Allgegenwärtig und abgeschottet
Die sowjetische Armee in der DDR
Von Christoph Meissner[1]
Die Stationierung der sowjetischen Streitkräfte in der Deutschen Demokratischen Republik war eine Konstante der politischen, militärischen und gesellschaftlichen Ordnung der DDR. Sie symbolisierte die Einbindung der DDR in das sowjetische Macht- und Sicherheitssystem des Kalten Krieges und markierte zugleich die anhaltende Abhängigkeit von Moskau. Zwischen 1945 und 1990 prägte die sowjetische Armee nicht nur die strategische Ausrichtung der DDR, sondern beeinflusste auch deren Innenpolitik, Wirtschaft und Alltagsleben in erheblichem Maße. Rund 3 Prozent des gesamten DDR-Territoriums – etwa 280.000 Hektar – standen Anfang 1990 unter Nutzung der sowjetischen Truppen. Dazu gehörten 1026 militärische Liegenschaften, darunter Flugplätze, Übungsgebiete, Depots und Militärstädtchen. Diese Präsenz machte die sowjetische Armee zu einem allgegenwärtigen, wenn auch vielfach abgeschotteten Faktor im Leben vieler Menschen in der DDR. Erst mit dem Ende des Abzugs der dann russischen Streitkräfte Ende August 1994 endete die fast 50-jährige Präsenz. Um die Rolle der sowjetischen Truppen zu verstehen, ist zunächst ein Blick auf die historischen Voraussetzungen ihrer Stationierung erforderlich.
Historischer Abriss
Noch während des Krieges hatte die Anti-Hitler-Koalition sich auf eine Besatzung Deutschlands verständigt. Die vier alliierten Siegermächte – Großbritannien, Frankreich, Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika – übernahmen nach dem Ende des 2. Weltkriegs die oberste Regierungsgewalt über Deutschland. Die Besatzungsarmeen dienten dabei zur Durchsetzung der gemeinsamen im Alliierten Kontrollrat gefassten Beschlüsse. Somit stand, als die Rote Armee im Frühjahr 1945 die Oder überschritt, bereits fest, dass Teile als Besatzungsarmee in Deutschland stationiert bleiben würde.
Ende Mai 1945 wurden die auf deutschen Boden gelangten sowjetischen Fronttruppen umstrukturiert und Teile der 1. und 2. Belorussischen Front der Roten Armee in die Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSBTD) überführt. Bevor die Truppen der GSBTD jedoch ihre endgültigen Stellungen für die Besatzungszeit einnehmen konnten, musste diese noch ein wenig warten. Erst in der ersten Juliwoche 1945 räumten britische und amerikanische Gruppierungen gemäß den Absprachen unter den vier alliierten Siegermächten Gebiete in Mittel- und Norddeutschland, in die die sowjetischen Besatzungstruppen vorrückten. Damit hatte die sowjetische Armee in Deutschland ihren Stationierungsraum für die nächsten knapp fünfzig Jahre bezogen. Zu ihren Aufgaben gehörte die Sicherung der Gebiete, ebenso wie die Entwaffnung der deutschen Bevölkerung. Im Zusammenspiel mit der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), deren Chef bis 1949 – Gründung der DDR – auch Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen war, die Aufrechterhaltung der Ordnung und Verwaltung. Die gemeinsame alliierte Politik zerfiel in der ersten Berlinkrise 1948/49. Die GSBTD wurde fortan zu einem noch wirksameren Mittel zur Durchsetzung sowjetischer Sicherheitsinteressen. Dabei achtete die Sowjetunion sehr genau darauf, dass in ihrer Zone die von ihr kontrollierten kommunistischen Kader die führende Rolle einnahmen.
