Bausoldaten im Koloss von Prora

Ein fiktives Gespräch ehemaliger Waffendienstverweigerer

Thomas Weigel[1]

„Heute und Gestern - das Aufarbeitungsforum im Internet möchte über Bausoldaten in Prora informieren. Wo fangen wir an?“, fragte Tobias.

„Wie wäre es mit Poesie?“, entgegnete Michael. „Drei Worte genügen – nie wieder Rügen, drei Worte mehr - nie wieder her, drei Worte drauf - nie wieder rauf! Dieses legendäre Gedicht kannte wohl jeder, der seine achtzehn Monate als Bausoldat, gleich Waffendienstverweigerer, im Koloss von Prora herunterschrubbte.“

„War es so schlimm? Erzähl mal deine Geschichte, Michael!“

„Prora galt ab 1982, dem Beginn der Arbeiten für den Überseehafen Mukran, als gefürchteter Standort. Ich durfte ab Frühjahr 1984 beim Bau der Seepfeiler für die Anlegedocks mitschuften. Zunächst wurde ein Haufen Sand im Meer aufgeschüttet. Darüber stülpte man eine Betonglocke, die mittels Druckluft oben gehalten wurde. Mangels brauchbarer Baggertechnik musste die Glocke bis auf eine Tiefe von zwanzig Metern mit der Hand in den Meeresboden eingegraben werden. Zehn Bausoldaten und zwei Zivilbeschäftigte gelangten über eine druckausgleichende Schleuse in die Glocke. Unter Druckluft gruben wir Schicht für Schicht Sand, Ton und Meeresgestein weg. Eine Laufkatze in Verbindung mit einem elektrischen Aufzug beförderte den Meeresboden nach oben. Nach fünfzig Minuten Schachtarbeit gab es eine kurze Pause, während der Druckluft abgeblasen wurde. Der Betonpfeiler, der etwa zwölf mal acht Meter breit und in der Endphase über zwanzig Meter tief war, senkte sich Zentimeter für Zentimeter. Dann wurde der Druck wieder erhöht, der Pfeiler kam zum Stehen und wir schachteten weiter. Viele erkrankten. Die immer kühle und feuchte Luft führte zu ständigen leichten Erkältungen, manche bekamen Ohrendrücken bei der viel zu schnellen Ein- und Ausschleusung. Andere stellte man wegen akuter Kopf- und Ohrenschmerzen von dieser Arbeit frei. Einige holten sich die so genannte Druckfallkrankheit, die zu höllischen Schmerzen in den Gelenken führte und schon unter normalen Bedingungen oft einen monatelangen Heilungsprozess erforderte. Als Folge der Entwicklung von Gasblasen entstand eine Gasembolie (Hauptanteil Stickstoff bei Luftatmung) mit Durchblutungsstörungen oder Gewebezerreißungen. In meinem Sechs-Mann-Zimmer waren zwei, die immer wieder mal zitternd auf ihren Stühlen saßen. Ich kam mit einer Dauererkältung davon.“ 

„Während meiner Dienstzeit von November 1986 bis April 1988 galten Arbeiten beim Gleisbau als besonders herausfordernd“, erzählte Tobias. „Immerhin wurden auf dem Areal einhundert Kilometer Gleise verlegt mit viel per Hand geschipptem Schotter. Ebenso gefürchtet war der Einsatz als Anschläger. Dabei stehst du auf nem protzigen LKW. Ein Kran lässt ein Seil herunter. Den musst du in Ringe, die in riesige Betonplatten eingesetzt sind, einhaken. Du hebst den Arm, drehst die Hand und der Kranführer zieht die Platten hoch. Zieht der zu zeitig, steckt deine Hand noch im Ring. Außerdem musst du von den manchmal gefährlich drehenden Platten wegkommen. Sonst biste Brei. Wieder andere huben Gräben mit Hilfe von Hacke, Schaufel, Spaten und Schubkarre aus. Der Gebrauch von Technik war uns nicht erlaubt, höchstens mal ein Presslufthammer. Gefrorener, steiniger, verwurzelter oder verschlammter Boden erschwerten die Arbeit. Im Januar 1987 behalf ich mich zusammen mit einem anderen der Idee, heiße Asche auf den gefrorenen Boden zu schütten. Die Asche holten wir mittels Schubkarre aus einem der ebenfalls von Bausoldaten betriebenen Heizhäuser. Der Erfolg war minimal, die Schubkarre hochgradig gefährdet. Aber egal. Für jede Bausoldatenstunde erhielt die Nationale Volksarmee (NVA) 25 Mark, etwa das drei- bis vierfache eines in der DDR Beschäftigten. Die Einnahmen kamen dem Ministerium für Nationale Verteidigung zugute. Der Hafen wurde übrigens von 3500 Arbeitern errichtet. 2,3 Milliarden DDR-Mark ließ sich die SED dieses Prestigeprojekt kosten.“

