Lebenseinschnitt NVA

Für die Weigerung noch zu mager

 

von Gerold Hildebrand

 

Ich kann überhaupt nicht sagen: „Ich war neunzehn“. Mit 18 wurde ich für anderthalb Jahre eingezogen und das gesamte neunzehnte Lebensjahr war total futsch, im Eimer der Schrecklichkeiten.

Unser Abiturabsolventenjahrgang 1973 war noch in der glimpflichen Lage, dass kein allzugroßer Druck erzeugt wurde, sich für einen längeren Militärdienst verpflichten zu müssen. Von den beiden schlechtesten Schülern ging der eine drei Jahre zur Asche, der noch schlechtere verpflichtete sich gleich als Offizier. Alle anderen Jungs wollten nur Grundwehrdienst machen und wurden vorimmatrikuliert. Ich hatte in der Umlenkung einen Stomatologie-Studienplatz ergattert.

Im folgenden Abiturjahrgang kehrte sich das Verhältnis völlig um. Nur der beste Schüler erhielt jetzt einen Studienplatz für zwei Jahre später, die anderen mussten sich drei Jahre lang zur NVA zwangsverpflichten.

 

Jederzeit gefechtsbereit!

 

„Jederzeit gefechtsbereit!“ drohte in schlechtem Reim das Banner vor der Meininger NVA-Kaserne. Ausgerechnet zu den Grenztruppen wurde ich einberufen im November 1973, obwohl bei der Musterung im Wehrpass doch Mot. Schütze eingetragen worden war. Hätte ich im Fragebogen besser die wie meine Mutter aus Schlesien stammende Westverwandtschaft angeben sollen? Aber mussten die denn alles wissen, was sie ohnehin schon wussten?

Ein vierwöchiger ereignisreicher Bulgarien-Trip, eine Kurztour nach Prag und zwei Tramps nach Polen zum Jazz lagen hinter mir.

Im mit künftigen Armisten vollgestopften Zug schnitt mir einer die schulterlangen Haare: „Sonst biste gleich dran.“ Natürlich kam ich noch mal unters Messer.

Vage hatte ich zwar mal was von der Möglichkeit des Bausoldatendienstes gehört, aber keine Ahnung wie man das anstellt und außerdem wäre dann zur großen Enttäuschung meiner Oldies der Zahnmedizinstudienplatz gleich obsolet gewesen, wozu es zwar sowieso kam. Aber mal schön der Reihe nach. Erst einmal war zu befürchten, dass ich wie alle anderen nach den sechs Monaten im Ausbildungsregiment versetzt werden würde: an die Grenze.

 

An die Grenze?

 

Der Gedanke, von dort zu fliehen, kam mir nicht. Und schießen? Wird schon nichts passieren. Von Fluchtversuchen stand nichts in der „Jungen Welt“ oder der „Volksarmee“, die wir abonnieren und dafür von dem schmalen Sold (80 Glocken) auch noch zwei Aluchips löhnen mussten.

Obwohl uns andererseits stete Wachsamkeit eingetrichtert wurde, da es angeblich von Grenzbrechern nur so wimmelte. Half gegen das Grübeln ein Rückzug ins elfenbeingefärbte Schneckenhaus, das aus zwei Buchdeckeln bestand?

 

Kasernenalltag

 

Auf dem Zehn-Mann-Zimmer rezitierte ich vor dem ersten Nachtruhe-Befehl aus dem gerade in der Ostzone erschienenen Band „Rezepte für Friedenszeiten“ mit bundesdeutscher Lyrik: „Nimm Butter statt Kanonen, weil sich das leichter kaut.“ Das löste verhaltenes Grinsen aus und der SED-Parteinik, vermutlich obendrein Stasi-Spitzel, outete sich gleich, indem er das Buch in kontrollierender Absicht an sich nahm. Die Fronten waren geklärt. Sie verliefen mitten durch den Schlafsaal.

Es erwies sich zudem, dass die Parteigenossen gut verteilt worden waren. In jedem Schlafkabuff lauerte mindestens einer dieser Langohren und Fispelzungen.

Am nächsten Morgen wurde ich mitten in der Nacht, um sechs Uhr in der Frühe rausgeschrillt. Noch vor dem mageren Frühstück Militärische Körperertüchtigung mit hochzustemmenden Panzerkettenteilen. Ich war ja eigentlich Schachbrettspieler. Eskalierwand, Rumrobben im Dreck. Härtetest inklusive Prellung. Antreten. Raustreten. Vortreten. Abtreten. Austreten. Wegtreten. Reintreten. Zurücktreten. Pfiffe. Abducken. Warten. Immer in der Horde. Schnell-Fraß, also Fast Food, fast Essen. Sonntags mal ein Liter Milch für zehn Personen als Nachspeise. Sackstand der Tagebuckel. Jedes Päckchen vor den Säcken öffnen. Waffenputz, Kragenbinden scheuern. Wache stehen, vier Stunden rumlaufen, vier Stunden dämmrig rumsitzen im Wachlokal genannten stinkenden Wärterkabuff, vier Stunden Schlaf auf einer Pritsche und das ganze noch mal von vorn.  Und gleich noch mal, weil es so schön war. Am Wochenende sinnloser Arbeitseinsatz (VME genannt) von 7 bis 20 Uhr. Keine Briefmarken und Briefumschläge in der Kasernenkantine. Wäre es im Knast wesentlich schlimmer gekommen?

