Aufklärung und Abwehr im Bereich der Sowjetgarnison Jüterbog
„Spionage wird im modernen Krieg zur vierten Waffe, gleich tödlich wie Land-, See- und Luftstreitkräfte.“[1]
von Henrik Schulze[2]
Rund um die Stadt Jüterbog befand sich zwischen 1945 und 1994 die größte Garnison der Roten Armee/Sowjetarme/Westgruppe der Truppen Russlands auf deutschem Boden, vielleicht sogar außerhalb der UdSSR überhaupt. Bei gut 40.000 Mann, die als Wehrpflichtige im Rhythmus von zwei Jahren ausgetauscht wurden, ergibt sich eine Summe von mehr als 1,5 Millionen Männern aus der Sowjetunion, die in ihrem Lebenslauf zu stehen haben, „ich war Soldat in Jüterbog“.
Der Zweite Weltkrieg war noch im Gange, da gab es bereits militärische Aufklärung von Seiten der westlichen Verbündeten in der Roten Armee. Die militärische Abwehr der 1. Panzerarmee entlarvte im Februar 1949 einen Mann namens Gasonski als britischen Agenten, „der den Auftrag hatte, in die Dislozierung der sowjetischen Truppen auf dem Gebiet Deutschland einzudringen und Spionagetätigkeit zugunsten der Engländer zu betreiben.“[3]
Die vermutlich älteste Geschichtsquelle über die Aufklärungsarbeit westlicher Geheimdienste im hiesigen Raum bildet ein Artikel der Chicago Tribune vom August 1949, der Aufklärungsergebnisse aus dem Jahr 1948 enthält.[4] Diese Zeitung berichtete, in Jüterbog lag ein Divisionsstab, umgeben mit starker Flak-Artillerie. Außerdem wurde hier eine Luftlandedivision vermutet, was wahrscheinlich mit der Geschichte der Poltawa-Division im Zusammenhang steht, die aus der Luftlandetruppe hervorging.[5]
Chronologie der Staatssicherheitsorgane der UdSSR und der Russischen Föderation[6]
Tscheka: Allrussische Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage beim Rat der Volkskommissare der RSFSR, ВЧК при СНК РСФСР (1917-1922)
GPU: staatliche politische Verwaltung beim NKWD der RSFSR, ГПУ РСФСР (1922-1923)
OGPU: vereinigte staatliche Verwaltung beim Rat der Volkskommissare, ОГПУ при СНК СССР (1923-1934)
NKWD: Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten: НКВД СССР, 1934-1941
NKGB: Volkskommissariat für Staatssicherheit: НКГБ СССР (1941)
GUGB: Hauptverwaltung für Staatssicherheit beim NKWD: ГУГБ НКВД СССР (1941—1943)
NKGB: Volkskommissariat für Staatssicherheit: НКГБ СССР (1943-1946)
MGB: Ministerium für Staatssicherheit: МГБ СССР (1946-1953)
MWD: Ministerium für Innere Angelegenheiten: МВД СССР (1953-1954)
KGB: Komitee für Staatssicherheit: КГБ СССР (1954-1991)
MSB: Sicherheitsdienst der Republiken: МСБ СССР (1991)
KGB: Komitee für Staatssicherheit: КГБ (1991) AFB Agentur für föderale Sicherheit АФБ (1991)
MB: Ministerium für Sicherheit: MБ РФ (1992-1993)
FSK: Föderaler Dienst für Gegenspionage: ФСК РФ (1993- 1995)
FSB: Föderaler Sicherheitsdienst: ФСБ РФ (1995 - heute)
(Nur auf einige der hier gelisteten Sicherheitsorgane wird im Text Bezug genommen.)
