Der verratene Verräter. Schnur gegen die Bausoldaten

Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel

von Alexander Kobylinski1

Kapitel An der Bausoldatenfront

Hatte „Torsten“ beim Thema Bausoldaten auf regionaler Ebene in Binz das nötige Fingerspitzengefühl gezeigt, so wird sein Auftrag jetzt auf „Republikebene“ erweitert. Seine hartnäckige Mitarbeit im Jungmännerwerk in Berlin trägt Früchte. Wolfgang Schnur wird zum 1. Sprecher des DDR-Arbeitskreises für die Bausoldatenarbeit berufen. Näher kann man nicht dran sein an verdächtigen Kreisen.

Also bekommt er endlich den ersten „richtigen“ tschekistischen Auftrag. Nicht immer nur rumschnüffeln und informationellen Kleinkram auflesen. Endlich wird er auf die wirklich „gefährlichen“ Leute angesetzt.

Rein formal firmiert „Torsten“ inzwischen in der Edelkategorie der Inoffiziellen Mitarbeiter: Er ist jetzt „IME“. Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindkontakt hieß das. Was einerseits eine Aufwertung bedeutet, bringt andererseits noch intensivere Ueberwachung der Post und des Telefons von „Torsten“ mit sich. Bis hin zu seiner Beobachtung auf Reisen. So kann zumindest festgestellt werden, ob „Torstens“ Angaben über seine Aufenthaltsorte stimmen.

1972 geht es dann los, mit dem „besonderen Auftrag“. Er trifft sich mit seinem Freund, wie er ihn inzwischen nennt, dem Landesjugendwart Rudolf Reese aus Magdeburg. Die beiden diskutieren wie immer vor allem über die Bausoldatenarbeit. Einmal erzählt Reese „Torsten“, dass er eine vollständige Kartei mit allen NVA-Garnisonen hat. Reeses Plan ist, dort Befragungen von christlichen Soldaten und natürlich von Bausoldaten zu veranlassen. Was dabei rauskommen soll, kann „Torsten“ noch nicht ahnen. Aber er lässt sich die Kartei von seinem Freund schon einmal zeigen und meldet anschließend seinen Stasi-Kontaktleuten: „Nach Ansicht des IME waren alle Voraussetzungen erfüllt, um die Person Reese, Diakon und Landesjugendwart in
Magdeburg einzusperren.“

Völlig ungerührt empfiehlt „Torsten seinen „Freund“ für eine Verhaftung. Man kann sich leicht vorstellen, was „Torsten“ meinte, als er seine Einschätzung abgab: Wer in den DDR-Kasernen kritische Fragen stellen will und damit Unruhe in die Kasernen bringt, der ist in den Augen von MfS und Staatsanwaltschaft schnell ein „Wehrkraftzersetzer“. Und darauf steht nun mal Knast.

In diesem Fall ist die „Anregung“ von „Torsten“ selbst der Stasi zu viel. Reese wird nicht inhaftiert. Das wäre aus Sicht der Geheimdienstler auch schlicht Unsinn gewesen. Erstens ist Rudolf Reese als Schaltstelle und Informationssammelbecken der Bausoldatenarbeit in Freiheit viel wichtiger. So muss er nur von „Torsten“ geschickt „abgeschöpft“ werden — und die Stasi ist jederzeit im Bild, was an der „Bausoldatenfront“ so los ist. Was hätte Reese hinter Gittern noch genutzt?

Zweitens würde eine Inhaftierung von Reese unweigerlich die Dekonspiration von „Torsten“ bedeuten. Denn wer weiß wohl sonst noch von Reeses Kartei und dem Platz in seinem Arbeitszimmer, an dem er sie lagert? Und seine konkreten Pläne für die NVA-Kasernen kennen nicht mal eine Handvoll Leute. Außerdem behält „Torsten“ noch den exklusiven Zugang zu Informationen, wer den Wehrdienst mit der Waffe verweigern oder gar komplett als Wehrdienstverweigerer auftreten will. Denn Reese weiß darüber so ziemlich alles. So kann sich die Stasi entsprechend vorbereiten.

Also bekommt „Torsten“ den Auftrag, an Reese dranzubleiben. Und fuer die weitere Vorbereitung eventueller „Maßnahmen“ der Stasi gegen Reese wird „Torstens“ Auftrag erweitert. Er soll noch mehr über das Haus Reeses in der Nähe von Magdeburg herausfinden. „Torsten“ geht dort inzwischen ein und aus, und Reese hat oft Zeit für seinen Freund, Rechtsanwalt Schnur. Immer wieder sitzen sie abends stundenlang in Reeses Arbeitszimmer und diskutieren. Bei einem Glas Rotwein, versteht sich. Und so kommt es, dass Schnur auch öfter nächtigt, wie Reeses Sohn Michael sich erinnert. Die Verbindung wird so eng, dass Michael und sein Bruder während ihres Urlaubs auf Schnurs Grundstück in Binz zelten dürfen. Irgendwie ist man ja „eine Familie“.