Mit dem Rumrobben sind keine in Rum eingelegten Robben gemeint und auch im Wachlokal fehlte der Alkohol. Den schmuggelten andere zuhauf. Ich blieb weitgehend abstinent.

Sackstand der Tagebuckel: Mit Sackstand bezeichneten einfache Soldaten den Druck, der von sehr dienstbeflissenen Vorgesetzten ausging, die einem auf den Sack gingen. Tagebuckel waren alle Tagediebe, die noch viele Tage hinter Kasernenmauern abzubuckeln hatten. Manche bis zur Rente oder bis zur Befreiung 1989.

 

Ei, ei, ei, ein Eid

 

Die Vereidigung fand aus Verschwörungsgründen nicht in Meiningen sondern auf dem Marktplatz in Rudolstadt statt. Ich bewegte beim Schwur nur stumm die Lippen. Das fiel höchstens den neben mir Stehenden auf. Mitgefangen, mitgegangen, mitmarschiert.

 

Rotlichtindoktrination

 

Im Polit-Unterricht, der wöchentlichen Rotlichtbestrahlung, wurde auf eine aggressive klassenkämpferische Feindbildpflege hingearbeitet. Die stete demagogische Beschwörung des aggressiv-imperialistischen Charakters des „Kapitalismus“ ließ einen fast schon inbrünstig hoffen: Kommen die Bösen Bonner Ultras nun mal endlich? Wie lange sollen wir denn noch warten auf BBU Godot? Täglich enttäuschte das Murmeltier. Es kam 1989 mit dem Mauerdurchbruch völlig anders, in umgekehrter Richtung wurde die Gefängnismauer von innen aufgedrückt.

 

Zielschuss

 

Der Genosse Politnik referierte auch die (Genfer ?) Konvention: An der Grenze sei mit „Anruf, Warnschuss, Zielschuss“ auf „Grenzverletzer“ zu reagieren.

Auf dem Schießplatz folgte prompt die Demaskierung. Der besagte Parteinik aus meinem Zimmer fragte beflissen übervorlaut: „Genosse Oberleutnant, wenn ich den Grenzverletzer erst rufe und dann bloß einen Warnschuss abgebe, dann ist der doch längst weg.“ Und der Braune (so hieß der tatsächlich), seines Zeichens eisenbahnuntauglicher Zugführer, bellte schneidig: „An der Grenze wird sowieso nur voll drauf gehalten!“ Oha! Die durchsichtige Inszenierung mit agitatorischem Anspruch war leicht zu durchschauen und zeigte die brutale Menschenfeindlichkeit, was jedoch nicht allen mit voller Härte ins Bewusstsein drang. Nicht einmal von einem vergleichsweise milderem gezielten Schuss in die Beine war die Rede. Solches wurde auch nicht eingeübt. Es gab ja den Dauerfeuerhebel.

 

Schon 5 Uhr 44

 

Allgegenwärtig war auch der Politnik-Spruch: „Der Feind ist auf seinem eigenen Territorium vernichtend zu schlagen!“ Soso, dachte ich stille bei mir, diesmal wird also schon fünf Uhr vierundvierzig „zurückgeschossen“? Man lernt in einer Diktatur eben nie aus. Und in der NVA lernte man rasch den Hass, wenn auch nicht (wie vorgesehen) auf die mit der anderen Feldpostnummer.

 

Apropos Feldpost

 

Einmal hatte meine Schwester mir geschrieben und dabei nur Initialen und eine abgekürzte Absenderadresse angegeben. Sofort wurde ich gerügt, dass „unsere Sicherheitsorgane ein Interesse daran haben, genau zu wissen, wer da schreibt“.

Schon auf der zweiten Karte an sie und meine Eltern findet sich meine Warnung „Ansonsten werden Karten hier immer gelesen.“

Schon nach wenigen Tagen wurde mir klar, dass man Post nur im Stadtgebiet aufgeben lassen sollte. Zunächst war ich so blödnaiv, eine Karte in den Karton auf dem Kasernenflur für ausgehende Post einzuwerfen. Das brachte mir gleich mein erstes erhellendes Verhör ein, also nicht das allererste, denn beim Trampen war mir bereits Ähnliches widerfahren.

Anlass für das Verhör in Anwesenheit von Kompaniechef, Zugführer, Gruppen-Unteroffizier und einem Unbekannten war eine Postkarte, auf der ich auf die Verhaftungen Ende Oktober in Warschau vor der Jazz Jamboree hingewiesen hatte.

Ich erzählte das denen auch ausführlich, dass völlig ohne Grund etwa 50 Jazzfans verhaftet worden waren. Wurde natürlich nicht geglaubt, da wäre doch bestimmt randaliert worden. So war es aber nicht, ich war ja dabei.

