Kiewer Tagebuch
taeglich von Joerg Drescher
Kiewer Tagebuch
ueber Krieg und Kaelte
13.Feb.26 (Lebens-) Gefaehrliche Nachrichten
Der Tag begann mit Strom, der dann nach einer Stunde wieder weg war und bis Mittag weg bleiben sollte. Draußen hatte es Plusgrade, es war diesig. Eigentlich wollte ich auf den Wochenmarkt, doch als ich mich fast fertig gemacht hatte, kam der Strom wieder. Also entschied ich mich, die Waschmaschine laufen zu lassen. In der Wohnung ist es bei 19°C „angenehm“, was bestimmt viele in Kyjiw oder in anderen Städten nicht sagen können.
Die Nacht war es in Kyjiw ruhig. Luftalarme gab es trotzdem ständig – alle paar Stunden geht ein Alarm in der Smartphone-App los, um dann regelmäßig einige Minuten später wieder aufgehoben zu werden. Wie „verlässlich“ ein Alarm ist, habe ich in den 4 Jahren Krieg nicht wirklich verstanden. Freunde und Bekannte meinten, sie würden nachschauen, was den Alarm auslöst und entsprechend reagieren. Das können gesichtete Drohnen sein, teils im Schwarm, teils nur einzeln zur Aufklärung – wird als eher „ungefährlich“ betrachtet; das können MIGs sein, die Marschflugkörper abschießen – kann „gefährlich“ werden, wenn tatsächlich etwas abgeschossen wird; das können auch Raketenstarts sein – muss sich erst bewahrheiten und dann ist es „gefährlich“. Bei den Luftalarmen herrscht aus meiner Sicht das Prinzip: besser einmal mehr warnen, als sich schuldig zu machen, nicht gewarnt zu haben. Blöd nur, dass niemand mehr den Alarm richtig ernst nimmt.
Ich hatte dann den Mittag über Strom und konnte am Computer arbeiten. Das war soweit in Ordnung und ich hatte sogar die notwendige Konzentration. Manchmal fehlt sie mir, obwohl ich dringend wichtige Dokumente bearbeiten sollte. Aber ich setze mich weder selbst unter Druck, noch werde ich unter Druck gesetzt. Da habe ich großes Glück und bin in sehr guten Teams eingebettet.
Bei der Arbeit am PC mache ich immer wieder Pausen, in denen ich Nachrichten zur aktuellen Lage anschaue.
Worüber ich mich freue, ist natürlich die Starlink-Abschaltung für Russland. Mir ist bekannt, dass die Russen auch ukrainische SIM-Karten in ihren Drohnen nutzen, wenn sie sich über ukrainischem Gebiet befinden. Das hatten auch die Ukrainer mit ihren Drohnen in Russland gemacht, weshalb die Russen teilweise ihr Internet regional abschalteten. In Diktaturen geht das eben. Zensur, wie jetzt das Blocken von Telegram (einer Messanger-App), ist an der Tagesordnung. Verwundert hatte mich, dass der DAAD (Deutscher Akademischer Auslandsdienst) erst jetzt in Russland verboten wurde und dass der überhaupt noch dort aktiv war.
Allerdings habe ich mir über die Jahre angewöhnt, mich nur über Dinge aufzuregen, die ich selbst ändern kann. Mein Nachrichtenkonsum ist daher eher ein „nice-to-know“ (schön zu wissen), wobei manche Nachrichten eben meinen Alltag bestimmen können und daher „need-to-know“ (gut bis wichtig zu wissen) sind. Würde ich nur „blau in den Tag“ hineinleben und alles ausblenden, könnte das fatal sein. Extrembeispiel: die Russen brechen durch und kesseln Kyjiw ein (was ich nicht erwarte und nicht hoffe, aber wo ich eben wachsam sein muss).
Es ist ein Ballance-Akt, sich nicht durch Meldungen verrückt machen zu lassen. Ich gestehe, dass ich auch pessimistische Phasen habe und mir schwer tue, etwas Optimismus zu tanken. Da hilft der Austausch mit Freunden und Bekannten, weil wir gluecklicher Weise „phasenverschoben“ optimistische Pessimisten und pessimistische Optimisten sind.
Der Strom ist wieder weg. Temperatur draußen: +3°C. Wasser, Gas und Internet funktioniert. Die PowerBank ist voll und reicht bis zum Schlafengehen. Hoffen wir auf eine ruhige Nacht. Es soll nochmals kälter werden.
12. Feb. 26 Luftangriff und der umstrittene Helm auf der Olympiade
Das Wetter ist auch „warm“. Inzwischen liegt die Außentemperatur knapp über 0 Grad. Es hört sich wie Regen an, doch sind die Tropfengeräusche, der tauende Schnee. Immer wieder „knallt“ es. Das sind Eiszapfen, die wegen des schmelzenden Halts herunterfallen. Auch Dachlawinen gibt es. Man sollte deshalb nicht an Hauswänden entlang gehen. Die Gefahr, getroffen zu werden, ist groß. Und das ist nicht kriegsbedingt, sondern ist jeden Winter der Fall. Nur seit dem Krieg schreckt man bei diesen Geräuschen anders auf.
Heute fuhr ich in die Stadt, um in dem krimtatarischen Restaurant eine Spende abzugeben. Also nutzte ich die Gelegenheit, dort auch zu essen. Ich sprach mit dem „Administrator“. Das war dieses Mal ein anderer. Er kannte mich bereits und bedankte sich sehr herzlich. Eigentlich wollte er mir das Essen spendieren, doch das lehnte ich ab. Ich möchte keine Sonderbehandlung, nur weil ich in dieser Position bin, Hilfe weiterzureichen. Außerdem kann ich es mir derzeit leisten. Schließlich muss auch das Personal im Restaurant bezahlt werden.
