Ein Totalverweigerer. Meine persönlichen Erfahrungen mit den `bewaffneten Organen`: „Autonomie, Angst, Courage und Freiheit“
Von Michael Hugo1
Das letzte Mal in Freiheit die Straße entlanglaufen, Passanten mustern, in die wenigen Wolken sehen, die sehr zarten Boten des Frühlings an den noch kargen Bäumen und Sträuchern entdecken und die benzingetränkte Luft einatmend. So dachte ich – durchaus mit nicht geringem Bangen - am Mittag des 9. März 1988 auf meinem Weg zur zweiten Musterung im thüringischen Weimar. Der Ort: Das von den Nationalsozialisten erbaute Gauforum, an dem Adolf Hitler sich persönlich am Planungs- und Baugeschehen beteiligt hatte. Zu Zeiten der SED-Diktatur befanden sich u.a. Fachschulen für Staatswissenschaften und für Landwirtschaft im monumentalen Bau; eher kein Ort für jemanden für mich, dort eingelassen zu werden oder selbst den Versuch des Hineingehens zu probieren. Ich meine mich zu erinnern, dass ich an jenem Tag beim erstmaligen Betreten eines der Häuser einen Eingang zur `Arbeiter- und Bauern-Fakultät` mit einigem Grauen und Grausen betrat, der mich dann vor die ca. 15köpfige Musterungskommission brachte. Und ich zitterte wirklich ein wenig: Nicht nur bei der zunächst zu absolvierenden und unangenehmen Schau des Militärarztes in alle Körperöffnungen. Sondern dann fortgesetzt vor der Kommission; denn eine sofortige Festnahme war im absoluten Bereich des Möglichen meiner Gedanken- und Gefühlswelt. Zumal in jener Zeit, wo wenige Wochen zuvor wieder mehr als 100 Menschen am Rande der staatlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ostberlin festgenommen worden waren und oftmals noch im Februar 1988 zur Ausreise aus der `DDR` gedrängt wurden.
Da ich bereits als 17jähriger, noch Minderjähriger, bei meiner Erst-Musterung am 7. April 1980 (einem Ostermontag, der ja als Feiertag abgeschafft war) im Wehrkreiskommando zu `Karl-Marx-Stadt` vor einer Kommission mit einer schmucklosen und vorbereiteten Erklärung (Anlage 1) kundgetan hatte, dass ich meinen „Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee“ aus „Glaubens- und Gewissensgründen“ als „Dienst ohne Waffe als Bausoldat ableisten möchte, wie mir das im Gesetzblatt (…) von 1964 gewährleistet ist“, hatte ich acht Jahre nichts mehr von den `bewaffneten Organen` gehört. Es war mir als Jugendlicher völlig klar, dass ich nicht schießen, keine Freunde in Stuttgart Lörrach oder in Hamburg töten und nichts für diesen unlegitimierten Staat tun würde. Und ich habe damals gesagt, dass ich nur den Ersatzdienst - also den der Bausoldaten – ableisten würde. Denn es gab ja keinen Zivildienst oder ähnliches, was auch wir tausendfach ab 1981 („Sozialer Friedensdienst“, SoFd) forderten. Natürlich vergeblich.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir im April 1980 bei der Musterung ca. zehn Erwachsene energisch drohten und mit mir „über den Frieden“ diskutieren wollten. Das war auch emotional und so allein nicht ganz einfach, doch ich blieb bei meinem Kompass und das Aufweisen der rechtlichen Möglichkeit des waffenlosen Dienstes mit der mitgebrachten Erklärung war sicher nicht unklug. Und ich fühlte mich auch prinzipiell lebens-sicher: Denn am Vortag hatte ich mich in der Osternacht 1980 römisch-katholisch taufen lassen. Meine beste Lebens-Entscheidung bis heute!
Es folgten später mehrere `Aussprachen` mit dem Direktor der Berufsschule und dem Kaderleiter (heute: Personalchef) des Interhotels (in dem ich Koch lernte); zumal ich kurz darauf auch aus den staatlichen Jugendorganisationen der Deutsch Sowjetischen Freundschaft (DSF) und der Freien deutschen Jugend (FDJ) austrat und auch nur gewillt war, zu Wahlen zu gehen, die diesen Namen auch verdienen. Das geschah dann im März 1990, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Für einen angehenden Koch der „Interhotel-Gruppe“ war insbesondere das Verweigern des Schießens auf und das Töten von Menschen für die Kommunisten wohl völlig indiskutabel. Die Militarisierung war scheinbar in den Küchen der Staats-Hotels nicht ausreichend. Jedenfalls war amtlicherseits ein Mobbing für mich fast täglich an der Reihe – bis hin zur Herunterstufung meiner Noten bei den Prüfungen.
