn so ein Ding sehr voll ist, klettert man über alle Leute, um raus zu kommen. In meiner ersten Zeit in der Ukraine waren Marschrutkas ausgediente VW-Busse aus Europa, die teils so durchgerostet waren, dass man auf dem Boden durch Löcher die Fahrbahn sehen konnte. Einmal bin ich auch in eine eingestiegen, die dann im Niemandsland liegen blieb.

Über Land ist es etwas besser. Es können nur so viele Leute maximal mit, wie es Plätze gibt. Das ist auch bei den Zügen so. Man bekommt ein Ticket mit einem Platz. Marschrutkas hingegen: wer einen Platz hat, zahlt und fährt mit. Aber es gibt keine klaren Fahrpläne, sondern das kann abhängig davon sein, wie viele Leute mitfahren.

Wem das zu heikel ist, kann an Busbahnhöfen oder Online Bustickets kaufen und so das Land bereisen. Was mich einmal sehr verwundert hatte, als ich im Donbass mit solchen Verkehrsmitteln unterwegs war, dass sie mitten im Nirgendwo anhalten und Passagiere aufnehmen. Vermutlich telefonieren die Leute vorher miteinander, wann eine Marschrutka kommt. Ich habe da auch schon die Erfahrung gemacht, an einer vielbefahrenen Trasse Ewigkeiten zu stehen und nicht wegzukommen. Das erinnert an die Anhalter-Methode im Deutschland der 1980er Jahre: man winkt den Fahrzeugen, damit sie anhalten.

Ich wurde auch schon von einem Bus nicht mitgenommen, weil der am Busbahnhof abfuhr. Man kauft Tickets am Schalter. Steigt man irgendwo dazu, kann man im Bus zahlen. Bei manchen Überlandfahrten geht der Fahrer durch und sammelt das Geld ein. Innerhalb der Stadt reicht man Geld zum Fahrer durch und bekommt das Rückgeld auf die gleiche Weise. Wirklich viel kosten solche Fahrten nicht.

Jedenfalls fuhr ich dann 2 Sunden gegen Westen. Auf der Fahrt las ich im Internet. Morgens hatte ich noch einen Podcast gehört, bei dem es darum ging, dass die Russen versuchen, die ukrainische Infrastruktur der Metropolen so zerstören, dass man dort gar nicht mehr leben kann. Fällt der Strom im Winter für Tage aus, funktionieren die Wasserpumpen nicht mehr, wonach die Rohre platzen und dann die Versorgung mit Heizung und Wasser vorbei ist.

Aber das ist auch ein Stück Panikmache, denn bisher scheiterte der Plan Russlands, Kyjiw oder andere Städte „unbewohnbar“ zu machen. Kleinere Städte, wie Zhytomyr, sind übrigens gar nicht so stark von den Stromabschaltungen betroffen. Auch aus Lwiw hörte ich das. Odessa hingegen war schon schlimmer dran als Kyjiw. Ganz zu schweigen von Charkiw oder anderen Frontstädten. Und selbst in Kyjiw kommt es darauf an, wo man lebt. Daher versucht die Ukraine jetzt, die Stromversorgung und -erzeugung zu dezentralisieren.

In Zhytomyr angekommen, waren die Straßenverhältnisse schrecklich. Mir schien, dass es hier noch viel mehr Schnee gibt als in Kyjiw. Die Gehwege sind nicht geräumt und überall diese weißen Hügel, die Plätze und breite Wege neu einteilen.

Die Temperatur liegt in Zhytomyr auch unter null. Die Prognose lautet, dass es übers Wochenende zweistellige Minusgrade gibt und nächste Woche dann um den Gefrierpunkt haben soll. Jedenfalls bleibe ich ein paar Tage hier. Bei gerade -2°C draußen und 19°C drinnen.


Kiewer Tagebuch 18.2.2025.

Krieg und Kälte

 

Die Nacht war ruhig. Weder meine Nachbarin von oben stellte den Fernseher laut, noch gab es Angriffe auf Kyjiw. Aber ich musste früh aufstehen, da ich zu einer Veranstaltung ins Zentrum wollte. Wir sind Träger eines Prothesenprojekts, bei dem es um den Erfahrungsaustausch zwischen Europa und der Ukraine geht. Einer unserer Partner hatte ins Kyjiwer Rathaus eingeladen, um über die Wiedereingliederung von Kriegsversehrten zu sprechen. Welche Förderprogramme gibt es, welche Arbeitsmöglichkeiten und welche Hürden müssen überwunden werden.

Bei -7°C machte ich mich also auf den Weg zur Metro. Die Temperatur fühlte sich kälter an. Ich kam an Mülltonnen vorbei, wo der Hausmüll gesammelt wird. Der war noch nicht abgeholt und so türmten sich die Müllsäcke. In der Metro baute eine Familie ihr Zelt ab. Sie übernachten dort, um vorsorglich nicht mitten in der Nacht bei Luftalarm dorthin zu gehen. Ein Junge, wohl 8 Jahre, half seiner Mutter, den Schlafplatz zu räumen. Es störte niemanden, denn in den Kriegstagen gehört das zum Stadtbild.

Mir fiel ein, dass ich heute vor 12 Jahren nach einer Odyssey durch Kyjiw wieder in meiner Wohnung ankam. Der 18.02.2014 begann für mich damit, dass ich am frühen Nachmittag am anderen Ende der Stadt einen Termin hatte. Wegen der Meldungen am Morgen wollte ich Milch und Zitronen besorgen, um sie auf den Maidan zu bringen. Das soll gegen Tränengas helfen.

Mein Termin zog sich damals und ich konnte erst gegen 17 Uhr dort weg. Ich stand vor einer geschlossenen Metro – zirka 15km von meiner Wohnung entfernt. Ich telefonierte mit einer Freundin, die mir dringend davon abriet, auf den Maidan zu gehen. Sie meinte, dass er gestürmt würde. 

Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg zurück nach Hause. Es war ähnliches Wetter wie heute – viel Schnee und kalt. Auf der Hälfte des Wegs konnte ich nicht mehr und kehrte in eine Kneipe ein. Dort lief ein Fernseher und ich fragte die Bedienung, ob das live sei oder ein Film. Da stand der Maidan in Flammen, Schüsse waren zu hören und Feuerwerkskörper wurden gegen die Polizei von den Demonstranten eingesetzt. Eine Revolution live im TV! Die Revolution der Würde, wie sie von den Ukrainern genannt wird.

Diesen 18.2.2014 werde ich wohl nie vergessen. Es war der Beginn dieses Blutvergießens in der Ukraine, was aber leider längst nicht der Höhepunkt sein sollte. Zuerst verlor die Ukraine die Krim und seit den „blutigen Tagen des Maidans“ wurde im Donbass gekämpft. Nicht einfach nur mit Gewehren, sondern auch mit schweren Waffen. Mit Panzern, mit Artillerie, mit Haubitzen, mit Mörsern.

Man glaubte, durch die Minsker Abkommen, diesen Konflikt einzudämmen und zu befrieden. Doch bald jährt sich zum vierten Mal der Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschierte. Was man im Westen gerne als Kriegsbeginn bezeichnet, geht viel weiter zurück. Und was man lieber Konflikt nennt, hat eine jahrhundertelange Vorgeschichte. Man denke nur an den Emser Erlass, als der russische Zar Alexander II. am 30. Mai 1876 in Bad Ems den Druck, Import und die Verbreitung literarischen Schrifttums in ukrainischer Sprache in allen Formen verbot und jedwede Zuwiderhandlung unter Strafe stellte.

Wenn Putin meint, man müsse die Ursachen des Konflikts beseitigen, will er wohl die Ukraine als solche und alles Ukrainische gleichsam vernichten. Um das zu verstehen, muss man aber die Geschichte der Ukraine aus den Augen der Ukrainer sehen.

Bevor ich mich jetzt zu sehr darüber aufrege, belasse ich es für heute. 

Die Veranstaltung im Rathaus von Kyjiw hat gezeigt, dass es bereits viele Ansätze mit Erweiterungspotential gibt. Gegen Nachmittag war ich wieder zu Hause, wo es keinen Strom gab. Die Temperatur kletterte allerdings nicht über den Gefrierpunkt und liegt jetzt wieder bei -5°C.

17.2.26 Stromabschaltungen

War das Wochenende ohne Stromabschaltungen begann das Drama ohne Ankündigung gestern Abend während eines Online-Meetings erneut. Das Ganze dauerte 5 Stunden. Also Spätabends gab es nochmals Licht. Wasser und Heizung funktionierten Gott sei Dank. Die Außentemperaturen fielen allerdings unter den Gefrierpunkt.

Heute Morgen wachte ich dann ohne Strom auf. Der kam kurz vor Mittag. Doch auch wieder nur für 5 Stunden. Gerade sitze ich also ohne Strom da, während ich diese Zeilen schreibe. Angekündigt ist er für 21:30 Uhr. Immerhin ist der Viber-DTEK-Bot des Stomversorgers relativ zuverlässig, was die Vorhersagen angeht.