In der Metro hörte ich ein Gespräch über den ukrainischen Skeleton-Fahrer, der bei den olympischen Spielen gesperrt wurde, weil er auf seinem Helm Bilder von gefallenen Sportlern hatte. Der Mann argumentierte gegenüber seinem Gesprächspartner, dass das unmöglich sei. Wäre seine Mutter gestorben und hätte der Sportler ihr Bild auf dem Helm gehabt, würde das keine Diskussion verursachen. Der andere nickte zustimmend. Es kann doch nicht sein, dass man nicht erinnern und seinen Respekt zeigen darf. Schließlich sind es seine Kollegen, die wegen des Kriegs nicht mehr an den Spielen teilnehmen können. Vor allem: russische Sportler nehmen teil – zwar nicht unter russischer Flagge, aber als „staatenlose“ Athleten.
Die beiden Männer kamen darauf zu sprechen, dass man dann wohl auch keinen Trysub, das ukrainische Staatswappen, oder blau-gelbe Kleidung, die ukrainischen Nationalfarben, zeigen dürfe. Sie steigerten sich immer mehr in das Thema hinein. Ich musste dann aber aussteigen, wobei mir ihr Gespräch im Kopf nachklang.
Beschämend fand ich, dass zwar deutsche Medien berichteten, aber dass sich keine Sportfunktionäre oder Politiker aus Deutschland zu dem Fall äußerten. Dabei hatte doch Deutschland der Ukraine mit 5000 Helmen zu Kriegsbeginn helfen wollen. Das ist hier ein Treppenwitz.
Zu Hause wieder angekommen, gab es Strom, die Wohnung ist warm und das Wasser läuft auch. Nur Warmwasser gibt es nicht. Also ist wieder die „Katzendusche“ angesagt. Ich denke nur, wehe es wird die nächsten Tage wieder kälter und draußen gefriert alles. Dann haben wir hier überall spiegelglatte Eisflächen auf den Straßen. Zeit, dass es Frühling wird. Die russischen Angriffe nerven ebenfalls. Wie ich in den Nachrichten gesehen hatte, gab es landesweit Treffer, Zerstörung, Opfer.
11.Feb. 2026. Luftalarm als Routine
Anscheinend brauchte ich einfach mal Pause, die ich mit Nichtstun verbrachte. Heute fühlte ich mich wieder fitter. Die Nacht war normal. Nur gestern Abend für ein paar Minuten Luftalarm. Heute dafür zweimal – Morgens für eine Viertelstunde und Mittags für eine Stunde. In den Meldungen hieß es dafür, dass Raketen Richtung Lwiw abgeschossen wurden. Gut, wenn nichts getroffen wurde und es auch keine Verwundeten oder Toten gab. Charkiw ist da anders. Mit unter 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, liegt die Stadt fast unter Dauerbeschuss. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem nicht von Treffern berichtet wird – und oft mit zivilen Opfern. Auch Cherson im Süden ist vergleichbar. Scheinbar wechseln die Angriffe zwischen Odessa und Kyjiw – mal dort, mal hier Einschläge.
Heute war es wärmer mit nur -2°C. Ich ging wieder zur Bank, um Euro-Bargeld zu holen. Dort herrscht in den letzten Wochen reger Betrieb. Vor allem alte Menschen warten an der Kasse, wo Geld ein- und ausgezahlt wird. Man tätigt dort auch Überweisungen, wenn man sich mit den Terminals nicht auskennt. Das kann pro Kunde eine Weile dauern.
Also stand ich in der Schlange. Aber „Schlange“ kann man das kaum nennen. Wer neu dazu kommt, fragt, wer der letzte in der „Reihe“ ist. Und im Warteraum sitzen die Leute verstreut, so dass man sich das Gesicht merkt, wer vor einem bedient wird.
Hinter mir kam dann eine ältere Dame. Ich denke, so um die 90 Jahre alt. Sie setzte sich neben eine weitere Dame auf einen Stuhl und begann rege zu diskutieren. Über das Wetter, das gestern noch kälter, aber sonnig und besser war. Nur sei es sehr glatt. Sie mit ihren Krücken tut sich da sehr schwer. Beide Damen waren in dicke Mäntel eingepackt, obwohl es heute „warm“ schien.
Eine Reinigungskraft, sichtlich jünger als die Dame, aber immer noch älter als ich, wischte den Boden, der durch die vielen Leute und dem eingetragenen Matsch eher einer großen Pfütze glich. Sie bat diese ältere Dame, die Beine zu heben, was für Gelächter sorgte. Sie, die Alte, sagte, das sei ja wie in der Kindheit. Da entgegnete die Putzkraft, dass sich manche Leute die Kindheit in der Sowjetzeit zurücksehnten. Die Großmutter antwortete: „Ach, wissen Sie, damals gab es gute und schlechte Zeiten, und auch heute ist nicht alles gut oder schlecht. Am System liege es wohl nicht, sondern an einem Selbst.“
Das Gespräch fand auf russisch statt. Ältere Leute, die mit russisch aufgewachsen sind, sprechen das bis heute und tun sich schwer, auf ukrainisch umzustellen. Manche bemühen sich und andere weigern sich. Aber prinzipiell habe ich noch nicht erlebt, dass es deswegen Ärger gab. Wir sind eben eine Schicksalsgemeinschaft.
Als ich die Bank verließ, ging der Luftalarm los. Dazu möchte ich sagen, dass es sehr unterschiedlich gehandhabt wird, was Banken, Restaurants, Cafes, Einkaufzentren oder Supermärkte machen. Selbst von Stadt zu Stadt ist es anders. An manchen Orten wird man bestimmt gebeten, die Räumlichkeiten zu verlassen; in anderen geht das Leben weiter, wie bisher. Mir ist es schon passiert, dass ich mich gerade in einem Cafee hinsetzte, als der Luftalarm losging und ich alles stehen und liegen lassen musste, um in einen Luftschutzkeller zu gehen.
Schlimm war Anfangs die Regelung der überirdischen öffentlichen (städtischen) Verkehrsmittel in Kyjiw. Die hielten nämlich an und alle Passagiere mussten den Bus, die Tram oder den Trolleybus verlassen. Das Transportmittel fuhr leer weiter und wir Passagiere standen im Nirgendwo. Diese Regelung wurde dann nach 3 Jahren Krieg aufgegeben. Die Fahrer dürfen mit den Passagieren auch bei Luftalarm weiterfahren.