Meine Bausoldaten-Erklärung von 1980 fand ich nach unserer 1989er Freiheits-Revolution in meinen Akten des Staatsicherheitsdienstes (SSD) der SED wieder. Siehe: Es war eben doch nicht alles schlecht im Osten, wie die korrekte Aktenführung.... Jedenfalls hat es zum Nicht-Schießen-und-Nicht-Töten-Wollen einiges an Berichten über mein angeblich freches und unbotmäßiges Verhalten als „dekadenter Jugendlicher mit einer feindlich-negativen politischen Einstellung“gegeben (Anlage 2); auch im Hotel beim einzigen Fernsehkoch der `DDR`, Kurt Drummer. Immer dann, wenn SED- und `DDR`-Chef Erich Honecker seinen Wahlkreis (ja, das hieß so!) alle paar Wochen besuchte, speiste und nächtigte er im Interhotel `Kongreß`. Und immer dann hatten drei der 150 Kochlehrlinge – darunter ich - Hausverbot, das auch rigoros durchgesetzt wurde. Nur kurz nach Anfang meiner Lehre im Jahr 1979 schlüpfte ich einmal durchs Netz und erlebte unfreiwillig, wie an jedem der großen Kippbratpfannen und Suppenkessel hotelfremdes, männliches und auffällig-unauffälliges Personal mit weißen Kitteln saß und aufpasste, dass keiner eine Substanz hineingab. Die Arbeiter- und Bauernmacht hatte eben viel Vertrauen ins Volk – und die `bewaffneten Organe` waren temporär zu Hilfs-Gastronomen mutiert….
Später folgten dann Berufsverbote: Noch nicht mal als Tellerwäscher im Weimarer Bahnhof bei der MITROPA oder als Nachtportier in Betrieben oder Museen war mir arbeiten möglich. Denn nach der mündlichen Zusage der Personalverantwortlichen bekamen sie später die `Kaderakte` aus meinem Lehrbetrieb aus K.-M.-Stadt. Dann gab es plötzlich keinen Bedarf mehr – auch wenn z.T. Suchanzeigen für Arbeitskräften genau für diese Jobs weiterhin monatelang öffentlich aushingen…
Aber ich hatte weit vorher - ab März 1982 - schon die wohl einzige und nicht-staatliche Rettung in beruflicher Hinsicht: Einem Engagement bei `Kirchens` als Küster in einem Pfarramt, als Küster, Küchenleiter und Hilfspfleger in zwei Weimarer Caritas-Altersheimen und als Gast elf Monate in Klöstern in Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und in der `DDR` bis September 1990.
Mit den ´bewaffneten Organen` hatte ich ab meiner jungen Jugend ständig zu tun, in diversen Ausgestaltungen: Ob bei mehrfachen Verhaftungen und Zuführungen in leeren Fabrikgebäuden im Kontext von Fußballspielen des FC Karl-Marx-Stadt (den nicht wenige, so auch ich in den 1970ern immer anfeuerten mit „FC, FCC, FC Chemnitz olé“); dazu gehörten auch die Abschnittsbevollmächtigten (ABV) der Polizei, die im Wohnquartier mit ihren (oft heimlichen) Helfern für die Durchsetzung von sozialistischen Normen präsent waren. Von den National-Sozialisten hatten die SED-Kommunisten nach 1945 auch die Arbeitspflicht übernommen. Ich suchte im Frühjahr 1982 etwas Neues, Kreatives, war gerade einen (!) Monat ohne bezahlte Tätigkeit und somit drohte auch mir dieser Zwang. Ich nahm natürlich keine staatlichen Leistungen in Anspruch (Sozialhilfe gab es ohnehin nicht; die hätte ich auch nicht genommen) und war für mich selbst verantwortlich. Dennoch wurde der ABV in meine instandbesetzte Wohnung (Anlage 2a) auf dem Chemnitzer Kaßberg vorgeschickt und drohte mit Knast, wenn ich nicht innerhalb von 24 Stunden einen Arbeitsvertrag vorlegen könnte. Wie ich jetzt weiß, wurde im Vorfeld mehrfach intensiv nachgeforscht, ob die Informationen, die die auf mich angesetzten Spitzel dem SSD mitteilten, auch stimmten. Zum Beispiel, ob mein jahrelanges und ehrenamtliches Roadie-Helfen bei den Dresdner Musik-Gruppen Caravan und Zwei Wege nun in einer Anstellung als Techniker mündete. Auch das sind nicht unwesentliche Aspekte von repressiver Zwangs-Ausgestaltung in einer Diktatur. Nachdem ich also innerhalb von 24 Stunden dieser Inhaftierung nur dadurch entging, dass mir der damalige katholische Propst Vinzenz Dassmann sofort einen Arbeitsvertrag als Küster in meiner Taufkirche (trotz seines Wissens um meine mäßigen handwerklichen Fähigkeiten) anbot und ich somit dem Haftantritt nach dem angedrohten § 249 Strafgesetzbuch der `DDR` (Asozialität) mit bis zu zwei Jahren Knast entging. Allein 1974 wurden 14.000 Menschen deshalb verurteilt.
