Persönliche Erfahrungen mit den bewaffneten Organen in der Deutschen Demokratischen Republik
Ein Erlebnisbericht von Michael Wohlfarth[1]
An einem Montag im Herbst 1989, am 9.Oktober, habe ich mich von Altenburg in Thüringen aus ach Leipzig aufgemacht, es war der Tag mit dem größten Aufgebot an bewaffneten Organen, allerdings auch mit 10- tausenden von Demonstranten. Wir wollten sehen, was unser Sohn macht, der ein Praktikum bei einer Leipziger CDU - Zeitung absolvierte und dem die bewaffneten Organe (Kampfgruppen, Polizei-Bereitschaft, u.s.w.) bei einer DEMO im September die Kamera weggenommen hatten- wegen der Bilder, die nicht um die Welt gehen durften. Denn das war ja das Unheimliche: Es gab damals keine Verbindung zu eben dieser Welt mehr. Wir kannten nur noch unsere. Mir wird das jetzt noch einmal besonders deutlich in diesen Tagen, wo das Internet von den Mullahs in Theheran abgeschaltet wird. Und nicht nur das. Auch das Telefon. Die Angst vor der Welt da draußen! Genau das war das Grundgefühl der Regierenden a u c h in „unserem“ sozialistischen Staat. Das erzeugt eine Wagenburg aus Ideologie und Militanz auf allen Ebenen. -
Damals, 1989, kamen wir in Leipzig auf dem Karl-Marx-Platz, dem Platz vor der Oper, an und trafen dort Georg Harpain, den Leiter des Magdalenenstiftes in Altenburg. Dieser sagte mir n a c h der Demo:“ JESUS hat die Demonstration angeführt. Ich habe es gesehen.“ Das geht mir bis heute durch und durch, wenn ich an seine Worte denke und ich weiß auch, woher dieser ehemalige Jugend - Diakon aus dieser alten thüringischen Residenzstadt den Mut hatte. Denn noch vor Beginn der Demo sagte er: “Wir müssen da ins Gebüsch. Da stehen die LKW“s der Kampfgruppen. Ich habe die Hunde gesehen, die sie mitführen“. Tatsächlich waren sie dort stationiert. Wir gingen unbehelligt von LKW zu LKW, stiegen die Treppchen hinauf zu den „Kumpels“ in Uniform: Arbeiter aus Betrieben in und um Leipzig, die auf ihren Bänken saßen und auf den Einsatzbefehl warteten. „Bitte lasst nicht die Hunde los! Es könnten Eure Kinder sein, die da auf Euch zukommen“, sagten wir quasi im Chor. - Sie hörten uns zu und schmissen uns nicht vom Wagen. „Hoffentlich kommt ein solcher Einsatzbefehl nicht“, wird mindestens die Hälfte gedacht haben. Da bin ich mir sicher.
Es ist bekanntlich nicht dazu gekommen, dass sie die Hunde losgelassen haben und mein Sohn hat mit Freunden nach Weihnachten `89 einen LKW aus Dresden geholt aus Beständen der dortigen organisierten Verbände, um damit Lebensmittel in den Osten nach Rumänien zu bringen. Sie durften das Fahrzeug einer dortigen griechisch-katholischen Gemeinde überlassen zur örtlichen Versorgung. Es war keineswegs der einzige Kontakt mit den Organen, denen man in der DDR kaum ausweichen konnte.
Wenn, ich zum Beispiel an unseren GST - Chef (Chef der paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik) in dem Dorf denke, in dem ich bis zum 1. Mai 1988 der pastor loci war, der ORTSPFARRER. Dieser war zuständig für die Motorisierung der Bevölkerung mit dem MOPED SIMSON SUHL. Auch solch ein schönes Wort aus dieser Zeit der Diktatur des Proletariats in unserem Leben! Jeder der umsonst mit SCHEIN Moped fahren lernen wollte, musste bei ihm anklopfen. Auch meine Frau.
Noch genauer dokumentiert sind die Berührungen mit solchen Kräften durch Gespräche mit Gemeindegliedern. Die Staatssicherheit gehörte ja auch zu den bewaffneten Organen. Die Obersten und andere Militär - Ränge in meinen tausendseitigen Stasi-Akten, die als OV und OPK bezeichnet wurden, jagen mit noch heute Angst und Schrecken ein. Und meiner Frau. Wenn wir die Akten lesen!
In den DDR-Zeiten war immer Heiteres, Schlimmes und ganz Schlimmes miteinander vermischt, wenn ich zurück denke. Das i s t eine Lebenserfahrung, die ich auch heute anwende in der Beurteilung vieler Dinge, die ja alle p o l i t i s c h u n d m e n s c h l i c h sind!.-
Auf meinem und seinem Schreibtisch dienen zwei Aufhängevorrichtungen für Sturmgewehre aus dem LKW, den mein Sohn nach Rumänien überführte, der im Notfall als Lazarett gedacht war, als ERINNERUNG AN DIE BEWAFFNETEN ORGANE. In die Hohlräume lege ich Büroklammern, Radiergummis und anderes mehr. Von daher begleitet mich die Erinnerung daran ständig bei allem, was ich schreibe und geschrieben habe- als Pfarrer und als Autor. Bei jeder Predigt, die ich in den PC tippe.
[1]Pfarrer und Mitinitiator der friedlichen Revolution in Altenburg