Strom hatte ich heute bisher kaum. Morgens einmal für 2 Stunden und seither läuft alles über die Powerbank. Draußen ist es nasskalt bei -2°C und alles ist grau. Die Leute hatten irgendwie schlechte Laune, so war mein Eindruck. Bis auf dieses Großmütterchen, die war sehr gut gelaunt. Sie unterhielt in der Bank alle, die warteten, bis sie an der Reihe waren.
von Joerg Drescher1
10. Feb.2026 Kaputter Tagesablauf = keine Planungssicherheit
Gestern schickte ich meinen Bericht ab und prompt ging der Strom aus. Ich ging früh schlafen und kurz nach ein Uhr in der Nacht hörte ich das Wasser kommen. Außerdem hatte ich vergessen, das Licht auszuschalten, weshalb ich plötzlich in einer voll beleuchteten Wohnung lag. Das passiert immer wieder und macht Nächte unangenehm. Zu dem Zeitpunkt zeigte die Außentemperatur -20°C.
Am Morgen war es dann sonnig und schönes Wetter mit Sonnenschein. Die Temperatur hatte sich auf -12°C erhöht, aber irgendwie war mir nicht danach, die Wohnung zu verlassen. Drinnen sind es konstant um die 19°C. Der Strom war allerdings nur für 5 Stunden vorhanden. Ich erledigte einige Schriftsachen am Computer, doch lief das schleppend. Die Situation schlaucht mit der Zeit. Seit Ende letzten Jahres gibt es keine Planungssicherheit und es ist nicht absehbar, wann das aufhört.
Was Mut macht: es wird auch wieder Frühling werden.
Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine
Empfänger: Deutsch-Ukrainisches Forum e.V.
Bank: Commerzbank, Filiale Berlin
IBAN: DE2310040000 0266 878800
BIC: COBADEFFXXX
Verwendungszweck: Ukraine-Hilfe
Redaktion. H-und-G.info, Berlin. h-und-g.info/
9. Feb. 2026 Kein Wasser
Am Morgen, nach dem Aufstehen, stellte ich fest, dass das Wasser immer noch nicht funktionierte. Das begann irgendwann gestern Mittag, als ich kochte. Dafür war schönster Sonnenschein. Und weil der Strom erst für 14 Uhr angekündigt war, ging ich bei minus 10°C spazieren. Übrigens: das Leitungswasser lässt sich nicht trinken; dafür gibt es einen öffentlichen Brunnen, wo man sich kostenlos Trinkwasser holen kann. Problem: dieser Brunnen funktioniert nur, wenn es Strom gibt. Aber als ich kurz nach 13 Uhr zurückkam, war der Strom da, so dass ich sofort nochmals los ging, um Trinkwasser zu holen.
Die Wasserversorgung in der Wohnung ist bis jetzt nicht in Betrieb. Ein Nachbar, den ich im Korridor traf, meinte auf Nachfrage, dass daran gearbeitet würde. Naja, hoffen wir, dass sich jemand drum kümmert.
Gestern Abend, meldete sich ein Bekannter, mit dem ich 2017/18 im Donbass in der Region um Awdijiwka unterwegs war. Damals hieß es noch ATO – Anti-Terror-Operation. Er fragte, ob ich warme Unterwäsche hätte, um sie an Bedürftige anzugeben. Seine Nachricht war allerdings etwas kryptisch. Ich meinte, ich sei in der Ukraine und wenn er mir sagen kann, was er braucht, schaue ich um Hilfe. Tatsächlich habe ich gerade ein Budget aus Spenden, um so etwas zu finanzieren. Er wollte morgen – also heute – mehr dazu schreiben.
Er rief tatsächlich an, bevor ich mich zum Spazierengehen anzog. Im Moment sei er in Odessa bei seinem Sohn, der Offizier bei der Marine ist. Eigentlich lebt er in Pawlograd, wo ich ihn auch schon vor dem Krieg besuchte. Die Stadt, nicht zu weit von Pokrowsk entfernt, wird auch beschossen. Er schickte mir ein Video, das er aus einem Auto aufnahm – vorbei an zerstörten Gebäuden.
Bereits 2017/18 hatten wir genug davon gesehen. Damals verstand ich nicht, wie „Aufständische“ an Panzer kamen, die zerstört am Wegesrand lagen. Heftig fand ich damals, dass die Geschütztürme abgesprengt waren und meterweit daneben lagen. Sowjetische „Ingenieurskunst“, denn unter dem Turm, im inneren des Panzers, lagert die Munition und explodiert bei einem Treffer, so dass der Turm abgesprengt wird. Da wirken Energien, die man sich nicht vorstellen will.
Auch bei Kriegsbeginn 2022 steckten russische Panzer in einer 40km langen Kolonne aus Richtung Tschernihiw fest. Die Ukrainer hatten im Norden eine Brücke gesprengt und somit den Nachschub gekappt. Nach und nach wurden die Fahrzeuge dann mit Manpads ausgeschaltet. Im Herbst 2022 war ich dort, wo die Brücke repariert wurde. Wir lieferten einen Generator und eine Solaranlage in ein Krankenhaus – finanziert aus Spenden. Schon damals gab es massive Stromprobleme. Die zerstörten Fahrzeuge auf der Strecke waren da bereits weitgehend weggeräumt.
Doch der Krieg verursacht nicht nur „kurzfristig“ Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen. Diese sind sichtbar. Aber wer spricht eigentlich von den langfristigen Folgen, die durch die Sprengstoffe in die Umwelt gelangen. Ja, Kachowka, die Sprengung des grossen Staudamms bei Cherson, ist als Umweltschaden bekannt. Doch neben Minen in den Feldern entlang der Frontlinien vergiften die Geschosse, teils Uranmunition (weil Uran sehr dicht ist und damit eine enorme Durchschlagskraft hat) als Schwermetall, die Gegend. Dazu kommen Waldbrände, die nicht löschbar sind, weil die Minengefahr zu groß ist.