Die Gründung der DDR 1949 hatte keinen direkten Einfluss auf die sowjetischen Besatzungstruppen. Ihre Aufgaben blieben zunächst davon unberührt. Hinzu kam nun jedoch die erste Pflicht, der Schutz des deutschen Bruderstaats mit militärischen Mitteln. Dazu gehörte auch die von den sowjetischen Besatzungsinstitutionen installierte politische Ordnung. Als die Bevölkerung im Juni 1953 einen Politikwechsel in der DDR forderte, wurde die Führung der DDR ins sowjetische Hauptquartier nach Karlshorst einbestellt. Sowjetische Panzer rollten durch die Städte und Dörfer der DDR und zeigte durch massive Präsenz wer nach wie vor die Siegermacht war.[2] Diese Entscheidungen wurden ohne Proteste von der DDR-Regierung akzeptiert. In Deutschland trat die Sowjetunion als Siegermacht auf. In den anderen sogenannten Volksdemokratien des „sozialistischen Lagers“ war sie schlicht der Hegemon mit den stärksten militärischen Mitteln. Diese sowjetische Sicherheitspolitik, die später unter dem Begriff der Breschnew-Doktrin Bekanntheit erlangen sollte, zeigte sich 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in der Tschechoslowakei und wiederum in Polen 1980.
Einen Tag, nachdem am 24. März 1954 die Sowjetunion die Souveränität der DDR anerkannt hatte, wurde auch bei den stationierten Truppen der Zusatz der Besatzung aus der Bezeichnung entfernt. Fortan handelte es sich um die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD). Die hatte aber keine Auswirkungen auf das den Anspruch der Sowjetarmee als Siegermacht die Zügel in der Hand zu halten. Aus der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland am 5. Mai 1955 folgte nur einen Tag später die Mitgliedschaft im nordatlantischen Bündnis der NATO. Die Reaktion im Osten ließ nicht lange auf sich warten am 14. Mai 1955 wurde der Warschauer Pakt gegründet. In diesem militärischen und politischen Bündnis der sozialistischen Länder nahmen die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen eine besondere Rolle ein. Zusammen mit der am 1. März 1956 gegründeten Nationalen Volksarmee der DDR bildeten sie die „Speerspitze“ bei der Verteidigung des sozialistischen Blocks.
1957 schlossen die DDR und die Sowjetunion ein umfassendes bilaterales Stationierungsabkommen, das bis zum Abzug 1990 seine Gültigkeit behalten sollte. Formal gab dies der DDR ein Mitspracherecht bei der Stationierung, realiter aber beharrten die sowjetischen Truppen auf dem Status als Sieger und Befreier vom Faschismus und ließen sich in die Stationierungspraxis nicht hereinreden.[3] Von Seiten der DDR-Führung gab es nie ernstzunehmenden Versuche dies in Frage zu stellen. Die GSSD organisierte sich so, wie sie das für richtig hielt. Die DDR wurde von den sowjetischen Militärplanern lediglich als Aufmarschgebiet betrachtet. Je nach gültiger Sicherheitsdoktrin Moskaus richtete sich danach die Stationierung, Bewaffnung und Personalstärke der Truppe. Dabei wurde auf Befindlichkeiten der Bevölkerung keine Rücksicht genommen. Manövern oder Flugzeiten wurden eigenmächtig bestimmt und Proteste ignoriert. Bis zuletzt hatte die Führung der DDR keine umfassenden Kenntnisse über die auf ihrem Staatsgebiet stationierten sowjetischen Truppen.[4]
Ende der 1980 Jahre sank der Stern der GSSD im Zuge der sicherheits- und Verteidigungspolitischen Entwicklungen in der Sowjetunion unter Generalsekretär Michael Gorbatschow. Im Sommer 1989 wurde sie in Westgruppe der Truppen (WGT) umbenannt. Diese Bezeichnung war nicht nur eine Angleichung an die in Polen (Nordgruppe), in der Tschechoslowakei (Zentralgruppe) und in Ungarn (Südgruppe) stationierten Gruppen, sondern auch die Aufgabe eine Anspruchs. Der Deutschlandbezug fehlte und der militärische Vorposten der Sowjetunion wurde nun im Westen verortet.[5] Die Aufgabe der Breschnew-Doktrin führte 1989 dazu, dass die sowjetischen Truppen anders als noch 1953 in den Kasernen blieben und den Ereignissen tatenlos zusehen mussten. Aus Moskau hatten sie die Anweisung bekommen sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall zu intervenieren. Mit dem Ende der DDR und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland endete auch die Stationierung sowjetischer Truppen in Deutschland. Im 2+4-Vertrag wurde ihr Abzug festgelegt, der sich zwischen 1991 und 1994 weitgehend reibungslos und ohne Störungen vollzog. Am 31. August 1994 endete mit einer feierlichen Abschiedsveranstaltung die fast ein halbes Jahrhundert andauernde Stationierung sowjetischer Truppen in Deutschland.