„Wie wurde man überhaupt Bausoldat?“, leitete Michael das Gespräch zu einer grundsätzlichen Frage. „Nach Einführung der Wehrpflicht 1962 erlaubte der Staat auf Druck der Kirchen 1964 die Ableistung des Dienstes aus Glaubens- und Gewissensgründen alternativ und waffenlos in Baueinheiten. Dieses Konstrukt gab es im Ostblock sonst nicht. Auch deshalb hielt es die DDR-Führung weitgehend geheim. Diejenigen, die sich für den Dienst als Bausoldat entschieden, mussten beruflich und gesellschaftlich mit deutlichen Nachteilen rechnen. Studieren? Fast unmöglich.“

Tobias nickte. „Den Weg hatte ich mir mit meinen Verweigerungen von Pionierhalstuch, FDJ-Hemd und Jugendweihe eh schon verbaut. Na gut. Wo haben Bausoldaten denn während der achtzehn Monate so mitgebaut, in Prora und anderswo?“

„Jedenfalls nicht an Krankenhäusern oder Kindergärten, sondern besonders ab den achtziger Jahren im Braunkohletagebau, in der Chemie und an militärisch nutzbaren Anlagen. Auch für den Fährhafen in Mukran war eine solche Anwendung vorgesehen. Die nach Fertigstellung sechs eingesetzten Fährschiffe konnten Panzer, Geschütze und Raketen problemlos befördern. Es wurde sogar über den Transport von Atomraketen spekuliert. Unter Deck gab es geheime Truppen-Transporträume für 300 Soldaten. Die Fähren hatten einen Doppelhüllenrumpf zum Schutz vor Torpedos.“

„Michael, ich recherchierte, dass die Fährlinie von Rügen nach Klaipėda (heute Litauen) Ende der achtziger Jahre als eine der leistungsstärksten der Welt galt. Dafür sorgten die eigens auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar gebauten und 190 Meter langen Eisenbahnfähren, die 103 Güterwaggons aufnahmen, für die Strecke hin und zurück nur 48 Stunden benötigten und die Ladung zügig löschten. Die DDR lieferte hauptsächlich Maschinen, Möbel und Papier. Auf der Rückfahrt waren die Schiffe dagegen häufig mit Eisen, Dünger und Holz beladen.“

„Jetzt noch einen Blick auf unseren Alltag in der Kaserne“, forderte Michael.

„Das ist schnell erzählt. Wir waren in Prora in drei Kompanien zu je 120 Personen in den Kasernen untergebracht und unterlagen militärischem Drill. Marschieren, Übungen mit Gasmasken und Schutzanzügen und politische Schulungen ergänzten besonders in den ersten sechs Monaten den Alltag. Später dienten das Marschieren und die Atemübungen unter dem Schnuffi eher als Maßnahmen zur Disziplinierung. Im Sommer wurden wir um 4:15 geweckt, marschierten mehr oder weniger geordnet zum Frühstück und waren um 6:00 Uhr auf der Baustelle. 17:00 Uhr ging es zurück, Abendessen, Stubenreinigung, ein bisschen Freizeit und 21:00 Uhr war Nachtruhe. Ausgang gab es bei guter Führung einmal in der Woche ab 17:00 Uhr, selten sonntags ab 8:00 Uhr und natürlich immer nur in Uniform mit den kleinen Spaten auf den Schulterklappen.“

„Die waren erst golden. Als andere Soldaten beim Anblick der sonst nur Offizieren vorbehaltenen goldenen Insignien salutierten, wurden die nur noch in grau ausgegeben. Aber wir haben die Farbe abgekratzt und die dann wieder goldenen besonders auf den Heimfahrten verwendet.“