Als ich vor Jahren in Verdun die Gefechtsfelder des 1. Weltkriegs besuchte, hieß es, dass es noch heute ein „Niemandsland“ gibt, wo Menschen keinen Zutritt haben, weil Minen und Blindgänger potentiell gefährlich sind. Es käme immer wieder vor, dass Explosionen aus diesen Bereichen zu hören seien, weil ein Hase beim Nestbau eine Mine auslöst. Wenn ich mir überlege, dass das über 100 Jahre her ist, möchte ich mir nicht vorstellen, was das für die Schlachtfelder in der Ukraine bedeutet.
Der Tag war heute sonnig und wirkte trotz -12°C Außentemperatur „warm“. Strom war den ganzen Mittag vorhanden und während ich diese Zeilen tippe, wird er wohl die nächsten Minuten abgeschaltet. Mir war heute nicht danach, etwas Sinnvolles zu tun, obwohl die Bedingungen eigentlich gut waren. Irgendwie fühle ich mich ausgebrannt. Vielleicht bahnt sich aber auch eine Grippe an.
08.Feb.2026 Kein Strom
Gestern gab es fast den ganzen Tag keinen Strom, so dass bei mir nach 10 Stunden das Festnetz-Internet endgültig ausfiel (die Router der Provider haben zwar ihre eigene Notstromversorgung, doch die halten nicht ewig). Mein EcoFlow war dann nach 12 Stunden auch leer. Wenigstens funktionierte noch das mobile Internet, weshalb ich einen Kurzbericht schreiben konnte.
Hintergrund für den massiven Ausfall war, dass Hauptumspannwerke durch die Russen getroffen wurden. Zwar produzierten die ukrainischen AKWs weiterhin Strom, aber wenn dieser keine Abnehmer findet, müssen sie heruntergefahren werden. Das war gestern der Fall.
Ein weiteres Thema bei der Notstromversorgung sind die Generatoren, die Diesel verwenden. Mancher weiß vielleicht, dass Diesel bei Minusgraden zu „flocken“ beginnt. Das verstopft Filter und kann den Motorstart verhindern. Allerdings sind Diesel-Generatoren hier beliebt, weil sie effektiver als Benziner sind und nicht so oft nachgefüllt werden müssen.
Dieselkraftstoff ist allerdings rationiert und das Militär hat Vorrang. Da die ukrainischen Raffinerien durch russische Angriffe landesweit zerstört wurden, wird der Kraftstoff importiert. Entsprechend hoch sind die Preise. Selbst wenn diese in USD einigermaßen „stabil“ wirken, sind sie in der Landeswährung enorm hoch. Zahlte man 2020 zum Beispiel noch für Benzin (A95) 25-27 UAH/Liter (unter 1 USD), waren es zu im ersten Kriegsjahr 2022 bis zu 55 UAH/Liter (ca. 1,50 USD). Heute sind wir bei ca. 64 UAH/Liter (ca. 1,50 USD).
Vor ein paar Tagen landete ein Energiekonzept für die Ukraine auf meinem Tisch mit der Bitte, dafür Unterstützer zu finden. Deshalb telefonierte ich mit einer Person, die sich in dem Bereich auskennt. In dem Gespräch wurde mir das Ausmaß der russischen Angriffe nochmals verdeutlicht: Die Ukraine ist ein Agrarland und baut unter anderem auch „Energiepflanzen“ an. Diese werden mittels Ölsaaten-Verarbeitungsanlagen unter anderem zu Biodiesel verarbeitet. Eben solche Anlagen wurden gezielt durch russische Angriffe beschädigt und außer Betrieb gesetzt.
In Deutschland und Europa bewundert man immer wieder die Resilienz der Ukrainer, ihren Mut und Durchhaltewillen. Inzwischen nervt mich das, weil wir hier nicht Beifall brauchen, sondern sehr konkret Hilfe. Und da meine ich nicht ausschließlich das, was der Bevölkerung hilft, sondern hauptsächlich das, was die Armee benötigt, um die Bevölkerung zu schützen. Fragt mich jemand, ob ich lieber in einer kalten Wohnung friere und dafür die Armee weitere Angriffe abwehren kann, dann lieber das. Ich mache mir keine Illusionen, was passieren wuerde, wenn Russland in der Ukraine „erfolgreich“ wäre: die Russen würden die Ukraine in ein landesweites Butscha verwandeln und das kann niemand wollen. Doch mit Bewunderung dafür, dass sich die Ukrainer gegen eben dieses Szenario wehren, ist nicht geholfen.
Dieser Winter wird vorübergehen – vielleicht noch bis März dauern, vielleicht auch bis Ende April, aber er wird enden. Doch es wird einen neuen Winter geben. Bis dahin muss alles getan werden, damit sich so etwas wie in diesem Winter nicht wiederholt. Leider rechne ich nicht mit irgendwelchen Ergebnissen bei den derzeitigen Verhandlungen. Dazu traue ich den Russen einfach nicht über den Weg und leider auch nicht mehr den Amerikanern. Europa muss endlich aufwachen.
Gerade ging wieder der Luftalarm runter, kaum ist es dunkel. Für heute gab es die Ankündigung, dass es nun wieder „geplante und regelmäßige Stromabschaltungen“ gibt. Diese besagen: 2 Stunden Strom am Morgen und 3 Stunden Strom am Abend.
Immerhin, es ist „wärmer“ geworden: -5°C und die Heizung läuft nach wie vor. Dafür wurde Mittags das Wasser abgeschaltet und funktioniert bis jetzt nicht. Vielleicht später, vielleicht morgen…
7.Feb.2026 Umspannwerk getroffen
Heute nur kurz, da seit heute morgen kein Strom. Es gab letzte Nacht wieder Angriffe und Umspannwerke wurden getroffen. Deshalb gab es nur morgens für 2 Stunden Strom. Die Powerbanks sind leer und Festnetz-Internet funktioniert auch nicht. Die Router haben ihre eigene Notstromversorgung, doch nur für 2, bzw 10 Stunden.
Draußen gab's wieder etwas Neuschnee. Es wurde wärmer - mit minus 3°C. In der Wohnung funktioniert die Heizung. 19°C sind in Ordnung. Dafür ist der Wasserdruck abgefallen. Wohl deshalb, weil keine Pumpen laufen. Metro fährt. Da läuft die Linie unweit meines Hauses und ist hörbar.