Stationierungsrealität in und außerhalb der Kasernen
Die historischen Rahmenbedingungen sagen wenig über das Leben und Wirken der sowjetischen Soldaten in der DDR aus. Daher soll im Folgenden auf die Lebenswelten in und außerhalb der Kasernen eingegangen werden und im Besonderen auf das Verhältnis zur Bevölkerung der DDR und zu den „Waffenbrüdern“ der NVA.[6]
Die Lebenswelt in den sowjetischen Kasernen und Militärstädtchen war eine autonome, streng abgeschirmt vor neugierigen Blicken. Dabei gab es eine strikte Trennung zwischen Wehrdienstleistenden und dem Offizierskorps. Streng separiert von der Außenwelt konnten die wehrpflichtigen Soldaten in ihrem stark reglementierten zweijährigen Dienst (bis 1967 drei Jahre) die Kaserne nur unter Aufsicht und in Gruppen verlassen. Ausflüge in den Zoo, auf den Alexanderplatz, in den Park des Schloss Sanssouci in Potsdam oder in die Dresdner Gemäldegalerie blieben willkommene Ausnahmen im eintönigen Stationierungsalltag der jungen Soldaten fern der Heimat. Bis heute kann aufgrund der mangelnden Einsichtnahme in die im Archiv des russischen Verteidigungsministeriums (ZAMO) lagernden Dokumente keine abschließende Aussage über die Verteilung der Nationalitäten bei der Einberufung in die GSSD gemacht werden. Es scheint jedoch so, dass die slawischen Nationen in der Sowjetunion bevorzugt wurden, bekannt ist aber auch, dass Soldaten aus allen Nationen und Ethnien des Vielvölkerstaates kamen.[7]
Mit der Einberufung ging jegliche Privatsphäre verloren. Untergebracht in Mannschaftsräumen mit bis zu 120 Betten war, das einzige was Ihnen gehörte das das Bett, ein Nachtschrank und ein Stuhl. Der Tagesablauf war von früh um sechs bis abends um zehn militärisch durchgeplant und ließ keine freie Minute für eine individuelle Freizeit.[8] Neben der militärischen Ausbildung beinhaltete er auch eine umfangreiche politische Erziehungsarbeit. Dafür sorgten neben der mächtigen politischen Abteilung mit ihren stellvertretenden Kommandeuren für politische Angelegenheiten (Zampolit) in jeder Einheit auch die täglich erschienene Zeitung „Sowjetskaja Armija“ und der eigene Radiosender „Radio Wolga“.
Unerlaubtes Entfernen wurde mit drakonischen Strafen geahndet. Viele Soldaten suchten jedoch eine Möglichkeit, dem Kasernenalltag zu entfliehen, der nicht nur von strikter Kontrolle, sondern auch von Gewalt bestimmt wurde. Die sogenannte „Herrschaft der Großväter“ (russ. Dedowschtschina), die hierarchische Ordnung zwischen den einzelnen Diensthalbjahren, war in erheblichem Maße von offener Gewalt geprägt, die bis hin zu sexueller Gewalt und Mord reichen konnte. Die Offiziere tolerierten diese Praktiken, da sie sie als informelles Disziplinierungsinstrument betrachteten, das ihnen einen beträchtlichen Teil ihrer eigenen Führungs- und Kontrollaufgaben abnahm. Für die betroffenen Soldaten bedeutete dieses System jedoch eine extreme psychische und physische Belastung. Suizid und Desertion stellten daher für nicht wenige von ihnen die einzigen Auswege aus dieser Situation dar.
Die Offiziere leisteten einen drei- bis fünf jährigen Dienst in der GSSD ab. Ihr Leben glich dem von Nomaden sie wurde im gesamten Stationierungsgebiet der Sowjetarmee, d.h. vom Fernen Osten bis zur DDR und von der Barentssee bis nach Armenien verschickt. Enge Bindung an einen Dienstort konnten sich so unter diesen Umständen nicht entwickeln und waren auch unerwünscht wie noch zu zeigen sein wird. Das Leben erträglicher machte es, dass sie sich nach Dienstschluss frei bewegen und ihre Familien in das Stationierungsland mitbringen durften. Neben dem üblichen Sold in Rubel wurde das Gehalt um einen beträchtlichen Betrag in Mark der DDR aufgebessert. Somit konnten relativ große Summen angespart werden und in hochwertige Konsumgüter investiert werden, die in der DDR erhältlich in der Sowjetunion dagegen nur schwer oder gar nicht erhältlich waren. Damit das Leben für die Familien so angenehm wie möglich gestaltet wurde, gab es neben den militärische Liegenschaften, auch eigene Kaufhäuser, Restaurants, Sportanlagen und Kulturhäuser für Tanz, Theater und Kino.