Mir war nicht danach, heute das Haus zu verlassen. Schließlich hatte ich am PC zu tun. Schon länger möchte ich ein Projekt mit einem Video erklären und programmierte heute mit Hilfe von „Künstlicher Intelligenz“ dazu eine Art Spiel. Es ist schon verrückt, was man damit alles machen kann. Einerseits beeindruckend, andererseits beängstigend. Das, je nach dem, wie man es weiterdenkt.

Derzeit fließen Unsummen an Geldern in die Entwicklung solcher „Artificial Intelligence“, was man derzeit an den Speicherpreisen im IT-Bereich deutlich merkt. Das ist nicht ein kriegsbedingtes Problem in der Ukraine, sondern ein globales Phänomen. Die Tech-Konzerne kaufen die Märkte leer und die Chip-Hersteller haben keine zusätzlichen Kapazitäten, um ihre Produktion zu erweitern. So wird zumindest erklärt, was da gerade los ist.

Das eigentliche Problem ist, was eigentlich passiert, wenn diese KI tatsächlich mal „klüger“ wird als wir Menschen? Und wenn nicht, was geschieht, wenn dieser Hype wie die Dotcom-Blase am Anfang der 2000er Jahre platzt? Beides macht nicht gerade zuversichtlich.

Doch damit nicht genug. Auch der anhaltende Klimawandel und die Erderwärmung dürfte die gesamte Menschheit in nicht all zu weiter Zukunft beschäftigen. Die im Bau befindlichen Rechenzentren machen es nicht besser, da diese zum Betrieb auch Strom benötigen werden.

OK, und das sage ich hier in Kyjiw, wo Strom und Wärme sowieso Mangelware sind. Da hat man Zeit, über solche weltbewegenden Fragen nachzudenken und sich Sorgen zu machen. Die meisten Menschen sind allerdings eher damit beschäftigt, über die Runden zu kommen und zu glauben, sowieso nichts daran ändern zu können. 

Das ist auch das perfide Fragen nach der sogenannten „Dunklen Aufklärung“, die einem den Wurm ins Hirn setzt, was denn die „Aufklärung“ und der damit verbundene Fortschritt gebracht hätten. Ein globaler Rechtsruck und das Besinnen auf nationale Egoismen erstarkt seit Jahren immer mehr.

Und Russland ist sogar stolz darauf, nie wirklich an dieser „woken westlichen Aufklärung“ teilgenommen zu haben. Außerdem führt es die Idee der Vereinten Nationen vor, mittels einem globalen Gremiums so etwas wie die Menschenrechte schützen zu können.

Ja, solche Gedanken gehen einem im Krieg durch den Kopf. Einem Krieg, der davon ablenkt, darüber nachzudenken, vor welchen Herausforderungen die Welt und Menschheit eigentlich stehen. Wir scheinen den Zusammenbruch einer fragilen Weltordnung zu erleben, unter der es zwar nicht immer gut für uns lief, doch es offenbar an besseren Alternativen mangelt.

Und nun werden enorme Ressourcen in Aufrüstung gepumpt, um Kriege zu verhindern. Die Ukraine nagt am Tropf und es ist nicht entschieden, was denn werden wird. Einen tollen Titel für einen Artikel hatte ich gelesen: „Wer verliert langsamer – Russland oder die Ukraine.“ Das ist der Abnutzungskrieg, den niemand gewinnen kann.

Aber Schluss nun mit solchen trüben, vergifteten Gedanken. Ich warte bei 20°C in der Wohnung auf Strom, während es draußen auf -10°C abgekühlt ist. Morgen habe ich in der Stadt Termine und muss früh raus.

16. Februar 26 Ruhe vor dem Sturm?

Heute Nacht ist es wieder kälter geworden und es hat über 5cm Neuschnee gegeben. Draußen hat es heute um die -5°C. Schlimm war allerdings etwas anderes, was nicht direkt mit dem aktuellen Kriegsgeschehen zusammenhängt:

Meine Nachbarin über mir hört schlecht. Um 4 Uhr in der Nacht ging plötzlich ein Wecker – ihr Wecker! Und was macht sie: den Fernseher auf volle Lautstärke drehen, dass ich fast mithören konnte, was sie sich anschaut. Vielleicht hat sie gedacht, wenn es schon Strom gibt, dann schaue ich eben meine Serien oder Filme. Für mich war jedenfalls die Nacht vorbei.

OK, sie ist über 80 Jahre alt, stammt aus Tschassiw Jar und lebt allein. Die Stadt liegt zwischen Bachmut und Kostjantyniwka. TschassiwJar ist besetzt und in der Gegend wird hart gekämpft. Aber sie lebt schon lange in Kyjiw. Eigentlich mag ich sie, doch das mit dem Fernseher ist wirklich schlimm.

Am frühen Nachmittag ging ich hoch, um ihr meinen Frust zu sagen. Schließlich lag ich den ganzen Morgen wach und ärgerte mich enorm. Doch als ich vor ihrer Tür stand, ging ihre Klingel nicht. Das Klopfen an die Tür hat sie wohl nicht gehört, weil der Fernseher selbst im Korridor zu hören war.

Wir begegnen uns immer wieder mal und dann unterhalte ich mich mit ihr. Aber die letzten Monate wurde es wirklich schlimm, denn sie versteht mich immer schlechter. Mal spricht sie ukrainisch, mal russisch und dann alles durcheinander. Sie wirkt verwirrt und kennt mich manchmal nicht.

Als das Kyjiwer Kinderkrankenhaus „Okhmatdyt“ im Sommer 2024 getroffen wurde, schlug eine Rakete auch in einem 5stöckigen Wohnhaus ein, das man hier „Chruschtschowka“ nennt. Der Name kommt daher, weil es ein sowjetisches Bauprogramm unter Chruschtschow gab und in der Zeit solche Häuser entstanden.

Auch ich lebe in so einem Haus. Ich erinnere mich gut, dass ich nach den Explosionen einen Anruf bekam. Ein Freund wollte mit mir nach Dnipro fahren und fragte, wo ich bleibe. Ich sollte sofort losfahren. Als ich die Wohnung verließ, stand plötzlich diese Nachbarin vor mir und zitterte wie Espenlaub. Sie stammelte, dass es schwarze Rauchwolken in der Nähe gäbe. Klar wusste ich, dass etwas passiert war, schließlich hörte ich drei Detonationen. Die Druckwelle war bei uns im Haus spürbar. Auf dem Balkon waren Gegenstände durch die Luft geflogen, während ich am PC arbeitete.

Auf der Fahrt nach Dnipro riefen Freunde an und fragten, ob alles in Ordnung sei, denn es hieß, dass in meiner Straße ein Wohnhaus getroffen wurde. Davon wusste ich aber nichts, weil ich dachte, die Flugabwehr hätte etwas vom Himmel geholt. Erst später, als ich zurück in Kyjiw war, sah ich das Ausmaß der Zerstörung. An dem getroffenen Haus fehlte das Mittelstück. Damals starben 15 Menschen, soweit ich mich erinnere.  Ich gehe dort ungern hin, aber heute wollte ich schauen, wie die Stelle nach eineinhalb Jahren im Winter aussieht. Zu meiner Verblüffung ist es eine Baustelle. Ein Kran steht dort und die Lücke im Haus wurde wieder aufgebaut. Darin sind die Ukrainer irgendwie Weltmeister, Zerstörungen sofort wieder zu reparieren.

Da fällt mir ein Gespräch ein, das ich vor Wochen mit einer Wohnungsmaklerin führte. Wir sind uns in Zhytomyr begegnet. Ich fragte, was eigentlich passiert, wenn ein Haus zerbombt wird. Sie erklärte, dass man sich dann als Besitzer in ein staatliches Register eintragen kann, um eine Entschädigung zu erhalten. Besser sei allerdings, dass nichts getroffen wird.

Inzwischen ist es früher Nachmittag. Ich habe die Nummer der Nachbarin angerufen, landete aber bei ihrer Freundin, die gegenüber meiner Wohnung lebt. Sie ist etwas fitter im Kopf, verlor aber vor dem Krieg ihre Beine und sitzt im Rollstuhl, weshalb sie eigentlich nie raus kommt. Vor allem nicht bei diesen Wetterverhältnissen. Auch sie ist über 80 Jahre alt. Wir kennen uns noch aus der Zeit, als sie laufen konnte. Sie klärte schließlich, dass die Nachbarin von oben den Fernseher leiser macht. 

Jetzt ist Ruhe.

In den Medien heißt es allerdings, dass der ukrainische Geheimdienst vor einem Großangriff der Russen in den kommenden Tagen warnt. Die Temperaturen sinken wieder. Es werden nachts zweistellige Minusgrade erwartet.

