Elitetruppe oder Wach- und Schließgesellschaft?
Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ des MfS
von Peter Joachim Lapp[1]
Existenz und Aufgaben des MfS-Wachregiments (WR) wurden gegenüber den Bürgern zu DDR-Zeiten zwar nicht geleugnet, aber mit einem Schleier von absurder Geheimhaltung umgeben. In den Medien erschienen kaum Berichte, aber das zeitweilig bestehende Soldatentheater „Friedrich Wolf“ und das Orchester des MfS (mit Soldaten-Chor), die über ein breites künstlerisch-musikalisches Repertoire verfügten, versuchten durch öffentliche Auftritte eine positive Außenwirkung des MfS und des WR zu erzielen.
Das Anfang 1951 als Wachbataillon beim MfS gegründete spätere Regiment erhielt 1967 den Namen des ersten sowjetischen Geheimdienstchefs Feliks Edmundowitsch Dzierzynski. Mit der Verleihung des Namens kam in der Ostberliner Bevölkerung die eher freundlich-ironische Bezeichnung von den „Felixen“ auf. Zu identifizieren durch ihre bordeaux-roten Kragenspiegel, die Uniform aus Offiziersstoff, seit Mai 1977 erkennbar auch an den Ärmelstreifen mit der Aufschrift des staatlich-lizenzierten sowjetischen Massenmörders.
Die Angehörigen des WR, das zu 80 Prozent aus Zeitsoldaten (Dienstdauer: drei Jahre) bestand, sollten sich ausdrücklich als „Dzierzynski-Soldaten“ und damit als politische Soldaten verstehen, um ihre Sonderstellung gegenüber den Soldaten der „Nationalen Volksarmee“ zu unterstreichen. (WR 1989: 11.000 Angehörige) Wegen dieses Sondercharakters (Erich Mielke: „Nicht nur Soldat, sondern Tschekist in Uniform“) war sogar ein besonderer Fahneneid zu leisten.
In erster Linie sollten die Soldaten des WR für Sicherungsaufgaben zuständig sein und mussten zum Beispiel die Wohn- und Dienstobjekte der Partei- und Staatsführung bewachen, darunter seit 1960 die „Waldsiedlung“ Wandlitz der SED-Politbüro-Mitglieder nördlich von Berlin. Im Falle innerer Unruhen hatte sich das WR der „Konterrevolution“ entgegenzustellen und bei einem Kriegs-ausbruch die Spitzen von Partei und Staat zu schützen.
An die künftigen Soldaten des WR stellte man erhöhte „kaderpolitische“ Anforderungen, zum Beispiel sollten sie schon während des Werbeverfahrens die Gewähr dafür bieten, für den Sozialismus (bzw. was die führende Partei darunter verstand), einzutreten, der FDJ angehören oder, besser noch, bereits Kandidat oder Mitglied der SED sein. Westverwandtschaft und Westkontakte galten als verboten, vorzuweisen war ein mindestens befriedigender Abschluss der 10. Klasse, körperliche Fitness sowie eine vormilitärische Ausbildung in der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST). Darüber hinaus wurde erwartet, über keine christlich-kirchliche Bindung zu verfügen. WR-Kandidaten wurden durch Kaderoffiziere der MfS-Bezirks- und Kreisverwaltungen angesprochen, nur im Ausnahmefall akzeptierte man Selbstbewerbungen
Die Zeit im WR galt als Wehrdienst bzw. Wehrersatzdienst. Dieser dauerte drei Jahre für „Soldaten/Unteroffiziere auf Zeit“ und damit doppelt solange, wie die normale Wehrpflichtzeit von 18 Monaten. Die jungen Soldaten absolvierten eine mehrmonatige Grundausbildung und konnten dann im Rahmen des sogenannten „militärisch-operativen Sicherungsdienstes zum Schutz ständiger oder zeitweiliger Objekte bzw. Einsatzräume zur Gewährung der Sicherheit von führenden Repräsentanten der DDR und ihrer ausländischen Gäste als Wach- und Sicherungsposten eingesetzt“ werden. Die militärische Ausbildung bestand aus einem intensiven Schießtraining und schwerpunktmäßig aus einer Schulung im Orts- und Häuserkampf. Sondereinheiten wie die „Aufklärer“ des WR erhielten darüber hinaus eine Spezialausbildung, die unter anderem zum Einsatz gegen „Terroristen“ befähigen sollte.