Der Dienst in der DDR war aber nicht nur mit Blick auf den finanziellen Aspekt lukrativ, auch für die Karriere brachte er einen erheblichen Schub. Dies zeigt sich nicht zuletzt bei einem Blick auf die Generalität. Ein Großteil der Oberbefehlshaber der GSSD wurde nach der Abberufung stellvertretender oder Verteidigungsminister der Sowjetunion oder Oberbefehlshaber der Truppen des Warschauer Pakts.
Militärisch stand die GSSD, im militärischen Sprachgebrauch der Sowjetarmee auch kurz die Gruppe genannt, bei der Bereitstellung von Material und Personal an vorderster Stelle in der Sowjetarmee. Schon kurz nachdem die Truppen 1945 nach Deutschland gekommen waren, setzte eine umfassende Mechanisierung ein. Pferde und Panjewagen gehörten der Vergangenheit an. Die Kampfkraft wurde Ende der 1950er Jahre durch die Einführung der Raketentechnik und deren Ausstattung mit Nuklearsprengköpfen erheblich gesteigert. Mit fünf Landarmeen und einer Luftarmee stellte die GSSD den größten im Ausland stationierten Truppenverband der Sowjetarmee. Während in den ersten zwei Jahren der Personalbestand noch von über einer Million im Jahr 1945 auf rund 300.000 1947 reduziert wurde. Führten der aufkommende Kalte Krieg und die erste Berlin-Krise 1948/49 zu einer sukzessiven Aufstockung der Truppen und bis 1990 schwankte die Zahl zwischen 350.000 und 500.000. Insgesamt ist anzunehmen, dass sich während der gesamten Stationierungszeit rund 10 Millionen Bürger der Sowjetunion vorübergehend in Deutschland aufhielten.[9]
Das Szenario der Abwehr einer ständigen Bedrohung aus dem kapitalistischen Westen war Teil der Legitimation für die Stationierung und wurde auf den Truppenübungsplätzen geübt. In ihrer Ausstattung verfügte die GSSD stets über die modernste Technik, es war in der DDR wo die neusten Konzepte in Bezug auf Taktik, Ausbildung und Technik erprobt wurden. An der Nahtstelle des Kalten Kriegs galt es stets kampfbereit zu sein. Selbst an den Wochenenden war der Füllstand in den Garnisonen deutlich höher als auf der Seite des angenommenen Gegners. Das führte sogar so weit, dass die Einheiten, wenn sie auf einen Truppenübungsplatz fuhren Kampfmunition mit sich führten, die nur für den Zeitraum der Übung ausgetauscht wurde. Es handelte sich bei der GSSD um eine voll angriffsfähige Gruppierung, die komplett ausgestattet, entsprechend ausgebildete zur unverzüglichen Führung von Kampfhandlungen bereit war.