15.2.26 “Luxus” ohne Warmwasser

Die gute Nachricht: die Nacht war in Kyjiw wieder ruhig. Die Außentemperaturen bewegen sich über dem Gefrierpunkt und Klitschko, der Hauptstadtoberbürgermeister, vermeldete, dass die Heizungen in allen Gebäuden wieder funktionieren. Spürbar ist, dass es gestern und heute bei mir keine Stromabschaltung gab. Aber die Erfahrung zeigt, dass solche Phasen eher die Ruhe vor einem erneuten Sturm sind. Der Krieg ist nicht vorbei, so dass man entspannen könnte. Ich freue mich trotzdem für all jene, die nicht so viel Glück hatten und jetzt wieder Strom und Heizung „genießen“ können.

Da ich weder vorgestern noch gestern die Wohnung verlassen hatte, aber meine Vorräte zuneige gingen, entschied ich, einkaufen zu gehen. Obst und Gemüse wollte ich besorgen. Sonntag? In der Ukraine kein Thema. Hier kann man 24/7 einkaufen gehen. OK, seit dem Krieg nicht mehr rund um die Uhr, weil es eine Sperrstunde (ab Mitternacht bis 5 Uhr in der Früh) gibt, aber man bekommt jeden Tag etwas. Bei Luftalarm darf man auch während der Sperrstunde zu den Schutzräumen gehen. Sonst wäre das nicht gerade sinnvoll.

Also stapfte ich in dem Schneematsch los. Überall ist es nass und an manchen Stellen will das Eis auch nicht tauen. Dazu ist es einfach noch zu kalt.

Der Weg zum Gemüsestand führte mich an der Kindereisenbahn von Kyjiw vorbei. Das sind richtige Locks in einem Park, die von Kindern betrieben werden. Die gibt es schon ewig. Dampfloks werden da von Jugendlichen gefahren. Das Ganze dient dazu, Nachwuchs für die ukrainische Eisenbahn anzuwerben. Ein schönes Projekt, wie ich finde. Die Mitarbeiter der ukrainischen Eisenbahn sind sowieso, neben den Energiearbeitern, Rettungskräften, Soldaten und Polizisten meine Helden in diesem Krieg. Eigentlich fallen mir keine Berufsgruppen ein, die nicht irgendwie das Leben in dem Land aufrechterhalten. Die Russen kämpfen nicht nur gegen die ukrainische Armee, sondern gegen die gesamte Bevölkerung. Vielleicht ist es ihnen deshalb auch egal, ob Zivilisten Opfer sind – es trifft aus deren Sicht wohl immer die „Richtigen“. Ich würde eher sagen, es trifft Menschen, die keine Lust haben, unter der Knute des Kremls leben zu wollen.

Auf dem Rückweg fing es dann zu schneien an. Aber nicht große, dicke Flocken, sondern eher leicht und zu Beginn auch nicht viel. Zu Hause angekommen, war ich trotzdem weiß. Aber ich ging gleich nochmals los, da der Lebensmittelladen nicht weit ist und ich außer Obst und Gemüse auch noch Trinkwasser und andere Dinge brauchte.

Immer, wenn ich draußen war, bessert sich auch meine Laune wieder. Zu langes Herumsitzen in der Wohnung schlägt aufs Gemüt. Doch ohne wirklichen Grund irgendwo hinzugehen, vor allem bei diesen Wetterbedingungen, motiviert nicht gerade dazu, einen Spaziergang zu machen. Doch für die nächsten Tage gibt es Pläne.

Immerhin: in der Wohnung sind es gerade 20°C – etwas mehr als sonst. Den ganzen Tag über gab es Strom und das Internet funktioniert auch. Was noch fehlt: warmes Wasser! Ich sehne mich nach einer richtigen Dusche…

Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine

Empfänger: Deutsch-Ukrainisches Forum e.V.
Bank: Commerzbank, Filiale Berlin
IBAN: DE2310040000 0266 878800
BIC: COBADEFFXXX
Verwendungszweck: Ukraine-Hilfe 

Redaktion. H-und-G.info, Berlin. h-und-g.info/ 


14. Feb. 2026 Muenchen von Kiew aus betrachtet

Heute gibt es nichts Spektakulaeres zu berichten. Ich schlief aus, hatte den ganzen Tag Strom, was verwundert. Heizung lief und draußen war’s über dem Gefrierpunkt. Das hatte zur Folge, dass der ganze Schnee schmolz und überall Pfützen entstanden. Mir war nicht danach, raus zu gehen. Also blieb ich zu Hause. Zum Saubermachen oder Aufräumen hatte ich keine Lust. Also surfte ich im Internet, schaute irgendwelche Videos über die aktuelle Lage in der Ukraine und tat so gesehen: nichts.

Jetzt ist es Abend. In Kyjiw gab es seit gestern Abend keinen Luftalarm. Odessa wurde mal wieder heftig getroffen – es gab auch wieder Opfer. Schön fand ich, dass der ukrainische Skeleton-Fahrer, der bei den Olympischen Spielen wegen seines Helms ausgeschlossen wurde, von Praesident Wolodomir Selenskyj mit einem hohen Orden ausgezeichnet wurde.

Von der Münchner Sicherheitskonferenz, die gerade stattfindet, erwarte ich mir für die Ukraine nichts wirklich Neues. Das Land braucht konkrete Hilfe, was den Staats- und Regierungschefs durchaus bekannt ist. Die „große Politik“ verstehe ich einfach nicht. Ich dachte immer, Politik heißt, egal um welches System es geht, dass Menschen für andere Menschen Verantwortung übernehmen und Entscheidungen so treffen, dass der innere Friede im Sinne eines Gemeinwohls gewahrt bleibe. Demokratie wäre nach meinem Verständnis, das gemeinsame Suchen nach den besten Lösungen für Probleme, um diese aus der Welt zu schaffen. Das sehe ich derzeit in Muenchen fuer die Ukraine nicht. Aber da bin ich wohl zu idealistisch. Es gibt offenbar auch viele andere Interessen.

13.Feb.26  (Lebens-) Gefaehrliche Nachrichten

Der Tag begann mit Strom, der dann nach einer Stunde wieder weg war und bis Mittag weg bleiben sollte. Draußen hatte es Plusgrade, es war diesig. Eigentlich wollte ich auf den Wochenmarkt, doch als ich mich fast fertig gemacht hatte, kam der Strom wieder. Also entschied ich mich, die Waschmaschine laufen zu lassen. In der Wohnung ist es bei 19°C „angenehm“, was bestimmt viele in Kyjiw oder in anderen Städten nicht sagen können. 

Die Nacht war es in Kyjiw ruhig. Luftalarme gab es trotzdem ständig – alle paar Stunden geht ein Alarm in der Smartphone-App los, um dann regelmäßig einige Minuten später wieder aufgehoben zu werden. Wie „verlässlich“ ein Alarm ist, habe ich in den 4 Jahren Krieg nicht wirklich verstanden. Freunde und Bekannte meinten, sie würden nachschauen, was den Alarm auslöst und entsprechend reagieren. Das können gesichtete Drohnen sein, teils im Schwarm, teils nur einzeln zur Aufklärung – wird als eher „ungefährlich“ betrachtet; das können MIGs sein, die Marschflugkörper abschießen – kann „gefährlich“ werden, wenn tatsächlich etwas abgeschossen wird; das können auch Raketenstarts sein – muss sich erst bewahrheiten und dann ist es „gefährlich“. Bei den Luftalarmen herrscht aus meiner Sicht das Prinzip: besser einmal mehr warnen, als sich schuldig zu machen, nicht gewarnt zu haben. Blöd nur, dass niemand mehr den Alarm richtig ernst nimmt.

Ich hatte dann den Mittag über Strom und konnte am Computer arbeiten. Das war soweit in Ordnung und ich hatte sogar die notwendige Konzentration. Manchmal fehlt sie mir, obwohl ich dringend wichtige Dokumente bearbeiten sollte. Aber ich setze mich weder selbst unter Druck, noch werde ich unter Druck gesetzt. Da habe ich großes Glück und bin in sehr guten Teams eingebettet.

Bei der Arbeit am PC mache ich immer wieder Pausen, in denen ich Nachrichten zur aktuellen Lage anschaue.

Worüber ich mich freue, ist natürlich die Starlink-Abschaltung für Russland. Mir ist bekannt, dass die Russen auch ukrainische SIM-Karten in ihren Drohnen nutzen, wenn sie sich über ukrainischem Gebiet befinden. Das hatten auch die Ukrainer mit ihren Drohnen in Russland gemacht, weshalb die Russen teilweise ihr Internet regional abschalteten. In Diktaturen geht das eben. Zensur, wie jetzt das Blocken von Telegram (einer Messanger-App), ist an der Tagesordnung. Verwundert hatte mich, dass der DAAD (Deutscher Akademischer Auslandsdienst) erst jetzt in Russland verboten wurde und dass der überhaupt noch dort aktiv war.

