Die Gesellschaft für Sport und Technik

Von Ringo Wagner[1]

Die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) war einer der vielen Konzentrationspunkte des gesellschaftlichen Lebens in der DDR. Sie ist bisher aus einer militärhistorischen sowie aus einer sporthistorischen Perspektive analysiert worden. Technikhistorische Arbeiten über die GST sind nicht bekannt, werden aber in den bislang vorliegenden Forschungsergebnissen ansatzweise mit berücksichtigt.

Auf Anweisung Stalins wurde die GST am 7.8.1952 gegründet, unmittelbar nachdem auf der II. Parteikonferenz vom 9.–12.7.1952 der weitere Aufbau staatlicher Strukturen und die forcierte Militarisierung der DDR unter der programmatischen Losung „Errichtung der Grundlagen des Sozialismus“ offiziell gemacht worden sind. Folgerichtig ließen sich in der nach 1989/90 veröffentlichten Literatur anfangs auch nur – zumeist kleinere –Beiträge finden, welche nach Entwicklung, Struktur und Funktion dieser paramilitärischen Organisation innerhalb des Militärwesens in der DDR fragten. Dabei wurden hauptsächlich organisationsgeschichtliche Details vermittelt, etwa dass Mitglied werden konnte, wer das 14. Lebensjahr erreicht hatte, jüngere Schüler hingegen die Zustimmung der Erziehungsberechtigten vorlegen mussten, dass die Mitgliederzahl der GST nach deren eigenen Angaben zu keinem Zeitpunkt über 700.000 hinauskam, dass die GST in Bezirks- und Kreis- bzw. Stadtbezirksorganisationen gegliedert war und in Betrieben, Verwaltungseinrichtungen, Schulen und Wohngebieten Grundorganisationen unterhielt, in denen für die verschiedenen Sportarten Sektionen bestanden, welche noch ergänzt worden sind um eine Vielzahl von örtlichen und zentralen Ausbildungslagern.

Eine militärhistorische Gesamtdarstellung dieser sozialistischen Wehrorganisation der DDR ist im Jahre 2002 vorgelegt worden. Paul Heider, ein früherer DDR-Militärhistoriker, griff dabei auf drei in der vorgelegten Form unveröffentlicht gebliebene Studien zurück, die er selbst zwischen 1995 und 1997 im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam erarbeitet hatte. Dabei wies er das Selbstverständnis der GST als ein wesentlicher institutioneller Träger auf dem Feld der vormilitärischen Ausbildung und Erziehung aus.

Etwa zur gleichen Zeit meldeten sich auch einige Protagonisten vergangener Tage zu Wort. So fungierte Ulrich Berger, langjähriges Mitglied des Zentralvorstands der GST und zuletzt GST-Chefredakteur der Zeitschrift „Sport und Technik“, als Herausgeber eines Buches mit Beiträgen fast aller 1989 im Amt befindlichen stellvertretenden GST-Vorsitzenden sowie weiterer ehemals leitender Funktionäre und Journalisten der GST-Presse. Diese hochkarätige Expertenrunde gewährte Einblicke in den Arbeitsalltag höchster Nomenklaturkader der GST und sie lässt dabei bisweilen erstaunlich kritische Rückschlüsse zu.

Die Rolle der GST für das Sportsystem der DDR ist einer vom Verfasser in einer 2006 veröffentlichten Dissertation hinterfragt worden. Das geschieht vor dem Hintergrund des in der Sportwissenschaft umstrittenen Wehrsportbegriffs. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Kontinuitäten deutscher Wehrsporttraditionen (Weimarer Republik, Nationalsozialismus) auch in der GST noch ihre Fortsetzung fanden.

