Die roten Preußen - Die Nationale Volksarmee der DDR
von Stefan Wolle[1]
Jeden Mittwoch um 14.30 Uhr schien im Zentrum der Hauptstadt der DDR das alte Preußen auferstanden zu sein. Mit Pauken und Trompeten zog die Paradetruppe des Wachregiments „Friedrich Engels“ von ihrer Kaserne zur Neuen Wache Unter den Linden. Um dem entmilitarisierten Status von Berlin Genüge zu tun, war die Einheit formell dem sowjetischen Stadtkommandanten unterstellt. Die Westalliierten duldeten diesen Etitkettenschwindel stillschweigend. Sie waren es müde, jede Woche eine Protestnote bei der sowjetischen Besatzungsmacht überreichen zu müssen. So zelebrierte die Nationale Volksarmee DDR in ihren steingrauen, an Hitlers Wehrmacht erinnernden Uniformen ungestört ihre preußisch-deutschen Traditionen.
Der Stechschritt knallte über das Straßenpflaster, zackige Kommandos erklangen und der Kommandeur des Wachbataillons fuchtelte mit dem blankgezogenen Säbel herum. Dann erfolgte die Wachablösung. Bei Regen und Sonnenschein standen zwei Posten mit geschultertem Gewehr jeweils eine halbe Stunde reglos vor der „Gedenkstätte für die Opfer von Faschismus und Krieg“. Immerhin befreite man sie von der Pflicht, einen Stahlhelm zu tragen. Sie durften eine leichtere Plasteausführung aufsetzen. Unmittelbare Feindeinwirkung war ja nicht zu befürchten.
Die Zeremonie vor Schinkels Neuer Wache war nicht neu. Schon unter dem Kaiser, auch in der Weimarer Zeit und später unter Hitler fand der Aufmarsch statt. Er hieß damals etwas schlichter „Wachaufzug“. Seit der Wiederaufnahme der Tradition am 1. Mai 1962 hieß er dann „Großer Wachaufzug“. In der kleinen DDR hatte eben alles groß zu sein.
Die Staatspropaganda wurde nicht müde, die Nationale Volksarmee mitsamt ihrer Traditionspflege zu rühmen. Sie pries die Schönheiten des Soldatenlebens und erklärte die Wehrpflicht zum „Ehrendienst“. Die jungen Männer, denen eine solche Ehre drohte oder die sie gerade hinter sich hatten, sagten einfach „Plempe“. Das ist bestes Rotwelsch und heißt Waffe, im übertragenen Sinne auch Armee. Übrigens wurde der dünne und bittere Ersatzkaffee, mit dem die Soldaten malträtiert wurden, von ihnen auch Plempe genannt.
Doch der Muckefuck war nicht der Hauptgrund für die Soldaten, für jeden verflossenen Tag einen Zentimeter vom Bandmaß abzuschneiden. Der Dienst war stumpfsinnig, die Ausbildung hart, der Kasernenalltag voller Schikanen, Verpflegung und Unterbringung katastrophal. Doch führte kein Weg am „Ehrendienst“ vorbei.
Alle tauglich!
Kurz vor dem achtzehnten Geburtstag flatterte jedem männlichen Jugendlichen eine vorgedruckte Postkarte ins Haus. Sie enthielt die Aufforderung, beim Wehrkreiskommando zur Musterung zu erscheinen. Dort fand eine ärztliche Untersuchung statt, die keineswegs so lustig war wie in Thomas Manns „Felix Krull“. Nur 3,6 Prozent der Untersuchten wurden für dauernd dienstuntauglich befunden. Für den Rest folgte der Augenblick der Entscheidung. Vor der Musterungskommission hatte jeder seine Wahl zu treffen, dessen Konsequenzen weit über die Dienstzeit hinausgingen. Es gab fünf Möglichkeiten. Erstens die gänzliche Verweigerung des Militärdienstes. Dafür drohten zwei Jahre Knast. Nur 0,1 Prozent der Wehrpflichtigen wählten diesen Weg. Doch im Laufe der Jahre wurden 3.000 Totalverweigerer abgeurteilt. Die zweite Möglichkeit war der waffenlose Dienst als Bausoldat. Das war ein Kompromiss, dem der Staat 1963 nach kirchlicher Intervention zugestimmt hatte. 1,1 Prozent der Gemusterten entschieden sich dafür. Allerdings konnte ein ehemaliger „Spatensoldat“ jede weitere berufliche Entwicklung außerhalb der Kirche vergessen. Drittens gab es den Weg des geringsten Widerstandes, den die große Masse wählte, den gesetzlich vorgeschriebenen anderthalbjährigen Grundwehrdienst ohne Murren abzudienen. Viertens kam ein freiwillig verlängerter Dienst von drei Jahren in Frage. Speziell Abiturienten drohte bei Verweigerung dieser Dienstverlängerung die Streichung des Studienplatzes. Fünftens schließlich lockte ein zwölfjähriger oder lebenslanger Dienst in der NVA, der immerhin ein gutes Auskommen versprach, für die meisten Menschen aber eine Schreckensvorstellung war.