Allerdings habe ich mir über die Jahre angewöhnt, mich nur über Dinge aufzuregen, die ich selbst ändern kann. Mein Nachrichtenkonsum ist daher eher ein „nice-to-know“ (schön zu wissen), wobei manche Nachrichten eben meinen Alltag bestimmen können und daher „need-to-know“ (gut bis wichtig zu wissen) sind. Würde ich nur „blau in den Tag“ hineinleben und alles ausblenden, könnte das fatal sein. Extrembeispiel: die Russen brechen durch und kesseln Kyjiw ein (was ich nicht erwarte und nicht hoffe, aber wo ich eben wachsam sein muss).

Es ist ein Ballance-Akt, sich nicht durch Meldungen verrückt machen zu lassen. Ich gestehe, dass ich auch pessimistische Phasen habe und mir schwer tue, etwas Optimismus zu tanken. Da hilft der Austausch mit Freunden und Bekannten, weil wir gluecklicher Weise „phasenverschoben“ optimistische Pessimisten und pessimistische Optimisten sind.

Der Strom ist wieder weg. Temperatur draußen: +3°C. Wasser, Gas und Internet funktioniert. Die PowerBank ist voll und reicht bis zum Schlafengehen. Hoffen wir auf eine ruhige Nacht. Es soll nochmals kälter werden.

12. Feb. 26 Luftangriff und der umstrittene Helm auf der Olympiade

Das Wetter ist auch „warm“. Inzwischen liegt die Außentemperatur knapp über 0 Grad. Es hört sich wie Regen an, doch sind die Tropfengeräusche, der tauende Schnee. Immer wieder „knallt“ es. Das sind Eiszapfen, die wegen des schmelzenden Halts herunterfallen. Auch Dachlawinen gibt es. Man sollte deshalb nicht an Hauswänden entlang gehen. Die Gefahr, getroffen zu werden, ist groß. Und das ist nicht kriegsbedingt, sondern ist jeden Winter der Fall. Nur seit dem Krieg schreckt man bei diesen Geräuschen anders auf.

Heute fuhr ich in die Stadt, um in dem krimtatarischen Restaurant eine Spende abzugeben. Also nutzte ich die Gelegenheit, dort auch zu essen. Ich sprach mit dem „Administrator“. Das war dieses Mal ein anderer. Er kannte mich bereits und bedankte sich sehr herzlich. Eigentlich wollte er mir das Essen spendieren, doch das lehnte ich ab. Ich möchte keine Sonderbehandlung, nur weil ich in dieser Position bin, Hilfe weiterzureichen. Außerdem kann ich es mir derzeit leisten. Schließlich muss auch das Personal im Restaurant bezahlt werden.

In der Metro hörte ich ein Gespräch über den ukrainischen Skeleton-Fahrer, der bei den olympischen Spielen gesperrt wurde, weil er auf seinem Helm Bilder von gefallenen Sportlern hatte. Der Mann argumentierte gegenüber seinem Gesprächspartner, dass das unmöglich sei. Wäre seine Mutter gestorben und hätte der Sportler ihr Bild auf dem Helm gehabt, würde das keine Diskussion verursachen. Der andere nickte zustimmend. Es kann doch nicht sein, dass man nicht erinnern und seinen Respekt zeigen darf. Schließlich sind es seine Kollegen, die wegen des Kriegs nicht mehr an den Spielen teilnehmen können. Vor allem: russische Sportler nehmen teil – zwar nicht unter russischer Flagge, aber als „staatenlose“ Athleten.

Die beiden Männer kamen darauf zu sprechen, dass man dann wohl auch keinen Trysub, das ukrainische Staatswappen, oder blau-gelbe Kleidung, die ukrainischen Nationalfarben, zeigen dürfe. Sie steigerten sich immer mehr in das Thema hinein. Ich musste dann aber aussteigen, wobei mir ihr Gespräch im Kopf nachklang.

Beschämend fand ich, dass zwar deutsche Medien berichteten, aber dass sich keine Sportfunktionäre oder Politiker aus Deutschland zu dem Fall äußerten. Dabei hatte doch Deutschland der Ukraine mit 5000 Helmen zu Kriegsbeginn helfen wollen. Das ist hier ein Treppenwitz.

Zu Hause wieder angekommen, gab es Strom, die Wohnung ist warm und das Wasser läuft auch. Nur Warmwasser gibt es nicht. Also ist wieder die „Katzendusche“ angesagt. Ich denke nur, wehe es wird die nächsten Tage wieder kälter und draußen gefriert alles. Dann haben wir hier überall spiegelglatte Eisflächen auf den Straßen. Zeit, dass es Frühling wird. Die russischen Angriffe nerven ebenfalls. Wie ich in den Nachrichten gesehen hatte, gab es landesweit Treffer, Zerstörung, Opfer.

 

11.Feb. 2026. Luftalarm als Routine

Anscheinend brauchte ich einfach mal Pause, die ich mit Nichtstun verbrachte. Heute fühlte ich mich wieder fitter. Die Nacht war normal. Nur gestern Abend für ein paar Minuten Luftalarm. Heute dafür zweimal – Morgens für eine Viertelstunde und Mittags für eine Stunde. In den Meldungen hieß es dafür, dass Raketen Richtung Lwiw abgeschossen wurden. Gut, wenn nichts getroffen wurde und es auch keine Verwundeten oder Toten gab. Charkiw ist da anders. Mit unter 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, liegt die Stadt fast unter Dauerbeschuss. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem nicht von Treffern berichtet wird – und oft mit zivilen Opfern. Auch Cherson im Süden ist vergleichbar. Scheinbar wechseln die Angriffe zwischen Odessa und Kyjiw – mal dort, mal hier Einschläge.

Heute war es wärmer mit nur -2°C. Ich ging wieder zur Bank, um Euro-Bargeld zu holen. Dort herrscht in den letzten Wochen reger Betrieb. Vor allem alte Menschen warten an der Kasse, wo Geld ein- und ausgezahlt wird. Man tätigt dort auch Überweisungen, wenn man sich mit den Terminals nicht auskennt. Das kann pro Kunde eine Weile dauern.

Also stand ich in der Schlange. Aber „Schlange“ kann man das kaum nennen. Wer neu dazu kommt, fragt, wer der letzte in der „Reihe“ ist. Und im Warteraum sitzen die Leute verstreut, so dass man sich das Gesicht merkt, wer vor einem bedient wird.

Hinter mir kam dann eine ältere Dame. Ich denke, so um die 90 Jahre alt. Sie setzte sich neben eine weitere Dame auf einen Stuhl und begann rege zu diskutieren. Über das Wetter, das gestern noch kälter, aber sonnig und besser war. Nur sei es sehr glatt. Sie mit ihren Krücken tut sich da sehr schwer. Beide Damen waren in dicke Mäntel eingepackt, obwohl es heute „warm“ schien.

Eine Reinigungskraft, sichtlich jünger als die Dame, aber immer noch älter als ich, wischte den Boden, der durch die vielen Leute und dem eingetragenen Matsch eher einer großen Pfütze glich. Sie bat diese ältere Dame, die Beine zu heben, was für Gelächter sorgte. Sie, die Alte, sagte, das sei ja wie in der Kindheit. Da entgegnete die Putzkraft, dass sich manche Leute die Kindheit in der Sowjetzeit zurücksehnten. Die Großmutter antwortete: „Ach, wissen Sie, damals gab es gute und schlechte Zeiten, und auch heute ist nicht alles gut oder schlecht. Am System liege es wohl nicht, sondern an einem Selbst.“

Das Gespräch fand auf russisch statt. Ältere Leute, die mit russisch aufgewachsen sind, sprechen das bis heute und tun sich schwer, auf ukrainisch umzustellen. Manche bemühen sich und andere weigern sich. Aber prinzipiell habe ich noch nicht erlebt, dass es deswegen Ärger gab. Wir sind eben eine Schicksalsgemeinschaft.

Als ich die Bank verließ, ging der Luftalarm los. Dazu möchte ich sagen, dass es sehr unterschiedlich gehandhabt wird, was Banken, Restaurants, Cafes, Einkaufzentren oder Supermärkte machen. Selbst von Stadt zu Stadt ist es anders. An manchen Orten wird man bestimmt gebeten, die Räumlichkeiten zu verlassen; in anderen geht das Leben weiter, wie bisher. Mir ist es schon passiert, dass ich mich gerade in einem Cafee hinsetzte, als der Luftalarm losging und ich alles stehen und liegen lassen musste, um in einen Luftschutzkeller zu gehen.

Schlimm war Anfangs die Regelung der überirdischen öffentlichen (städtischen) Verkehrsmittel in Kyjiw. Die hielten nämlich an und alle Passagiere mussten den Bus, die Tram oder den Trolleybus verlassen. Das Transportmittel fuhr leer weiter und wir Passagiere standen im Nirgendwo. Diese Regelung wurde dann nach 3 Jahren Krieg aufgegeben. Die Fahrer dürfen mit den Passagieren auch bei Luftalarm weiterfahren.