Für den Ernstfall entwickelten die sowjetischen Militärplaner eine Doktrin der „offensiven Verteidigung“. Die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) bildete dabei gemeinsam mit der Nationalen Volksarmee (NVA) den Kern der ersten operativen Staffel. Im Kriegsfall war nicht vorgesehen, sich auf statische Verteidigungsstellungen zurückzuziehen. Stattdessen sollten die Truppen den Konflikt unmittelbar auf das Territorium des Gegners ausweiten, um in kurzer Zeit bis an den Atlantik bzw. die Pyrenäen vorzustoßen und dessen Nachschub- und Kommunikationswege entscheidend zu unterbrechen. Der Kommandeur der 3. Stoßarmee und spätere Chef der sowjetischen Landstreitkräfte, Armeegeneral Valentin Varennikow drückte es wie folgt aus: „Es war kein Puffer, der im Falle eines vom Aggressor ausgelösten Krieges den Schlag abfedern sollte, sondern ein mächtiges, garantiertes Schutzschild …, das nach der Abwehr des Angriffs zu einem bestrafenden Schwert werden konnte, das … innerhalb eines Monats alle feindlichen Gruppierungen zerschlagen und durch ganz Europa bis zum Golf von Biskaya vordringen konnte.“[10]Für eine schnelle Verlegung der eigenen Truppen stand der Gruppe eine Infrastruktur von 11.700 km Marschwegen zur Verfügung, das war mehr als die rund 11.000 km des gesamten Fernstraßennetzes der DDR.[11] Handlungsleitend für diese Taktik waren die Lehren aus dem Zweiten Weltkriegs, als die deutsche Wehrmacht auf sowjetischen Gebiet in den ersten Monaten beträchtliche Geländegewinne machen konnte und tief in das Land vordrang. Unter keinen Umständen sollte sich wiederholen, dass ausländische Truppen auch nur in die Nähe der Grenzen der Sowjetunion gelangen würden. Ein möglicher Krieg in Europa wurde daher stets als eine erweiterte, modernere und beschleunigte Fassung des 2. WK ergänzt durch nukleare Elemente auf strategischer Ebene gedacht. Für die DDR-Führung und ihre Bevölkerung hingegen war diese Planung der nuklear durchgeführten Verteidigung von existenzieller Bedrohung. Die Taktik der sowjetischen Militärplaner hätte das Land im Ernstfall in eine nukleare Wüste verwandelt hätte.
Verhältnis zum Stationierungsland DDR und seiner Bevölkerung
Das Verhältnis zwischen der GSSD und der Bevölkerung der DDR war von Ambivalenzen geprägt: Die offizielle Propaganda betonte die „sowjetisch-deutsche Freundschaft“, während die Realität vielerorts von Unsicherheit, Distanz oder praktischen Konflikten über Ressourcen, Verhalten und Zuständigkeiten geprägt war. Man blieb sich über die gesamte Zeit der Stationierung fremd.[12]
Die Existenz und Führung der DDR waren von der Sicherung durch die sowjetische Armee abhängig. Für die Bevölkerung bedeutete das eine stete Belastung. Diese resultierte nicht nur daraus, dass sie für die Kosten der Stationierung aufkommen musste, sondern auch aus den zahlenmäßig nur unzureichend dokumentierten Zwischenfällen.[13]
Für die DDR-Führung spielte der Mythos des Antifaschismus als Staatsdoktrin, die in alle Lebensbereiche hineinwirkte eine fundamentale Rolle. Kern war die Erzählung von der heldenhaften wie opferreichen Befreiung aller „guten“ Deutschen durch die Rote Armene. Hier zeigte sich eine Diskrepanz zu der durch die Soldaten der Roten Armee begangenen Gewalterfahrung der unmittelbaren Nachkriegszeit, die weitgehend tabuisiert wurde.[14] Den Befreiern aus der Sowjetunion kam im ideologischen Legitimationsgerüst der DDR eine wichtige Rolle zu.
Die GSSD hingegen achtete sehr genau darauf, dass keine zu engen Beziehungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den Soldaten und Offizieren entstanden. Das ließ sich jedoch niemals gänzlich vermeiden. Sie manifestierten sich in zahlreichen offiziellen Verbindungen von Industriebetrieben, LPGs und staatlichen Dienststellen. Die persönlichen Verbindungen die daraus entstanden, hatten jedoch allzu oft einen verordnet und kurzlebig Charakter. An längerfristigen Verbindungen waren die sowjetischen Genossen nicht interessiert. Dies zeigte sich nicht zuletzt daran, dass das Personal der GSSD, wie in der gesamten Sowjetarmee, einer ständigen Rotation unterlag.
