Wehrpflichtverweigerer bildeten eine Solidargemeinschaft
Von Gerold Hildebrand
Als im November 1985 eine größere Anzahl vornehmlich christlicher Wehrdiensttotalverweigerer einberufen wurde und in Untersuchungshaft geriet, kam es zunächst zu Unterschriftensammlungen und kirchenamtlichen Interventionen für ihre Freilassung. Berichte in westlichen Medien folgten. Geldspenden für die Begleichung von Anwaltskosten und die Thematisierung in (kirchlichen) Friedenskreisen liefen an.
Vorangegangen war das Lutherjahr 1983, als der Staat wegen drohender politischer Verwerfungen (bundesdeutsche Journalisten waren seit 1974 in der DDR akkreditiert) auf die Einberufung von bei Staat-Kirche-Gesprächen benannten Totalverweigerern verzichtete, die sich an Beratungsstellen in Kirchgemeinden gewandt hatten. Hauptsächlich waren diese Angebote vom evangelischen Jungmännerwerk organisiert worden.
Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der hier neben anderen wirkte, galt damals als Vertrauensperson, gab aber die Namen der Ratsuchenden über seine Führungsoffiziere an das Ministerium für Staatssicherheit weiter. Siehe den Beitrag von Alexander Kobylinski: Verräter Schnur
https://h-und-g.info/forum/schwerpunkt-1/26-nva/kobylinsky
Die Proteste von 1985 bewirkten die Freilassung der 64 inhaftierten Wehrdiensttotalverweigerer. Ein Magdeburger war bereits verurteilt worden und kam dennoch davon. Der Trick: Kein Freispruch vor Gericht, aber die Rücknahme der Einberufungsbefehle, wodurch ein Straftatbestand nicht mehr bestand. Drei hatten sich in der U-Haft zum Bausoldatendienst nötigen lassen und mussten diesen dann auch ableisten. Wer standhaft geblieben war, kam nach vier bis sechs Wochen aus dem Gefängnis und wurde gar nicht mehr einberufen, wofür es allerdings keinerlei Rechtssicherheit gab.
Was aufgrund dieser fehlenden Rechtssicherheit folgte, war die Gründung einer kleinen aber landesweit aktiven Solidargemeinschaft im Jahr 1986, des Freundeskreises Wehrdiensttotalverweigerer (FWTV). Eine Grundsatzerklärung („innerkirchlich 48/88“) verfassten der Diakon Michael Frenzel (1982 wegen Totaler Kriegsdienstverweigerung für 20 Monate inhaftiert), der im kirchlichen Bereich tätige Psychologe Rainer Roepke (1972 wegen Wehrdiensttotalverweigerung ebenfalls zu 20 Monaten Haft verurteilt), Thomas Kittlas und Andreas Mrachacz.
Dem wachsenden Netzwerk, das in die keimende Bürgerrechtsbewegung hineinstrahlte, gehörten etwa 50 Aktive an. Kontaktadressen gab es unter anderem in Ostberlin, Schwerin, Fürstenwalde, Finsterwalde, Brandenburg, Potsdam, Magdeburg, Eisenach, Jena und Rostock.
Eine unregelmäßig erscheinende hektographierte Publikation diente dem angestrebten Informationsaustausch. Sie trug den Titel „Sag Nein!“, entlehnt einem Gedicht Wolfgang Borcherts. In diesem Samisdat wurden Diskussionspapiere dokumentiert und über die Situation von Kriegsdienstverweigerern in verschiedenen Ländern berichtet.
Bald vertieften sich blockübergreifende Kontakte. Regelmäßig etablierten sich Fürbittgottesdienste für bekannt gewordene inhaftierte Totalverweigerer in aller Welt, vornehmlich in Ungarn und Polen, aber auch in Finnland, den Niederlanden und der Bundesrepublik. Bei diesen offenen Veranstaltungen unter dem Label „Beten für den Frieden“ bzw. später „Beten für aus Gewissensgründen Gefangene“ wurden auch Haftadressen verbreitet für Briefe ins Gefängnis. Die ins westliche Ausland gerichteten kamen überwiegend durch. Kontakte zu Friedensgruppen in anderen Ländern bestanden schon seit Beginn der 1980er Jahre und konnten trotz Reiseverboten aufrecht erhalten werden.
Ein Denkmal für den unbekannten Deserteur wurde während einer Friedenswerkstatt gemeinsam von ost- und westdeutschen Totalverweigerern gefertigt und wanderte von der Erlöserkirche zur Samariterkirche bis es im Gemeindezentrum Hohenschönhausen heimisch wurde.