Strom hatte ich heute bisher kaum. Morgens einmal für 2 Stunden und seither läuft alles über die Powerbank. Draußen ist es nasskalt bei -2°C und alles ist grau. Die Leute hatten irgendwie schlechte Laune, so war mein Eindruck. Bis auf dieses Großmütterchen, die war sehr gut gelaunt. Sie unterhielt in der Bank alle, die warteten, bis sie an der Reihe waren.

von Joerg Drescher1

10. Feb.2026 Kaputter Tagesablauf = keine Planungssicherheit

Gestern schickte ich meinen Bericht ab und prompt ging der Strom aus. Ich ging früh schlafen und kurz nach ein Uhr in der Nacht hörte ich das Wasser kommen. Außerdem hatte ich vergessen, das Licht auszuschalten, weshalb ich plötzlich in einer voll beleuchteten Wohnung lag. Das passiert immer wieder und macht Nächte unangenehm. Zu dem Zeitpunkt zeigte die Außentemperatur -20°C.

Am Morgen war es dann sonnig und schönes Wetter mit Sonnenschein. Die Temperatur hatte sich auf -12°C erhöht, aber irgendwie war mir nicht danach, die Wohnung zu verlassen. Drinnen sind es konstant um die 19°C. Der Strom war allerdings nur für 5 Stunden vorhanden. Ich erledigte einige Schriftsachen am Computer, doch lief das schleppend. Die Situation schlaucht mit der Zeit. Seit Ende letzten Jahres gibt es keine Planungssicherheit und es ist nicht absehbar, wann das aufhört.

Was Mut macht: es wird auch wieder Frühling werden.

9. Feb. 2026 Kein Wasser 

Am Morgen, nach dem Aufstehen, stellte ich fest, dass das Wasser immer noch nicht funktionierte. Das begann irgendwann gestern Mittag, als ich kochte. Dafür war schönster Sonnenschein. Und weil der Strom erst für 14 Uhr angekündigt war, ging ich bei minus 10°C spazieren. Übrigens: das Leitungswasser lässt sich nicht trinken; dafür gibt es einen öffentlichen Brunnen, wo man sich kostenlos Trinkwasser holen kann. Problem: dieser Brunnen funktioniert nur, wenn es Strom gibt. Aber als ich kurz nach 13 Uhr zurückkam, war der Strom da, so dass ich sofort nochmals los ging, um Trinkwasser zu holen.

Die Wasserversorgung in der Wohnung ist bis jetzt nicht in Betrieb. Ein Nachbar, den ich im Korridor traf, meinte auf Nachfrage, dass daran gearbeitet würde. Naja, hoffen wir, dass sich jemand drum kümmert.

Gestern Abend, meldete sich ein Bekannter, mit dem ich 2017/18 im Donbass in der Region um Awdijiwka unterwegs war. Damals hieß es noch ATO – Anti-Terror-Operation. Er fragte, ob ich warme Unterwäsche hätte, um sie an Bedürftige anzugeben. Seine Nachricht war allerdings etwas kryptisch. Ich meinte, ich sei in der Ukraine und wenn er mir sagen kann, was er braucht, schaue ich um Hilfe. Tatsächlich habe ich gerade ein Budget aus Spenden, um so etwas zu finanzieren. Er wollte morgen – also heute – mehr dazu schreiben.

Er rief tatsächlich an, bevor ich mich zum Spazierengehen anzog. Im Moment sei er in Odessa bei seinem Sohn, der Offizier bei der Marine ist. Eigentlich lebt er in Pawlograd, wo ich ihn auch schon vor dem Krieg besuchte. Die Stadt, nicht zu weit von Pokrowsk entfernt, wird auch beschossen. Er schickte mir ein Video, das er aus einem Auto aufnahm – vorbei an zerstörten Gebäuden.

Bereits 2017/18 hatten wir genug davon gesehen. Damals verstand ich nicht, wie „Aufständische“ an Panzer kamen, die zerstört am Wegesrand lagen. Heftig fand ich damals, dass die Geschütztürme abgesprengt waren und meterweit daneben lagen. Sowjetische „Ingenieurskunst“, denn unter dem Turm, im inneren des Panzers, lagert die Munition und explodiert bei einem Treffer, so dass der Turm abgesprengt wird. Da wirken Energien, die man sich nicht vorstellen will.

Auch bei Kriegsbeginn 2022 steckten russische Panzer in einer 40km langen Kolonne aus Richtung Tschernihiw fest. Die Ukrainer hatten im Norden eine Brücke gesprengt und somit den Nachschub gekappt. Nach und nach wurden die Fahrzeuge dann mit Manpads ausgeschaltet. Im Herbst 2022 war ich dort, wo die Brücke repariert wurde. Wir lieferten einen Generator und eine Solaranlage in ein Krankenhaus – finanziert aus Spenden. Schon damals gab es massive Stromprobleme. Die zerstörten Fahrzeuge auf der Strecke waren da bereits weitgehend weggeräumt.

Doch der Krieg verursacht nicht nur „kurzfristig“ Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen. Diese sind sichtbar. Aber wer spricht eigentlich von den langfristigen Folgen, die durch die Sprengstoffe in die Umwelt gelangen. Ja, Kachowka, die Sprengung des grossen Staudamms bei Cherson, ist als Umweltschaden bekannt. Doch neben Minen in den Feldern entlang der Frontlinien vergiften die Geschosse, teils Uranmunition (weil Uran sehr dicht ist und damit eine enorme Durchschlagskraft hat) als Schwermetall, die Gegend. Dazu kommen Waldbrände, die nicht löschbar sind, weil die Minengefahr zu groß ist.

Als ich vor Jahren in Verdun die Gefechtsfelder des 1. Weltkriegs besuchte, hieß es, dass es noch heute ein „Niemandsland“ gibt, wo Menschen keinen Zutritt haben, weil Minen und Blindgänger potentiell gefährlich sind. Es käme immer wieder vor, dass Explosionen aus diesen Bereichen zu hören seien, weil ein Hase beim Nestbau eine Mine auslöst. Wenn ich mir überlege, dass das über 100 Jahre her ist, möchte ich mir nicht vorstellen, was das für die Schlachtfelder in der Ukraine bedeutet.

Der Tag war heute sonnig und wirkte trotz -12°C Außentemperatur „warm“. Strom war den ganzen Mittag vorhanden und während ich diese Zeilen tippe, wird er wohl die nächsten Minuten abgeschaltet. Mir war heute nicht danach, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl die Bedingungen eigentlich gut waren. Irgendwie fühle ich mich ausgebrannt. Vielleicht bahnt sich aber auch eine Grippe an.

 

08.Feb.2026 Kein Strom 

Gestern gab es fast den ganzen Tag keinen Strom, so dass bei mir nach 10 Stunden das Festnetz-Internet endgültig ausfiel (die Router der Provider haben zwar ihre eigene Notstromversorgung, doch die halten nicht ewig). Mein EcoFlow war dann nach 12 Stunden auch leer. Wenigstens funktionierte noch das mobile Internet, weshalb ich einen Kurzbericht schreiben konnte.

Hintergrund für den massiven Ausfall war, dass Hauptumspannwerke durch die Russen getroffen wurden. Zwar produzierten die ukrainischen AKWs weiterhin Strom, aber wenn dieser keine Abnehmer findet, müssen sie heruntergefahren werden. Das war gestern der Fall.

Ein weiteres Thema bei der Notstromversorgung sind die Generatoren, die Diesel verwenden. Mancher weiß vielleicht, dass Diesel bei Minusgraden zu „flocken“ beginnt. Das verstopft Filter und kann den Motorstart verhindern. Allerdings sind Diesel-Generatoren hier beliebt, weil sie effektiver als Benziner sind und nicht so oft nachgefüllt werden müssen.

Dieselkraftstoff ist allerdings rationiert und das Militär hat Vorrang. Da die ukrainischen Raffinerien durch russische Angriffe landesweit zerstört wurden, wird der Kraftstoff importiert. Entsprechend hoch sind die Preise. Selbst wenn diese in USD einigermaßen „stabil“ wirken, sind sie in der Landeswährung enorm hoch. Zahlte man 2020 zum Beispiel noch für Benzin (A95) 25-27 UAH/Liter (unter 1 USD), waren es zu im ersten Kriegsjahr 2022 bis zu 55 UAH/Liter (ca. 1,50 USD). Heute sind wir bei ca. 64 UAH/Liter (ca. 1,50 USD).

Vor ein paar Tagen landete ein Energiekonzept für die Ukraine auf meinem Tisch mit der Bitte, dafür Unterstützer zu finden. Deshalb telefonierte ich mit einer Person, die sich in dem Bereich auskennt. In dem Gespräch wurde mir das Ausmaß der russischen Angriffe nochmals verdeutlicht: Die Ukraine ist ein Agrarland und baut unter anderem auch „Energiepflanzen“ an. Diese werden mittels Ölsaaten-Verarbeitungsanlagen unter anderem zu Biodiesel verarbeitet. Eben solche Anlagen wurden gezielt durch russische Angriffe beschädigt und außer Betrieb gesetzt.