Bewaffnet bis an die Zähne
In der älteren Generation herrschte zumindest in den fünfziger und sechziger Jahren noch ein elementarer Pazifismus, speziell bei den Frauen. Zu viele Mütter hatten „ihre Söhne beweint“, wie es im Text der Nationalhymne von Johannes R. Becher hieß. Diese Friedfertigkeit entsprach zunächst auch der Politik des neuen Staates, der streng alles Militärgehabe ablehnte. Später lehnte sie dies nur noch im Westen ab. „Der Frieden muss bewaffnet sein“, lautete seit 1952 die Parole. Es gab also keinen Hinderungsgrund, den „ersten Friedensstaat auf deutschem Boden“ nicht bis an die Zähne zu bewaffnen. „Gefechtsbereit zu jeder Stunde“ war die Forderung, die oft mit Pappbuchstaben an die Propagandatafeln in den Kasernen geheftet war.
Die NVA war neben den anderen „bewaffneten Organen“ das Knochengerüst dieser durchorganisierten Kriegstüchtigkeit. Zunächst entstand 1952 die Kasernierte Volkspolizei, die aber bereits kriegsmäßig ausgerüstet war. Am 1. März 1956 fand die formelle Gründung der NVA statt. Etwa 500 ehemalige Wehrmachtsoffiziere begleiteten den Aufbau der neuen Armee, teilweise in hohen Positionen.
Erst nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 führte man die Wehrpflicht ein. Davor wäre wohl ein beträchtlicher Teil der Rekruten vor der Einberufung in den Westen entschwunden.
Die NVA und die Grenztruppen, die zeitweise zum Innenministerium gehörten, nahmen nun eine wichtige Funktion im Machtgefüge der SED ein.
Personalbestand der NVA im März 1990
Ministerium und zentrale Stellen 17.500
Landstreitkräfte 81.100
Luftstreitkräfte/Luftverteidigung 26.500
Volksmarine 10.000
Grenztruppen 28.000
Gesamt 163.000
Zivilangestellte 35.800
Hinzu kamen die Militäreinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit, die kasernierten Polizeibereitschaften der Volkspolizei sowie die infanteriemäßig ausgerüsteten Kampfgruppen der Arbeiterklasse, die direkt der SED unterstanden.
Das gesamte System der Landesverteidigung war nahtlos in den Warschauer Pakt integriert. Im Ernstfall hätte es direkt unter sowjetischem Oberbefehl gestanden. Ausbildung, Bewaffnung und taktische Richtlinien entsprachen den sowjetischen Normen. Die „Freunde“ waren die sowjetischen Waffenbrüder, die Väter aber, zu denen man sich teil ganz offiziell, teilweise verschämt bekannte, waren die deutschen Soldaten von den Freikorps der antinapoleonischen Befreiungskriege bis zum Zweiten Weltkrieg.
Wehrtüchtig vom Kindergarten bis zur Uni
Bereits im Vorschulalter stand die Verteidigung der Heimat in den Erziehungsplänen, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob die Kindergartentanten das auch durchführten. In der Schule allerdings wurde die militärische Ertüchtigung großgeschrieben. Dazu diente der Sportunterricht aber auch Veranstaltungen der Pionierorganisation und der FDJ. Geländespiele mit Karte und Kompass, Schießübungen und Handgranatenweitwurf gehörten zum festen Programm. In den höheren Klassen und an der Universität wurden regelrechte Wehrlager durchgeführt. Die Mädchen und die Dienstuntauglichen erhielten gleichzeitig eine Zivilverteidigungsausbildung.
Seit 1979 wurde Wehrkunde in der 10. und 11. Klasse als reguläres Unterrichtsfach eingeführt. Hier regte sich erstmals Widerstand. Die Opposition organisierte die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ und andere Aktionen gegen die allgegenwärtige Militarisierung.
Das eigentliche Wunder der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 bestand darin, dass ein hochgerüstetes System sich widerstandslos aufgab. Im April 1990 wurde der Wehrdienstverweigerer und Gemeindepfarrer Rainer Eppelmann Minister für Abrüstung und Verteidigung. Die Generäle standen vor ihm stramm wie vor ihren früheren Vorgesetzten. Am 3. Oktober 1990, um null Uhr null, zogen die diensthabenden Wachen die Uniformen der Bundeswehr an. Selten ist eine Armee so friedlich untergegangen, wie die Nationale Volksarmee der DDR. Dieses Ruhmesblatt kann ihr keiner nehmen.
[1]Stefan Wolle war zuletzt Berater des DDR-Museums Berlin, dessen wissenschaftlicher Leiter er bis 2024 war. Autor zahlreicher Monographien zur DDR.