Wünsdorf – Hauptstadt der sowjetischen Truppen in Deutschland

von Hans-Albert Hoffmann[1]

Fast ein halbes Jahrhundert waren sowjetische Militärangehörige in Deutschland stationiert. Die Aufgaben der Gruppe der sowjetischen Truppen in Deutschland (GSTD) wandelten sich im Laufe der Zeit. Ursprünglich diente sie der Aufrechterhaltung der Besatzungsmacht in der sowjetischen Zone. Durch die globale Konfrontation mit den USA und den NATO-Staaten in der Zeit des Kalten Krieges wurde die Besatzungsarmee zur strategischen Vorhut der sowjetischen Militärmacht in Europa.

Die Direktive Nr. 11095 des sowjetischen Obersten Kommandos an die 1. Belorussische Front legte deren Umbenennung in Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland (GSBTD) mit Wirkung vom 10. Juni 1945 fest. Das Oberkommando der GSBTD wurde auf Basis der Feldführung der 1. Belorussischen Front gebildet und Marschall Schukow zum ersten Oberbefehlshaber der GSBTD ernannt.

Die Feldführung der 1. Belorussischen Front befand sich seit dem 3. Mai 1945 im Berliner Ortsteil Köpenick-Wendenschloss. Nach der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 bezog das Oberkommando der GSBTD das Sperrgebiet in Potsdam-Babelsberg.

Im Juni 1952 erfolgte dann die Verlegung nach Wünsdorf.[2] Der Hauptgrund für den Umzug wird die geografische Lage des Sperrgebietes Babelsberg in unmittelbarer Nachbarschaft zu Westberlin gewesen sein. So grenzte die zum amerikanischen Sektor gehörende Enklave Steinstücken direkt an die Gebäude des Stabsbereiches in Potsdam-Griebnitzsee (heute Campus der Universität Potsdam).

Die größte sowjetische Truppengruppierung außerhalb des Territoriums der UdSSR wurde nun über 40 Jahre von Wünsdorf aus geführt. In Wünsdorf war aus Zeiten der Wehrmacht eine gute und geräumige Kasernenstruktur erhalten geblieben, die den Anforderungen der Unterbringung des sowjetischen Oberkommandos und seiner Sicherstellung entsprach.

Die heutige Bundesstraße 96 durchschnitt als wichtige Nord-Südverbindung die sowjetische Garnison auf einer Länge von fünf Kilometern und war für den zivilen Durchgangsverkehr gesperrt. Die deutschen Anwohner mussten mit ihren Fahrzeugen nun einen Umweg von 14 Kilometern über Klausdorf–Mellensee in Kauf nehmen, was eine besondere Erschwernis für die Bewohner des Landkreises darstellte, die in die Kreisstadt Zossen wollten.

Wünsdorf war auch durch die Bahnlinie Berlin-Dresden ein geteilter Ort. Auf der westlichen Seite der Bahnlinie lebten ca. 2.700 deutsche Bewohner. Die östliche Seite war eine sowjetische Stadt, in der sich durchschnittlich 35.000 bis 40.000 Militärangehörige und ihre Familien aufhielten.

Wünsdorf entwickelte sich im Laufe der Zeit zur größten militärischen Garnison in der DDR und war wegen seiner strategischen Bedeutung der wichtigste Standort der sowjetischen Truppen in Deutschland.

Das sowjetische „Wjunsdorf“ umfasste fünf sogenannte „Militärstädte“. Auf einem Territorium von 590 Hektar, das von einer Betonmauer umgeben war, befanden sich ca. 980 Gebäude und Anlagen.

Die Garnison war direkt mit dem Mutterland verbunden: Von Wünsdorf gab es eine tägliche Eisenbahnverbindung nach Brest bzw. Moskau und vom Flugplatz Sperenberg flogen täglich Transportflugzeuge in die Sowjetunion.

Das in Wünsdorf stationierte Oberkommando war ein großer Führungs- und Verwaltungsapparat mit den entsprechenden Sicherstellungseinheiten zur Führung der Gruppe der sowjetischen Truppen in Deutschland (GSTD) in Friedens- wie auch in Kriegszeiten. Das Hauptquartier befand sich im Gebäudekomplex der ehemaligen Panzertruppenschule der Wehrmacht.

Der Oberbefehlshaber und sein Stab waren verantwortlich für

  • die ständige Gefechtsbereitschaft der ihm unterstellten Truppen,
  • die politische Erziehung der Militärangehörigen und ihre militärische Disziplin,
  • die Organisation der Ausbildung von Truppen und Stäben sowie
  • den operativen Ausbau des möglichen Kriegsschauplatzes.