In Deutschland und Europa bewundert man immer wieder die Resilienz der Ukrainer, ihren Mut und Durchhaltewillen. Inzwischen nervt mich das, weil wir hier nicht Beifall brauchen, sondern sehr konkret Hilfe. Und da meine ich nicht ausschließlich das, was der Bevölkerung hilft, sondern hauptsächlich das, was die Armee benötigt, um die Bevölkerung zu schützen. Fragt mich jemand, ob ich lieber in einer kalten Wohnung friere und dafür die Armee weitere Angriffe abwehren kann, dann lieber das. Ich mache mir keine Illusionen, was passieren wuerde, wenn Russland in der Ukraine „erfolgreich“ wäre: die Russen würden die Ukraine in ein landesweites Butscha verwandeln und das kann niemand wollen. Doch mit Bewunderung dafür, dass sich die Ukrainer gegen eben dieses Szenario wehren, ist nicht geholfen.

Dieser Winter wird vorübergehen – vielleicht noch bis März dauern, vielleicht auch bis Ende April, aber er wird enden. Doch es wird einen neuen Winter geben. Bis dahin muss alles getan werden, damit sich so etwas wie in diesem Winter nicht wiederholt. Leider rechne ich nicht mit irgendwelchen Ergebnissen bei den derzeitigen Verhandlungen. Dazu traue ich den Russen einfach nicht über den Weg und leider auch nicht mehr den Amerikanern. Europa muss endlich aufwachen.

Gerade ging wieder der Luftalarm runter, kaum ist es dunkel. Für heute gab es die Ankündigung, dass es nun wieder „geplante und regelmäßige Stromabschaltungen“ gibt. Diese besagen: 2 Stunden Strom am Morgen und 3 Stunden Strom am Abend.

Immerhin, es ist „wärmer“ geworden: -5°C und die Heizung läuft nach wie vor. Dafür wurde Mittags das Wasser abgeschaltet und funktioniert bis jetzt nicht. Vielleicht später, vielleicht morgen… 

 

7.Feb.2026 Umspannwerk getroffen


Heute nur kurz, da seit heute morgen kein Strom. Es gab letzte Nacht wieder Angriffe und Umspannwerke wurden getroffen. Deshalb gab es nur morgens für 2 Stunden Strom. Die Powerbanks sind leer und Festnetz-Internet funktioniert auch nicht. Die Router haben ihre eigene Notstromversorgung, doch nur für 2, bzw 10 Stunden.

Draußen gab's wieder etwas Neuschnee. Es wurde wärmer - mit minus 3°C. In der Wohnung funktioniert die Heizung. 19°C sind in Ordnung. Dafür ist der Wasserdruck abgefallen. Wohl deshalb, weil keine Pumpen laufen. Metro fährt. Da läuft die Linie unweit meines Hauses und ist hörbar.

Strom war erst für Abend angekündigt, doch dann wurde die Abschaltung auf Mitternacht verlängert. Wenigstens geht noch das mobile Internet. 

 

6.Feb. 2026 Sirenen

Die letzte Nacht war ruhig. Keine Angriffe. Aber die braucht es derzeit auch nicht. Die russische Taktik ist, dass die Ukrainer Schäden notdürftig reparieren. Dieses Flickwerk wird dann bei einer nächsten Attacke zerstört und irgendwann mal funktioniert selbst flicken nicht mehr. Mir scheint, als ob die Russen versuchten, einen Imperativ auf das Verb „lieben“ anzuwenden und da das nicht klappt, ermorden sie eben alle, die dem Befehl nicht nachkommen wollen.

Als ich aufstand, war der Strom (laut Viber-DTEK-Bot) seit 6 Uhr morgens weg und sollte um 11:30 Uhr wieder kommen. Tat er auch, aber lange währte der Spaß nicht, denn schon um 14:00 Uhr kam die nächste Abschaltung – unangekündigt. Dabei war es heute draußen „mild“ – mit -5°C. Immerhin hatte ich es bei 19°C in der Wohnung „warm“.

Dafür heulten um kurz vor 9 Uhr die Sirenen und laut App, die den Luftalarm in der ganzen Ukraine anzeigt, war alles rot. Doch eine Stunde später wurde in Kiew Entwarnung gegeben. Nach und nach schalteten die Regionen ihre Warnung zurück.

Da ich wieder einige Spendeneingänge erhielt, die ich nochmals an die Krimtataren geben möchte, ging ich zur Wechselstube. Der Kurs liegt zur Zeit bei über 50 Hryvna für einen Euro. Als ich in der Ukraine zu leben begann – vor 24 Jahren – lag der Kurs bei 6 Hryvna/Euro. Nach der „Revolution der Würde“ (Euromaidan 2013/2014) explodierte er auf 25 Hryvna/Euro. Und bei Kriegsbeginn lag er bei knapp über 30 Hryvna/Euro. Da es eine Kopplung des Hryvna an den USD gibt, schwankt der Euro-Kurs entsprechend mit dem USD-Kurs. Für mich, der in Euro Geld bekommt, ist das nett und gleicht die Inflation einigermaßen aus.

Vor dem Krieg kostete zum Beispiel eine Packung „Paracetamol“ (10 Tabletten mit 500mg) um die 20 Hryvna. Inzwischen sind wir bei 50 Hryvna. Das ist ein „Allerweltsschmerzmittel“… Brot kaufte ich beim Bäcker, der im Krieg eröffnete, anfangs für 25 Hryvna (ein Laib mit 400g), heute zahle ich 39 Hryvna. Eine 2-Liter Wasserflasche kostete früher unter 10 Hryvna, heute über 20 Hryvna. In Euro umgerechnet (und die Kurse berücksichtigt), zahle ich zwar nicht wirklich mehr, aber für die Ukrainer, deren Gehälter oder Renten nicht angepasst werden, ist das eine Katastrophe.

Wirklich heftig traf es die Leute, die in Fremdwährung vor dem Euromaidan Kredite aufnahmen. Da waren die Zinsen niedrig, denn in der Landeswährung muss man mit 15 und mehr Prozent pro Jahr rechnen. Doch durch den Sprung von 8 auf 25 Hryvna/Euro zahlten die Leute, die Fremdwährung zur Tilgung kaufen mussten, Unsummen.

Nach dem Geldtausch ging ich auf die Bank. Seit Kriegsbeginn gibt es nämlich Beschränkungen, was Überweisungen und Abhebungen angeht. So darf ich mir monatlich maximal 500.000 Hryvna (ca. 8.000 Euro) aus dem Ausland überweisen und davon täglich maximal 100.000 Hryvna (ca. 2.000 Euro) abheben. Das sind die Vorgaben der ukrainischen Nationalbank. Da ich oft Spenden weiterleite oder auszahle, hatte ich schon einige Diskussionen, weil ich wegen der Korruptionsbekämpfung nachweisen muss, woher das Geld stammt und für was ich es verwende. Deshalb bin ich bei der Bank kein Unbekannter.

Der Weg war fürchterlich. Der Neuschnee verdeckt das darunterliegende Glatteis und ist noch zu frisch, um einen festen Grund zu geben. Zudem wird in der Ukraine mit einer Art Straßenkehrer der Schnee geräumt, der die Eisfläche poliert und glatter macht. Letztlich kam ich unbeschadet von dem Ausflug zurück. Nun sitze ich da und warte bei Kerzenschein, bis der Strom wieder angeht. Meine Powerbank mag ich gerade nicht anmachen. Die Außentemperatur liegt bei -6°C und die Zimmertemperatur ist „mollige“ 19°C.

Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine

Empfänger: Deutsch-Ukrainisches Forum e.V.
Bank: Commerzbank, Filiale Berlin
IBAN: DE2310040000 0266 878800
BIC: COBADEFFXXX
Verwendungszweck: Ukraine-Hilfe 

05.02.2026 Ungewissheit

Der Tag begann mit 15cm Neuschnee, dafür etwas wärmer mit -7°C. Sogar der Strom war für fast 2h am Morgen vorhanden. Ich machte einen Topf mit Wasser auf dem Gasherd warm, um damit zu „duschen“. Das heißt, sich mit einem Waschlappen zu waschen, denn heißes Wasser aus der Duschbrause gibt es nicht. Immerhin war Licht im Bad.

Um 15:00 Uhr kam der Strom wieder und blieb bis jetzt am Abend. Nach Draußen wollte ich nicht, weil es bei dem Schneegestöber ungemütlich gewesen wäre. Außerdem hatte ich einige Arbeit am Computer. Schreibkram und später dann auch Online-Meetings.

Zudem telefonierte ich mit einem Energie-Fachmann in Deutschland, dem ich Unterlagen schickte. Er ist Ukrainer und organisiert Generatoren für sein Land. In dem Gespräch wurde mir nochmals klar, dass die Stromkrise nicht mit dem Winter vorbei sein wird. Russland zerstört nicht nur Energieerzeuger, sondern auch Umspannwerke, die nicht so einfach repariert werden können. Die Bauteile stammen teils noch aus Sowjetzeiten und sind nicht so einfach zu ersetzen.

