Blücherorden
von Stefan Wolle
An der Uniformjacke von Armeegeneral Heinz Keßler, dem letzten Verteidigungsminister des SED-Staates, funkelten jede Menge Orden. Doch die höchste Militärauszeichnung der DDR fehlte – der Blücherorden. Das hatte einen einfachen Grund. Der Orden wurde niemals verliehen. Erst nach einem siegreichen Feldzug sollte der Blücherorden wie auch der Rang des „Marschalls der DDR“ für „Tapferkeit im Felde“ vergeben werden.
So makaber die Vorstellung ist, dass nach einem Atomkrieg die wenigen Überlebenden aus ihren unterirdischen Bunkern kriechen und sich gegenseitig Ordensblech ans Revers heften, so ernsthaft wurde für diesen Fall vorgesorgt. In den Panzerschränken des Ministeriums für Nationale Verteidigung entdeckte man bei dessen Abwicklung 1990 eine Kiste Blücherorden. Auch in der Ordensfabrik VEB Präwema in Markneukirchen fanden sich noch im Jahr 1990 Exemplare. Die Existenz dieses Militärordens war bis dahin geheim gewesen. Es gab ihn in drei Stufen –Bronze, Silber und Gold. Der Orden am Band war in Kreuzesform und trug in der Mitte das von einem Eichenkranz umrankte Porträtmedaillon Gebhard Leberecht von Blüchers. Die an der Dienstuniform zu tragende Interimsspange war mit zwei gekreuzten Schwertern über dem Bildnis des preußischen Generals verziert. Auf der Rückseite war der Spruch „Für Tapferkeit“ eingeprägt. Zusätzlich gab es, ebenfalls in drei Stufen, eine Blüchermedaille für die unteren Dienstgrade.
Die Symbolik von Kreuz und Eichenlaub entsprach dem Traditionsverständnis der NVA, die sich seit ihrer Gründung 1956 auf die Befreiungskriege der Jahre 1813 bis 1815 berief. Der Schnitt der Uniformen sollte an die Freikorps erinnern, die damals gegen Napoleon zu Felde zogen. Auch sonst waren die Feldherren und Sänger des alten Preußen in der sozialistischen Armee der DDR stets präsent. Der höchste verliehene Militärorden war nach dem preußischen Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst (1755-1813) benannt und der Kunstpreis der NVA nach Theodor Körner, dem Freiheitssänger von 1813.
So zwiespältig das Verhältnis der DDR zu Preußen war, ein Ereignis wurde immer hochgehalten – die deutsch-russische Waffenbrüderschaft in den Kriegen gegen Napoleon. So war es naheliegend, dass der Kriegsorden der DDR den Namen des Generalfeldmarschalls Blücher trug, den die Russen wertschätzend „Marschall Vorwärts“ nannten. Unter seiner Führung setzten in der Neujahrsnacht zu 1814 die ersten Soldaten über den Rhein, um am 30. März siegreich in Paris einzumarschieren. Etwa ein Jahr später entschied sein Korps die Schlacht bei Waterloo.
Niemand dürfte traurig sein, dass der Welt im Zeitalter der Atombombe solche Waffentaten erspart geblieben sind und die Orden im Stahlschrank geblieben sind. Jeder kann sich heute einen originalen Blücherorden für nicht viel Geld im Internet bestellen und sich zu Hause an die Brust heften.