Geheimdienste der UdSSR
KGB, Abwehr und GRU
Die sowjetische Siegermacht hatte gleichzeitig drei Geheimdienste in ihrer Besatzungszone bzw. der späteren DDR etabliert. Das waren KGB, Militärische Abwehr und GRU. Das sowjetische Komitee für Staatssicherheit, KGB[7], hatte seinen Hauptsitz in Berlin-Karlshorst. Am Anfang der DDR-Zeit wirkten in diesem Dienst rund 1.500 hauptamtliche Mitarbeiter, nicht nur in den einzelnen Standorten der GSBTD/GSSD, sondern auch in enger Zusammenarbeit mit den Behörden der DDR. Naturgemäß gab es engste Kontakte mit dem MfS, wo in jeder Bezirksverwaltung ein Verbindungsoffizier des KGB saß.[8] Täglich hatte das MfS 50 bis 100 Anträge auf Personenüberprüfung seitens des KGB zu bearbeiten.[9] 1988 sollen es noch mindestens 8.000 KGB-Mitarbeiter gewesen sein, die in der DDR Dienst taten.[10]
Unter dem Begriff „Sonderabteilungen“ fungierte die Militärische Abwehr mit ihrem Hauptbüro in Potsdam. Er wurde nicht aus Karlshorst geführt, sondern unterstand direkt der III. KGB-Hauptverwaltung in Moskau.[11] Der dritte Geheimdienst war die Hauptabteilung Aufklärung, die GRU[12], mit der Aufgabe der militärischen Aufklärung. Der Stab der GRU für Deutschland befand sich in Wünsdorf. Von hier aus wurden bis Ende der 1980er Jahre 700 bis 800 Mitarbeiter geführt. Danach ist deren Anzahl auf etwa 300 reduziert worden. Die GRU verfügte über Spezialeinheiten. Die SpezNas (russ. СпН, Спецназ, подразделение специального назначения) - Einheit zur besonderen Verwendung oder auch Spezialeinsatzkommando, ist eine Sondertruppe des militärischen Aufklärungsdienstes GRU mit den Einsatzschwerpunkten Aufklärung, asymmetrische Kriegführung und Terrorismusbekämpfung.[13]
Zu Beginn der Besatzungszeit in Deutschland hatte das NKWD/MWD der UdSSR noch einen „Gemischtwarenladen“[14] an verschiedenen Behörden und Diensten, die zum Grenzschutz und zur inneren Sicherheit eingesetzt wurden. Dazu gehörte auch die Bewachung der „Internierten“ in den Speziallagern.[15] Bis 1956 unterstanden der Verwaltung der Inneren Truppen des MWD (ab 1954 KGB der UdSSR) in der DDR fünf Schützenregimenter, ein selbständiges Mot.-Schützenbataillon, ein Ausbildungsregiment, ein Nachrichtenbataillon, ein Musikkorps sowie kleinere Unterstützungseinheiten. Ein Jahr später wurde diese Verwaltung aufgelöst. Die unterstellten Einheiten verlegten in die Sowjetunion oder wurden aufgelöst.
Die 1966 aufgestellte 3. Garde Spezialaufklärungsbrigade, die bis 1991 ihren Standort in Neuthymen bei Fürstenberg/Havel hatte, gehörte als Spezialeinsatzkommando zu den Offensivkräften für militärische Konflikte. Ob die in Glau[16] erwähnte „besondere Kompanie“ hier einzuordnen ist, ist nicht sicher. Aufgaben der inneren Sicherheit erfüllte das 105. Spezialregiment mit Standorten wie in Berlin-Karlshorst, Berlin-Rummelsburg und in Schneeberg[17].
Neben den Kampf- und Wachtruppen gab es Sondertruppen des Geheimdienstes mit besonderen nachrichtendienstlichen Aufgaben, in russischen Quellen als OzNas (ОсНаз, особого назначения) bezeichnet. Dazu gehörte die 82. Funktechnische Brigade in Torgau, FPN 41476. Sie war 1976 aus den funktechnischen Regimentern Nr. 194 (Torgau) und 53 (Gera) gebildet worden. Neben Torgau waren an 17 Standorten Einheiten und Dienststellen der Brigade stationiert bzw. entfaltet.[18] Sie hatten die Aufgabe der funktechnischen Aufklärung zur BRD entlang der Staatsgrenzen der DDR und CSSR. Operativ war ihr die 39. selbst. Aufklärungsabteilung, FPN 54243, mit zwei Spezialflugzeugen[19] in Sperenberg unterstellt. Für die Auswertung der bei den Flügen gesammelten Informationen war das 521. Luftaufklärungszentrum, PFN 54293, zuständig, das ebenfalls in Sperenberg lag.
