Das Versagen
von Georg Mascolo und Katja Gloger
zur Vorgeschichte der russischen Ukraine-Invasion
rezensiert von Christian Booß
Es ist ungefähr so, als ob auf dem Cover eines Krimis der Name des Mörders prangt. Es kann keinen Zweifel daran geben, wo die Autoren stehen und welche These sie vertreten. Der Titel Das Versagen lässt da keinen Spielraum, wenn die Vorgeschichte des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 ausgebreitet wird. Dem Westen wird mit wenigen Ausnahmen eben dieses Versagen attestiert, wobei offenbar subkutan unterstellt wird, man hätte das Verhängnis abwenden können. Hätte man? Nun sind die vielen weichgespülten oder Fehl-Einschätzungen von Putin und seinem Reich nichts grundsätzlich Neues. Man denke an die lange diskutierte Kritik an der sozialdemokratischen Formel “Wandel durch Handel” oder die Abhängigkeit vom russischen Gas und Öl, in die sich Deutschland freiwillig begab. Insofern haben sich die Autoren in der NZZ einen ätzenden Kommentar eingefangen. Das was sie aufgeschrieben hätten, sei höchstens für die interessant und neu, die die konservative russlandkritische Presse nicht verfolgt hätten. Ein Bisschen ist daran etwas dran, die Häme aber nicht gerechtfertigt. Denn die Autoren haben die Fakten gut belegt und mit zusätzlichen Dokumenten und Insiderinformationen meist aus dem auswärtigen und dem Kanzler-Amt angereichert. Da man diese gewöhnlich nicht auf dem freien Markt bekommt, zeigt sich das Georg Mascolo, einer der ausgewiesensten Recherchejournalisten der Republik, seine Fingerfertigkeiten hat spielen lassen. Auch die russische Entwicklung wird gerafft ausgebreitet. Die Coautorin und zugleich Ehefrau von Mascolo, Katja Gloger, ist eine ausgewiesenen Russlandkennerin, die als Leiterin des Stern-Büros selbst einige Jahre in Moskau tätig war. Insofern sind sie ein ideales Team, dieses Thema zu beackern.
Selbst Manches, was man früher irgendwo lesen konnte, ist längst vergessen, verschüttet oder verdrängt. Demokratie ist eine Frage des guten Gedächtnisses, hat einmal ein deutscher Politiker gesagt. Und in diesem Sinne ist es nützlich und wichtig, dass hier noch einmal eine Zusammenschau wichtiger Fakten und politischer Verhaltensweise aufgelistet wird. Sie erlaubt dem Leser die Frage zu stellen, an welcher Stelle die Politik hätte abbiegen müssen, aber stattdessen, stur weitergefahren ist. Und jeder kann sich beim Lesen auch die Frage stellen, ob er selbst an der richtigen Stelle die Kurve bekommen hätte.
Manches zusammengetragene Wissen wirkt, von heute betrachtet, grotesk. Unter dem ironischen Untertitel "Wandel durch Wehrtechnik" beschreibt das Autorenpaar welche gemeinsame Armeeplanung Deutschland und Russland 2011 folgende vorantrieben. Im russischen Mulino sollte ein Gefechtssimulationsstand der Rüstungsfirma Rheinmetall gebaut werden, was bislang als eines der geheimsten Kriegsübungsinstrumente der Bundesrepublik gegolten hatte. Sogar der russische Kriegsminister schwebte zur Vertragsvorbereitung ein. Als weitere vertrauensbildende Maßnahmen war ein gemeinsames Manöver 2013 nördlich von Petersburg geplant, das wohl nur am Einspruch der baltischen Staaten scheiterte, die sich an die Zeiten des Hitler-Stalin Paktes erinnert fühlten. Der Schlussstein, der Austausch von Offizieren in den jeweiligen Kommandozentralen war schon weit gediehen, als Putin 2014 das Donbas aufbringen ließ und die Krim eroberte. Das alles wirkt aus heutiger Perspektive oberpeinlich.
Erst als Panzer über die Nordgrenze der Ukraine rollten und sich die grünen Männchen als veritable russische Soldaten entpuppten, begann ein allgemeines Umdenken, die berühmte Zeitenwende. Bis heute orientiert es sich allerdings zu stark an imperialen Fragen. War es die Krim, das Donbass oder schon Georgien oder gar Tschetschenien, wo man hätte aufwachen müssen? Oder hätten wir nicht vielmehr die Warnzeichen der inneren Entwicklung Russlands nach Gorbatschow und Jelzin beachten müssen. Henry Kissinger hat die Frage früh gestellt, um der Gorbi-euphorie entgegen zu steuern. Was kommt nach Gorbatschow? Eigentlich war es gar nicht so schwer zu beobachten, wie sich Funktionäre aus alten Machtapparaten, v.a. dem KGB, mit korruptiven und brutal alten Methoden Staat und Wirtschaft eroberten.
Man hätte sich gewünscht, dass diese Geschichte z.B. am Fall Matthias Warnig, dem ehemaligen Stasimann, der erst in Petersburg als Vertreter der Dresdener Bank mit Putin eine Symbiose einging und später als Sachwalter von Gasprom mit an der Entwicklung der zweifelhaften Stiftung zur Beförderung von Nordstream II beteiligt war, etwas breiter gefasst würde. Diese Geschichte ist in Deutschland viel zu wenig bekannt und man kann nur den Kopf schütteln, dass nach Jahren der Aufklärung des geheimen Koko-Imperiums von Schalck-Golodkowski noch mal so ein Tarngebilde in Deutschland entstehen konnte.
Geschichte liest sich von hinten naturgemäß klarer als von vorne. Und manches in dem wichtigen Buch erscheint eindeutiger, als es seinerzeit war. Die Versuche Angela Merkels, Putin im Minsk-Format einzudämmen, wirken aus heutiger Sicht vielleicht naiv, ihre Verteidigung etwas halsstarrig. Aber hätte man es damals gar nicht versuchen sollen? Und ketzerisch sei die Frage gestellt, ob wir nicht eines fernen Tages doch wieder zu halbwegs normalen Beziehungen mit Russland zurückkehren müssen, wann der Punkt sein könnte und wie man da hingelangt? Sicher nicht bald und keineswegs aus einer naiven Haltung und Position der Schwäche, wie wir heute wissen. Und so ist der Text im Bücherschrank durchaus mehr als das ständige Mahnung, was verpennt wurde und dass wir die Ukraine nicht hängen lassen dürfen.