 

Manöverkritik 

 

Dann mitten in der Nacht „Gefechtsalarm“ mit trötenden Sirenen. Gewaltmarsch ins Manövergebiet. War gar nicht so weit weg. 50 Kilometer im Laufschritt hin und zurück. „Schneller, schneller!“ „Gas!“, was der Befehl zum Aufsetzen der fast luftundurchlässigen Gasmaske war. Gewitzte schraubten den Rüssel locker. Die nochmalige Steigerung der Tortur lautete politisch korrekt „Atomschlag von rechts!“, was hieß, sich unverzüglich in das progressive linke Waldstück zu schmeißen und schon im Fallen den Jumbo, so eine Art Ganzkörper-Fromms für ABC-Schützen, überzuzerren. Das war der sogenannte Strahlenschutzanzug, bestehend aus einem gummiartigen Gewebe, der irgendwie die imaginierten Atomstrahlen, die die BBUs aussandten, vertreiben sollte. Man schwitzte darunter lediglich wie Sau. Die Antreiber trabten leichtfüßig und unbeschwert nebenher. Die Strahlen schienen um sie einen Bogen zu machen, weil sie den richtigen Klassenstandpunkt eingenommen hatten, immer etwas höher stehend auf der goldenen Leiter. Wir, die sozialistische Soldateska waren hingegen behangen mit kiloschwerem Gedöns und der Kalaschnikoff, die jetzt nicht mit Lunikoff zu verwechseln ist. Es war das „Maschinengewaahr“.

 

Einer machte schlapp

 

Einer machte schlapp, lag rotgesichtig japsend am Boden. „Auf, auf, Genosse Soldat XY“, schrie der Uffz. Der Gestürzte konnte nicht mehr. Mit noch einem schnappte ich mir Maschinengewehr und Tornister des Erschöpften und wir hakten ihn beidseitig unter bis zum Zieleinlauf am Kasernentor. Ich hoffe, der triezende Uffz hat meinen hasserfüllten Blick, mit dem ich ihn gedanklich in den Boden rammte, lange nicht vergessen. Eine einstweilige Erschießung wäre dagegen harmlos gewesen. So ganz war er sich seiner Sache wohl doch nicht mehr sicher. Ein Toter unter den eigenen Leuten im Friedenskrieg hätte vermutlich keine Auszeichnung nach sich gezogen.

 

Der Kleiderschrank im Urlaub 

 

Der erste Urlaub wurde mir an Silvester 1973 gewährt und ich verbrachte ihn unvorschriftsmäßig fern der Heimatadresse in Roßleben. Wir durchfeierten schlaflos Tage und Nächte voller Freejazz vom Tonbandgerät, mit schwarzem Tee und Koffein-Tabletten.

Mein Kumpel bot mir an, seinen schönen massiven Kleiderschrank aus Vorkriegsproduktion auf mein Bein fallen zu lassen, damit ich wegen Wehrunfähigkeit zünftig und standesgemäß ausgemustert werden würde. Ich ahnte, es könnte auch anders ausgehen und lehnte feige ab. Es wäre auch schade gewesen um den schönen Schrank.

 

Kasernenausgangsgeschehen

 

Am Kasernenausgangsgeschehen nahm ich kaum teil. Kollateralnutzen: Das Druckmittel der Ausgangssperre verlor seinen Stachel. Das Saufen im Rudel war außerdem nicht so meins. Auf der Bude war angenehme Ruhe, wenn die anderen neun im Ausgang weilten und ich konnte lesen.

Im Frühjahr ging es allein und nur mit einem Buch bewaffnet in den Wald, der nicht zum Ausgangsgebiet zählte. Die schizophrene Absurdität der Situation widerspiegelte sich darin, dass ich Albert Schweitzer oder indische Reime über Ahimsa (Gewaltlosigkeit) zu mir nahm - und das in der Uniform eines kommunistischen Staates, der einen militanten totalitären Weltgeltungsanspruch hegte.

 

Tauglichkeitsverhör

 

Am Ende des halben Jahres in Meiningen wurden alle Insassen einer verhörartigen „Befragung“ unterzogen. Ein unbekannter Uniformträger saß dabei. „Verwaltung 2000“ war die Tarnbezeichnung für die MfS-Hauptabteilung I, zuständig für die NVA.

Die Vernehmung begann damit, dass über Mitbürger Auskunft gegeben werden sollte. Geschickt eingefädelt: „Wen können Sie denn unter ihren Zimmergenossen gut leiden und wen nicht?“ Ich ahnte, welche Fragen sich anschließen würden und vermied Namensnennungen: „Ich komme mit allen gut aus.“

Nach längerem Vorgeplänkel kam die entscheidende Frage: „Würden Sie an der Grenze bedingungslos schießen?“

„Ich weiß ja nicht, ob da im Dunklen zwei Minderjährige rumlaufen.“

„Sowas gibt es doch gar nicht. Das sind alles Grenzverletzer.“

„Es wurde aber schon mal auf zwei Vierzehn- oder Fünfzehnjährige geschossen.“

„Wer hat Ihnen denn das erzählt?“

„Ich weiß nicht, aber es ist doch denkbar, dass da zwei Jugendliche Ärger im Elternhaus hatten und nun weglaufen wollen, weil sie glauben im Westen sei alles Gold.“

„Dann sind das Grenzverletzer, das ist zu verhindern. Also was nun, stehen Sie zu unserem Staat oder nicht? Sie wollen doch studieren?“

„Ja, schon, aber so etwas möchte ich mir nicht auf mein Gewissen laden.“

„Also Sie würden nicht bedingungslos schießen??“

„Nein.“ (Kleinlaut)

So ähnlich lief das Verhör ab. Das Reizwort dabei war augenscheinlich „Gewissen“. Es wurde den Herren klar: Der funktioniert nicht so wie er soll.