Die WR-Führung forderte ihre Soldaten auf, in der Öffentlichkeit zurückhaltend aufzutreten. Trotzdem kam es in Ostberlin zu Zwischenfällen mit Zivilisten und zu Rangeleien und Schlägereien mit Volkspolzisten und NVA-Angehörigen. Während „Dzierzynski-Soldaten“ gegenüber anderen bewaffneten Kräften zum Teil überheblich auftraten, zeigten sie im Verhältnis zu den politisch-operativen Diensteinheiten des MfS Minderwertigkeitsgefühle. Das MfS bezeichnete zwar das WR als seinen militärisch-operativen Arm, doch intern war der Dienst in der Truppe wenig angesehen. Deshalb strebten viele junge Offiziere des WR in das Ministerium.
Auf die Mehrheit der WR-Angehörigen wirkte der monate- und jahrelange Wach- und Sicherungsdienst demoralisierend, weil sich dieser durch geballte Monotonie auszeichnete und selten Ereignisse aufwies, die den Sinn dieser „Veranstaltungen“ erkennbar machte. Dabei unternahm die Leitung des Regiments große Anstrengungen, um die Soldaten für diesen „statischen Wachdienst“ zu motivieren, was aber nie gelang. Auch nicht durch Belohnungssysteme wie Beförderungen außer der Reihe, Wettbewerbe, Auszeichnungen und ein monatliches „Postengeld“ von 100 Mark. Das Gros der Dienste wäre bei einer zivilen Wach- und Schließgesellschaft besser aufgehoben gewesen, weil diese den stark militarisierten Wach- und Sicherheitsdienst auf das unbedingt Notwendige hätte reduzieren können.
War es wirklich erforderlich, Zeitsoldaten mit einer infanterieähnlichen Ausbildung drei Jahre im Wesentlichen nur für langweilige Wachdienste heranzuziehen? Konnte man da noch von einer militärischen und politischen Garde oder Elitetruppe sprechen?
Der allgemeine Wachzyklus „Wache-Ausgang-Ausbildung-Wache“ führte die Angehörigen des WR vielfach an die Grenze ihrer physischen und psychischen Möglichkeiten, weil keine ausreichenden Erholungsphasen eingeräumt wurden. Was Unlustgefühle auslöste, verstärkt durch wenig kameradschaftliche Verhaltensweisen zwischen den verschiedenen Diensthalbjahren (Einberufungen erfolgten jeweils am 1. April und am 1. Oktober eines Jahres).
Zwischen den verschiedenen Dienstgradgruppen herrschte außerdem meist ein angespanntes Verhältnis, darüber hinaus gab es eine rigide Disziplin mit Bestrafungen schon wegen geringer Vergehen sowie ein weitverzweigtes Spitzelsystem, welches das Binnenklima vergiftete.
Politisch geführt wurde das WR durch die SED-Kreisleitung im MfS, der eine größere Politabteilung in der Truppe unterstellt war. Für den Verband existierte eine eigene „Parteiinstruktion“ und auf allen Ebenen arbeiteten Politoffiziere. Diese hatten dafür zu sorgen, dass den Soldaten ein „realistisches Feindbild“ vom Gegner „im Innern“ und im Westen vermittelt wurde. Ziel: Sicherstellung „Sozialistischer und tschekistischer Überzeugungen“. Was die Erziehung zu bedingungslosem Gehorsam erforderte, um Einsätze des WR unter allen Lagebedingungen erfüllen zu können.