Das 44. Nachrichtenregiment, verantwortlich für Spezialnachrichtenverbindungen, FPN 34008, hatte seinen Stab seit 1980 in Lutherstadt Wittenberg. Am gleichen Standort lag das dazugehörige 107. Nachrichtenbataillon für Regierungsverbindungen, FPN 10829. Eine wesentliche Aufgabe war die parallele Sicherstellung von wichtigen Verbindungen zu Hauptführungsstellen und Sonderwaffenlagern. Zur Gewährleistung der Sicherheit, waren jeder Nachrichtenzentrale Angehörige des KBG zugeordnet, die parallel und unabhängig von anderem Personal Dienst taten.[20]
Das 112. Bataillon für Regierungsnachrichtenverbindung, FPN 33500, lag zuerst in Fürstenwalde und später in Dissenchen bei Cottbus. Die Aufgabe dieses Bataillons bestand u.a. in der Sicherstellung von Spezialnachrichtenverbindungen für die oberste Führungsebene der GSSD.
Die Spionageabwehr des MfS
Von Zuchthaus bis Todesstrafe
Dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) oblag unter anderem die Aufgabe, Angriffe gegnerischer Nachrichtendienste abzuwehren. In einem so herausragenden Militärstandort wie Jüterbog hatte die Abwehr besondere Priorität. Die Kreisdienststelle Jüterbog hatte von ihrer Gründung 1952 bis 1973 im Ergebnis 49 Personen als Spione „entlarvt und inhaftiert“.[21]
Über Menschen, die zu Spionen werden, heißt es in der Literatur, „daß sie niemals die Chance haben, gegen die riesigen Vorteile ihres Gegners zu gewinnen. Gewöhnlich winkt ihnen der Tod, Gefangenschaft, Schande oder sie werden von ihrer eigenen Regierung verleugnet.“[22]
Im Mai 1950 gelang es dem MfS, fünf Funker, die für den westdeutschen Geheimdienst arbeiteten, zu enttarnen. Sie erhielten allesamt ein Todesurteil.[23] 1957 hatte sich vor dem Bezirksgericht Potsdam die Familie K. aus Luckenwalde gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn O. T. wegen Spionage zu verantworten. „Der nach West-Berlin geflüchtete Sohn K. K. war mit dem US-Geheimdienst in Verbindung getreten und veranlaßte seinen Vater, Informationen über Transporte der Sowjetarmee zu sammeln und nach West-Berlin zu bringen.“ Auch die übrigen Familienmitglieder waren beteiligt. „Die ganze Familie kam auf die Anklagebank und ins Zuchthaus. Wie hoch die Strafen waren, wird in der Zeitung verschwiegen.“[24]
In einem anderen Fall wurde das drakonische Strafmaß in der Presse veröffentlicht: „E. B. aus Jüterbog wurde im Oktober 1957 ‚republikflüchtig’ und verleitete anschließend den Eisenbahner W. Z. und dessen Frau Ch. zur Spionage für den englischen Geheimdienst. Z. erhielt zum Photographieren einen Photoapparat, der in einer Aktentasche eingebaut war. Der Z. wurde vom Kreisgericht Jüterbog zu 10 Jahren Zuchthaus und seine Frau zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.“[25]
„Es gab Fälle, daß die westlichen Geheimdienste ihre Agenten aus der ortsansässigen Bevölkerung mit optischen Geräten für die Beobachtung sowjetischer militärischer Objekte ausrüsteten“, schreibt ein KGB-Offizier.[26] „So wurde beispielsweise in der Nähe eines unserer Flugplätze ein Deutscher festgenommen, der auf dem Boden seines Hauses einen Fotoapparat mit einem leistungsstarken Teleobjektiv installiert hatte und durch eine Spezialöffnung im Ziegeldach auf eine Entfernung von etwa 1.000 Metern fotografierte. Einen anderen Fotospion spürten deutsche Bürger selbst auf. Ihnen war verdächtig erschienen, daß diese Person täglich zur gleichen Zeit mit einem Fahrrad ihre Runde um ein sowjetisches militärisches Objekt machte und immer an ein und denselben Stellen stehenblieb, um ihr Rad zu überprüfen. Wie es sich herausstellte, machte sie das keineswegs zufällig. Die Mitarbeiter der militärischen Abwehr fanden in der Fahrradlampe einen geschickt eingebauten Fotoapparat…“