Strom war erst für Abend angekündigt, doch dann wurde die Abschaltung auf Mitternacht verlängert. Wenigstens geht noch das mobile Internet.
6.Feb. 2026 Sirenen
Die letzte Nacht war ruhig. Keine Angriffe. Aber die braucht es derzeit auch nicht. Die russische Taktik ist, dass die Ukrainer Schäden notdürftig reparieren. Dieses Flickwerk wird dann bei einer nächsten Attacke zerstört und irgendwann mal funktioniert selbst flicken nicht mehr. Mir scheint, als ob die Russen versuchten, einen Imperativ auf das Verb „lieben“ anzuwenden und da das nicht klappt, ermorden sie eben alle, die dem Befehl nicht nachkommen wollen.
Als ich aufstand, war der Strom (laut Viber-DTEK-Bot) seit 6 Uhr morgens weg und sollte um 11:30 Uhr wieder kommen. Tat er auch, aber lange währte der Spaß nicht, denn schon um 14:00 Uhr kam die nächste Abschaltung – unangekündigt. Dabei war es heute draußen „mild“ – mit -5°C. Immerhin hatte ich es bei 19°C in der Wohnung „warm“.
Dafür heulten um kurz vor 9 Uhr die Sirenen und laut App, die den Luftalarm in der ganzen Ukraine anzeigt, war alles rot. Doch eine Stunde später wurde in Kiew Entwarnung gegeben. Nach und nach schalteten die Regionen ihre Warnung zurück.
Da ich wieder einige Spendeneingänge erhielt, die ich nochmals an die Krimtataren geben möchte, ging ich zur Wechselstube. Der Kurs liegt zur Zeit bei über 50 Hryvna für einen Euro. Als ich in der Ukraine zu leben begann – vor 24 Jahren – lag der Kurs bei 6 Hryvna/Euro. Nach der „Revolution der Würde“ (Euromaidan 2013/2014) explodierte er auf 25 Hryvna/Euro. Und bei Kriegsbeginn lag er bei knapp über 30 Hryvna/Euro. Da es eine Kopplung des Hryvna an den USD gibt, schwankt der Euro-Kurs entsprechend mit dem USD-Kurs. Für mich, der in Euro Geld bekommt, ist das nett und gleicht die Inflation einigermaßen aus.
Vor dem Krieg kostete zum Beispiel eine Packung „Paracetamol“ (10 Tabletten mit 500mg) um die 20 Hryvna. Inzwischen sind wir bei 50 Hryvna. Das ist ein „Allerweltsschmerzmittel“… Brot kaufte ich beim Bäcker, der im Krieg eröffnete, anfangs für 25 Hryvna (ein Laib mit 400g), heute zahle ich 39 Hryvna. Eine 2-Liter Wasserflasche kostete früher unter 10 Hryvna, heute über 20 Hryvna. In Euro umgerechnet (und die Kurse berücksichtigt), zahle ich zwar nicht wirklich mehr, aber für die Ukrainer, deren Gehälter oder Renten nicht angepasst werden, ist das eine Katastrophe.
Wirklich heftig traf es die Leute, die in Fremdwährung vor dem Euromaidan Kredite aufnahmen. Da waren die Zinsen niedrig, denn in der Landeswährung muss man mit 15 und mehr Prozent pro Jahr rechnen. Doch durch den Sprung von 8 auf 25 Hryvna/Euro zahlten die Leute, die Fremdwährung zur Tilgung kaufen mussten, Unsummen.
Nach dem Geldtausch ging ich auf die Bank. Seit Kriegsbeginn gibt es nämlich Beschränkungen, was Überweisungen und Abhebungen angeht. So darf ich mir monatlich maximal 500.000 Hryvna (ca. 8.000 Euro) aus dem Ausland überweisen und davon täglich maximal 100.000 Hryvna (ca. 2.000 Euro) abheben. Das sind die Vorgaben der ukrainischen Nationalbank. Da ich oft Spenden weiterleite oder auszahle, hatte ich schon einige Diskussionen, weil ich wegen der Korruptionsbekämpfung nachweisen muss, woher das Geld stammt und für was ich es verwende. Deshalb bin ich bei der Bank kein Unbekannter.
Der Weg war fürchterlich. Der Neuschnee verdeckt das darunterliegende Glatteis und ist noch zu frisch, um einen festen Grund zu geben. Zudem wird in der Ukraine mit einer Art Straßenkehrer der Schnee geräumt, der die Eisfläche poliert und glatter macht. Letztlich kam ich unbeschadet von dem Ausflug zurück. Nun sitze ich da und warte bei Kerzenschein, bis der Strom wieder angeht. Meine Powerbank mag ich gerade nicht anmachen. Die Außentemperatur liegt bei -6°C und die Zimmertemperatur ist „mollige“ 19°C.
Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine
Empfänger: Deutsch-Ukrainisches Forum e.V.
Bank: Commerzbank, Filiale Berlin
IBAN: DE2310040000 0266 878800
BIC: COBADEFFXXX
Verwendungszweck: Ukraine-Hilfe
05.02.2026 Ungewissheit
Der Tag begann mit 15cm Neuschnee, dafür etwas wärmer mit -7°C. Sogar der Strom war für fast 2h am Morgen vorhanden. Ich machte einen Topf mit Wasser auf dem Gasherd warm, um damit zu „duschen“. Das heißt, sich mit einem Waschlappen zu waschen, denn heißes Wasser aus der Duschbrause gibt es nicht. Immerhin war Licht im Bad.
Um 15:00 Uhr kam der Strom wieder und blieb bis jetzt am Abend. Nach Draußen wollte ich nicht, weil es bei dem Schneegestöber ungemütlich gewesen wäre. Außerdem hatte ich einige Arbeit am Computer. Schreibkram und später dann auch Online-Meetings.