Abgesehen davon hatte das sportwissenschaftliche Interesse am Forschungsgegenstand DDR seinen Ursprung nicht selten in der Frage nach den Gründen für das „Sportwunder DDR“. Insbesondere in den ersten Jahren nach der deutschen Vereinigung stand deshalb das Leistungssportsystem der DDR im Zentrum der sportwissenschaftlichen Aufarbeitung. In Bezug auf die GST, die im Laufe ihres Daseins für verschiedene olympische Disziplinen zuständig war (z.B. Reiten oder Schießen) und mit vielen ihrer nicht-olympischen Disziplinen (insbesondere aus dem Bereich des Flugsports) zumindest an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen hatte, stellte sich deshalb die Frage, in welcher Weise sie sich in dieses System einordnen lässt. Im Ergebnis der Auswertung ihrer internationalen Sportarbeit, gekennzeichnet durch das Bemühen um Mitgliedschaft in den internationalen Föderationen verschiedener technischer Sportarten, den Drang nach Bestätigung durch das kapitalistische Ausland bei zunehmender Medaillenfixiertheit, die Einbindung in die innerdeutsche Westarbeit und die zunehmende Konzentration des materiell-technischen und finanziellen Mitteleinsatzes auf die erfolgversprechendsten Disziplinen, kann festgehalten werden, dass der Leistungssport in der GST nach den gleichen Prinzipien funktionierte, wie sie für den Leistungssport der DDR insgesamt bisher erforscht worden sind. Dazu gehörte zuvorderst der gesellschaftliche Auftrag, zur Selbstdarstellung und außenpolitischen Anerkennung des DDR-Staates beizutragen.

Später wurden von der Sportwissenschaft in der Aufarbeitung der DDR auch die in der Lebensführung der Menschen vorhandenen alltagssportlichen Aktivitäten aufgegriffen. Eine der Grundannahmen dabei war, dass die Jugend auch in der DDR grundsätzlich an Technik und Sport interessiert war. Demnach muss die GST mit ihren technischen Sportarten auf eine spezifische Nachfrage gestoßen sein. Und tatsächlich waren Freiwilligkeit und Engagement dort zu finden, wo sich die GST-Mitglieder von den eng gesteckten Herrschaftsvorgaben gelöst haben, die ja neben der eigentlichen sportiven Praxis immer auch eine politisch-ideologische Erziehungsarbeit verlangten, flankiert von allgemeinen vormilitärischen Schieß- und/oder Geländeübungen, und sich auf die als Freizeitbeschäftigung verstandene (in den Augen der Herrschenden missverstandene, als „Nur-Sportlertum“ kritisierte) Ausübung der sportiven Praxis beschränkten.

Das insbesondere in den 1950er Jahren zu beobachtende Anerkennungsbestreben der GST auf dem gesamten Sektor der sportiven Freizeitgestaltung in der DDR stand dabei dem eigentlichen Staatsauftrag zur militärischen Vorausbildung im Grunde entgegen, bezeichnet aber den von der GST zurecht für notwendig erachteten Spagat, die Akzeptanz ihrer selbst sowohl bei der Staats- und Parteiführung als auch bei der Bevölkerung unter einen Hut zu bekommen. Mit Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates vom 23.6.1968 verlor die GST die Zuständigkeit für verschiedene Sportarten. Nach dem Willen der Armeeführung sollte sie in erster Linie die „Schule des Soldaten von morgen“ sein und den bewaffneten Kräften gut ausgebildete Rekruten mit stark ausgeprägten physischen Fähigkeiten und disponiblem Handlungsvermögen „zuführen“. Unabhängig davon, dass sie dieser Rolle nur bedingt gerecht werden konnte, verhalf sie sich aber auch zukünftig in ihrem Bemühen, der Jugend attraktiv zu erscheinen, zu einem dauerhaften Platz auf dem Freizeitsektor der DDR. Das ist es, was manche Menschen heute urteilen lässt, sie hätten die GST wie einen Verein erlebt.

Dort jedoch, wo die GST-Administrativen auf einer Umsetzung der Herrschaftsvorgaben von Partei und Armee bestanden, konnte ihre Organisation freizeitrelevante Elemente nicht zulassen. Hier machten sie aus der GST einen paramilitärischen Verband, in dem ein sich beispielsweise am konstitutiven Element der Freiwilligkeit festmachendes, modernes Sportverständnis keinen Platz mehr haben konnte. Stattdessen ist hier eine militärische Durchdringung des Sports zu konstatieren, mithin ein Missbrauch des Sportbegriffs als bloßes Etikett und Lockmittel für die Massen. Konnten sich die bewusst irregeführten jungen Menschen dem anfangs noch entziehen, beschränkte sich ihr Einsatz später nicht selten auf die bloße Erfüllung dessen, was sukzessive zur Pflicht gemacht worden ist, beispielsweise im Rahmen der vormilitärischen Ausbildung an den Schulen. Interessanterweise ist die vormilitärische Ausbildung (Grund- und Spezialausbildung) im Laufe der 1960er Jahre von dem sonstigen Alltagssportbetrieb in den technischen Sportarten abgekoppelt worden. Unter dem Gesichtspunkt der Grenzen der Macht war damit in der GST nur dieser Teil dem politischen Auftrag vollkommen unterworfen, waren hier sehr viel mehr als sonst in der GST herrschaftsabweichende Kompromisse zu Gunsten der Akteure bzw. ein den administrativen Zugriffen bewusstes oder unbewusstes Ausweichen nicht möglich.