„Was versprach sich die NVA mit der Bildung großer Kompanien?“

„Wohl vorrangig eine bessere Kontrolle dieser wachsenden Form der feindlich-negativen Kräfte, die sich anfangs fast ausschließlich aus Christen zusammensetzten“, erklärte Michael. „In den achtziger Jahren entdeckten zunehmend auch andere Systemgegner und Ausreisewillige den Dienst als Bausoldat. Die Konzentration vieler Bausoldaten wie in Prora führte jedoch auch zu einer besseren Vernetzung dieser Oppositionellen. Der Historiker Bernd Eisenfeld meinte, dass die Kasernenräume zu Brutstätten oppositioneller Gedanken und zur Teststrecke für den aufrechten Gang wurden. Das war so sicher nicht gewollt.“

„Apropos sicher. Natürlich versuchte die Staatssicherheit Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu rekrutieren. Bei den waffentragenden Soldaten war es in der Regel kein Problem einen von zwanzig zu gewinnen. Diese Norm wurde für Bausoldaten auf einen von fünfzig herabgesetzt, wohl um die Schwierigkeit der Gewinnung und Führung wissend. Nach Auswertung von Stasiakten nach der Wende musste man sich 1980/81 mit der Gewinnung von einem von einhundertzehn zufriedengeben. Bis zum Ende der achtziger Jahre sank der Erfolgsanteil sogar weiter auf 1:200.“

„Tobias, spieltest du mal mit dem Gedanken, den Wehrdienst total zu verweigern?“

„Nein. Dazu fehlte mir der Mut. Hätte ich damals gewusst, dass ab 1985 Totalverweigerer aus religiösen Gründen nicht mehr inhaftiert wurden, vielleicht. Die SED wollte wegen politischer Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben wie Parteitage und Wahlen, Ruhe haben. Und es lag später auch an der Empfehlung der UNO-Menschenrechtskommission 1987, ein Recht auf Wehrdienstverweigerung in die nationale Gesetzgebung aufzunehmen.“

„Ich traute mich auch nicht“, gab Michael zu. „Aber wie von den allermeisten der insgesamt etwa 15.000 jungen Männern im Zeitraum von 1964-1989 wurde die Entscheidung für den Bausoldatendienst als fauler Kompromiss empfunden. Die Totalverweigerung wurde mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft. Dem wollten sich die Bausoldaten nicht aussetzen, doch immerhin etwa 7.500 andere junge Männer. Darunter befanden sich viele Angehörige Zeugen Jehovas, nach deren Glaubensauffassung das Tötungsverbot der Bibel und das Prinzip der Nächstenliebe als göttliches Gebot über dem Gebot, der Obrigkeit gehorsam zu sein, steht.“

„Mein Unbehagen begann mit der Einberufung als knapp 26jähriger. Als Erzgebirger, der in Leipzig arbeitete, war Prora der am weitesten entfernte Einsatzort. Übel war das Anziehen der Uniform und das nach Hause schicken der zivilen Klamotten. Richtig ungemütlich waren die militärischen Übungen und absolutes Ärgernis: das Gelöbnis. Ich lese es dir mal vor:

ICH GELOBE: Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und meine Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungsbereitschaft einzusetzen.
ICH GELOBE: Als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistungen aktiv dazu beizutragen, dass die Nationale Volksarmee an der Seite der Sowjetarmee und der Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder den sozialistischen Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen kann.
ICH GELOBE: Ehrlich, tapfer, diszipliniert und wachsam zu sein, den Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten, ihre Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen und die militärischen und staatlichen Geheimnisse immer streng zu wahren.
ICH GELOBE: Gewissenhaft die zur Erfüllung meiner Aufgaben erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, die gesetzlichen und militärischen Bestimmungen zu erfüllen und überall die Ehre unserer Republik und meiner Einheit zu wahren.