Zudem telefonierte ich mit einem Energie-Fachmann in Deutschland, dem ich Unterlagen schickte. Er ist Ukrainer und organisiert Generatoren für sein Land. In dem Gespräch wurde mir nochmals klar, dass die Stromkrise nicht mit dem Winter vorbei sein wird. Russland zerstört nicht nur Energieerzeuger, sondern auch Umspannwerke, die nicht so einfach repariert werden können. Die Bauteile stammen teils noch aus Sowjetzeiten und sind nicht so einfach zu ersetzen.
Während ich als Privatverbraucher mit längeren Stromausfällen zu kämpfen habe, ist es für die Wirtschaft fatal. Allein um die Hauptstadt gibt es viele Kühlhäuser, die auf Strom angewiesen sind. Wenn man sich vorstellt, dass diese dann im Frühjahr bei Plustemperaturen oder im Sommer bei starker Hitze nicht versorgt werden, gehen die darin gelagerten Lebensmittel kaputt. Ich weiß noch, wie ich schimpfte, als der Kühlschrank bei mir nicht funktionierte und es zu warm war. Die Milch wurde wegen der Temperaturen schlecht. So gesehen hat der Winter Vorteile.
Aber nicht nur die Lebensmittellagerung ist betroffen, sondern auch die Lebensmittelverarbeitung, die Pharmabranche oder andere Betriebe... Alles hängt vom Strom ab.
Mein Punkt in dem Gespräch war, dass die Ukraine schnellstmöglich das reparieren muss, was zerstört wurde und bis zum Herbst dafür Zeit hat. Das ist wie jemandeb am Herzen zu operieren, der einen Marathon läuft. So drückte sich kürzlich jemand in einem Interview aus. Dezentralisierung der Energieversorgung ist aus meiner Sicht enorm wichtig, damit bei einem Treffer nicht wieder alles ausfällt.
Zwar jammere auch ich, wenn der Strom ausfällt, doch geht es mir prinzipiell noch einigermaßen gut. Immerhin ist die Wohnung erträglich warm. Ja, auch ich sitze mit zwei T-Shirts und Pullover da, manchmal auch noch eine Jacke drüber. Aber in anderen Stadtteilen ist es weitaus schlimmer. Ganz zu schweigen von anderen Landesteilen. Nicht daran zu denken, an der Front.
In einem Bericht las ich, dass die Scheiben einer Bewohnerin in einem mehrstöckigen Haus durch die Druckwelle einer Shahed-Drohne zerborsten waren. Sie hatte das unbeschadet überstanden, weil sie bei dem Angriff im Bad ausharrte. Sie konnte auch die Fenster mit Spanplatten ersetzen. Das Problem war, dass ihre Nachbarn, bei denen ebenfalls die Scheiben rausflogen, die Stadt vor Monaten schon verlassen hatten. Also fiel in deren Wohnung die Temperatur ohne Scheiben auf die Außentemperatur. Ergo, fror die Heizung und platzte. Darunter leidet nun das ganze Haus.
Irgendwie scheint mir, dass sich das gar niemand wirklich vorstellen kann, welche Bedingungen in der Ukraine herrschen. Und das ganze Ausmaß ist noch nicht bekannt, wenn man bedenkt, dass hier gerade nur alles notdürftig geflickt wird, um zu überleben.
Bevor ich diese Gedanken weiterspinne, höre ich für heute auf. Bei einer Innentemperatur von 19°C mit Licht, Strom, Wasser und Gas. Draußen hat es -6°C. Die nächsten Tage soll es nochmals unter -20°C werden. Bisher nicht absehbar, wann es wieder über Null wird. Und unklar, wie lange ich noch diesen „Luxus“ habe.
3.2.2026 Luftalarm
Die Nacht war dann doch nicht ruhig. Um halb Eins ging der Luftalarm los. Die Außentemperatur lag bei minus 20°C. Mir war es zu kalt, um den Kilometer bei Vollmond bis zum Schutz in der Metro zu gehen. Und es dauerte nicht lange, bis die ersten Detonationen zu hören waren. Recht nah und damit auch recht laut. Kurz darauf vernahm ich im Hausgang Schritte. Die Nachbarn mit ihren zwei kleinen Kindern machten sich um kurz nach Eins auf den Weg zum Schutzraum. Ich bin dann eingeschlafen. Allerdings wachte ich früh auf. Der Schlaf war sowieso nicht tief. Um 7 Uhr stand ich auf. Die App, die den Luftalarm in der Ukraine zeigt, war knallrot. Alle Oblaste hatten eine Gefahrenlage.
Strom war zu dem Zeitpunkt nicht. Heizung und Wasser funktionierten. Der Viber-DTEK-Bot des privaten Stromversorgers antwortete, dass es um 10:00 Uhr wieder Strom geben sollte. Kurz vor 8 Uhr wurde der Luftalarm aufgehoben. Ich scrollte am Smartphone die Nachrichten durch. Es hieß, dass Russland die Ukraine mit über 450 Drohnen und über 60 Raketen angegriffen hat. Dann kam der Strom und wieder heulten die Sirenen.
Dass das kein Spaß ist, weiß ich. Nur 200 Meter von mir entfernt schlug im Sommer 2024 eine Rakete ein. Dabei kamen 15 Menschen ums Leben und von dem Haus blieb nicht viel übrig. Damals war ich daheim und chattete ich mit einem Freund. Ich hörte das Pfeifen der Rakete sowie drei Explosionen. Ich dachte, die Luftabwehr hätte das Ding abgefangen. In meiner Wohnung flogen wegen der Druckwelle Gegenstände durch die Luft. Und bevor ich viel nachdenken konnte, rief mich ein Freund an, mit dem ich mich verabredet hatte, nach Dnipro zu fahren. Von dem Einschlag erfuhr ich auf der Fahrt von Freunden, die mich anriefen und fragten, ob bei mir alles ok sei. In meiner Straße hätte es einen Treffer gegeben. Den sah ich dann fünf Tage später, als ich aus Dnipro zurück war.
Heute blieb mir so ein Erlebnis erspart. Der Luftalarm wurde kurz nach 10 Uhr aufgehoben und gleichzeitig ging der Strom an. Allerdings hatte ich auf der Bank Geld bestellt, das ich abholen musste. Die Temperatur lag draußen inzwischen bei minus 14 Grad. Entsprechend packte ich mich ein und ging in kleinen Schritten den Kilometer zur Bank.