Wie nachhaltig es Wolfgang Schnur inzwischen gelungen war, in die evangelischen Kreise integriert zu werden, kann er im Dezember stolz an die MfS-Bezirksverwaltung in Rostock melden: Er ist zum 2. Stellvertreter der Synode der Evangelischen Kirche der Union (EKU) berufen worden. Sitzt also im Präsidium. Nach einer Sitzung des Vorbereitungsausschusses fährt er mit Bischof Horst Gienke zusammen nach Greifswald zurück. Obwohl Gienke Schnur nicht so ganz traut, hat er dessen Berufung unterstützt. Schnur ist ihm einfach zu umtriebig. Noch hofft, der nach der Wende als IM „Orion“ enttarnt wird, es für sinnvoll, Schnur mit dem neuen Posten ruhigzustellen.
Was für ein Gefühl für den „Aufsteiger“: Der Bischof der Evangelischen Landeskirche Greifswald persönlich kutschiert ihn mit zurück. Schnur wähnt sich endlich angekommen im evangelischen Establishment — wenn er dort auch noch keinen festen Job hat.

.„Torsten“ überhäuft ein paar Tage später seinen Führungsoffizier mit ungefähr hundert Seiten von Papieren der Landessynode 1974. Sie sind heute fein säuberlich abgeheftet im Band 17 von „Torstens“ Berichten. „Torsten“ hat alles eingesammelt, was er zu fassen bekam: Kopien von Gebetstexten der Morgenandachten, Vorlagen der verschiedenen Ausschüsse der Synode und, und, und. Er ist einfach immer und überall dabei, bei der Auszählung von Abstimmungsergebnissen für diverse Ämter in der Landeskirche Greifswald zum Beispiel. Torsten hat seitenlang Strichlisten angefertigt, wer wen aus welchem Gemeindekreis der Landeskirche woher gewählt hat.

Der Kontakt zu Rudolf Reese wird unterdessen immer enger. Wenn Schnur etwas wegen des Evangelischen Jungmännerwerks zu klären hat und er dazu bei dessen Bausoldatenbeauftragten Reese ist, schaut er gern bei ihm vorbei. So lässt sich die Wohnung von Reese weiter unauffällig erkunden. Bei einem Treffen mit seinem Führungsoffizier beschreibt „Torsten“ genau die Räumlichkeiten und bemerkt, dass es keinerlei Sicherheitsschlösser gibt. Da Reese seine Unterlagen zum Thema Friedensarbeit und Bausoldaten „Torsten“ auf dessen Nachfrage wieder gezeigt hat, kann dieser später seinem Führungsoffizier auch genau erklären, in welchem Regalfach die verdächtigen Unterlagen liegen. „Torsten“ fertigt sogar eine detaillierte Zeichnung des Arbeitszimmers seines Freundes Rudolf und von dessen Lage in der Wohnung an.

Am 3. August findet schließlich eine konspirative Hausdurchsuchung bei Rudolf Reese statt. Denn der im Haus wohnende IM „Kurt“ hat gemeldet, dass die Familie Reese vom 1. bis 10. August zum Urlaub in Thüringen weilt.

Die Aktion ist ein „durchschlagender Erfolg“. Denn es kommt heraus, „dass das ev. Jungmännerwerk unter der Leitung des Landesjugendwartes und seiner Diakone in Form der ,seelsorgerlichen Betreuung‘ von christlichen Wehrpflichtigen in die NVA hineinwirkt“. Sichergestellt werden verschiedene kirchliche Materialien und die Namen von 22 betreuten Bausoldaten. Zudem 57 Adressen, an die das kirchliche Arbeitsmaterial „Friedensdienst“ verschickt worden ist. Deshalb wird der OV „Soldat“ auch auf der Basis von § 106 StGB, „staatsfeindliche Hetze“, geführt. „Torsten“ wird gelobt, weil er die Fundstellen so schön beschrieben und damit den Stasi-Ermittlern die Arbeit erleichtert hat. Jetzt müssten allerdings weitere IM in den Kasernen eingesetzt werden, um wirklich zu beweisen, dass es von seiten der evangelischen Kirche eben doch nicht nur um die „seelsorgerliche Betreuung“ der religiösen Soldaten geht.