Ein internes Papier der Organisation Gehlen vom November 1953 mit dem Betreff „Beschaffung von Beutepapieren“ stellt kritisch fest: „Trotz wiederholter Hinweise der Sichtung wurde die günstige Gelegenheit der letzten Monate (Abwesenheit der Truppe von den Standorten) nicht genügend ausgenutzt, durch systematische ‚Müllkastenaktionen’ in den Standorten, Übungsplätzen und Manöverräumen Beutepapiere zu sammeln…“[27]
Die sowjetische Militärabwehr war sich dieser Gefahr bewußt. So findet sich im Handbuch für „Militärtschekisten“, der Fall einer deutschen Zivilangestellten, die 1946 als Reinigungskraft in einem Truppenstab arbeitete. Die mutmaßlich amerikanische Agentin fand in einem Mülleimer „neben anderen Papieren Aufzeichnungen über die Artilleriebewaffnung der Division, die ein leichtfertiger Stabsmitarbeiter fortgeworfen hatte.“[28] Die Frau wurde festgenommen. Im Verhör gestand sie, solche Fundstücke regelmäßig nach Westberlin verbracht zu haben. Sie wäre stückweise in Abhängigkeit vom Wert der Fundstücke bezahlt worden. Auch wegen solcher Vorkommnisse baute die Sowjetarmee die Zahl der deutschen Zivilangestellten in den Militärstädtchen weitgehend ab.
Im November 1960 erfolgten in den Kreisen Luckenwalde und Zossen mehrere Verhaftungen wegen des Vorwurfs der Spionage. „Besonders der Fall W. hatte in Luckenwalde viel Staub aufgewirbelt.“[29]
Bei einer Propagandaveranstaltung in Trebbin wurde beschlagnahmte Spionagetechnik gezeigt, wie Sende- und Empfangsgeräte, Fototechnik, Tonbandgeräte, Codebücher, Ziffernrollen und andere Sachen.
Außerdem wurden bei der Gelegenheit weitere aufgeklärte Spionagefälle bekannt gemacht: „Im November 1960 konnte der Förster G. aus Merzdorf, Kreis Luckenwalde, wegen erwiesener Spionagetätigkeit verhaftet werden. In seinem Besitz wurde neben einem Funkgerät ein weiteres sichergestellt, das erst für den Kriegsfall benutzt werden sollte. Mit diesem Gerät sollten Nachrichten über die Wirkung des Atomangriffs… und über die Stimmung der Bevölkerung übermittelt werden. Weiterhin wurde der Schneidermeister W. aus Luckenwalde verhaftet, der als biederer Handwerksmeister auftrat und seit 1956 für den amerikanischen Geheimdienst tätig war und dafür seinen Judaslohn erhielt. In Zossen wurde ein gewisser K. festgenommen… Ebenso verhaftet sind der Dienstvorsteher L. vom Bahnhof Kummersdorf Gut und seine Ehefrau, die beide lange Zeit für den Geheimdienst arbeiteten. Einer dieser Agenten besaß sogar die Pietätlosigkeit, die Blumenvase auf dem Grab seiner 1950 verstorbenen Tochter als sogenannten ‚toten Briefkasten’ zur Nachrichtenübermittlung an den Geheimdienst zu benutzen. Schließlich nannte der Vortragende noch die Eheleute W. im Kreis Zossen, die ebenfalls Agententätigkeit durchführten.“[30]
Aus dem Frühjahr 1961 kommt die Nachricht, dass der Luckenwalder H. K., der 1953 mit Söhnen von „Handwerkern, Geschäftsleuten und Intellektuellen“[31] eine Jazz-Band gegründet hatte, wegen Spionage verhaftet worden war. Von den Musikern hieß es ganz in der Sprache des Kalten Krieges, „auch westlichen Hetzsendungen liehen sie… willig ihr Ohr“. Dadurch wäre es zum Kontakt mit gegnerischen Geheimdiensten gekommen. K. bekam 15 Jahre Zuchthaus.[32]