Kurz vor 13 Uhr war ich zurück. Ich aß ein bisschen zu Mittag und um 13:30 war der Strom wieder weg. Heizung hatte ich den ganzen Tag. Aus anderen Stadtteilen hieß es, dass ein Kraftwerk getroffen wurde, das diese mit Wärme versorgt. Wieder wurde in der Nacht die Energieinfrastruktur angegriffen und leider auch teilweise getroffen.
Mich übermannte dann Nachmittags die Müdigkeit, weshalb ich mich schlafen legte und gut eine Stunde später wieder aufwachte. Strom war weg und der Bot antwortete, ich könne gegen 20:30 wieder mit einen Anschaltung rechnen.
Während ich das an einem Mini-PC tippe, der an einer Powerbank hängt, um auch während solcher Ausfälle arbeiten zu können, fiel das Internet aus. Die Wohnung ist mit 18°C einigermaßen warm, während es draußen minus 12°C hat. Also warte ich auf Strom und Internet. Solange werde ich etwas kochen, denn mir knurrt der Magen.
Februar 2026 Hilfe der Krimtartaren
Gestern Nacht war dann nach einem Tag mit fast 24h Strom um 22:30 Uhr Schluss mit dem Glück. Also ging ich ins Bett. Draußen waren es -20°C, in der Wohnung bei mir um die 18°C.
Heute, nach dem Aufstehen, hatte ich Strom. Entsprechend Rechner hochfahren. Wie üblich, erst einmal in den News nachschauen, was in der Nacht los war. Dann nach 10 Minuten war der Strom wieder weg. Den Rechner (an der USV) herunterfahren und per Smartphone nachschauen, ob das geplant war. Nein, ungeplant. Voraussichtlich sollte der Strom gegen 12 Uhr wieder da sein.
Mein Plan für heute war, in die Stadt zu fahren. Ich wollte in ein krimtatarisches Restaurant, das ich seit seiner Eröffnung 2015 kenne. Es wird bis heute von Krimtataren betrieben, die damals nach der Krim-Annexion nach Kyjiw geflohen waren und in Kyjiw weitermachten. Ein Jahr nach dem Euromaidan kam eine jüdische Freundin aus Berlin zu Besuch und lud mich dorthin ein. Irgendwie ist meine Welt in der Ukraine multikulturell – ob Juden, Krimtataren, Muslime, orthodoxe Christen, Protestanten, Katholiken oder Atheisten. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind alle vertreten und untereinander vernetzt.
Der Besuch in dem Restaurant war nicht „Luxus“, sondern eine Art „Dienstreise“. Mir ist nämlich bekannt, dass die Betreiber des Restaurants in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn, als es schwierig war aus Kyjiw herauszukommen, die Bewohner mit Essen versorgten. Auch jetzt, in dieser Kälteperiode, verteilen sie an Bedürftige kostenlos ihre Gerichte. Und eben das wollte ich unterstützen.
Der Weg war beschwerlich, weil es bei -15°C enorm glatt und dazu noch unangenehm kalt war. Trotz Thermounterwäsche und doppelten T-Shirts mit Pullover und Wintermantel spürte ich die Kälte. So eingepackt ist die Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt. Und irgendwie brauchte ich den Kilometer bis zur Metrostation gut doppelt so lange wie üblich. Dort angekommen, blieb nur zu hoffen, dass es nicht wieder zu einem plötzlichen Stromkollaps kommt und ich irgendwo in den Tunneln strande. Viele Menschen waren nicht unterwegs und wenn, dann mindestens so dick eingepackt wie ich.
Nach dem Essen sprach ich mit dem Manager des Restaurants und er bestätigte, dass sie Hilfe leisten. Er freute sich, dass ich ihm Geld vorbei brachte, wovon sie die Zutaten bezahlen und dann kostenlos warme Mahlzeiten verteilen.
Auf dem Rückweg, der mindestens genauso beschwerlich war wie der Hinweg, las ich in der Metro Nachrichten. Die ukrainische Eisenbahn warnt inzwischen vor Zugreisen in den Osten der Ukraine. Ihre Empfehlung: besser Busse zu nutzen, da die Züge in den letzten Tagen häufiger mit Shahed-Drohnen angegriffen wurden. Mir kamen die Bilder meiner eigenen Flucht vor das innere Auge, als ich am Bahnhof unter tausenden Menschen stand, die in den ersten Kriegstagen Kyjiw verlassen wollten. Damals dachte ich noch: wehe, wenn hier eine Rakete einschlägt – das wäre ein Massaker. Und so etwas passierte im Kriegsverlauf dann auch in Kramatorsk am Bahnhof (im April 2022).
Als ich wieder zu Hause ankam, hatte ich Strom. Doch die Freude währte nur kurz, denn nach knapp einer Stunde fiel er wieder aus. Dafür Heizung und kaltes Wasser plus Internet bei Außentemperaturen von -20°C. Bleibt zu hoffen, dass die Nacht ruhig bleibt.
01.Feb.2026 Geplatzte Rohre
Heute war mir nicht danach, das Haus zu verlassen. In meiner Wohnung gab es (bisher) den ganzen Tag Strom. Die Heizung lief ebenfalls stetig. Temperatur draußen: -14°C bei schönstem Sonnenschein und klarem Himmel; in der Wohnung: 19°C. So gesehen, für mich erträglich.
Dafür schrieb mir eine Bekannte, die im Zentrum lebt, dass sie seit 3 Wochen keine Heizung mehr hat. Es gab deshalb in ihrem Haus einen Wasserschaden und niemand interessiere sich dafür. Sie fragte mich, ob ich eine Möglichkeit sehe, wie man ihr helfen kann – konkret: woher sie ein Trockengerät bekommt. Doch da musste ich passen. Meine eigene Erfahrung war kürzlich, dass die Mitbewohner in dem Häuserblock, wo ich lebe, bei allen Nachbarn klingelten und Geld sammelten. Ein Heizungsrohr war in einem Nebeneingang geplatzt, weshalb die Heizung nicht funktionierte. Das Geld wurde für ein Privatunternehmen benötigt, weil die städtische Wohnungsgesellschaft den Schaden nicht beheben konnte – zu viele Anfragen; der nächste Termin wäre sonst in gut einem Monat gewesen. Alle gaben etwas Geld und einen Tag später lief die Heizung wieder.