Doch zurück zum März 1988: Denn acht Jahre nach der Bausoldaten-Erklärung habe ich dann total verweigert. Also prinzipiell keinen Waffen- und keinen Zwangsdienst für die kommunistischen Diktatoren.
Meine Einberufung (und die Festnahme) sollte am 28./29. April 1988 erfolgen, wie der Staatssicherheitsdienst (SSD) der SED am 17. März 1988 nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) depeschierte (Anlage 3). Wie man nachrevolutionär erfuhr, erfolgte völlig unabhängig von mir einen Tag später an der `Juristischen Hochschule` des SSD in Potsdam die „Orientierung“, dass u.a. „hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter“ nicht einzuberufen seien, „um das Verhältnis Staat“-(vorrangig evangelischer) „Kirche nicht erneut durch administrative Maßnahmen zu belasten“ (Anlage 4).Zu diesem `kirchlichen Mitarbeitern` wurde ich wohl auch gezählt – da ich seit 1982 ununterbrochen bei katholischen Einrichtungen tätig war.Laut diesem `DDR`-weiten Rundschreiben sei die Inhaftierung von `PUT`-Typen wie mir (SSD-Ausdruck für `politische Untergrund-Tätigkeiten`) „differenziert durchzuführen“. Ein weiterer Aspekt: `DDR`-Chef Honecker wollte weitere, internationale Anerkennung – insbesondere die der USA. Und da würde ein neuer `Kirchenkampf` durch Inhaftierungen dieser minimalen Minderheit der Totalverweigerer immens stören. Eine innenpolitische Beruhigung und ein Desinteresse des `Westens`an diesen und an anderen Gruppen gelang den kommunistischen Machthabern aber m.E. auch durch die kirchenunabhängigen Menschenrechts-Gruppen insbesondere in Ost-Berlin aber eher schlecht als recht.
Mich hatte Anfang März 1988 ein Anruf im Franziskanerkloster Dingelstädt von einer Freundin erreicht, die in der Zeit meiner monatelangen Abwesenheit ihr erstes Atelier in meiner Wohnung (Anlagen 4aund 4b)einrichtete. So kam ich am Vortag in Weimar zur „Einberufungs-Überprüfung“ (EBÜ) an; die Nacht verbrachte ich mit einem eilends aus Ost-Berlin gekommener Freund mit dem Aufsetzen des Textes für die Total-Verweigerung. R.S. war nicht nur älter und lebenserfahrener – wir hatten uns 1979 kurz nach seinem einjährigen Knastaufenthalt kennengelernt, den er wegen Verweigerung der Reserve in Zeithain (bei Riesa) verbüßt hatte.
Mich hatte Anfang März 1988 ein Anruf im Franziskanerkloster Dingelstädt von einer Freundin erreicht, die in der Zeit meiner monatelangen Abwesenheit ihr erstes Atelier in meiner Wohnung (Anlagen 4a und 4b) einrichtete. So kam ich am Vortag in Weimar zur „Einberufungs-Überprüfung“ (EBÜ) an; die Nacht verbrachte ich mit einem eilends aus Ost-Berlin gekommenen Freund mit dem Aufsetzen des Textes für die Total-Verweigerung. R.S. war nicht nur älter und lebenserfahrener. Wir hatten uns 1979 kurz nach seinem einjährigen Knastaufenthalt kennengelernt, den er wegen Verweigerung der Reserve in Zeithain (bei Riesa) verbüßt hatte.
