Bausoldaten in der DDR
Die Anfänge der Friedensbewegung
von Matthias Sengewald
Nach der Einführung der Wehrpflicht in der DDR im Jahr 1962 verweigerten vorwiegend christlicher Menschen den Wehrdienst und waren dafür auch bereit ins Gefängnis zu gehen. Wehrdienstverweigerung konnte nach Gesetz mit bis zu 5 Jahren Gefängnis geahndet werden, tatsächlich betrug die Strafe meist 22 Monate. Grund war vermutlich, dass bei Strafen ab 24 Monaten Bürger die Eignung zu bestimmten “Ehrendiensten” verloren, wozu auch die Wehrpflicht gehörte. Die SED war an solchen Konflikten zu Beginn der 60er Jahre nicht interessiert. Sie schloss deshalb einen Kompromiss mit den Evangelischen Kirchen:
Mit der “Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR” wurden am 7. September 1964 so genannte „Baueinheiten“ in der NVA ins Leben gerufen. Bausoldat konnte werden, wer die Ausbildung an der Waffe aus „religiösen Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen“ ablehnte.
Bausoldaten waren genau so wie alle anderen Wehrdienstleistenden Angehörige der NVA und dem Drill und Befehl unterworfen, dienten aber nicht mit Waffe und bekamen auch keine Ausbildung mit Waffen. Sie waren statt des Fahneneids zu einem Gelöbnis und – wie alle Soldaten in der NVA - zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten verpflichtet. Ihre Kennzeichen waren Spaten auf den Schulterstücken der Uniform.
Über diese Möglichkeit eines Wehrdienstes ohne Waffe wurde in der DDR offiziell nicht informiert. Bei der Musterung konnte es vorkommen, dass, wenn man danach fragte, deren Existenz geleugnet wurde und nur von den (waffentragenden) Baupionieren der NVA gesprochen wurde. Nur in der kirchlichen Jugendarbeit wurde darüber informiert, Bausoldaten und Wehrdienstverweigerer wurden unterstützt.
Wer den Wehrdienst als Bausoldat absolvieren wollte, musste mit Diskriminierung rechnen, nur wenige wurden danach zu einem Studium oder zu anderen weiterführenden Bildungseinrichtungen zugelassen, Berufsbeschränkungen waren die Folge. Bausoldaten wurde oft erst kurz vor Ende des Wehrpflichtalters mit 26 Jahren einberufen, wo viele schon Familie hatten, und meist in Dienstorten weit weg von zuhause eingesetzt. Das Ministerium für Staatssicherheit sah in Bausoldaten eine »Konzentration feindlich-negativer Kräfte«. Bei der Werbung von Spitzeln innerhalb dieser Gruppe hatte man allerdings erhebliche Schwierigkeiten.
Der Einsatz der Bausoldaten war so angelegt, dass er sie in Gewissenkonflikte brachte. Er konzentrierte sich anfangs auf den Bau von Militärflugplätzen und Schießanlagen. Verweigerungshandlungen wurden mit drakonischen Strafen geahndet. Der Grundkonflikt war darin angelegt, dass die meisten DDR-Wehrdienstverweigerer einen sozialen Friedensdienst anstrebten, wie sie Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik leisteten (Krankenhäuser, etc.), dies aber in der DDR nicht zugelassen wurde. Neben öffentlichen Erklärungen brachten Bausoldaten Kritik am System der DDR vorwiegend im Rahmen von Politschulungen zum Ausdruck.
Von 1964 – 1989 leisteten ca. 27.000 diesen “Wehrersatzdient”, der Anteil der Bausoldaten an den Wehrpflichtigen betrug zwischen 0,5 und l ,5 Prozent.
Von 1964 bis 1973 waren Bausoldaten in so genannten „Baupionierbattallionen“ zusammengefasst und an vier Standorten zusammen mit waffentragenden „Baupionieren“ stationiert und so von den sonstigen Teilen der NVA separiert. Konflikte waren in diesem Zeitraum besonders häufig, Bausoldaten verweigerten des Sprechen des Gelöbnisses oder weigerten sich an militärischen Anlagen zu arbeiten.
Zwischen 1974 und 1982 erfolgte ihr Einsatz weitgehend dezentralisiert in den „Rückwärtigen Diensten“, z.B. als Heizer oder Hausmeister in Kasernen. Das brachte den unerwünschten Effekt, dass nun viele überhaupt erstmals von ihrer Existenz erfuhren.
Seit 1983 nahmen Konflikte wieder zu, denn die Bausoldaten wurden nun – angesichts der immer deutlicher werdenden ökonomischen Krise der DDR - wieder in größeren Gruppen zusammengefasst und auf der Großbaustellen für den Fährhafen Mukran in Prora auf der Insel Rügen, teilweise auch in Industriebetreiben insbesondere im Raum Halle/Bitterfeld eingesetzt.
Der Dienst der Bausoldaten endete mit dem Zivildienstgesetz von Anfang 1990, das ein Recht auf Wahl zwischen Armee- und Zivildienst ohne Vorbedingungen enthielt.
Weil der waffenlose Militärdienst für viele Verweigerer ein fauler Kompromiss war, gaben sie sich nicht mit seiner Ableistung zufrieden. Der Einsatz für eine friedlichere Welt ging für viele auch nach der Dienstzeit weiter. Ehemalige Bausoldaten regten in Kirchengemeinden die Beschäftigung mit den drängenden Fragen des Friedens an. Sie informierten über die Wehrdienstverweigerung und bereiteten künftige Bausoldaten auf ihren Dienst vor. Es gab regelmäßige Treffen und Friedensseminare zu Themen wie gewaltloser Widerstand, Friedenserziehung oder zivile Konfliktlösung. So entstand durch das Engagement der Bausoldaten eine kirchliche Friedensbewegung, die von der Staatssicherheit argwöhnisch beobachtet wurde.