Und: „Das sichergestellte Material wurde am 14.8.1974 der HA XX/4 übergeben, da in Berlin eine Expertenkommission geschaffen wurde, die die gesamten Materialien zu diesem Problem im Komplex einzuschätzen hat nach gesellschaftspolitischen sowie strafrechtlich relevanten Merkmalen.“

Die Genossen in der Bezirksverwaltung Magdeburg, an die hatten die Rostocker „Torsten“ ausgeliehen, sind begeistert und erteilen „Torsten“ einen zweiten Auftrag: „Bei der Instruierung des IM wurde dargelegt, dass es sich um eine umfassende Aufklärung des Objektes Halberstädter Straße 132 (Sitz des Jungmännerwerkes in Magdeburg, A.) handelt, insbesondere des Arbeitszimmers von Reese.“ Dabei seien solche Aspekte von größter Wichtigkeit wie der Weg dorthin, sämtliche Schlösser, Lichtquellen, Umgebung, Fenster, Möglichkeiten der Einsichtnahme, die Räumlichkeit und Anordnung des Mobiliars im Büro Reeses und als Hauptpunkt, wo Reese was lagert.

„Torsten“ fährt schließlich an einem Wochentag gegen drei Uhr in die Wohnung von Rudolf Reese. Nachmittags zur Halberstädter Straße. Da kommt ihm auch noch der Zufall zu Hilfe. Reese selbst ist gerade nicht da. Wie praktisch. Torsten erklärt der Sekretärin, er könne warten — im Büro Reeses selbstverständlich. Der Coup gelingt, denn Reeses Sekretärin wird natürlich nicht misstrauisch. Sie weiß schließlich, dass der hoch geachtete Rechtsanwalt Schnur vor ihr steht. Darauf macht sich „Torsten“ ungestört ans Werk, er wird zwei Stunden Zeit haben, bis Reese auftaucht.

Das Stasiprotokoll der Aktion am selben Abend meldet ein optimales Ergebnis: „Bei der Auswertung des Einsatzes um 19.00 Uhr zeigte sich, dass der IM eine exakte Arbeit geleistet hatte und seinen Auftrag mit maximalem Erfolg erfüllte. So hatte er die gesamten Schlösser beschrieben, die auf dem Weg ins Büro Reeses zu überwinden sind. Er gab eine genaue Zeichnung der Anlage des Büros und als wichtigstes Ergebnis die Übersicht, welche Materialien Reese wo lagert, so dass bei einer entsprechenden Aktion der BV Magdeburg genaue Kenntnis darüber besteht, wo entsprechende und gesuchte Materialien lagern. Der IM zeigte bei seinem Einsatz große Initiative und  
tschekistische Fähigkeiten.“

Mit der „entsprechenden Aktion“ ist wieder eine sogenannte konspirative Hausdurchsuchung gemeint. Das heißt, eine heimliche Durchsuchung ohne Durchsuchungsbefehl. Weitere Namen oder neue Materialien wie im Arbeitszimmer von Rudolf Reese wurden bei der Durchsuchung im Jungmännerwerk allerdings nicht gefunden.

„Torstens“ konzentrierte Berichtsarbeit in Sachen Kirche trägt Früchte. Er zeichnet Grundrisse über jede Etage der Häuser, in denen sich das Jungmännerwerk trifft, in Leipzig oder in Berlin in der Sophienstraße. In Magdeburg inklusive der Lage der Toiletten! Man weiß ja nie, wann man mal bei den Christen zur „konspirativen Hausdurchsuchung“ anrücken muss. Und dann wissen die Genossen vom MfS wenigstens gleich, in welche Richtung sie sich orientieren müssen.

Mit einem Lob über „Torstens“ Schnüfflerfähigkeiten wollen es die Stasileute allerdings nicht bewenden lassen. Denn schließlich hat er ja genug Zeit in Reeses Büro gehabt, um einen ausführlichen Blick auf das inkriminierte Material zu werfen, um zu sehen: Wer ist für was in der Soldatenarbeit zuständig? Welche Pläne gibt es, Adressen?

Jetzt sind auch die anderen Kompetenzen von „Torsten“ gefragt: „Im Verlauf des Gesprächs wurde der IM darauf orientiert, entsprechend seinen Fähigkeiten ein Gutachten auszuarbeiten, nach welchen strafrechtlichen Möglichkeiten die Tätigkeit einzelner Mitglieder des ,Arbeitskreises Friedensdienst in der DDR‘ beim Jungmännerwerk zu belangen waren.“

„Torsten“ verspricht natürlich, daran zu arbeiten. 