Mit solchen Bekenntnissen verkaufst du Leib und Seele. Das ging nicht. Zwar fehlte der Bezug zu Waffen, aber auch alles andere war unerträglich. Als meine Kompanie im November 1986 das Gelöbnis abzulegen hatte, traf den vorsprechenden Offizier zunächst eisiges Schweigen. Er drohte daraufhin mit dem Militärstaatsanwalt und harten Konsequenzen. Der zweite Versuch war eine Mischung von lauem Nuscheln der Bausoldaten mit den lauten klaren Stimmen der anwesenden Offiziere, die das Gelöbnis durchtrugen.“

„Genau meine Erfahrung!“, bestätigte Michael. „Aber wie konnten wir uns ganz praktisch wehren? Auf der Baustelle war Sabotage gefährlich. Außerdem wurde den zivilen Bauarbeitern verklickert, dass Bausoldaten Staatsfeinde, Asoziale und Schwule seien, die man heftig zum Arbeiten zu drängen hatte. Im persönlichen Kontakt verflüchtigten sich manche Vorurteile schnell. Trotzdem war das Vorhaben vieler Bausoldaten, so wenig wie möglich zu tun, auf gewisse Umstände angewiesen. In gemischten Bautrupps war es fast nicht möglich. Waren Bausoldaten unter sich, gelang manches. So auch ein Wettbewerb Silberne Schnecke, die aus Schokoladenpapier gebastelt derjenige erhielt, der am langsamsten arbeitete.“

„Und es gab politische Aktivitäten!“, ergänzte Tobias. „Bausoldaten schrieben ständig Eingaben wegen irgendwelchen Dienstverstößen von Vorgesetzten oder vorenthaltenen Rechten. Über die Jahre hinweg gab es Forderungen nach einem zivilen Wehrersatzdienst, nach Anpassung des Gelöbnisses und gegen das Ansinnen, Bausoldaten als Staatsbürger zweiter Klasse zu behandeln. Ein außergewöhnliches Beispiel boten die Wahlen 1984. Du warst direkt beteiligt.“

„Richtig. Es standen Kandidaten zu den Gemeinderäten und zu den Kreistagen zur Wahl. Die Bausoldaten erhofften sich ein zusätzliches Heimfahrtwochenende, um zu Hause ihr Wahlrecht, na ja, eher Wahlpflicht, auszuüben. Schnell war klar, gewählt wird direkt in der Kaserne in Prora. Mit Olaf und Peter überlegte ich, wie die Möglichkeiten der Wahl bis zum letzten Tropfen ausschöpfbar waren und diese Wahl eine richtige Wahl würde. Wir studierten fleißig das Wahlgesetz und die Wahlordnung. Darin waren Wählerforen vorgeschrieben, in denen sich die Kandidaten dem wahlberechtigten Volk vorstellten. Nach Eingaben an den Kreistag und die Bataillonsführung tauchte ein Typ auf, der gar nicht für unseren Wahlbezirk antrat.“

„Prinzip Dummenfang!“

„Eine Frechheit! Nach Protesten stellten sich später alle Kandidaten der SED, der CDU, der LDPD und so weiter vor. Die gezielten Fragen der Bausoldaten zu Hafenbau, Umweltschutz oder der Qualität der Versorgung in der Kaserne, überforderten schon bald die hilflos Phrasen Dreschenden.“

„Allesamt durchgefallen.“

„Durchweg. Die Bausoldaten erkundigten sich genau, wann eine Stimme als gültig oder ungültig, für oder gegen den Wahlvorschlag zählte. Da es eine Blockwahl war, gab es keine Möglichkeit zur Auswahl Einzelner. Als Gegenstimme galt nur, wenn jeder Name einzeln durchgestrichen war.“

„Vergisst du einen einzigen, ist deine Stimmabgabe gültig und zustimmend?“

„Genau so!“

„Und das hatten alle Bausoldaten verstanden?“

„Wir mühten uns redlich um jeden Wahlwilligen. Nicht wenige lehnten eine Wahlbeteiligung ab. Diese Wahl war für sie von vornherein Betrug, eine Beteiligung ausgeschlossen.“

„Entsprach meiner grundsätzlichen Meinung,“ nickte Tobias. „Wobei ich mich damals fragte, ob man mit einer Nein-Stimme nicht doch etwas bewegt. Vor allem, wenn andere erkennen, dass die Zahl der Gegenstimmen von Wahl zu Wahl zunimmt und sie dadurch zum Gang in die Kabine und Abgabe ihres echten Wahlwillens ermutigt werden.“