Inzwischen war mir klar: Die Totalverweigerung musste es sein. Wie sollte ich – auch im Wissen um die Tätigkeiten von Freunden bei den Bausoldaten – Teil dieser Rüstungsmaschinerie sein, wenn auch nur ein minimaler, unbedeutender? Wenn ich meine Erklärung mit den heutigen Augen eines 63jährigen lese, finde ich auch die Formulierung des „Verzichts auf einen Dienst bei NVA“ weiterhin interessant. Zwar folgt etwas `Gedrechseltes` zu „friedensfördernden, gesellschaftlichen und politischen Strukturen...“ (Anlage 5), aber dass ich in diese Armee nicht gehen konnte und auch als Bausoldat an den geplanten Tötungs-Strukturen der Diktatur beteiligt gewesen wäre, war mir auch damals völlig klar. Zumal wir ja spätestens heute wissen können, wer die Überfallpläne auf West-Berlin fertig in den Schubladen hatte und probte und was die sowjetische Angriffsdoktrin wie beim `Fulda-Gap` bedeutete.2 Der potentielle Angreifer war – so weiß ich heute - nicht die `böse NATO` (die ich damals aber als Radikal-Pazifist auch ablehnte) ...
Ich weiß eben noch sehr genau, wie ich an jenem 9. März 1988 in Weimar den Weg ins NS-Gauforum zur EBÜ lief und die ersten zarten Naturblüten sehr genau wahrnahm und mir einprägte in der Annahme, dass ich in zwei Stunden schon im Knast ohne blühendes Leben sein könnte. Den Preis für die Totalverweigerung und für das Nichtvorhandensein des von mir erwähnten Ersatzdienstes war ich bereit zu zahlen – mindestens mit mehr als anderthalb Lebensjahren in der sozialistischen Besserungsanstalt. Es ging gar nicht anders, es war wie das Martin Luther zugesagte „Hier stehe ich und kann nicht anders“; nur 290mal geringer, aber groß für mich und vielleicht nicht ganz zu schultern. Denn ich wusste – oder ich ahnte deutlich -, dass ein Gefängnis-Aufenthalt mental für mich `herausfordernd` sein würde. Meine Ängste vor einem halbwegs stabilen Aufenthalt im Knast waren sicher nicht unbegründet; zumal ja `Politische` und Kriminelle ja oft auch zusammen in den Zellen leben mussten. So war aber alles vorbereitet: Auch die halbstündige (!) Besuchererlaubnis pro Monat hatte meine Mutter schriftlich an den Jesuiten Werner Jung abgetreten; einen Freund, der Priester und psychologisch gut geschult war. Und die Fäden liefen in meinem Fall beim damaligen Erfurter Generalvikar und späteren Berliner Kardinal Georg Sterzinsky (Anlage 6) zusammen; auch die anwaltliche Vertretung war erfolgt. Durch wen? Nun ja: Wer wusste bis März 1990, das der Ost-Star-Anwalt und Dissidenten-Vertreter Wolfgang Schnur – der auch eine Reihe meiner Freundinnen und Freunden im Knast vertrat (und verriet) - seit einem Vierteljahrhundert ein sehr, sehr spezieller Spitzel war? Wohl niemand wusste es; ganz, ganz wenige ahnten etwas, vor der ersten freien Wahl 1990 erschien er als bedeutender Politiker der sich demokratisierenden DDR und baldiger Regierungschef – ehe er wenige Tage vor der Volkskammerwahl enttarnt wurde. Das Schreiben aus seiner Rostocker Kanzlei an mich ist auch anbei (Anlage 7).
Da ich vom Januar bis November 1988 in verschiedenen Klöstern und Pfarrhäusern als – wie wir heute sagen - Freelancer (nur für Kost, Logis und Gebet) gelebt hatte, hatte ich wohl diesen Sonderstatus und entging wieder einer längeren Inhaftierung. Darüber bin ich weiterhin ganz und gar nicht traurig.