Während ich als Privatverbraucher mit längeren Stromausfällen zu kämpfen habe, ist es für die Wirtschaft fatal. Allein um die Hauptstadt gibt es viele Kühlhäuser, die auf Strom angewiesen sind. Wenn man sich vorstellt, dass diese dann im Frühjahr bei Plustemperaturen oder im Sommer bei starker Hitze nicht versorgt werden, gehen die darin gelagerten Lebensmittel kaputt. Ich weiß noch, wie ich schimpfte, als der Kühlschrank bei mir nicht funktionierte und es zu warm war. Die Milch wurde wegen der Temperaturen schlecht. So gesehen hat der Winter Vorteile.

Aber nicht nur die Lebensmittellagerung ist betroffen, sondern auch die Lebensmittelverarbeitung, die Pharmabranche oder andere Betriebe... Alles hängt vom Strom ab.

Mein Punkt in dem Gespräch war, dass die Ukraine schnellstmöglich das reparieren muss, was zerstört wurde und bis zum Herbst dafür Zeit hat. Das ist wie jemandeb am Herzen zu operieren, der einen Marathon läuft. So drückte sich kürzlich jemand in einem Interview aus. Dezentralisierung der Energieversorgung ist aus meiner Sicht enorm wichtig, damit bei einem Treffer nicht wieder alles ausfällt.

Zwar jammere auch ich, wenn der Strom ausfällt, doch geht es mir prinzipiell noch einigermaßen gut. Immerhin ist die Wohnung erträglich warm. Ja, auch ich sitze mit zwei T-Shirts und Pullover da, manchmal auch noch eine Jacke drüber. Aber in anderen Stadtteilen ist es weitaus schlimmer. Ganz zu schweigen von anderen Landesteilen. Nicht daran zu denken, an der Front.

In einem Bericht las ich, dass die Scheiben einer Bewohnerin in einem mehrstöckigen Haus durch die Druckwelle einer Shahed-Drohne zerborsten waren. Sie hatte das unbeschadet überstanden, weil sie bei dem Angriff im Bad ausharrte. Sie konnte auch die Fenster mit Spanplatten ersetzen. Das Problem war, dass ihre Nachbarn, bei denen ebenfalls die Scheiben rausflogen, die Stadt vor Monaten schon verlassen hatten. Also fiel in deren Wohnung die Temperatur ohne Scheiben auf die Außentemperatur. Ergo, fror die Heizung und platzte. Darunter leidet nun das ganze Haus.

Irgendwie scheint mir, dass sich das gar niemand wirklich vorstellen kann, welche Bedingungen in der Ukraine herrschen. Und das ganze Ausmaß ist noch nicht bekannt, wenn man bedenkt, dass hier gerade nur alles notdürftig geflickt wird, um zu überleben.

Bevor ich diese Gedanken weiterspinne, höre ich für heute auf. Bei einer Innentemperatur von 19°C mit Licht, Strom, Wasser und Gas. Draußen hat es -6°C. Die nächsten Tage soll es nochmals unter -20°C werden. Bisher nicht absehbar, wann es wieder über Null wird. Und unklar, wie lange ich noch diesen „Luxus“ habe.

 

3.2.2026 Luftalarm

Die Nacht war dann doch nicht ruhig. Um halb Eins ging der Luftalarm los. Die Außentemperatur lag bei minus 20°C. Mir war es zu kalt, um den Kilometer bei Vollmond bis zum Schutz in der Metro zu gehen. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten Detonationen zu hören waren. Recht nah und damit auch recht laut. Kurz darauf vernahm ich im Hausgang Schritte. Die Nachbarn mit ihren zwei kleinen Kindern machten sich um kurz nach Eins auf den Weg zum Schutzraum. Ich bin dann eingeschlafen. Allerdings wachte ich früh auf. Der Schlaf war sowieso nicht tief. Um 7 Uhr stand ich auf. Die App, die den Luftalarm in der Ukraine zeigt, war knallrot. Alle Oblaste hatten eine Gefahrenlage.

Strom war zu dem Zeitpunkt nicht. Heizung und Wasser funktionierten. Der Viber-DTEK-Bot des privaten Stromversorgers antwortete, dass es um 10:00 Uhr wieder Strom geben sollte. Kurz vor 8 Uhr wurde der Luftalarm aufgehoben. Ich scrollte am Smartphone die Nachrichten durch. Es hieß, dass Russland die Ukraine mit über 450 Drohnen und über 60 Raketen angegriffen hat. Dann kam der Strom und wieder heulten die Sirenen.

Dass das kein Spaß ist, weiß ich. Nur 200 Meter von mir entfernt schlug im Sommer 2024 eine Rakete ein. Dabei kamen 15 Menschen ums Leben und von dem Haus blieb nicht viel übrig. Damals war ich daheim und chattete ich mit einem Freund. Ich hörte das Pfeifen der Rakete sowie drei Explosionen. Ich dachte, die Luftabwehr hätte das Ding abgefangen. In meiner Wohnung flogen wegen der Druckwelle Gegenstände durch die Luft. Und bevor ich viel nachdenken konnte, rief mich ein Freund an, mit dem ich mich verabredet hatte, nach Dnipro zu fahren. Von dem Einschlag erfuhr ich auf der Fahrt von Freunden, die mich anriefen und fragten, ob bei mir alles ok sei. In meiner Straße hätte es einen Treffer gegeben. Den sah ich dann fünf Tage später, als ich aus Dnipro zurück war.

Heute blieb mir so ein Erlebnis erspart. Der Luftalarm wurde kurz nach 10 Uhr aufgehoben und gleichzeitig ging der Strom an. Allerdings hatte ich auf der Bank Geld bestellt, das ich abholen musste. Die Temperatur lag draußen inzwischen bei minus 14 Grad. Entsprechend packte ich mich ein und ging in kleinen Schritten den Kilometer zur Bank.

Kurz vor 13 Uhr war ich zurück. Ich aß ein bisschen zu Mittag und um 13:30 war der Strom wieder weg. Heizung hatte ich den ganzen Tag. Aus anderen Stadtteilen hieß es, dass ein Kraftwerk getroffen wurde, das diese mit Wärme versorgt. Wieder wurde in der Nacht die Energieinfrastruktur angegriffen und leider auch teilweise getroffen.

Mich übermannte dann Nachmittags die Müdigkeit, weshalb ich mich schlafen legte und gut eine Stunde später wieder aufwachte. Strom war weg und der Bot antwortete, ich könne gegen 20:30 wieder mit einen Anschaltung rechnen.

Während ich das an einem Mini-PC tippe, der an einer Powerbank hängt, um auch während solcher Ausfälle arbeiten zu können, fiel das Internet aus. Die Wohnung ist mit 18°C einigermaßen warm, während es draußen minus 12°C hat. Also warte ich auf Strom und Internet. Solange werde ich etwas kochen, denn mir knurrt der Magen.

 

  1. Februar 2026 Hilfe der Krimtartaren

    Gestern Nacht war dann nach einem Tag mit fast 24h Strom um 22:30 Uhr Schluss mit dem Glück. Also ging ich ins Bett. Draußen waren es -20°C, in der Wohnung bei mir um die 18°C.

Heute, nach dem Aufstehen, hatte ich Strom. Entsprechend Rechner hochfahren. Wie üblich, erst einmal in den News nachschauen, was in der Nacht los war. Dann nach 10 Minuten war der Strom wieder weg. Den Rechner (an der USV) herunterfahren und per Smartphone nachschauen, ob das geplant war. Nein, ungeplant. Voraussichtlich sollte der Strom gegen 12 Uhr wieder da sein.

Mein Plan für heute war, in die Stadt zu fahren. Ich wollte in ein krimtatarisches Restaurant, das ich seit seiner Eröffnung 2015 kenne. Es wird bis heute von Krimtataren betrieben, die damals nach der Krim-Annexion nach Kyjiw geflohen waren und in Kyjiw weitermachten. Ein Jahr nach dem Euromaidan kam eine jüdische Freundin aus Berlin zu Besuch und lud mich dorthin ein. Irgendwie ist meine Welt in der Ukraine multikulturell – ob Juden, Krimtataren, Muslime, orthodoxe Christen, Protestanten, Katholiken oder Atheisten. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind alle vertreten und untereinander vernetzt.

Der Besuch in dem Restaurant war nicht „Luxus“, sondern eine Art „Dienstreise“. Mir ist nämlich bekannt, dass die Betreiber des Restaurants in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn, als es schwierig war aus Kyjiw herauszukommen, die Bewohner mit Essen versorgten. Auch jetzt, in dieser Kälteperiode, verteilen sie an Bedürftige kostenlos ihre Gerichte. Und eben das wollte ich unterstützen.