Als ein paar Wochen später fast alle anderen an die Grenze gekarrt wurden, kam ich nach Rudolstadt und erfuhr von den Dortigen, dass auch sie als unzuverlässig erachtet wurden. Dramatische Folgen blieben erst mal aus. Ich musste neben dem Wachdienst die Tagesäcke bedienen, Offizierstischdienst. Da gab es richtig zu essen.

Die Karte von der Humboldt-Universität, dass meine Vorimmatrikulation gecancelt wurde, traf erst viel später ein.

 

Volkswahl 

 

In Rudolstadt ereignete sich zwei Wochen später die kommunale „Volkswahl“. Nein, da wurde kein neues Volk gewählt. Ältere forderten von den Offizieren: „Wir kennen doch gar niemanden hier, stellen sich die Kandidaten in der Kaserne vor oder können wir raus zu einem Wählerforum?“ Nichts da. Solcherlei „bürgerliches Gedöns“ war auch für die lokale Einwohnerschaft nicht vorgesehen. Zu spüren war, dass es unter den Wehrpflichtigen eine nicht völlig verschwindend geringe Distanz zum herrschenden System gab, allerdings noch weit entfernt von offener Meuterei.

Am Wahlsonntag bestand der zaghafte Widerstand unserer Bude darin, nicht schon gleich nach dem Frühstück an die Urne zu watscheln. Ich hatte zu allem Unglück auch noch Geburtstag und von den uniformierten Offizieren, die Urne und Zettelfalter bewachten, reichte mir einer einen Blumenstrauß: „Wir gratulieren Ihnen als Erstwähler.“ Das war mir hochnotpeinlich, aber ich traute mich nicht, denen den Strauß vor die Füße zu werfen. Es hätte für eine solche Symbolhandlung ja auch kein Publikum gegeben. Immerhin hatte ich live erlebt, was von einer sogenannten Wahl unter kommunistischer Herrschaft zu halten war. Beim nächsten Mal an die Wahlurne nicht ohne Rüstzeug: Kugelschreiber. Und durchstreichen. Alle.

 

Zschachenmühle

 

Hernach ging es nach Zschachenmühle, ein Bataillonsstützpunkt der Grenztruppen, außerhalb der Fünf-Kilometer-Sperrzone gelegen. Hier fand ich eine kleine aber feine Ansammlung ideologisch Abtrünniger vor.

Nach einem halben Jahr kamen zwei Dresdner dazu, die stramm auf roter Linie waren. Einer wurde bald ertappt, als er an der Tür des Vau-Nullers, also des Stasimannes, ein Klopfzeichen gab und eingelassen wurde.

Dieser junge Geheimpolizist da in seinem Büro hatte sich mal voll zum Affen gemacht, als auf der nahen Landstraße 90 ein Westauto vorbeifuhr und er sich hinter einem Baum mit gezogener Pistole postierte.

Aber schon bevor der Dresdner beim Stasi-Gang ertappt wurde, war glasklar geworden, wie dieser Neuzugang tickte. Einer hatte ein kleines Kofferradio eingeschmuggelt und hörte schon monatelang gute Musik vom Feindsender, daran ließ er die anderen fünf im Zimmer teilhaben. Nachdem die Neuen da waren, folgte bald eine intensive Stubendurchsuchung und die Brücke zur freien Welt war weg.

Ein andermal fragte einer die neuen Genossen, wie es denn um die Meinungsfreiheit in der DDR-Presse bestellt wäre. Der Eifrigste der beiden agitierte gleich: „Bei uns hat doch jede Partei ihre eigene Zeitung.“ Die Gegenfrage „Und warum steht da überall dasselbe drin?“ ging im schallenden Gelächter der anderen, schon länger hier Zwangseingewiesenen unter.

Die beiden Gummiohren verschwanden kurz vor unserem Heimgang zum Grenzdienst. Da war endgültig alles klar.

 

Was hatte ich da zu schaffen?

 

Wache schieben im Vier-Stunden-Rhythmus. Ich litt an Schlafdefizit, konnte andererseits nicht mehr richtig einschlafen. Der Militärarzt verabreichte Meprobamat. Dazu auch noch russisches. Meine Briefe wurden wirrer.

Beim Wachestehen verzog ich mich meist ins Wartehäuschen an der nahen Bahnstation. Es ließ sich dort mit einem um die Nieren gewickelten Schal aushalten. Die Taschenlampe von Opa war der wichtigste Ausrüstungsgegenstand. Mit ihrer Hilfe konnte ich des nachts gut lesen oder Briefe schreiben. Der letzte Zug kam gegen Mitternacht. Da hieß es, kurz mal eine Runde drehen an der Sormitz lang. Dann war wieder himmlische Ruh. Offiziere und Unteroffiziere ließen sich nicht blicken. Gegen Verdächtige war ja sofort die Schusswaffe einzusetzen.