Traurig war ich aber oftmals in den 1980igern über meine römisch-katholische Kirche in den ostdeutschen Teilen der deutschen Bistümer, die durchaus zurückhaltend auch in Friedens- und Nachrüstungsfragen war. Auch deshalb war für mich als Wehrdiensttotalverweigerer und jungen Mann der Weg in die nicht nur religiös motivierte staatsunabhängige `Friedensbewegung` folgerichtig. Und auch hierbei lernte ich in den Jahren besser und besser, mit Widersprüchen, Differenzen, Enttäuschungen und Spannungen umzugehen.
Als ich zufällig vor wenigen Monaten in der ARD-Mediathek die aus dem Jahr 2018 stammende Dokumentation "Honeckers unheimlicher Plan - Wie die DDR ihre Bürger wegsperren wollte" – also fast 30 Jahre nach dem Ende der `DDR` - sah, musste ich schlucken. Denn da sah ich erstmals, was die bewaffneten Organe konkret auch für mich im damaligen Bezirk Erfurt vorbereitet hatten: Ein Isolierungslager für die `Feinde der DDR` im Untergrund des Schlosses von Beichlingen (bei Kölleda). Und ich sah Weimarer Freunde und eine Kollegin, die im Film vor Ort waren. Und ich erinnerte mich daran, dass ich ja einer von den ca. 12.000 Menschen war, die `DDR`-weit 1988/89 auf den von der SED vorbereiteten Listen für die Lager gesetzt wurden und nun den Ort des geplanten Wegsperrens lokalisieren konnten. Und in meinem Fall: Immer wieder war ich seit 1995 mehrfach bei Freunden in der Nähe von Schoß Beichlingen, ohne etwas von dessen Vorgeschichte zu wissen… Das wird sich nun ändern.
Im Revolutionsherbst 1989 arbeite ich dann in der Arbeitsgruppe Wehrdienstfragen beim Neuen Forum (NF) in Weimar mit. Wir haben landesweit mit vielen anderen ein Wehrdienstgesetz ausgearbeitet. Die Einschmelzung meines eingeschickten Wehrpasses samt Metallmarke im Frühjahr 1990 brachte mir dann diese Urkunde. (Anlage 8) Unglaublich: Mit Hammer und Sichel!
Dazu passte, dass ich mit Freunden in der Nacht der ersten freien Volkskammer-Wahl am 18. März 1990 die auch für mich sehr enttäuschenden Ergebnisse für das bürgerbewegte Bündnis `90 mit Flugblättern, Leim- und Farbeimern direkt vor das Weimarer Wehrkreiskommando (WKK) in der Cranachstraße fuhr, unweit des Hauptquartiers der Staatssicherheit. Das WKK war hell erleuchtet und in der Pforte sahen wir Uniformierte sitzen. Aber wir brachten unzählige pazifistische Flugis mit viel Leim überall am Haus an und ich schrieb mit einer Freundin in riesigen Lettern und schnelltrocknender Farbe auf die Straße: „Keine NVA. Keine Bundeswehr. Keine Wehrpflicht!“, denn wir ahnten klar, was der Ausgang der Volkskammer-Wahl für die Wehrpflicht bedeuten würde. Das damit auch das Recht auf Kriegsdienstverweigerung einhergehen würde, wollten oder konnten wir nicht sehen; wohl eher ersteres…. Niemand der `bewaffneten Organe` in beiden Villen schien uns in jener Nacht zu bemerken. Und noch 15 Jahre später waren Reste unserer damaligen Äußerungen auf der Straße zu erkennen.
Als ich dann im April 1990 ausgerechnet vom vormaligen SED-Wehrkreiskommando-Chef, Oberst Enderlein, in Weimar – der mich genau zwei Jahre zuvor wegen meiner Total-Verweigerung wegen des fehlenden Zivildienstes angeschrien hatte - das Angebot der „Möglichkeit, Zivildienst zu leisten“ bekam (Anlage 9), musste ich schon etwas ungläubig schmunzeln. Hatten die `bewaffneten Organe` nun klein beigegeben? Und als der gleiche Genosse mir innerhalb eines Tages (!) im Mai 1990 bescheinigte, dass meine Zivi-Erklärung angenommen sei, sendete mir kurz darauf das Arbeitsamt den „Feststellungsbescheid für die Übernahme in den Zivildienst der DDR“ (Anlagen 10). Doch dazu kam es nicht; vier Monate später gab es die DDR nicht mehr.