Die SED-Führung sah unausgesprochen in den Angehörigen des WR eine politische Elite, die sich von den Soldaten der NVA unterschied:
Erstens durch ihre obligatorische Parteinähe bzw. Parteimitgliedschaft. Parteilose wurden nur unter den „Soldaten/Unteroffizieren auf Zeit“ geduldet, aber nicht bei Berufsunteroffizieren/Fähnrichen/Berufsoffizieren (20 Prozent des WR). Mitglieder der sogenannten Blockparteien (CDU, LDPD, NDPD, DBD) fanden keine Aufnahme im WR. Werbung und Einberufung nur auf Betreiben des MfS.
Zweitens durch striktes Westkontaktverbot, was alle Familienangehörige einschloss sowie durch absolutes Verbot des Hörens und Sehens von westlichen elektronischen Medien.
Drittens durch Nichtmitgliedschaft in einer Kirche und durch eine nachprüfbare Ablehnung christlicher Haltungen und Überzeugungen.
Viertens durch eine „militärisch-tschekistische Ausbildung“ mit Schwerpunkt auf den Orts- und Häuserkampf sowie der Sicherung von Sperrgebieten. Verbunden mit der Forderung nach absoluter Geheimhaltung des Dienstes auch gegenüber den nächsten Angehörigen.
Fünftens durch die Auflage bei Berufssoldaten des WR, die Freundin und den (künftigen) Ehepartner zu nennen und diese damit einer Überprüfung durch das MfS auszusetzen. Homosexuelle wurden nicht zugelassen bzw. aus der Truppe entfernt. Letzteres geschah selbst dem Polit-Leiter eines Kommandos und Mitglied des Sekretariats der WR-Politabteilung.
Sechstens durch bessere Vergütung und die Möglichkeit, in andere Dienst-einheiten des MfS überwechseln zu können oder nach Beendigung des Dienstes bei der Aufnahme eines Hochschulstudiums bevorzugt zu werden.
Siebtens durch eine größere „Chance“, als „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) angeworben zu werden. Einschließlich der Auflage, nach Absolvierung der Dienstzeit im Zivilleben diese Tätigkeit fortzusetzen.
Achtens durch erhebliche Schwierigkeiten, eingegangene Verpflichtungen als Zeit- oder Berufssoldat vorzeitig zu lösen und aus dem Dienst „in Ehren“ entlassen zu werden.
Auf dem Papier und in der Theorie zeichneten sich die Soldaten des WR durch mehrmals überprüfte Nähe und Verbundenheit zur SED aus und galten deshalb als besonders verlässliche Waffenträger des Regimes.
Doch 1989 entwickelten sich im WR parallel zur Bürgerrechtsbewegung und mit der steigenden allgemeinen Unzufriedenheit reformerische Kräfte, die auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen in der Truppe drängten und den stupiden Dauereinsatz im Wachdienst ablehnten.
Bei den Feiern zum 40.Jahrestag der DDR am 7.Oktober 1989 hatte sich das WR im Sinne der Herrschenden noch „bewährt“, danach verweigerten immer mehr Soldaten, die bisherige Bewachung der Dienst- und Wohnobjekte der Partei- und Staatsfunktionäre fortzusetzen. Im Ergebnis führte das zur Meuterei und der Bildung von „Soldatenräten“, den Vorgesetzten entglitten damit die Befehlsstrukturen. Der neue Ministerrat der DDR unter Hans Modrow fasste schließlich Mitte Dezember 1989 den Beschluss, das Regiment sang- und klanglos aufzulösen.
Quellen: Hagen Koch / Peter Joachim Lapp: Die Garde des Erich Mielke. Der militärisch-operative Arm des MfS. Das Berliner Wachregiment „Feliks Dzierzynski“, 2.Aufl., Aachen 2014 (vergriffen);
[1]Dr. rer. pol., Politologe & Publizist, 20 Jahre DLF-Redakteur, 10 Jahre Lehrbeauftragter (Universität Hamburg und Köln)