In einem „Absicherungsplan der Linie II“[33] der MfS-Kreisdienststelle Luckenwalde wurden 1964 die Schwerpunktgemeinden aufgelistet, die am meisten mit Truppenbewegungen der GSSD konfrontiert waren. Darin heißt es: „Die Gemeinde Petkus bildet einen Knotenpunkt, da sich durch diesen Ort militärische Bewegungen in alle Richtungen des gesamten Übungsgebietes vollziehen.“ Allgemein schätzte die Staatssicherheit ein: „Die Erfahrungen haben gelehrt, daß ein großer Teil der Bevölkerung in den genannten Gemeinden weiß, wann und wo in den nahegelegenen Übungsgeländen Einheiten stationiert sind und wann und in welchem Umfange größere Manöver durchgeführt werden. Die Tatsache der Durchfahrt von Militärkolonnen und der Durchführung militärischer Übungen in der Luft und in den Wäldern ist für die Bevölkerung ein alltägliches, gewohntes Bild, was andererseits beweist, wie wichtig und von welcher politisch-operativer Bedeutung die Absicherung dieser Gebiete ist und mit welcher Intensität sie durchgeführt werden muß.“
1970 erstellte die Kreisdienststelle Jüterbog des MfS eine „Teilanalyse über bisher erkannte Feindtätigkeit imperialistischer Geheimdienste gegen das Militärobjekt Heidehof.“[34] Demnach hätten sich in den vergangenen Jahren „der amerikanische, englische und westdeutsche Geheimdienst“ für das Objekt interessiert. Ab 1958 war der BND hier besonders aktiv und „1961 wurde auch das Interesse des englischen Geheimdienstes bekannt.“ Dabei ging es um „Angaben zu Truppenbewegungen der SU - Fahrzeugnummer von sowjetischen Militärfahrzeugen - Skizzen von militärischen Objekten - Namen von sowjetischen Armeeangehörigen - Angaben über militärische Dinge aller Art (Bauvorhaben, Veränderungen usw.). Die Schulungen über die konkrete Spionagetätigkeit erfolgten bei den Treffs und die Berichterstattungen vor 1961 in Westberlin, über Deckadresse oder Funk. Dies wurde in der Regel einmal im Monat durchgeführt…“
Im Bereich ‚Heidehof‘ wurden zwei Spione entlarvt und inhaftiert. 1961 einer in Merzdorf und 1962 einer in Jänickendorf. „Insgesamt wurden von 1953 bis 1961 im Kreis Luckenwalde 37 Spione entlarvt und inhaftiert… Seit 1962 erfolgte in diesem Bereich keine weitere Inhaftierung von Spionen“, ist 1970 festgestellt worden. Gleichzeitig sah man konkret für den Wohnplatz Heidehof folgende Gefährdungslage: „Bisher ist bekannt, daß von den ca. 135 Anwohnern ca. 70% Verbindungen nach Westdeutschland, Westberlin und dem kapitalistischen Ausland unterhalten, aus diesen Familien ca. 6 Personen vor 1961 republikflüchtig wurden und zu 4 Personen aus den Ortschaften, die republikflüchtig wurden, Rückverbindungen bestehen. Weiterhin ist bekannt, daß 11 Personen ständig nach Westdeutschland oder Westberlin ausreisen und 6 Familien WD-Besuch empfangen. Hierbei handelt es sich um Verwandte oder Bekannte dieser Familien.“[35]
Über die zunehmende Bedeutung der kompletten Außensicherung der militärischen Objekte bestimmte Minister Mielke 1971: „Um die Spionagemöglichkeiten des Gegners ständig und systematisch weiter einzuschränken und Militärspione schneller erkennen zu können, ist es erforderlich, daß stabile, weiträumige politisch-operative Sicherungssysteme an den wichtigsten militärischen Objekten aufgebaut werden bzw. weiterentwickelt werden. Das erfordert ein ständiges, systematisches Zusammenwirken zwischen den Linien II und I sowie mit den territorialen Diensteinheiten der sowjetischen Militärabwehr.“[36]