 

Lesen, lesen, nochmals lesen 

 

Ich ließ mir weiter wie verrückt Bücher schicken. Eine Buchhändlerin schickte regelmäßig Raritäten: Böll, Wallraff, Heyms „König David Bericht“, der parabelhaft die kommunistische Geschichtsschreibung vorführte, und in der DDR verspätet erscheinende Weltliteratur.

Doch auch die kleine Bibliothek im Armeestützpunkt war erstaunlicherweise nicht schlecht bestückt mit Werken von Hermann Hesse (Demian, Siddhartha, Narziß und Goldmund, Die Morgenlandfahrt). So richtig Muße zum Lesen fand ich jedoch selten. Wachdoppelschichten und wochenendliche Arbeitsdienste ermüdeten und es gab keinen Rückzugsraum. Hinzu kamen Arbeitsverrichtungen außer der Reihe. Die Kunst des Müßiggangs war hier nicht zu erlernen. Angenehmer nur, dass ich nun in keiner Großkaserne mehr war. Die ehemalige Holzsägemühle war belegt mit rund 50 Mann. Da war der spaltende Kastengeist der EK-Bewegung nicht so ausgeprägt. Nebenan Baupioniere, die körperlich härter ran mussten. Heute tummeln sich auf dem Gelände Bhagwan-Jünger und Schrottplastiken.

 

Westfressen feudal

 

Einmal wurde ich mit anderen abkommandiert zu einem anderen Militärobjekt, keine Ahnung wo das war, die Plane des Armeelastkraftwagens war blickdicht verschnürt. Wir mussten schwere Kisten in einen Kellerraum schleppen. Der entpuppte sich als Lager für nie zuvor Gesehenes: Lebensmittelkonserven aus westlicher Produktion. Ananas, Mandarinen und andere Köstlichkeiten. Handelte es sich um Vorbereitungen für ein Gelage des Führungs-Packs vom Warschauer Pakt? Und frassen diese Heuchler ewa dem verabscheuten Klassenfeind aus der Hand?

 

Politbösling Kaag

 

Politoffizier Kaag aus Leutenberg war der Unbeliebteste, ein völlig verblendeter ideologischer Hardliner, „der Dackel“ genannt. Gab er den diensthabenden Befehlsvollstrecker, so waren Spindkontrollen an der Tagesordnung. Die Soldaten wurden in dieser Zeit mit sinnlosen Arbeiten ferngehalten.

Der Briefempfang lief ebenfalls über seinen Tisch. Offene Karten las er ungerührt mit oder vielleicht aufgewühlt, weil sein Weltbild durcheinander geriet. Die aufgedampften Briefe waren auch von innen begutachtet worden, was Reiner Kunze lyrisch benannte, aber längst kein verschlossenes Geheimnis mehr war. In einem meiner Briefe steht: „Von Tante Trudel der Brief war auch an der bestimmten Stelle eingerissen. Sonde.“ Und man fragte immer ab, ob der letzte Brief auch wirklich angekommen sei und bestätigte den empfangenen. Da gab es also kein Vertun und keine Illusionen mehr.

Häufig waren die empfangenen Briefe mit gelben Klebestreifen verziert. Fragte man beim Absender nach, so war das nicht sein Werk. Wir gingen also zum Klebstoff Duosan über und falteten das Briefpapier die kreuz und die quer, auch wenn gar nichts Verfängliches aufnotiert worden war. Ab und an gab ich galgenhumorig meinen Briefen ein freundliches Wort bei: „Erst mal einen schönen Gruß an die Angestellten von Horch&Guck!“

Sei’s drum, die umfangreiche Korrespondenz mit rund 40 überwiegend Trampbekanntschaften hielt mich weithin über Wasser. Die Briefe vernichtete ich. Hätten den Absendern nach einer Durchsuchung möglicherweise schaden können. Verstecken? Aber wo? Ob im Keller oder Klo, sicher war es nirgendwo.

 

Meine Eltern huben auf

 

Aber meine Eltern bewahrten Briefe auf, die ich ihnen schickte. Da fließt hier einiges ein, was ich voll vergessen hatte. Sind ja nach 50 Jahren selbst für mich überraschende Zeitzeugnisse. Nach so vielen Zeitenwenden kann es frappierend sein, sich gedanklich wiederzubegegnen. Also dem, der in jungen Jahren nicht immer seiner späteren Meinung war.

Das Entziffern war jetzt nicht so das Problem. Handschrift beherrschte ich damals noch. Manch eigenhändig Geschriebenes entschlüsselt sich heute selbst mir nicht. Manchmal nur kryptische Andeutungen. Weil die Stasi nicht gleich die ganze Gesinnungslage durchleuchten können sollte, schrieb ich lieber allgemein von „Skrupellosigkeit, Karrieresucht und Machtbesessenheit“, die in Filmen behandelt wurden. Aber es gibt frappierende aufnotierte Bekenntnisse: „Wenn ich jemals blind hasse, dann die Armee.“ Blind? Das war doch wohl eher sehenden Auges.