Im Kriegsfall oblag ihm als Frontoberbefehlshaber die Vorbereitung der befohlenen Operationen und die Führung der Truppen während der Kampfhandlungen.[3]

Der Oberbefehlshaber und seine Truppen als Instrument der sowjetischen Einflussnahme auf politische Ereignisse in der DDR

Die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 trafen die sowjetische Führung in einer Umbruchphase.

Die Sowjetische Kontrollkommission in Deutschland (SKKD) war Nachfolgerin der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und wurde mit Beschluss des Ministerrats der UdSSR Nr. 1539-604ss vom 16. Juni 1953 aufgelöst. Armeegeneral Tschuikow war bereits am 10. Juni 1953 in Berlin verabschiedet worden. Er war der letzte Oberbefehlshaber der GSBTD, der gleichzeitig auch politische Belange in der SBZ/DDR durchzusetzen hatte.

Am 10. Juni 1953 stellte sich der bisherige politische Berater der SKKD Semjonow offiziell als Hoher Kommissar der UdSSR in Deutschland der DDR-Führung vor. Gleichzeitig übernahm Armeegeneral Gretschko den Befehl über die sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland.

In der Nacht vom 16. zum 17. Juni 1953 trafen sich Semjonow und Gretschko in Berlin-Karlshorst mit Ulbricht, Grotewohl (Ministerpräsident der DDR) und Zaisser (Minister für Staatssicherheit der DDR), um ein eventuelles Eingreifen der Polizei-, Militär- und Sicherheitsapparate vorzubereiten.

Gleichzeitig entschied die sowjetische Führung in Moskau kurzfristig, Marschall Sokolowski nach Berlin zu schicken. Armeegeneral Gretschko hatte zuvor nie in Deutschland gedient und war mit den politischen Bedingungen noch nicht vertraut. So traf der deutschlanderfahrene Marschall Sokolowski, jetzt Chef des Generalstabs der Sowjetarmee, am 17. Juni 1953 um 13.30 Uhr in Berlin ein, um die Fäden in die Hand zu nehmen.

Marschall Sokolowski löste in eigener Entscheidung - jedoch im engen Kontakt zu Semjonow - die weiteren Befehle aus, die durch den Oberbefehlshaber der GSBTD, Armeegeneral Gretschko, umzusetzen waren.[4]

Für die Mehrzahl der sowjetischen Besatzungstruppen, ob sie sich in ihren Kasernen oder im Manövergelände befanden, wurde erhöhte Gefechtsbereitschaft befohlen. Einige Truppenteile wurden in den größeren Städten konzentriert, wo Unruhen erwartet wurden.

Die sowjetische Militärführung verhängte über 167 der 217 Land- und Stadtkreise den Ausnahmezustand, der in Ostberlin und Leipzig am längsten, nämlich bis zum 9. Juli 1953, anhielt.[5] Dies bedeutete, dass die Regierungsgewalt in diesem Zeitraum offiziell wieder allein von der Sowjetunion in Gestalt des Hohen Kommissars und ihren Truppen in der DDR ausgeübt wurde.

Im Zusammenhang mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961wurde für den Zeitraum vom 9. August 1961 bis zum 18. April 1962 Marschall Konew als Oberbefehlshaber der GSTD eingesetzt. Chruschtschow wollte gegenüber den Alliierten einen aus dem Weltkrieg bekannten Marschall an der Spitze der Operation haben. Dem Westen sollte damit demonstriert werden, dass sich die östliche Seite auf alle Eventualitäten einrichte.

Am 10. August 1961 hatte Marschall Konew den nach Wünsdorf eingeladenen drei alliierten Stadtkommandanten von Westberlin in einem Toast verdeutlicht: „Meine Herren, Sie können beruhigt sein. Was immer in absehbarer Zeit geschehen wird - Ihre Rechte werden unangetastet bleiben, und nichts wird sich gegen Westberlin richten.“[6]

In Vorbereitung und während des Mauerbaus hatte das Oberkommando der GSTD zur Führung und Koordinierung aller militärischen Aktivitäten im Raum Berlin eine Kommandozentrale in Berlin-Karlshorst eingerichtet. Auch in den ersten Wochen und Monaten nach dem 13. August 1961 wurden alle Befehle an die Truppen der NVA und des Ministerium des Innern (MdI) der DDR allein mit Sanktion von Marschall Konew erteilt.