Auftragsgemäß hatte die MfS-Kreisdienststelle Jüterbog für die Absicherung des gesamten Standortes „ein eigenes IM/GMS-System[37] mit 36 Mitarbeitern geschaffen, die von 18 IM der Sowjets und 9 Mitarbeitern der Volkspolizei unterstützt wurden.“[38]
In der Jüterboger Kreisdienststelle wurden „zur operativen Arbeit und zur Außenabsicherung militärischer Schwerpunktobjekte“ von der „Operativgruppe Linie II“ eine Personen-Vorkartei, je eine Kfz-Kartei OST und WEST sowie eine Fotoablage angelegt. 406 Personen, darunter 91 Frauen, waren 1972 in der Personenkartei der Linie II registriert. „Diese Speicher werden laufend ergänzt, überprüft und analytisch verarbeitet.“[39]
Neben dem Wohngebiet von Jüterbog 2 war wohl Altes Lager die Gemeinde mit der engsten Berührung zwischen deutschen und sowjetischen Bewohnern. Die MfS-Kreisdienststelle stellte für diese Gemeinde folgende Analyse an.[40] Von den 772 Einwohnern gab es nachstehenden Kreis von Verdächtigen:
35 Personen, die jährlich nach West-Berlin oder Westdeutschland reisten,
12 Personen als Rückkehrer oder Zuziehende aus dem Westen,
25 Personen, die Besuch aus dem Westen erhalten hatten,
26 Personen, die republikflüchtig und daher eigentlich keine Einwohner mehr waren, aber wegen „Rückverbindungen“ dennoch gezählt wurden,
2 überführte und geflohene Spione, die ebenfalls noch als Einwohner gerechnet wurden, und
35 ehemalige oder noch aktive Beschäftigte bei der Sowjetarmee.
Zu diesen 135 Personen (von denen 28 aber nicht mehr in Altes Lager lebten), kamen 120 Alters- und Invalidenrentner, die das Recht besaßen, in die BRD oder nach Westberlin zu reisen. Alles in allem waren mit den 255 Bürgern rund ein Drittel der Einwohner (einschließlich Wegzüge) von Altes Lager als Gefährdungspotential ausgemacht.
In der Kreisdienststelle Luckenwalde umfasste der „Schwerpunktbereich Spionageabwehr“ in erster Linie den Anliegerbereich des TÜP Heidehof, und den nördlichen Teil des TÜP Jüterbog, der zum Kreis Luckenwalde gehörte, sowie die (Stalag)-Objekte Luckenwalde I und II. Als Zielpersonen galten mehr als hundert Bürger des Kreises. „Zur politisch-operativen Durchdringung“ waren 19 IM/GMS eingesetzt. Obwohl ein Operativer Vorgang mit Titel „Schulzensee“ von 1983 bis 1987 bearbeitet worden ist, konnte dem Verdächtigen keine Spionagetätigkeit nachgewiesen werden. Trotzdem wurde der Person „die Basis für eine Feindtätigkeit entzogen.“[41] Das heißt, der verdächtige Mann verlor vermutlich seinen Arbeitsplatz, nur weil er dort hätte spionieren können.
[1]SINGER, K.: The Man in the Trojan Horse, deutsch: Spione und Verräter des Zweiten Weltkrieges, S. 12.
[2] Ortschronist Jüterbog
[3]OSTRJAKOW, S.S., S. 268f.
[4]MAHLER, G.: Sowjetische Truppen in Deutschland, Anlage 1, zitiert in Barbara-Meldung Nr. 7, S. 16.
[5]Siehe Kapitel 4.2.1.
[6]ru.wikipedia.org/wiki/Государственное_политическое_управление_при_НКВД_РСФСР sowie de.wikipedia.org/wiki/Gossudarstwennoje_polititscheskoje_uprawlenije www.fsb.ru/fsb/history.htm
[7]комите́тгосуда́рственнойбезопа́сности; Weil das Wort Komitee im Russischen maskulin ist, wird von dem KGB gesprochen.