„Sofern das tatsächliche Wahlergebnis ehrlich veröffentlicht wurde.“ 

„Wie war das in Prora?“

„Über zwanzig Bausoldaten nahmen um 18 Uhr an der Auszählung im Wahllokal der Baueinheit 2 teil. Warte kurz!“ Michael kramte einen Zettel hervor. „Ich habe alles genau notiert! Von 276 Wahlberechtigten traten nur 175 an. Sie hinterließen bei drei ungültigen Stimmen und 94 Nein-Stimmen nur 78 Ja-Stimmen. Die meisten Ja-Stimmen kamen sicher von den Vorgesetzten. Für die NVA und den Wahlkreis war das Ergebnis ein Desaster. Die Kandidaten bekamen keine Mehrheit und waren somit sämtlich durchgefallen. Die Auszählung wurde ordnungsgemäß protokolliert, unterschrieben und an die Wahlleitung weitergegeben.“

„Aber jetzt kommt der Haken…“

„Trotz Holprigkeiten verlief die Wahl in diesem Wahllokal ordentlich. Demokratisch war sie trotzdem nicht, weil die Wählbaren von oben vorgegeben waren und gesellschaftliche Kräfte wie die Kirchen keine Chance für eigene Kandidaten auf der Liste hatten. Die Spannung unter den Bausoldaten auf die Veröffentlichung des Wahlergebnisses in der Presse war enorm. Und die Enttäuschung dann riesig. Im gesamten Wahlbezirk 1 des Kreises Rügen, der das Wahllokal in Prora einschloss, wurden 12 ungültige und 40 Gegenstimmen ausgewiesen!“

„Erbärmlich! Und glatter Wahlbetrug!“

„Oder falsche Berichterstattung? Ein Druckfehler? Die Vorgesetzten kommentierten die Zahlen in der Zeitung nicht. Fast dreißig Bausoldaten wandten sich mit Eingaben an den Kreistag, den Staatsrat, die Volkskammer und die oberste Wahlkommission der DDR unter Vorsitz von Egon Krenz. Sie forderten Neuwahlen für den Kreis Rügen, mindestens Aufklärung. Und. Man staune. Sie nahmen die Beschwerden ernst, ließen sie nicht versanden. Die Kaserne bekam Besuch, angeblich Mitarbeiter des Rates des Bezirkes, die in Einzelgesprächen …“

„In Einzelgesprächen?“

„In Einzelgesprächen! Vor eine Gruppe trauten sie sich nicht. Diesen Druck fürchteten sie. Jeder Bausoldat, der eine Eingabe geschrieben hatte, musste vor den Funktionären und Vorgesetzten antreten, um sich erklären zu lassen, dass man aus militärischen Geheimhaltungsgründen die Ergebnisse aus den NVA-Kasernen auf andere Wahlkreise verteilte. Der Feind solle nicht in Erfahrung bringen, wie viele Soldaten an welchem Ort stationiert wären.“

„So ein Schwachsinn!“

„Auf die Frage, wo man diese Regelungen finde, faselten sie, das stehe unter Geheimhaltungsschutz.“

„Logisch!“

„Weshalb taucht so eine Vorgabe erst nach der Wahl auf?, haderten wir. Ist das Wahlergebnis durch die Umverteilung überhaupt nachprüfbar?“

 „Ich schätze, darauf einhielten sie nur dürre Ausreden,“ folgerte Tobias. „War dies das bittere Ende oder zog noch jemand einen Joker?“

„Briefe an Kirchenleitungen versandeten offenbar. Vielversprechender schien der Kontakt zu Wolfgang Schnur, der sein Zuhause in Binz hatte.“

Tobias erinnerte seine Begegnung mit dem Rechtsanwalt, der in kirchlichem Auftrag unterwegs war. „Ich erlebte ihn 1985 in Leipzig bei einem Auftritt vor Theologiestudenten. Dabei beeindruckte er mit klaren und mutigen Ausführungen zum Einsatz einer friedensbewegten Kirche. Fast atemlos lauschten seine Zuhörer, ließen sich kein Wort entgehen. Mit donnerndem Applaus wurde er verabschiedet, ein Held, der dem Staat Zugeständnisse abrang, der Menschen zur Freiheit verhalf oder zumindest härtere Strafen abwendete. Dieser Anwalt war beispiellos, sein Wirkungsgrad erstaunlich, seine Widerstandskraft erheblich.“