Das Tempo der Öffnung der Berliner Mauer am Abend des 9. Novembers 1989 überraschte auch die sowjetische Seite. Der Oberbefehlshaber der damaligen Westgruppe der Truppen (WGT), Armeegeneral Snetkow, versetzte seine Truppen noch in der Nacht zum 10. November 1989 in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“.[7]

In dieser Stufe der Gefechtsbereitschaft befand sich der gesamte Personalbestand in den Kasernen und bereitete Technik und Ausrüstung für eventuell folgende weitere Stufen der Gefechtsbereitschaft vor. Dies war bei scheinbaren Gefährdungslagen üblich und wurde bei Konfliktsituationen im Kalten Krieg öfter praktiziert.

Entsprechend der Anweisungen der Moskauer Führung beschränkte sich die WGT in den Wochen nach dem Mauerfall auf die Zusammenarbeit mit den westlichen Alliierten in Berlin und die Eigensicherung. Armeegeneral Snetkow gab lediglich den Befehl, die Bewachung der Garnisonen und Militärdepots zu verstärken.[8]

Dienst- und Lebensbedingungen in Wünsdorf

Der Dienst in Deutschland und besonders in Wünsdorf war für viele Generale und Offiziere eine wichtige Station ihrer erfolgreichen Dienstlaufbahn. Auch die Soldaten, die in den Sicherstellungseinheiten dienten, hatten bessere Dienstbedingungen als ihre Kameraden in den Einheiten anderer Garnisonen.

Die positiven Erinnerungen an Wünsdorf als Dienst- und Wohnort teilen die ehemaligen sowjetischen Bewohner noch heute in den russischen sozialen Medien:

 • eine kleine, saubere (es gab genügend Reinigungspersonal) und gemütliche Stadt, eine direkte Zugverbindung nach Moskau, Buslinien innerhalb der Garnison, der Große Wünsdorfer See mit eigenem Erholungsbereich,

 • ein entwickelter Dienstleistungssektor mit Werkstätten, Restaurants, Kindergärten,

 • der Militärhandel mit verschiedenen Geschäften, wo in den Regalen sonst knappe Waren lagen.

Im zentralen Haus der Offiziere in Wünsdorf hatten die Angehörigen der Garnison und ihre Familien die Möglichkeit, sich in Zirkeln und Studios künstlerisch zu betätigen. Kultur- und Filmveranstaltungen, Bibliotheken und gastronomische Einrichtungen vervollständigten das Angebot. Mittelpunkt des Hauses war ein Theater- und Kinosaal mit 600 Plätzen.

Gern kamen auch hohe Militärs, Politiker und bekannte Künstler der Sowjetunion nach Wünsdorf „ins sozialistische Ausland“, um etwas vom gehobenen Lebensstandard der DDR (im Vergleich zur UdSSR) zu profitieren. Die Hotels in der Garnison waren stets belegt.

Auch die sowjetischen Staats- und Parteichefs schauten während ihrer Besuche in der DDR in Wünsdorf vorbei. Im Juli 1957 kam Chruschtschow nach Wünsdorf. Ein weiterer Besuch folgte am 1. Juli 1963.

Generalsekretär Breschnew besuchte Wünsdorf am 8. Oktober 1964 und am 7. Oktober 1974 - jeweils nach den Geburtstagsfeierlichkeiten der DDR. Der russische Präsident Jelzin stattete am 23. November 1991 in Begleitung des deutschen Außenministers Genscher Wünsdorf einen Besuch ab.

Diese Besuche wurden akribisch vorbereitet. Die Angehörigen der Garnison mussten frühzeitig die mit Fahnen und Transparenten geschmückten Straßen und Plätze säumen, deren Umfeld gründlich gereinigt war - alles, um den flüchtigen Blicken des Gastes zu gefallen.

Auch die Staats- und Parteiführung der DDR erschien mindestens zweimal im Jahr in Wünsdorf. Am Tag der Sowjetarmee (Februar) und am Jahrestag der Oktoberrevolution (November) kam jeweils eine repräsentative deutsche Delegation unter Leitung eines Mitglieds des Politbüros des SED-Zentralkomitees zur feierlichen Versammlung nach Wünsdorf.

In Wünsdorf gab es auch regelmäßige Besuche der Oberbefehlshaber der Verbündeten in der Anti-Hitler-Koalition. Die Häufigkeit des Besuchsaustauschs zwischen der GSTD und ihren westlichen Partnern hing von der internationalen Situation ab.