Eine gefestigte antikommunistische Haltung war bei mir in dem zarten Alter jedoch noch nicht ausgeprägt. Mit 19 hat man noch Träume. Da wachsen noch alle Bäume in den glühenden Himmel der Zukunft.

 

Liebesentzugszeit

 

Und was war eigentlich mit der Liebe? Wir waren doch jung und brauchten den Sex. Und nun das: Liebesentzugszeit. Stolze Maiden aus Reinsdorf, Gernrode, Großenhain, Großhennersdorf oder Großstädten schrieben mir zwar, legten ab und an auch neiderzeugende hübsche Porträtfotos bei. Doch alles wäre ohnehin nur auf eine Fernbeziehung hinausgelaufen. Ich kam ja nicht raus. Und muss man nicht auch mal lernen, zumindest eine zeitlang alleine auf sich gestellt durch‘s Leben zu schleichen?

 

Zimmerkontrollen

 

Bei einer der Zimmerkontrollen steuerte dieser Langdienerlöffel Kaag gezielt mein Kopfkissen an. Klar war ich angezinkt worden von den eifrigen Spähern im Zimmer, denn darunter lag ein christlicher Kalender für das Jahr 1975. Meine Christenlehretante Erna Hiris hatte mir den geschenkt. Ich protestierte gegen die Beschlagnahmung. Das Durchsuchen der Räume wurde mit dem Aufspüren verbotener EK-Kugeln begründet. Kaag zitierte mich in sein Kabuff und hielt mir vor, ich hätte Dienstgeheimnisse verschriftlicht. Quark, natürlich hatte ich stichpunktartig Buch geführt, zum Beispiel, wann ich schlafen konnte und wann nicht. Richtige Tagebucheinträge hatte ich gar nicht vorgenommen.

Aber die kleinen Notizen waren schon auch intim. Ich schrieb in einem der folgenden Briefe, dass ja jetzt „die Staasie über mein Persönlichkeitsbild bestens Bescheid wüsste, sogar wie oft ich meine Socken wechsle“.

 

Brass und Kahn

 

Ich hatte also gehörig Brass auf diesen Politoffizier Hauptmann Kaag. Als er mich einmal nach wenig Schlaf zu mehrmaligem Putzen aufforderte, rotzte ich ihm entgegen: „Du spinnst wohl!“ Das war einfach eine Redewendung, die damals unter den Soldaten gang und gäbe war. Er fühlte sich in seinem innersten Elitegehäuse angegriffen und ich wurde am nächsten Morgen mit drei Tagen Arrest belobigt. Fast wollte ich schon die bei Belobigungen übliche Formel „Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!“ aufsagen. Aber das wäre gelogen gewesen.

Am gleichen Tag noch ging es los nach irgendwas mit Grün. Geroldsgrün oder Froschgrün waren es jedenfalls nicht, auch nicht Marxgrün. 

Ich steckte mir schnell noch William Faulkners „Soldatenlohn“ (Reclamausgabe) ein. Im Arrest, der in Ermangelung einer zschachenmühlschen Arrestzelle in einer anderen Kaserne zu absolvieren war, brauchte man ja schließlich auch Nahrung. Was mich erwarten würde, war mir natürlich nicht klar. Es waren, wie sich zeigen würde, meine drei schönsten Armee-Tage.

Ein recht umgänglicher Uffz, der sonst mit den Wachhunden rummachte, musste mich überführen. In Wurzbach bat ich ihn, am Markt anhalten zu lassen und mir einen Husch in den Buchladen zu gewähren. Das ließ er zu, froh über die Raucherpause. Und was sah ich im Regal stehen? 

Reiner Kunze: Brief mit blauem Siegel. Das letzte und vielleicht hier sogar einzige angelieferte Exemplar.

Reclam-Büchlein passten damals noch exakt in die Uniformjackentasche. Die neuen fielen ein Jahr später schon viel länglicher aus und waren damit schwerer zu verstecken. War das Design aus diesem Grund geändert worden?

Die drei Arresttage waren leider schnell vorbei. Es war erholsam. Irgendwelche Räume wischen, der Fussboden war schnell genässt, sauber wurde der ohnehin nicht mehr und dann ab in eine Ecke lesen. Zum Beaufsichtigen hatten sie kein Personal, mussten mich nur abends wieder in die Zelle sperren und da gab es noch Leselicht.

 

Kleine Sternstunde 

 

Die Flock-ige Stern-Combo Meißen habe ich im Oktober 1974 in Saalfeld erlebt. Illegalerweise, denn das ein paar Zugstationen entfernte Saalfeld gehörte nicht zum Ausgangsgebiet. Mal wieder richtig abhotten. Ich hatte mich dafür fast ganz entkleiden müssen, denn ich trug Uniform. Und das war nicht nur unpraktisch sondern auch unzumutbar für die anderen Kunden. Hätte ja Augenkrankheiten auslösen können.