Vor allem die Evangelischen Kirchen gaben auf verschiedene Weise Unterstützung. Unter dem Schutzschild des Jungmännerwerks der Evangelischen Kirchen entstanden so genannte „Alt-Neu-Treffen“, die ehemalige und zukünftige Bausoldaten miteinander bekannt machten, für die Fragen des Wehrdienstes sensibilisierten und die jungen Rekruten auf die Probleme beim Wehrdienst vorbereiteten sowie Friedensseminare durchführten. Die Netzwerke der Jungmännerwerke mit den Jugendwarten in den Evangelischen Kirchenkreisen waren faktisch die einzigen, die in der DDR über die Möglichkeit dieses Wehrersatzdienstes informierten.
Es entstanden Materialsammlungen für entsprechende Tagungen und Seminare, die dann weitergereicht wurden. Schon 1965 wurden in einer „Handreichung für Seelsorge an Wehrpflichtigen“ mit einer biblischen Begründung die radikalen Verweigerer in den Straflagern und die Bausoldaten als diejenigen beschrieben, die „ein deutlicheres Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebotes unseres Herrn“ geben. Diese klare Positionierung der DDR-Kirchen wurde von der Evangelischen Kirche in (West)Deutschland nicht geteilt. Auf Anregung ehemaliger Bausoldaten wurde ein „Studienreferat Friedensfragen“ beim DDR-Kirchenbund geschaffen. Es entwickelte sich zu einem Zentrum staatsunabhängiger Friedensforschung. 1980/81 wurden die jährlichen Friedensdekaden unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ u.a. durch ehemalige Bausoldaten initiiert. Sie waren an Friedensgebeten in vielen Orten der DDR und der Ökumenischen Versammlung 1988/89 aktiv beteiligt. Durch ihr Engagement haben sie dazu beigetragen, dass es im Herbst 1989 unter dem Motto „Keine Gewalt“ zur Friedlichen Revolution kam.
Das Ministerium für Staatssicherheit lastete ihnen vor allem die »Propagierung pseudopazifistischer und neutralistischer Positionen« sowie das Eintreten für eine »so genannte staatsunabhängige Friedensbewegung« an. Im Jahr 1986 stellte das MfS zwölf Gruppierungen von ehemaligen Bausoldaten vornehmlich in Sachsen, Thüringen, Berlin und Sachsen-Anhalt fest. Die Bausoldaten sind ein ganz wesentlicher und spezifischer Teil der DDR-Opposition gewesen, viele von ihnen engagierten sich weiter in den unterschiedlichen Basisgruppen.
Matthias Sengewald war Jugenddiakon der Ev. Kirche, er war als solcher in Dresden, Leipzig und Erfurt tätig in der Beratung und Begleitung von jungen Männern als Wehrpflichtige in der DDR und hat zahlreiche Veranstaltungen dazu organisiert und durchgeführt.
Der Artikel wurde u.a. unter Verwendung von Teilen aus „Chronik der Wende“ rbb und dem “Netzwerk Friedenskooperative” von Matthias Sengewald erarbeitet
Schulterstück der Bausoldaten - der Spaten war aus Messing und grau lackiert. Bausoldaten kratzten die Farbe ab und trugen den “goldenen” Spaten mit Stolz.
Sie suchten sich ihre Orte, wo sie ungestört waren, zum Briefe schreiben, Bibellesen oder ihre Lieder zu spielen.
Webseiten
WIKIPEDIA
https://de.wikipedia.org/wiki/Bausoldat#Baueinheiten
BAUSOLDATENKONGRESS 2004
www.havemann-gesellschaft.de/bausoldaten
Bausoldaten - Seiten auf
www.jugendopposition.de
Seite der ehemaligen Proraer Bausoldaten, ein virtuelles Museum im Internet www.proraer-bausoldaten.de
Bausoldaten in Prora
www.denk-mal-prora.de
Veröffentlichungen
(Auswahl)
Bausoldaten in der DDR Die "Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte" in der NVA. Eine wissenschaftlich fundierte ausführliche Geschichte und Darstellung der Bausoldaten vom Beginn der Wehrdienstverweigerungen 1962 bis 1990, Bernd Eisenfeld (†) und Peter Schicketanz (†) (Ch.Links-Verlag 2011).
Güllenbuch. Ein Buch über Bausoldaten von Holger Richter (Broschiert - 1991)
Bausoldatenkongress. Zivilcourage und Kompromiss, Bausoldaten in der DDR 1964-1990 Potsdam, 3.-5. September 2004 von Andreas Otto, Brandenburg Friedrich-Ebert-Stiftung, und Uwe Koch (Taschenbuch - Mai 2005)
"Zähne hoch - Kopf zusammenbeißen" Uwe Koch und Stephan Eschler (geb. Schack)
Prora-Trilogie 2005-2009
von Stefan Wolter
Hinterm Horizont allein - Der “Prinz” von Prora
Erfahrungen eines NVA- Bausoldaten 3. Aufl. 2010
Der "Prinz von Prora" im Spiegel der Kritik
Das Trauma NVA und Wir 2007
Der Prinz und das Proradies:
Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen 2009
Ausstellungen
„Graben für den Frieden? – Die Bausoldaten in der DDR“ auf www.archiv-buergerbewegung.de
"Briefe von der waffenlosen Front" Die Ausstellung aus dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk” kann ausgeliehen werden. mehr zur Ausstellung
Bausoldaten in Prora
www.denk-mal-prora.de