Die Bevölkerung der DDR hatte hingegen neben den wirtschaftlichen Belastungen durch die Stationierungskosten auch wirtschaftliche Vorteile. Vor allem in den Städten mit einer hohen Konzentration sowjetischer Soldaten, wie z.B. in Jüterbog, Nora bei Weimar oder Eberswalde und Schwerin waren die Besatzer eine wesentlicher ökonomischer Faktor. Vielfach wuchsen kleine Dörfer durch die Stationierung der Truppen zu größeren Gemeinden. Der ökonomische Faktor der Präsenz kann aber nicht über die schon aufgezeigten Spannungen im Verhältnis hinwegtäuschen. Granaten, die über das Übungsgelände hinausflogen, alkoholisierte Soldaten in Kneipen, die nach Schlägereien suchten oder regelmäßig abgefahren Hausecken von Panzerkolonnen sind nur ein Teil der Zwischenfälle. Hier war es vor allem die Staatssicherheit der DDR die die Zwischenfälle zwar dokumentierte, aber nicht aktiv eingreifen konnte.[15] Die Gerichtsbarkeit für Verfehlungen lag immer ohne Ausnahme bei der sowjetischen Militärstaatsanwaltschaft. Da hatten staatliche Stellen der DDR kein Mitspracherecht.
Verhältnis zum deutschen Waffenbruder NVA
Auch im militärischen Verbund mit dem sowjetischen Waffenbruder[16]blieben die Kontakte überaus begrenzt. Die NVA wurde zwar von der sowjetischen Armee als wichtigster Verbündeter im Warschauer Pakt betrachtet eine gemeinsame Koordination oder gar Zusammenarbeit erwuchs daraus jedoch zunächst nicht. In ihrer Kommandostruktur und ihrer Bewaffnung wurde die NVA bei ihrem Aufbau den sowjetischen Vorgaben angepasst[17] Das war aber im gesamten Warschauer Pakt übliche Praxis, da dies ein umfassendes Zusammenwirken aller Armeen im Bündnis begünstigte. Dies zeigte sich in den Großmanövern die der Warschauer Pakt auf dem Territorium der DDR durchführte.[18] Diese wurden einzig und allein im Vereinten Oberkommando der Vereinigten Streitkräfte, dem Generalstab des Warschauer Pakts, geplant. Dieser unterstand durchgängig der Führung der Sowjetunion. Die NVA oder die DDR-Führung hatten dabei kein Mitspracherecht. Für die Sowjetarmee war die Waffenbrüderschaft von geringerer Relevanz als für die NVA. Letzter gründete Teile ihre Existenz und ihre angenommene Stärke auf diese vor allem propagandistisch zelebrierte Partnerschaft. Allein wäre die NVA nicht in der Lage gewesen das Staatsterritorium der DDR zu verteidigen. Im Zusammenspiel mit dem „großen Bruder“ und Partnern im Warschauer Pakt sah dies selbstverständlich anders aus.
Erst Ende der 1980er, als in der Sowjetunion die Reformpolitik Michail Gorbatschows auch auf das Militär und seine Verteidigungs- bzw. Angriffsfähigkeiten Auswirkungen hatte, kam den Führungsstäben der NVA in der Verteidigungsplanung des Warschauer Paktes eine größere Rolle zu. Da war der Stern der GSSD aber bereits am Sinken.[19]Die drastischen Kürzungen im Verteidigungshaushalt der Sowjetunion machten ein Revidieren der Planungen notwendig, sodass die Taktik von der bereits beschriebenen Vorwärtsverteidigung zu einer hinreichenden Verteidigung wechselte. Das alles sollte aber nur noch wenige Auswirkungen haben, denn mit der friedlichen Revolution, dem Fall der Mauer und dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich der Bundesrepublik wurde auch der Abzug der sowjetischen Truppen besiegelt.
Abzug
Der Abzug der sowjetischen Truppen verzögerte sich zunächst, da der Oberbefehlshaber Armeegeneral Boris Snetkow, ganz in der bereits überkommenen Logik der Siegermacht, die Truppen nicht abziehen wollte. Erst nach einem Wechsel im Dezember 1990 zu Generaloberst Matwej Burlakow nahm die größte militärische Truppenverlegung zu Friedenszeiten Fahrt auf.[21] Innerhalb von dreieinhalb Jahren zwischen Januar 1991 und August 1994 wurden rund 540.000 Soldaten und Zivilisten sowie über 2,5 Millionen Tonnen Material abgezogen. Dieser Abzug wurde von der deutschen Bundesregierung mit 15,5 Milliarden DM unterstützt. Davon wurden Transportgebühren und Aufenthaltskosten gezahlt, aber auch ein Wohnungsbauprogramm in der Sowjetunion und die Umschulung der zurückkehrenden Soldaten.