Die in der Literatur überdies für die Wehrsportorganisationen im Nationalsozialismus beschriebene, sich aus der Freude und Hinwendung zu einer dem politischen System direkt zugeschriebenen Technik entwickelnde, system- bzw. herrschaftsstabilisierende Wirkung konnte die GST bei der DDR-Jugend übrigens nicht entfachen. Dafür waren wohl die permanenten materiell-technischen Mangelerscheinungen und die Zwänge zu Importen aus dem Ausland, beispielsweise von Sportflugzeugen oder Tauchsportequipment, zu dominant, als das die Jugend hieraus dem Staat gegenüber Dankbarkeit hätte bezeugen wollen.

Das Ende der GST wurde schließlich damit eingeläutet, dass sich von September 1989 bis Januar 1990 die Mitgliederzahl auf ca. 300.000 nahezu halbierte und ebenfalls in dieser Zeit nur noch etwa 50 % der einstmals 8.526 Grundorganisationen und 15.810 Sektionen bestehen blieben. Am 27.1.1990 traten der Vorsitzende und sein gesamtes Sekretariat unter dramatischen Umständen zurück, kurz darauf löste sich auch der Rest des Zentralvorstands auf. Mit der Zweiten Verordnung über die GST, die der von Hans Modrow geführte Ministerrat der DDR am 14.2.1990 erlassen hatte, war zudem die Anleitung der GST durch das Ministerium für Nationale Verteidigung aufgehoben worden.

Aus der GST erwuchs eine neue Gesellschaft mit dem Zusatz „Vereinigung Technischer Sportverbände“ (GST-VTSV), welche als eingetragener Verein registriert wurde. Nachdem in allen Sportverbänden demokratisch gewählte Präsidien die Leitungen übernommen hatten, bestimmte am 28.4.1990 der Sporttag der GST-VTSV die Bildung eines Bundes Technischer Sportverbände (BTSV e.V.). Das gesamte Inventar der ehemaligen GST wurde von der Abteilung Sondervermögen der Treuhandanstalt verwaltet, wobei dem BTSV die Sicherung dieser Sachwerte übertragen wurde. Da sich kurz darauf allerdings die meisten Verbände den entsprechenden Fachverbänden der Bundesrepublik anschlossen, kam es noch im gleichen Jahr wieder zur Auflösung des BTSV. Als Relikt dieser Zeit existiert heute lediglich noch der Deutsche Seesportverband e.V. (DSSV).

Literatur

Heider, P.: Die Gesellschaft für Sport und Technik. Vom Wehrsport zur „Schule des Soldaten von morgen“. Berlin 2002.

Berger, U. (Hrsg.): Frust und Freude. Die zwei Gesichter der Gesellschaft für Sport und Technik. Schkeuditz 2002.

Wagner, R.: Der vergessene Sportverband der DDDR. Die Geschichte der Gesellschaft für Sport und Technik in sporthistorischer Perspektive. Aachen 2006.

Wagner, R.: Wehrsport zwischen Tradition und Neuanfang. Die vormilitärische Erziehung in der DDR und ihre besondere Ausprägung in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 22 (2007), 3-17.

Wagner, R.: Wehrsport für den Frieden? Stalins Theorie von der Unvermeidbarkeit von Kriegen zwischen kapitalistischen Staaten und die Anfänge des Wehrsports in der DDR. In: SALZBORN, S./ZAPF, H. (Hrsg.): Krieg und Frieden. Kulturelle Deutungsmuster. Frankfurt am Main 2015, 87-107.

 


[1]