Michael setzte fort: „Komischerweise verwies Schnur nur auf geheime Arbeitsrichtlinien, die die Erklärungen der Wahlkommission rechtfertigten. Und er riet dringend ab, sich an westliche Medien zu wenden. Das hätte bei Aufdeckung harte Strafen zur Folge.“

„Wie wir heute wissen, war er eifrig für die Staatssicherheit im Einsatz“, erklärte Tobias den abwiegelnden Rat des Anwaltes. „Mann, Mann, Mann. Er war mein Geheimtipp für den Fall, dass es mal eng für mich würde. Einen von uns haben sie für drei Monate ins berüchtigte Militärgefängnis nach Schwedt gesteckt. Und bloß, weil der sich ein, zwei freche Sprüche zu viel erlaubte. Pure Abschreckung. Der kam als gebrochener Mann zurück, wurde bald versetzt und vermutlich wegen psychischer Beschwerden vorzeitig entlassen.“

„Gott sei Dank ist der Spuk vorbei!“, meinte Michael. „Doch was bleibt aus unseren Erfahrungen für heute?“

„Ich bewahre unseren Zusammenhalt in meinem Herzen. Auch wenn der nicht dauernd sichtbar oder fühlbar war. Kam es darauf an, jedoch immer. Ich erinnere mich an einen Feiertag, an dem alle Kompanien, die der waffentragenden Soldaten als auch unsere, singend an der Tribüne mit der versammelten Batallionsführung vorbeimarschieren mussten. Beim vorherigen Üben funktionierte es wunderbar. Jeder wollte so schnell wie möglich wieder hoch in sein Zimmer. Am Tag selbst marschierten wir zunächst ordentlich, grölten jedoch in den schrecklichsten Tönen, traten bei jedem dritten Schritt heftig auf und folgten gehorsamst dem Befehl unseres Kommandierenden. Der befahl Rechts schwenk marsch!, vergaß jedoch das Gerade aus! Die drei Vordersten schwenkten also fröhlich weiter bis sich alles verquirlt hatte. Was für ein Chaos. Das spätere Strafmarschieren ertrugen wir mit einem smarten Lächeln.“

„Ich erinnere ähnliche Vorfälle“, grinste Michael. „Gern denke ich jedoch auch an Gespräche mit Vorgesetzten, meist allein mit ihnen, in denen sie Interesse an uns zeigten und sie manche meiner Argumente für wirklichen Frieden ins Nachdenken brachten. Die wussten nicht, dass der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chrustschow 1959 der UNO eine Skulptur Schwerter zu Pflugscharen schenkte. Das Symbol der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR in den Achtzigerjahren sieht man heute wieder öfter.“

„Unsere Kompanie trifft sich jährlich an einem Wochenende, meist verknüpft mit einem Baueinsatz und dem Besuch von Gedenkstätten oder kulturellen Einrichtungen. Fünfzehn bis zwanzig der ehemals 120 sind regelmäßig dabei. Allerhand Freundschaften entstanden damals, die bis heute halten. Viele ehemalige Bausoldaten haben ihre achtzehn Monate in diesem engen Mikrokosmos gut verarbeitet und sind sogar gestärkt aus Prora abgereist. Nicht wenige engagierten sich in der Wende. Auf meine Initiative hin entstand in meinem erzgebirgischen Heimatort eine Bürgerinitiative, die bis heute zu den stärksten Kräften im Gemeinderat gehört. Die AfD ist dort mit keinem einzigen Sitz vertreten.“

„Abschließend: Nie wieder Rügen gilt für mich nicht. Ich war im Sommer mit Kindern und Enkeln in der Jugendherberge in Prora. Also genau da, wo wir damals drin waren. Ich habe mich gefreut, lachende und spielende Kinder am Strand zu erleben, den wir nicht betreten durften. Die neue Atmosphäre gefällt mir und ich hoffe, dass die Geschichte der Bausoldaten in Prora nie vergessen wird. Wer mehr wissen möchte, darf sich gern hier informieren:

http://www.proraer-bausoldaten.de/,
https://prora-zentrum.de/,
http://www.bausoldaten-prora.de/,
https://denkmalprora.de/


[1] Thomas Weigel lebt heute in der Nähe von Kassel. Er war Bausoldat in Prora von November 1986 bis April 1988 und hat den Roman „Ausgangssperre – Bausoldaten im Koloss von Prora“ (ISBN: 9783867161954) verfasst.