Als die Sowjetunion im Dezember 1991 zerbrach, hatte dies auf die Abzugsoperation nur geringe Auswirkungen. Die Westgruppe wurde im Februar 1992 dem Präsidenten der Russländischen Föderation unterstellt und somit faktisch in die russische Armee integriert. Hier zeigte sich, wie sehr Russland darauf bedacht war die kampfkräftigen Verbände und vor allem das Material in seine Hoheit zu überführen.
In der Bevölkerung des wiedervereinigten Deutschlands löste die Transformationspolitik in der Sowjetunion ab Mitte der 1980er Jahre und der Abzug eine bis heute nur unzureichend aufgeklärte Transformation der Gefühle aus. Während sie in der Besatzungszeit „den Russen“ wie die stationierten Truppen in der DDR auch genannt wurden ablehnend bis feindselig gegenübergestanden hatten, trat nun ein Gefühl des Mitleids und der Solidarität ein. Dies hat Folgen, die bis heute zu beobachten sind. In großen Teilen der Gesellschaft im Osten Deutschlands wird die Sowjetunion weiterhin mit der Russländische Föderation gleichgesetzt und ein Verständnis für deren völkerrechtswidrige Politik ausgedrückt. Damit wirkt der lange Schatten der militärischen und ideologischen Präsenz der Sowjetunion bis heute nach.
Der Aufenthalt und Abzugs der sowjetischen Truppen in Deutschlands ist bisher nur unzureichend erforscht. Dies liegt vor allem an der mangelnden Quellenbasis und den verschlossenen Archiven. Es bleibt dennoch eine Aufgabe der Forschung die vorhandenen Quellen systematischer zu erschließen und auszuwerten. Nur so können die langen Schatten aufgearbeitet und in größere Kontexte der sowjetischen Stationierung in Ostmitteleuropa gestellt werden.
Fazit
Die Stationierung der sowjetischen Streitkräfte in der DDR war ein zentrales Element sowjetischer Machtprojektion im Kalten Krieg und Ausdruck einer strukturell asymmetrischen „Bruderschaft“, die militärische Kontrolle, ideologische Nähe und menschliche Distanz miteinander verband. Hinter der Rhetorik von „Waffenbrüderschaft“ und antifaschistischer Solidarität stand eine dauerhafte militärische Kontrolle, die die staatliche Souveränität der DDR erheblich einschränkte und zentrale sicherheitspolitische Entscheidungen Moskau vorbehielt.
Die DDR diente der GSSD vor allem als hochgerüsteter Aufmarsch- und Durchgangsraum, dessen Territorium im Ernstfall der Logik sowjetischer Militärplanung untergeordnet worden wäre. Für Bevölkerung und Staat bedeutete die Präsenz zugleich Schutz, Belastung und alltägliche Erfahrung von Distanz und Machtungleichgewicht. Der Abzug der Truppen 1991–1994 beendete diese militärische Epoche. Er hinterließ jedoch ein ambivalentes erinnerungspolitisches Erbe. Die langfristigen mentalen und politischen Nachwirkungen der sowjetischen Präsenz sind bis heute spürbar und bedürfen angesichts begrenzter Quellenlage weiterhin einer kritischen historischen Aufarbeitung.[22]
[1]Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Museum Berlin-Karlshorst
[2]Müller, Klaus-Dieter et. al (Hrsg.): Der 17. Juni 1953 im Spiegel sowjetischer Geheimdienstdokumente. 33 geheime Berichte des Bevollmächtigten des Innenministeriums der Sowjetunion in Deutschland vom 31. Mai bis zum 18. Juli 1953 über die Ereignisse in der DDR, Leipzig 2008. Zum 17. Juni 1953 als Einstieg: Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17. Juni 1954, München 2013.
[3]Kulikow, Wiktor G.: Die DDR war souverän, aber nicht auf militärisch-politischem Gebiet, in: Egon Krenz (Hrsg.): Walter Ulbricht, Berlin 2013, S. 339-344.
[4]Arlt, Kurt: "... stets wachsam zu sein in fremden Land!". Zum Selbstverständnis der sowjetischen Truppen in der DDR, in: Hans Ehlert/Matthias Rogg (Hrsg.): Militär und Gesellschaft in der DDR. Forschungsfelder, Ergebnisse, Perspektiven, Berlin 2004, S. 205–224, hier: S. 217.