Zu Einberufungen aus dem Freundeskreis kam es nicht mehr. Bei einem überregionalen Treffen in Kirchmöser im Mai 1989 wurde diskutiert, welche Forderungen erhoben werden sollten. Anerkennung des Menschenrechts auf Wehrdienstverweigerung? Abschaffung der Wehrpflicht? Entmilitarisierung der Gesellschaft? Abschaffung der Armee? Aus der Schweriner Ecke kam dann der weitest gehende Vorschlag: „Fordern wir doch gleich die Abschaffung der DDR!“ Anhaltendes Gelächter.
Die meisten sich zunehmend in der (kirchlichen) Öffentlichkeit äußernden konsequenten Militärverweigerer in der späten DDR waren christlich und/oder humanistisch motiviert. Ihre dem jeweiligen Wehrkreiskommando angezeigte Verweigerungserklärung machte unüberwindbare Gewissensgründe geltend. Auch wenn manche die kommunistische DDR nicht für verteidigungswürdig hielten, schrieben sie diesen Umstand oder den Satz „Im Übrigen bin ich für eine freiheitliche Demokratie“ nicht mit hinein. Das hätte „Zuschlag“ bedeutet, also eine zusätzliche Verurteilung wegen Staatsverleumdung. Da war die übliche Erklärung etwas unverfänglicher: „Ich bin aus christlichen und humanistischen Gewissensgründen in keinem Land der Welt bereit, weder einen Militärdienst noch einen in militärische Strukturen eingebundenen Ersatzdienst zu leisten.“
Ein Teil der zum Freundeskreis Gehörenden hatte bereits NVA-Erfahrung gesammelt und bekundete nun die Verweigerung des drohenden Reservistenwehrdienstes.
Angesichts des aktuellen russischen heißen Krieges gegen die Ukraine und die westliche Welt ergibt sich heute ein differenziertes Bild. Vorsichtigen Schätzungen zufolge bleibt unter den damaligen Akteuren eine radikalpazifistische Orientierung vorherrschend. Einzelne aber sehen auch die Notwendigkeit von militärischer Unterstützung für die Überfallenen und die Erlangung von Verteidigungsfähigkeit europäischer Demokratien. Der Autor merkt hier wehmütig an: Schön war die Zeit ab 1990, aber auch zunehmend blauäugig. Bürgerbezogener Feindbilder bedarf es nicht. Allerdings ist aggressiven politischen Systemen zu wehren und von einer kommunistischen Geheimpolizei Geprägten grundsätzlich zu misstrauen. Da ist wie bezüglich eines jeden politischen Extremismus klare Kante angebracht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren vor allem religiöse und pazifistische Motive vorherrschend. Eine Handreichung der evangelischen Kirche von 1965 betonte, dass die Entscheidung für den waffenlosen Wehrdienst oder die Totalverweigerung das deutlichere Friedenszeugnis sind. In den 1970er und 1980er Jahren kamen zunehmend politische Gründe hinzu. Ausreiseantragsteller verweigerten, um nicht wegen „Geheimnisträgerei“ auf eine lange Warteliste geschoben zu werden oder schlicht, weil sie mit der SED-Diktatur ohnehin abgeschlossen hatten. Bei jüngeren, vornehmlich Punks, war es die Ablehnung jeglichen Zwangs und eine stärker anarchistische Orientierung.
Die zahlenmäßig größte Gruppe unter den Wehrdiensttotalverweigerern in der DDR waren allerdings stets die Zeugen Jehovas. Siehe den Beitrag von Marcus Herrberger und Falk Bersch
https://h-und-g.info/forum/schwerpunkt-1/26-nva/herrberger-bersch#_ftn2
Dies trifft besonders auf die frühen Jahre zu. Siehe Maximilian Rosin: Totalverweigerer in den 1960er Jahren (=Spehr, Christopher/Lehmann, Roland M. (Hg.): Diskriminierung von Christen in der DDR, Bd. 2), Göttingen 2025. Insgesamt verweigerten 25.000 Wehrpflichtige von 1962 bis 1989 den Grundwehrdienst (Rosin, S. 75).
Ein Standardwerk zur Geschichte des 1964 eingeführten waffenlosen, allerdings militärisch ausgerichteten Bausoldatendienstes ist das von Bernd Eisenfeld und Peter Schicketanz: Bausoldaten in der DDR. Die „Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte“ in der NVA, Berlin 2011. Darin ist auch ein Kapitel über die Totalverweigerer „Made in DDR“ zu finden.
Die erste gemeinschaftliche öffentliche Verweigerungserklärung jedoch gaben die „Frauen für den Frieden“ ab. Das wiederholte sich in dieser Weise und quantitativen Dimension nicht. Siehe dazu den Beitrag von Almut Ilsen https://h-und-g.info/forum/schwerpunkt-1/26-nva/alsen