NVA-Zeit in Oranienburg/Sachsenhausen
von Manfred Kruczek, Potsdam[1]
Gleich nach dem Abitur wurde ich von November 1969 bis zum 29.4.1971 zum Grundwehrdienst nach Oranienburg eingezogen. Damit gehörte ich zu 5 von insgesamt 15 Mitschülern meiner Klasse, denen die NVA nicht erspart worden war.
Meine dann folgenden 546 Tage im Armee-Gewahrsam habe ich trotz vieler Schikanen ohne bleibende Schäden überstanden und dabei auch einen großen kameradschaftlichen Zusammenhalt der (nur) Grundwehrdienstableistenden im täglichen Schlagabtausch mit den "Dienetods", also den freiwillig Längerdienenden ("er ist kein Mensch, er ist kein Tier, er ist ein Unteroffizier") und noch intensiver mit den Offizieren, erleben dürfen.
Wir hausten in einem U-förmigen Barackenkomplex hinter dem T-Gebäude als Führungsbatterie 1, einer ARI-Aufklärungseinheit. Ob es sich dabei um eine ehemalige Unterkunft für KZ-Häftlinge handelte, haben wir nie erfahren. Die hygienischen Verhältnisse (Ratten- und Mäuseplage sowie angefrorene Dielen bei Minusgraden nach der Revierreinigung) waren unhaltbar, die Verpflegung unterirdisch, denn es gab-klassenmäßig- drei grundverschiedene Küchen für Offiziere, Unteroffiziere und für uns als abfälligen Rest.
Dazu standen wir regelmäßig auf Wachposten, weil der Besucherweg zur Gedenkstätte Sachsenhausen das NVA-Gelände durchschnitt. Diese beiden Postenbereiche 3 und 4 waren extrem unbeliebt, weil man ständig im Blickfeld war, also nicht "abtauchen" konnte. Bezeichnenderweise spielte die KZ-Gedenkstätte selbst im wöchentlichen Politunterricht keine Rolle, deren Besuch war ebenfalls nicht angesagt. Dafür ging es pausenlos um den "BRD"-Imperialismus und deren angebliche Expansionsabsichten.
Ich war als Abiturient in diese Einheit gelangt, nachdem ich einem STASI-Offizier im Juni 1969 eine klare Absage zum Anwerbungsversuch (als katholischer Christ, denn "gerade die brauchen wir") erteilte, worüber dieser so wütend war, dass er mir ankündigte, im Herbst in eine NVA-Einheit eingezogen zu werden, bei der ich "Blut und Wasser schwitzen" würde. Diesen Anwerbungsversuch hatte ich heimlich per Tonband aufgenommen, dieses dann aber am 7.9.1982 eiligst vernichtet, nachdem ich der STASI in der Potsdamer Untersuchungshaftanstalt Lindenstraße zur Vernehmung zugeführt worden war und eine anschließende Hausdurchsuchung zu befürchten hatte.
Die NVA-Zeit habe ich trotz aller Schikanen mit Trotz überstanden und dabei hautnah erlebt, wie aus manchen Rekruten binnen ihrer vierwöchigen Grundausbildung fast Staatsfeinde wurden, Tonbänder mit Biermann-Liedern gehört wurden und wir uns unter Stubenkameraden dazu verabredet hatten, nie auf Menschen zu schießen (was wir insbesondere den neuen Rekruten vor deren ersten Objektwache als Beitrag zur Friedenserziehung einbleuten) und im E-Fall zu desertieren, nach dem üblichen Motto, "bis wir aus dem A....kommen, steht der AMI vor dem KdP und verteilt Kaugummis". Tatsächlich hätten die meisten von uns die AMIS herzlich willkommen geheißen, so groß war die Begeisterung für die deutsch- sowjetische Waffenbrüderschaft. Was nicht ganz zuletzt auch daran lag, dass wir die Westmusik-angeführt von den Rolling Stones- Bands wie den Pudhys mit größter Emphatie vorzogen.
Wie hoch der Klassenfeind aus der sog."BRD" im Kurs stand, durfte ich dann bei der Fußball-WM im Sommer 1970 noch überzeugender erleben:
Beim Sieg der bundesdeutschen Mannschaft gegen England (3:2 n.V.) war der Jubel aus Tausenden Kehlen für das Offizierskorps so einschüchternd laut, dass im Halbfinale gegen Italien Nachtalarm ausgelöst wurde, d.h. alle auf Einsatzfahrzeugen aufmunitioniert das Kasernengelände verlassen mußten. Angeblich hatte (wiedereinmal) die Britische Rheinarmee bereits die Elbe überschritten...
Als ständige Drohkulisse fungierte eine mögliche Abschiebung ins Militärgefängnis nach Schwedt. Diese Gefahr drohte meiner Einheit an einem sonnigen Tag auf dem Schießplatz Lehnitz. Gleich nachdem wir die Erbsensuppe auf dem Feld ausgelöffelt hatten, kam der Befehl, mit voller Montur im Laufschritt die über 5 KM bis zur Kaserne in Oranienburg zurückzulegen, den wir geschlossen verweigerten. Eine unglaubliche Aktion von Befehlsverweigerung, weshalb man umgehend einen Offizier des Militärbezirks zu unserer "Sonderbehandlung" anforderte. Diese bestand darin, nach dem Anlegen von Vollschutz über den Acker gejagt zu werden, bis die ersten-luftringend unter der Gasmaske-abklappten. Dann wurden die Familienväter (wir Jüngeren waren weniger erpressbar) gefragt, ob sie denn gar nicht mehr ihre Kinder sehen wollten, womit unser Widerstand langsam bröckelte. Zurück in der Kaserne wurde mit dem noch widerständigen Rest die Sonderbehandlung fortgesetzt, u.a. mit Kniebeugen, in der Hand einen Stuhl. Dies entsprach exakt einem Bild im DDR-Geschichtsbuch über den preußischen Drill.