Am vorletzten Tag der nun freien DDR trat ich am 1. Oktober 1990 im Rathaus zu Weimar nach meiner einstimmigen Wahl durch das Stadtparlament mein Amt als kommunaler Ausländerbeauftragter- zunächst ohne Büro und Mitarbeiter- an. Zeitgleich war innerhalb von einem Tag der Antrag auf eine Zivildienst-Stelle geschrieben und sofort bewilligt worden. Undenkbar heute – aber ich freue ich mich immer noch, unromantisch und eingedenk des Zeitfensters. So konnten junge Männer wie ich das tun, was mir verwehrt worden war: Einen Dienst im zivilen Bereich sowie an und für eine Gesellschaft.
Aber ich hatte an jenem Tag ein Büro und vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und ein Telefon – dass als ich erstmals abhob – eine Direktverbindung nach Erfurt herstellte. Also ohne eine von mir gewählte Nummer. Unglaublich: Ich war im ehemaligen SSD-Hauptquartier des Bezirkes Erfurt gelandet! Der das dort Telefon abhebende Mann vom Bürgerkomitee lachte nach einigen Sekunden der beiderseitigen Irritation mit mir laut los, als er erfuhr, dass ich zehn Monate vorher mit bei der ersten Besetzung einer Geheimdienstzentrale in der `DDR` - eben in Erfurt – in den Anfangstagen dabei gewesen war. Und das (ja wirklich!) rote Telefon gehörte - wie mein erstes Büro - vormals zur Abteilung Inneres. Das war auch die Erklärung für die Standleitung, die kurz darauf gekappt wurde. Da war ich – ohne es zu ahnen - plötzlich nochmals mit den Strukturen der `bewaffneten Organe` in Berührung gekommen. Aber sie waren nun zivil und transparent.
Zum Schluss meiner Erfahrungen mit den `bewaffneten Organen` in der `DDR` noch etwas zu meiner weiteren Entwicklung der Themenfelder Pazifismus und Militär.
Das `Bröckeln` meines grundsätzlichen Pazifismus begann durch einige Erlebnisse beim Krieg auf dem Balkan, den ich beruflich und privat immer wieder hautnah – insbesondere an der bosnisch (serbisch)-kroatischen Grenze ab Sommer 1992 miterlebte. Spätestens 1993/94 waren meine Zweifel an einem o.g. Pazifismus immens; die Abkehr erfolgte final mit dem serbischen Massaker von Srebrenica 1995, das die UNO-mandadierten Blauhelme nicht verhinderten. Das macht mich heute noch fassungslos.
Als Ultima Ratio – als allerletzte Variante eben – schien und scheint mir seitdem der Einsatz von Waffen zum Schutz, zur Verteidigung des eigenen Landes und Lebens zu sein. Doch damit ging es natürlich auch um die alten ethischen Fragen der Legitimität eines Tyrannenmordes von der Antike bis in die Neuzeit (Thomas von Aquin), die ja konkret bis in unsere jüngere Vergangenheit (Dietrich Bonhoeffer) ???und in unserer Gegenwart virulent ist. Und als eine der Folgen für mein persönliches Dilemma hängt seit drei Jahren in meiner Wohnung neben dem Original des vom SSD entfernten „Schwerter zu Pflugscharen“-Vlies (Anlage 11) nun auch das papierne „Schwerter zum Flughafen. Nach Kiew (Kyjiw)“. Auch ich plädiere seit März 2022 klar für die Lieferung und den Einsatz von Waffen (wie natürlich auch von Unterstützung im humanitären Bereich) an die Ukraine. Auch im klaren Wissen, das es dadurch Opfer, getötete Menschen gibt und geben wird.
Macht mich das Zusehen beim Töten von z.B. wehrlosen Zivilisten - weil `ich` keine Waffen liefere - schuldloser? Ist das ´unbeholfen`, nicht zu Ende gedacht?
Auch in den Kreisen derjenigen, die als Bausoldat oder Totalverweigerer sich dem militaristischen und ideologischen System entgegenstellten, wird spätestens seit 2014 mit dem russischen Angriff auf die Ukraine (und seit 2023 besonders im Israel-Gaza-Konflikt) sehr kontrovers diskutiert. Auch hier nehme ich schmerzhafte Risse zwischen Freunden und Bekannten (und mir) wahr. Aber auch das gehört zu einem freiheitlichen Leben dazu – und wäre wiederum eine andere Geschichte….
2Die Sowjetarmee sollte sich durch einen Panzerüberfall bei Fulda `verteidigen´.
Anlagen folgen