 

Keine EK-Allüren

 

Als wir EKs waren, also im letzten abzureißenden Halbjahr, ließen wir die später Einberufenen in Ruhe und zeigten keine Machtallüren. Auch die beiden neu eingeschleusten Spitzel wurden nicht drangsaliert, nicht aus Angst sondern aus Anstand.

 

Rücknahme der Vorimmatrikulation

 

Ein Monat vor Ablauf der Zwangskasernierung kam ein Schreiben vom Bereich Medizin (Charité) der Humboldt-Universität zu Berlin:

„Auf Grund einer Beurteilung Ihrer derzeitigen Dienststelle mit Datum vom 2.3.75, sehen wir uns leider veranlaßt, Ihre Zulassung zum Stomatologiestudium zurückzuziehen.

Es steht Ihnen frei, sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu bewerben.

Wir bitten um Rücksendung des Zulassungsbescheides, da er Eigentum der Universität ist.“

 

Schön, dass das Datum der Beurteilung genannt wurde. Der Zeitpunkt lag also vor der Belobigung mit den drei Tagen Disziplinararrest.

Der Politnik hatte schon im Jahr zuvor mir immer wieder damit gedroht, dass er mir mein Studium vermasseln könne. Kritische Fragen während der Roten Stunde konnte er nicht leiden. Besonders dann nicht, wenn er keine Antwort wusste.

 

Die Moral von der Geschicht

 

Nach der Armee-Entlassung fuhr ich nach Berlin, um beim Rektorat für „Erziehung und Ausbildung“ meine NVA-Beurteilung einsehen zu können. Die Vorzimmersekretärin meinte gleich „Sie sind nicht der Einzige dem das passiert ist. Ich suche mal Ihre Akte raus. “ Doch die stand nicht an ihrem Platz. „Ach, hatten Sie sich angemeldet? Da liegt die drin beim Prorektor.“ Hätte ich mich mal lieber nicht angemeldet, denn der Herr Prorektor rückte die Beurteilung nicht raus. Kafkaesk. Ich konnte also keine konkrete Beschwerde einlegen. Ich fragte, ob er mir wenigstens sagen könne, was denn der Grund für die Ablehnung sei. Harry Scharfschwerdt: „Sie haben keine sozialistische Wehrmoral!“ Das klang ja nun eher wie eine Auszeichnung, auf die man stolz sein kann.

So war ich hinabgestoßen in die Reihen der „herrschenden Klasse“, zu den Arbeitern und Bauern. Ich arbeitete dann zunächst als Hilfspfleger bei behinderten Kindern und blieb bis 1990 Krankenpfleger, meist bei Kirchens.

Die Zurücknahme meiner Immatrikulation wurde 1998 als „staatliche Repression“ des SED-Regimes anerkannt.

 

Noch ganz glimpflich

 

Die Erzählungen von Schleiferkasernen wie Eggesin legen nahe, dass die für den nach innen gerichteten Grenzwachtdienst Auserwählten, glimpflicher behandelt wurden als Mot.Schützen oder Baupioniere. Man wollte sie wohl nicht zu sehr vergrätzen, damit sie am Todesstreifen nicht auf die Falschen schossen.

Trotzdem waren wir im Krieg, in keinem abgekühlten oder überhitzten, sondern im Krieg, den der SED-Staat gegen seine Wehrpflichtigen führte (wie übrigens gegen die restliche Bevölkerung auch).

So war ich Ende April 1975 froh, raus aus der Mühle zu sein.

 

Reservewehrdienst 1982

 

Damit war es aber noch nicht zu Ende. Im November 1981 wurde ich in Jena zu einer Einberufungsüberprüfung vorgeladen. Ich übergab ein Schreiben, dass ich künftig nur noch unbewaffneten Dienst verrichten würde. Die Crux: Für Bausoldaten war kein Reservistendienst vorgesehen. Mein Umzug nach Ostberlin stand ohnehin an - unser Kind war unterwegs. Ich hoffte zudem, durch den Ortswechsel entkommen zu können. Später las ich in meiner Stasi-Akte, dass der „Jugendseelsorger“ Michael „Konstantin“ Stanescu, der sehr eifrige IM „Bartholomäus Runge“, seinem Führungsoffizier vor der Einberufungsüberprüfung mitgeteilt hatte, dass „wir“ schwanger sind und danach, dass ich nach Berlin umsiedeln werde. So spürten mich die Wehrkreiskommandos schnell auf und stellten den Einberufungsbefehl bei der Pförtnerin im St.-Joseph-Krankenhaus zu, meiner neuen Arbeitsstelle. Im Jungmännerwerk riet Wolfgang Schnur, erst einmal in die Kaserne zu fahren.

Ich fuhr also nach Doberlug-Kirchhain. Ein Offizier nahm mich gleich beiseite: „Sie wollen verweigern? Sie werden hier als Sanitäter im Med. Punkt eingesetzt.“ Geht ja gerade noch so, dachte ich. Vielleicht hatte es schlicht damit zu tun, dass ich inzwischen ausgebildeter Krankenpfleger war.

Nun hockte ich auf der kleinen Station überwiegend ganz alleine, hatte neben dem Putzen medizinischen Geräts hinreichend Zeit zum Lesen. Die vier Stationsbetten waren kaum belegt.