[5]Gunold, Sascha: Die Westgruppe der Truppen. Eine Speerspitze auf Zeit, in: Michael Daxner et. al (Hrsg.): Gut: Gegangen. Der Abzug der sowjetischen / russischen Streitkräfte 1990 bis 1994, Potsdam 2024, S. 15-20.
[6]Detaillierter bei: Satjukow, Silke: Besatzer. »Die Russen« in Deutschland 1945–1994, Göttingen 2009; Müller, Christian Th.: „O‘ Sowjetmensch!“ Beziehungen von sowjetischen Streitkräften und DDR-Gesellschaft zwischen Ritual und Alltag, in: Christian Th. Müller und Patrice G. Poutrus (Hrsg.): Ankunft – Alltag – Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnung in der DDR-Gesellschaft (=Zeithistorische Studien, Band 29), Köln 2005, S. 17-134 „O Sowjetmensch!“ und Ders.: US-Truppen und Sowjetarmee in Deutschland. Erfahrungen, Beziehungen, Konflikte im Vergleich, Paderborn 2011.
[7]Satjukow: Besatzer, S. 120-125.
[8]Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (Hrsg.): Alltag-Politik-Kampfauftrag. Sowjetische Truppen in Deutschland 1945-1994, Berlin 2019, S. 26
[9]Arlt: „... stets wachsam zu sein in fremden Land!“, S. 209.
[10]Varennikov, Valentin: Nepovtorimoe, Kniga 3, Moskva 2001, S. 7.
[11]Kowalczuk, Ilko Sascha / Wolle, Stefan: Roter Stern über Deutschland, Berlin 2010², S. 122-123.
[12]Müller: „O Sowjetmensch!“, S. 22-26
[13]Zur Gewalt und Kriminalität in der frühen Nachkriegszeit: Gebhardt, Miriam: Als die Soldaten kamen. Vergewaltigungen deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs, München 2015; Bischl, Kerstin: Frontbeziehungen. Geschlechterverhältnisse und Gewaltdynamiken in der Roten Armee 1941–1945, Hamburg 2019; Scherstjanoi, Elke: Befreiung und Vergeltung. Besatzer-Alltagskriminalität in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945/46, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2025, S. 322-339.
Zur Gewalt und Kriminalität in der frühen Nachkriegszeit: Gebhardt, Miriam: Als die Soldaten kamen. Vergewaltigungen deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs, München 2015; Bischl, Kerstin: Frontbeziehungen. Geschlechterverhältnisse und Gewaltdynamiken in der Roten Armee 1941–1945, Hamburg 2019; Scherstjanoi, Elke: Befreiung und Vergeltung. Besatzer-Alltagskriminalität in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945/46, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2025, S. 322-339
[14]Satjukow: Besatzer, S. 103-108
[15]Vgl. dazu ausführlicher Satjukow: Besatzer
[16]Wenzke, Rüdiger: „Sozialistische Waffenbrüder“? Über die Beziehungen der Nationalen Volksarmee der DDR zu anderen Warschauer-Pakt-Armeen, in: Torsten Diedrich/Winfried Heinemann/Christian F. Ostermann (Hrsg.): Der Warschauer Pakt. Von der Gründung bis zum Zusammenbruch 1955 bis 1991, Berlin 2009, S. 85–118.
[17] Vgl. Dietrich, Torsten / Wenzke, Rüdiger: Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952-1956, Berlin 2001.
[18]Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst: Waffenbrüderschaft in der DDR. Konstruktion einer Tradition, Berlin 2016.
[19]Uhl, Matthias: The Armed Forces in Germany in Changed Soviet Defence Strategy under Gorbachev, in Christoph Meißner / Jörg Morré (Hrsg.): The Withdrawal of Soviet Troops from East Central Europe. National Perspectives in Comparison, Göttingen 2021, S. 95-111.
[21]Schröder, Hans-Henning /Meißner, Christoph: ‚New Thinking’ and it’s Effects on Soviet Foreign and Security Policy, in: Meißner / Morré: Withdrawal, S. 41-59.
[22] Meißner, Christoph: From Diplomacy to Bricks and Mortar: The Implementation of the Housing Programme in the Soviet Troop Withdrawal from Germany, in: Kinga Anna Gajda (Hrsg.): (Non)Commemoration of the Heritage in Eastern Europe, Berlin 2025, S. 245-265.