Dass dennoch keiner in Schwedt landete, hatten wir allein der hohen Zahl von ca.50 beteiligten Soldaten in Batteriestärke zu verdanken. Denn wie hätten unsere Batterieoffiziere den Vorgesetzten ihr massenhaftes Versagen erklären können? Natürlich folgten Urlaubs-und Ausgangssperre, was aber bei ganzen 6 Urlaubstagen im Halbjahr zu verschmerzen war.
Lebensgefährlich waren die Großmanöver auf den Schießplätzen zwischen Klietz an der Havel, der Ruppiner Heide und Eggesin in Vorpommern, bei denen es regelmäßig dadurch Tote gab, dass die Kraftfahrer über Wochen nächtelang im Einsatz waren. Um dann Unfälle wegen des Einschlafens zu verhindern, zwängten wir uns neben die Kraftfahrer, um sie irgendwie wachzuhalten.
Andererseits gab es aber auch Spaßiges, speziell im Politunterricht. So fragten wir den Politoffizier, ob unsere Armee überhaupt eine Waffengleichheit herstellen könne, wann uns der NATO-Staat Türkei plötzlich mit Türkensäbeln überfallen würde? Darauf ging er dann tatsächlich über eine Stunde in völliger Hilflosigkeit ein.
Oder wenn unser Spieß bei der allabendlichen Schrankkontrolle meinte "Ihr seid mir schon paar Koniferen" (gemeint waren vermutlich "Koryphäen").
Nicht zu vergessen ist natürlich die EK-Bewegung, beginnend mit dem Bandmaßanschnitt für die letzten 150 Tage. Sie führte bei den sonntäglichen Kinobesuchen im Großsaal der Kaserne nach höchstens 5 Filmminuten zum totalen Abbruch. Denn regelmäßig rief eine Stimme- sobald der Saal verdunkelt war - "EKs-wo seid Ihr?", woraufhin das hundertfache Echo "HIER" lautete und auf die anschließende Frage "Was wollt Ihr?"- "Nach Hause" noch lauter erschallte. Dies galt bereits als Versuch von Wehrkraftzersetzung und mußte peinlichst beendet werden.
Und zum guten Schluß: Nach Öffnung der STASI-Akten in den 90er Jahren ist von entdeckten IMs aus ihrer NVA-Zeit häufig die Entschuldigung zu hören, dass man dort ja in gewisser Weise unter Druck stand und auch noch zu jung war, um das System zu durchschauen. Dagegen stehen zum Glück meine ganz anderen Erfahrungen: Unter meinen 13 Stubenkameraden befand sich kein IM. Sonst hätten wir (trotz vorgeschriebener Markierung der Ostsender) weder RIAS und DLF hören, noch Biermann-Tonbändern lauschen können.
Und wenn sich ein Stubenkamerad plötzlich zum Med.punkt abmeldete, schlich einer aus der Stube hinterher, ob derjenige nicht etwa den VO-Offizier (Verbindungsoffizier zur STASI) aufsucht. So bewußt war uns damaligen Teenagern die Allgegenwärtigkeit des MfS, zumal gerade in der Enge des Kasernen-Alltags kein Ausweichen ins Private möglich war. Und da war es auch im Nachhinein eine gute Erfahrung, dass es in meinen von Juni 1969 bis Oktober 1989 reichenden STASI-Akten allein für die NVA-Zeit keinen IM-Bericht gibt.
PS: Aus aktuellem Anlaß noch einige Erläuterungen zur DDR-Wehrpflicht seit dem Jahr 1962:
WEHRGERECHTIGKEIT war-anders als heute-kein Thema, denn von uns 15 männlichen Abiturienten mußte nur ein Drittel den Grundwehrdienst von 18 Monaten (heute 6 Monate als Freiwilligendienst) ableisten; Kriterienauswahl unklar bis willkürlich.
Die anderen 10 Mitschüler absolvierten während des Studiums ganze 3 Monate Schnellbesohlung als ROA (Reserveoffiziersanwärter) oder entgingen dem ganzen Spektakel ersatzlos.
Spätestens mit Beginn der 80er Jahre wurde der Druck auf Abiturienten-sich mindestens für 3 NVA-Jahre zu verpflichten, um den gewünschten Studienplatz zu erhalten-immer massiver.
Wehrdienstverweigerung oder gar Zivildienst als Alternative waren im SED-"Friedensstaat" undenkbar. Schließlich begann die Militarisierung oft schon in der KITA mit Bildern von NVA-Soldaten und setzte sich mit der Einführung des obligatorischen Wehrkundeunterrichts-trotz Protesten aus kirchlichen Kreisen-fort. Und wer den Mut besaß, als BAUSOLDAT den Dienst mit der Waffe zu verweigern, konnte etwaige Studienwünsche gleich ganz abschreiben.
Kein Wunder also, dass 1989 überproportional viele Theologen die Friedliche Revolution vorantrieben, denn das Theologiestudium war eine Nische für viele Verweigerer.
[1] FORUM zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte im Land Brandenburg e.V.