Gegen frühen Nachmittag wurde heute dann Luftalarm ausgelöst und kurz darauf hörte ich auch Detonationen. In den Telegram-Gruppen sah ich dann, dass es bei Butscha und Irpin (ca. 8km Luftlinie westlich von mir) Aufklärungsdrohnen gab, die abgeschossen wurden. Bereits zu Kriegsbeginn (in der ersten Woche) hatte ich aus dieser Richtung Gefechtslärm gehört. Erst viel später verstand ich allerdings, wo das war. Die Massaker von Butscha wurden im April/Mai 2022 weltbekannt. Aus dieser Richtung kamen auch heute die Explosionsgeräusche.
Wegen des Stroms konnte ich heute Schreibkram am PC erledigen. Von Freunden weiß ich, dass sie ihren Tagesablauf den Abschaltungen anpassen (Wäsche waschen, an PCs arbeiten, kochen). Einziges Problem: inzwischen gibt es keine Abschaltpläne mehr. War es noch vor zwei, drei Wochen möglich, sich zu erkundigen, wann es voraussichtlich Strom gibt und wann nicht, sind solche Informationen nicht mehr verfügbar. Der Viber-DTEK-Bot antwortet nur manchmal bei Stromausfall, wann er wieder kommt.
31. Jan 2026 Erster Tagebucheintrag
Mal sehen, wie die Nacht wird und ob es ruhig bleibt. Eigentlich hieß es ja, dass es eine Woche lang keine Angriffe geben soll, doch nach dem heutigen Luftalarm scheint diese Woche bereits vorbei. Man verliert unter diesen Umständen irgendwie das Zeitgefühl.
Heute gegen 8 Uhr aufgestanden, Wohnung war warm. Strom, Heizung und Wasser war vorhanden. PC hochgefahren und ein Projekt bearbeitet. Kurz nach 10:30 flackerte das Licht, das ich anhatte, weil es draußen diesig war. Strom instabil. Dann nach 5 Minuten weg. PC, der an einer USV hängt, heruntergefahren und beim Viber-DTEK-Bot nachgefragt, wann unter meiner Adresse wieder Strom kommen soll. Da hieß es, heute Abend um 22 Uhr. Das sind immer grobe Angaben – manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger. Alles schon gehabt.
Im Internet (per Smartphone noch erreichbar) hieß es, die Metro stünde still. Das war seit Kriegsbeginn das erste Mal, dass ich das mitbekommen hatte. Für mich nicht ganz so schlimm, weil ich nicht in die Stadt musste. Dennoch ein Novum. Leute mussten offenbar aus den Waggons aussteigen und durch die Tunnel zur nächsten Station gehen, wo die Rolltreppen nicht liefen – alles im dunkeln.
Nicht so neu war, dass es kein fließendes Wasser in meiner Wohnung gab. Die Heizung fiel dann auch noch aus. Wasserabschaltung kenne ich bisher eher selten und funktioniert dann meist nach ein paar Stunden wieder. Für die Heizung gilt das Gleich.
Kurz nach 14 Uhr war ich einkaufen. Draußen lag die Temperatur bei minus 10°C. Da es vor ein paar Tagen „warm“ war (um den Gefrierpunkt mit Sonne) und der Schnee (ca. 20cm hoch) taute und alles in Matsch verwandelte, gefror jetzt (seit vorgestern) diese Masse. Teils spiegelglatt, teils unwegsam wie eine Mondlandschaft.
Das Problem an diesen Außenverhältnissen ist, dass Leute, die bei Alarm in Luftschutzkeller wollen, erst einmal dorthin kommen müssen. Bei Dunkelheit, da Angriffe meist Nachts erfolgen und bei dieser Glätte, oft mit Kindern, kann man sich aussuchen, ob man hinfällt und sich etwas bricht, oder sich der Gefahr aussetzt, dass das Haus von einer Drohne oder Rakete getroffen wird. Teils wird der Alarm allerdings nach kurzer Zeit (nach 10-30 Minuten) aufgehoben und es passiert nichts. Da stellt sich die Frage, ob man sich aus dem warmen Bett aufraffen kann, sich anzieht und in die eisige Nacht zum Schutzraum begibt, um auf dem Weg dann zu hören: Fehlalarm.
Im Laden angekommen, war alles soweit vorhanden. Dass es Auswahl gibt, ist nicht selbstverständlich. Kürzlich kam ich von einer Dienstreise zurück und die Regale wirkten leer. Doch weil Stromnotabschaltungen das vierte Jahr bekannt sind, haben die Supermärkte alle Notgeneratoren. Schließlich gibt es verderbliche Waren (Milchprodukte, Fleisch, Wurst…), die ohne Kühlung kaputt gehen würde.
In den Läden ist es auch einigermaßen warm. Trotzdem sind die Läden nie wirklich überfüllt. Prinzipiell merke ich den Krieg nicht, wo ich lebe. Auch die Preise sind seit einem Jahr stabil. Verglichen mit „vor dem Krieg“ allerdings deutlich gestiegen.
Bis zur Fertigstellung dieses Texts: kein Strom, Wasser tröpfchenweise, Heizung wieder in Betrieb (Innentemperatur 19°C; Außentemperatur: -14°C)
Spenden gegen Krieg und fuer die Menschen in der Ukraine
Empfänger: Deutsch-Ukrainisches Forum e.V.
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Redaktion. H-und-G.info, Berlin. h-und-g.info/
1Jörg Drescher leitet seit 2018 das Kyjiwer Büro des Deutsch-Ukrainischen Forums und organisiert unter anderem humanitäre Hilfe in der Ukraine. Er lebt seit 23 Jahren in Kyjiw. In Kooperation mit H-und-G.info