[8]Vgl. FRICKE, K.W. und MARQUARDT, B., S. 112.
[9]KOWALCZUK, I.-S. und WOLLE, S., S. 128. 8.
[10]ALTERFRITZ, S.
[11]KOWALCZUK, I.-S. und WOLLE, S., S. 126.
[12]GRU (ГРУ – главное разведывательное управление), Die Hauptverwaltung Aufklärung ist das Organ der Auslandsaufklärung des sowjetischen Verteidigungsministeriums, ab 1992 Hauptabteilung des Generalstabs der Streitkräfte der RF.
[13]de.wikipedia.org/wiki/Speznas (Zugriff 22.7.2017).
[14]backyard-safari.blogspot.de/2011/02/spetsnaz-xii-kgb-truppen-in-der-ddr.html (Zugriff 22.7.2017).
[15]Siehe Kapitel 2.1.
[16]Siehe Kapitel 3.9.4.
[17]20. selbständiges Wachbataillon für die Begleitung der Urantransporte, FPN 27304.
[18]LÖFFER, H.-G. und SCHLEMM, J., S. 97.
[19]Sonderausführung der IL-18 mit Seitenrichtradar in Form der Iljuschin-20M.
[20]Barton weiß von einem ehemaligen KGB-Offizier, der in der Nachrichtenzentrale (NZ) der Ausweichführungsstelle Pechüle eingesetzt war. Zusammen mit einem KGB-Wehrpflichtigen arbeitete er jeweils eine Woche in der NZ. Es gab dort keinen Kontakt zu anderen Leuten, nicht einmal den Offizieren. Selbst das Essen nahm er im Kasino der Richtfunkstellung allein ein. – Pers. Mitteilung an den Verfasser.
[21]MfS-HA II 22983, Plan zur Absicherung des militärischen Objektes Truppenübungsplatz Jüterbog – Altes Lager vom 30.4.1973, Bl. 17-41, hier Bl. 20.
[22]SINGER, K., S. 298.
[23]MÜLLER, A.: Wellenkrieg.
[24]BÖHMERT, K.: Rundbrief Nr. 10 vom 22.5.1957 der Landsmannschaft Berlin-Brandenburg, Heimatkreis Jüterbog-Luckenwalde.
[25]BÖHMERT, K.: Rundbrief Nr. 31 vom 6.1.1960 im Rahmen der Auswertung der Märkischen Volkstimme aus dem Heimatkreis.
[26]OSTRJAKOW, S.S., S. 274.
[27]Zitiert bei MADER, J., S. 158.
[28]OSTRJAKOW, S.S., S. 275.
[29]BÖHMERT, K.: Rundbrief Nr. 38 vom 1.4.1961.
[30]Zitat bei BÖHMERT, K. a. a. O.
[31]Diese Aufzählung in der Presse sollte zeigen, dassß die per se „fortschrittliche“ Arbeiterklasse daran nicht beteiligt war.
[32]BÖHMERT, K.: Rundbrief Nr. 38 vom 1.4.1961.
[33]BStU, BVMfS Potsdam, Abt. II 655, Bd. 1, S. 005f.
[34]BStU, BVfS Potsdam, Abt. II 653, Bd. 13, S. 0025ff.
[35]BStU, BVfS Potsdam, Abt. II 653, Bd. 13, S. 0028.
[36]Führungsseminar 1971, S. 461, zitiert in GRAWUNDER, H. und PLAUL, J.: „Das Zusammenwirken der Linie II der Bezirksverwaltung Halle mit der HA I/MB III/11 MSD bei der Außensicherung der militärischen Objekte gegen Spionageangriffe der imperialistischen Geheimdienste“, Diplomarbeit 1971, BStU.
[37]Lies: Informelle Mitarbeiter und Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit.
[38]WAGNER, A. und UHL, M.: BND contra Sowjetarmee… S. 173.
[39]BStU, BVfS Potsdam Abt. II, Bd. 12, S. 3.
[40]MfS-HA II 22983, Bl. 28, zitiert in WAGNER, A. und UHL, M., S. 173.
[41]BStU, MfS KD Lw 558.