Der Weg war beschwerlich, weil es bei -15°C enorm glatt und dazu noch unangenehm kalt war. Trotz Thermounterwäsche und doppelten T-Shirts mit Pullover und Wintermantel spürte ich die Kälte. So eingepackt ist die Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt. Und irgendwie brauchte ich den Kilometer bis zur Metrostation gut doppelt so lange wie üblich. Dort angekommen, blieb nur zu hoffen, dass es nicht wieder zu einem plötzlichen Stromkollaps kommt und ich irgendwo in den Tunneln strande. Viele Menschen waren nicht unterwegs und wenn, dann mindestens so dick eingepackt wie ich.

Nach dem Essen sprach ich mit dem Manager des Restaurants und er bestätigte, dass sie Hilfe leisten. Er freute sich, dass ich ihm Geld vorbei brachte, wovon sie die Zutaten bezahlen und dann kostenlos warme Mahlzeiten verteilen.

Auf dem Rückweg, der mindestens genauso beschwerlich war wie der Hinweg, las ich in der Metro Nachrichten. Die ukrainische Eisenbahn warnt inzwischen vor Zugreisen in den Osten der Ukraine. Ihre Empfehlung: besser Busse zu nutzen, da die Züge in den letzten Tagen häufiger mit Shahed-Drohnen angegriffen wurden. Mir kamen die Bilder meiner eigenen Flucht vor das innere Auge, als ich am Bahnhof unter tausenden Menschen stand, die in den ersten Kriegstagen Kyjiw verlassen wollten. Damals dachte ich noch: wehe, wenn hier eine Rakete einschlägt – das wäre ein Massaker. Und so etwas passierte im Kriegsverlauf dann auch in Kramatorsk am Bahnhof (im April 2022).

Als ich wieder zu Hause ankam, hatte ich Strom. Doch die Freude währte nur kurz, denn nach knapp einer Stunde fiel er wieder aus. Dafür Heizung und kaltes Wasser plus Internet bei Außentemperaturen von -20°C. Bleibt zu hoffen, dass die Nacht ruhig bleibt.

01.Feb.2026 Geplatzte Rohre

 

Heute war mir nicht danach, das Haus zu verlassen. In meiner Wohnung gab es (bisher) den ganzen Tag Strom. Die Heizung lief ebenfalls stetig. Temperatur draußen: -14°C bei schönstem Sonnenschein und klarem Himmel; in der Wohnung: 19°C. So gesehen, für mich erträglich.

Dafür schrieb mir eine Bekannte, die im Zentrum lebt, dass sie seit 3 Wochen keine Heizung mehr hat. Es gab deshalb in ihrem Haus einen Wasserschaden und niemand interessiere sich dafür. Sie fragte mich, ob ich eine Möglichkeit sehe, wie man ihr helfen kann – konkret: woher sie ein Trockengerät bekommt. Doch da musste ich passen. Meine eigene Erfahrung war kürzlich, dass die Mitbewohner in dem Häuserblock, wo ich lebe, bei allen Nachbarn klingelten und Geld sammelten. Ein Heizungsrohr war in einem Nebeneingang geplatzt, weshalb die Heizung nicht funktionierte. Das Geld wurde für ein Privatunternehmen benötigt, weil die städtische Wohnungsgesellschaft den Schaden nicht beheben konnte – zu viele Anfragen; der nächste Termin wäre sonst in gut einem Monat gewesen. Alle gaben etwas Geld und einen Tag später lief die Heizung wieder.

Gegen frühen Nachmittag wurde heute dann Luftalarm ausgelöst und kurz darauf hörte ich auch Detonationen. In den Telegram-Gruppen sah ich dann, dass es bei Butscha und Irpin (ca. 8km Luftlinie westlich von mir) Aufklärungsdrohnen gab, die abgeschossen wurden. Bereits zu Kriegsbeginn (in der ersten Woche) hatte ich aus dieser Richtung Gefechtslärm gehört. Erst viel später verstand ich allerdings, wo das war. Die Massaker von Butscha wurden im April/Mai 2022 weltbekannt. Aus dieser Richtung kamen auch heute die Explosionsgeräusche.

Wegen des Stroms konnte ich heute Schreibkram am PC erledigen. Von Freunden weiß ich, dass sie ihren Tagesablauf den Abschaltungen anpassen (Wäsche waschen, an PCs arbeiten, kochen). Einziges Problem: inzwischen gibt es keine Abschaltpläne mehr. War es noch vor zwei, drei Wochen möglich, sich zu erkundigen, wann es voraussichtlich Strom gibt und wann nicht, sind solche Informationen nicht mehr verfügbar. Der Viber-DTEK-Bot antwortet nur manchmal bei Stromausfall, wann er wieder kommt.

 

31. Jan 2026 Erster Tagebucheintrag

Mal sehen, wie die Nacht wird und ob es ruhig bleibt. Eigentlich hieß es ja, dass es eine Woche lang keine Angriffe geben soll, doch nach dem heutigen Luftalarm scheint diese Woche bereits vorbei. Man verliert unter diesen Umständen irgendwie das Zeitgefühl.

Heute gegen 8 Uhr aufgestanden, Wohnung war warm. Strom, Heizung und Wasser war vorhanden. PC hochgefahren und ein Projekt bearbeitet. Kurz nach 10:30 flackerte das Licht, das ich anhatte, weil es draußen diesig war. Strom instabil. Dann nach 5 Minuten weg. PC, der an einer USV hängt, heruntergefahren und beim Viber-DTEK-Bot nachgefragt, wann unter meiner Adresse wieder Strom kommen soll. Da hieß es, heute Abend um 22 Uhr. Das sind immer grobe Angaben – manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger. Alles schon gehabt.

Im Internet (per Smartphone noch erreichbar) hieß es, die Metro stünde still. Das war seit Kriegsbeginn das erste Mal, dass ich das mitbekommen hatte. Für mich nicht ganz so schlimm, weil ich nicht in die Stadt musste. Dennoch ein Novum. Leute mussten offenbar aus den Waggons aussteigen und durch die Tunnel zur nächsten Station gehen, wo die Rolltreppen nicht liefen – alles im dunkeln.

Nicht so neu war, dass es kein fließendes Wasser in meiner Wohnung gab. Die Heizung fiel dann auch noch aus. Wasserabschaltung kenne ich bisher eher selten und funktioniert dann meist nach ein paar Stunden wieder. Für die Heizung gilt das Gleich.

Kurz nach 14 Uhr war ich einkaufen. Draußen lag die Temperatur bei minus 10°C. Da es vor ein paar Tagen „warm“ war (um den Gefrierpunkt mit Sonne) und der Schnee (ca. 20cm hoch) taute und alles in Matsch verwandelte, gefror jetzt (seit vorgestern) diese Masse. Teils spiegelglatt, teils unwegsam wie eine Mondlandschaft.

Das Problem an diesen Außenverhältnissen ist, dass Leute, die bei Alarm in Luftschutzkeller wollen, erst einmal dorthin kommen müssen. Bei Dunkelheit, da Angriffe meist Nachts erfolgen und bei dieser Glätte, oft mit Kindern, kann man sich aussuchen, ob man hinfällt und sich etwas bricht, oder sich der Gefahr aussetzt, dass das Haus von einer Drohne oder Rakete getroffen wird. Teils wird der Alarm allerdings nach kurzer Zeit (nach 10-30 Minuten) aufgehoben und es passiert nichts. Da stellt sich die Frage, ob man sich aus dem warmen Bett aufraffen kann, sich anzieht und in die eisige Nacht zum Schutzraum begibt, um auf dem Weg dann zu hören: Fehlalarm.

Im Laden angekommen, war alles soweit vorhanden. Dass es Auswahl gibt, ist nicht selbstverständlich. Kürzlich kam ich von einer Dienstreise zurück und die Regale wirkten leer. Doch weil Stromnotabschaltungen das vierte Jahr bekannt sind, haben die Supermärkte alle Notgeneratoren. Schließlich gibt es verderbliche Waren (Milchprodukte, Fleisch, Wurst…), die ohne Kühlung kaputt gehen würde.

In den Läden ist es auch einigermaßen warm. Trotzdem sind die Läden nie wirklich überfüllt. Prinzipiell merke ich den Krieg nicht, wo ich lebe. Auch die Preise sind seit einem Jahr stabil. Verglichen mit „vor dem Krieg“ allerdings deutlich gestiegen.

Bis zur Fertigstellung dieses Texts: kein Strom, Wasser tröpfchenweise, Heizung wieder in Betrieb (Innentemperatur 19°C; Außentemperatur: -14°C)


Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine

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Redaktion. H-und-G.info, Berlin. h-und-g.info/ 

1Jörg Drescher leitet seit 2018 das Kyjiwer Büro des Deutsch-Ukrainischen Forums und organisiert unter anderem humanitäre Hilfe in der Ukraine. Er lebt seit 23 Jahren in Kyjiw. In Kooperation mit H-und-G.info