Neu ernannte alliierte Oberbefehlshaber versuchten in der Regel, sich näher kennenzulernen. Unter den Bedingungen des Kalten Krieges und der militärischen Konfrontation in Europa war es wichtig, einander in die Augen zu schauen. Das traditionelle Empfangsprogramm in Wünsdorf umfasste meist den Besuch einer Militäreinheit, eine Demonstrationsübung oder Sportvorführung, ein Gala-Mittagessen und ein Konzertprogramm.

Am 31. Dezember 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. In den Kasernen der WGT wehte ab dem 1. Januar 1992 die neue russische weiß-blau-rote Fahne. Am 4. März 1992 wurde die WGT per Erlass Nr. 248 des Präsidenten der Russischen Föderation dem Oberbefehl des russischen Präsidenten unterstellt.[9]

Ab 1993 begann das russische Militär, die „Hauptstadt der WGT” - Wünsdorf - etappenweise zu verlassen.

Am 11. Juni 1994 stand die Wünsdorfer Garnison erstmals für öffentliche Besuche zur Verfügung. An diesem Tag wurde das Hauptquartier der WGT feierlich verabschiedet.

Zu Ehren dieses Ereignisses fand auf der Fernverkehrsstraße 96 eine große Militärparade mit Teilen der Berliner 6. Garde-Mot-Schützenbrigade und des Wünsdorfer 69. Mot-Schützenregiments statt. Danach gab es ein Volksfest vor dem Haus der Offiziere.

Am 9. September 1994 um 6.30 Uhr holte der letzte Chef des Stabes der WGT, Generaloberst Terentjew, vor dem Stabsgebäude der WGT in Wünsdorf die russische Flagge ein. Dazu waren die letzten 30 Generale und Offiziere der WGT angetreten. Anschließend bestiegen sie zwei Busse, die sie nach Berlin-Schönefeld brachten.

Um 10.03 Uhr meldete General Terentjew vor der startbereiten IL-76 an die deutschen Vertreter: „Der letzte russische Soldat hat Deutschland verlassen.“ Danach startete die Maschine in Richtung Moskau.[10] Die 49-jährige Geschichte der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland war damit beendet.

Wünsdorf wurde nach dem russischen Abzug zum größten Konversionsprojekt Deutschlands mit dem Ziel, diesen alten Militärstandort einer zivilen Nutzung zuzuführen. Heute leben ca. 10.000 neue Bewohner in den sanierten Kasernengebäuden bzw. den neu entstandenen Eigenheimsiedlungen der Waldstadt Wünsdorf. Geschichtlich Interessierte können über die Bücherstadt Tourismus GmbH durch unterschiedliche Führungen Einblicke in die ehemalige Militärgeschichte erhalten (www.buecherstadt.com).


[1]      Hans-Albert Hoffmann war 23 Jahre lang Soldat der NVA. Seit 1994 beschäftigt sich der Oberstleutnant a. D. mit Wünsdorf, zunächst im Konversionsprojekt, dann in der Bücherstadt Tourismus GmbH. Seine Erkenntnisse über die Geschichte der Garnison vermittelt er in Publikationen, Führungen und Vorträgen. Der Inhalt dieses Beitrags basiert auf seinem Buch „Wünsdorf – Hauptstadt der sowjetischen Truppen in Deutschland“ (Berlin, 2020).

[2]     https://www.cia.gov/readingroom/search/site/CIA-RDP82-00457R012700220004-0

[3]     Sowjetische Militärenzyklopädie, Heft 8, Berlin 1984, S. 37.

[4]     Bentzin, Hans: Der 17. Juni 1953, Berlin 2003, S. 160.

[5]     Kowalczuk, Ilko-Sascha und Wolle, Stefan: Roter Stern über Deutschland, Berlin 2001, S. 169.

[6]     Wettig, Gerhard: Chruschtschows Berlin-Krise 1958-1963, München 2006, S. 185.

[7]     Wenzke, Rüdiger (Hg.): Damit hatten wir die Initiative verloren. Zur Rolle der bewaffneten Kräfte in der DDR 1989/90, Potsdam 2015, S. 156.

[8]     Ebenda, S. 158.

[9]     Bernhard MroßSie gingen als Freunde… Der Abzug der Westgruppe der sowjetisch-russischen. Truppen 1990-1994, Harrislee 2005, S. 92.

[10]     Mroß, Freunde, S. 39