Und weil die Führungsoffiziere inzwischen „Torstens“ Eifer zu schätzen, aber in gewisser Weise auch zu fürchten gelernt haben, bekommt er die Anweisung, auf keinen Fall Einfluss zu nehmen und Aktivitäten des Arbeitskreises etwa zu unterbinden. „Im Gegenteil gehe es darum, diese Aktivitäten zu belegen und darauf zu achten, wie man diese zeugenmäßig bzw. durch Unterlagen belegen kann.“ Also Beweise beschaffen, die keinen Hinweis auf die Quelle Rechtsanwalt Schnur geben, so dass eine Enttarnung nicht zu befürchten ist.

Dass Menschen kaum direkt auf einen Hinweis „Torstens“ verhaftet würden, wusste Schnur natürlich genau. Damit rechtfertigt er sich bis heute: Es könne ja eigentlich gar kein „richtiger“ Verrat gewesen sein, denn sonst hätten ja schon nach seinen Hinweisen Ermittlungsverfahren eingeleitet werden müssen.

Dass er der Spurenleger war, der der Stasi erzählte, wonach und wo sie suchen musste, ist für Schnur dann eher halb so schlimm. Die Stasi jedenfalls ist Schnurs Hinweisen immer gefolgt. Für sie hatten seine Spuren ein ganz anderes Gewicht, als er heute einräumen will. Wie im Fall Reese, denn „Torsten“ berichtet weiter, dass Reese „geheime Soldatenpunkte“ vorgeschlagen hätte, an denen sich Soldaten unbeobachtet austauschen könnten. Diese Orte sollten nur dem Bischof und dem jeweiligen Landesjugendwart bekannt sein.

Das klang für das MfS natürlich hoch konspirativ. Vielleicht hatte „Torsten“ ja sogar einen der Eingänge zum „politischen Untergrund“ gefunden.

Schnur verteidigt sich weiterhin bis heute damit, dass er alles, was er getan hat, selbst den Verrat, allein aus „Einsatz für den Mandanten“ tat. Auf meinen Einwand, dass der Vorschlag, seinen Freund Rudolf Reese einzusperren, nichts mit dem „Einsatz für Mandanten“ zu tun hat, antwortet Schnur, als hätte ich eine ganz andere Frage gestellt: „Ich glaube, da muss man doch auch die tatsächliche Situation in der damaligen DDR sehen. Ich bin doch auch zu der Tätigkeit (der ,Beratung‘ von Bausoldaten, A.) gekommen, weil andere Berufskollegen nicht bereit gewesen sind, sich dieser Anliegen anzunehmen.“

Soweit hat Schnur sogar recht. Nur, das wollte ich gar nicht wissen. Ich insistiere und wiederhole, dass der Inhaftierungsvorschlag für Reese nichts mit dem „Einsatz für Mandanten“ zu tun habe. Da wird Schnur einsilbig und sagt nur noch kurz: „Den Vorwurf muss ich mir gefallen lassen und kann auch im Nachgang im Grunde genommen nur sagen, dass das eine meiner Fehleinschätzungen gewesen und auch geblieben ist.“

Ende der Durchsage. In welcher Welt lebt der Mann, frage ich mich irritiert, während er mich mit ruhigem Blick fixiert, so, als wäre nichts.

Während „Torsten“ seinen „Freund“ Rudolf Reese also zur Inhaftierung vorschlägt, beruft die Konferenz der Kirchenleitungen Wolfgang Schnur zum 2. Stellvertreter im Präsidium der Bundessynode der evangelischen Kirche. Auf Vorschlag des Greifswalder Bischofs Gienke alias IM „Orion“. Dessen IM-Akte ist heute allerdings, im Unterschied zu der von Schnur, verschwunden.

Nach der Bewährungsprobe in Sachen Reese in Magdeburg wird „Torsten“ anlässlich des 25. Jahrestages des MfS am 5. Februar 1975 für die Auszeichnung mit der Medaille „Für treue Dienste“ der Nationalen Volksarmee in Silber vorgeschlagen. Begründung: „Der IM ist vielseitig im Raum der Kirche einsetzbar. Durch sein richtiges Verhalten konnte er in wichtige Leitungsebenen der Kirche eindringen. Mit seiner Hilfe wurden in Zusammenarbeit mit der Hauptabteilung XX Berlin und der Bezirksverwaltung Magdeburg wichtige operativ interessante Materialien der Kirche beschafft.“

1Auszug aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Mitteldeutschen Verlages