Der erste Fall im Medizinischen Punkt war ein frisch Einberufener, der ins Koma gefallen war wegen Alkoholentzugs. Der Feldscher ratlos und überfordert: „Sollen wir ihm Alkohol geben?“ Ich riet zu Distraneurin und merkte an, dass das ganz schwierig zu dosieren sei. Das Medikament war sowieso nicht vorrätig. So folgte der Kasernenarzt meinem Rat, den Patienten schnellstmöglich in ein ziviles Krankenhaus zu überstellen.

 

Die gleichen Schuhe

 

Ich beantragte bald Heiratsurlaub, der gewährt werden musste. Für den nicht unwahrscheinlichen Fall einer Inhaftierung war es besser, wenn man sich zusammenschreiben ließ, zumal damit die Entscheidung Ausreiseantrag und Familienzusammenführung verbunden war.

Im Heimfahrts-Zug auf der Toilette schnell die Uniform ausgezogen und in die normalen Sachen geschlüpft. Der Kleiderkammerbulle, der aus dem Militärknast Schwedt kam, darüber aber selbst schwerbetrunken nicht reden wollte, hatte mir die „Zivilklamotten“ rausgerückt. Nun war ich in den Mantel gehüllt, mit dem ich zur Kaserne im Schloss gereist war und den noch immer der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ zierte.

Da saßen zwei Punks auf dem Boden in der wie immer überfüllten Reichseisenbahn. Neben mir stand ein anderer Soldat in Uniform. Sagte der eine Punk zum anderen: „Guck mal, der eine ist gegen den Krieg und der andere dafür, aber beide tragen sie die gleichen Schuhe.“ Das war scharfäugig beobachtet und scharfzüngig zugleich. Es handelte sich tatsächlich um die gleichen NVA-eigenen „Ausgeh“-Schuhe.

 

Auf zum letzten Gefecht

 

Einmal trötete es tiefnachts. „Mein Michel, was willst du noch mehr“, spielte ich kurz auf der Gitarre an. Dann Auf-zum-letzten-Gefechts-Alarm. Im tiefsten Kieferntann die Abkündigung: „Wir befinden uns jetzt auf der Linie Düsseldorf-Dortmund.“ Keiner schrie „Hurra, hurra, hurra.“ Es war bedrohlicher Fake. Ich konnte mich im Sanitätskraftfahrzeug verkriechen. Verletzte und Tote blieben aus. So erübrigte sich die Frage, welchen Verwundeten auf dem Schlachtfeld man zuerst verbinden würde - einen westdeutschen Zivilisten oder einen sowjetischen Soldaten?

 

Kein Sonderurlaub

 

Dann hätte ich fast noch einmal Sonderurlaub abgefasst. Unser Kind war ja im Kommen. Und da traf ein verabredetes Telegramm meiner Frau ein: +++ Sarah geboren. +++ Komme schnell +++

Die ostdeutsche Medizin war noch nicht so weit entwickelt, dass das Geschlecht pränatal bestimmt werden konnte. Uniformierte vom Jenaer Kommando klingelten bei meiner Frau, lachten finster, als sie der Hochschwangeren ansichtig wurden und machten flugs Kehrt-Marsch. Der Sonderurlaub war dahin.

Am Entlassungstag die billige Rache für den netten Versuch der Vortäuschung naheliegender Tatsachen. Ich bekam meinen Ausweis erst ausgehändigt als der letzte Zug fast schon abgefahren war und ich somit erst ganz spät in Jena eintraf. Zwei Tage zuvor war unser Sohn geboren worden.

 

Das wars

 

1983 wurde mir noch mal mit einem M-Befehl gedroht, was soviel wie Mobilmachung bedeutete. Sollte zwar nur zwei Wochen dauern aber ich ging nach nochmaliger Schnur-Kontaktierung schnurstracks zum Wehrkreiskommando, bekräftigte meine Erklärung, nur für einen waffenlosen Dienst zur Verfügung zu stehen und wies auf den geplanten Urlaub hin. Der wehrkreiskommandierende Offizier nahm das Schreiben wieder an sich mit den Worten: „Dann fahren Sie erst mal in den Urlaub.“ Vermutlich wollte er sich Ärger ersparen. Es war meine letzte Begegnung mit Nationalen Volksarmisten, wenn man mal davon absieht, dass ich mit ein paar Wenigen vom Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer 1990 in Strausberg demonstrierte, als dort NVA-Offiziere einen neuen Eid schwörten. Es folgte darauf sogar ein Gespräch mit der neuen militärischen Führungsriege. Der oppositionelle Pfarrer Rainer Eppelmann war inzwischen „Minister für Abrüstung und Verteidigung“ geworden und hatte dies ermöglicht.

 

Anerkannt 

 

1991 traf ein Schreiben des neu eingerichteten Kreiswehrersatzamtes ein: Ich sei nun aufgrund meiner Erklärung von 1981 als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und ob ich diesen Status aufrechterhalten möchte. Ich schrieb zurück, dass ich keinerlei Einberufung mehr folgen würde.

 

Und heute?

 

Mittlerweile bin ich gar nicht mehr meiner damaligen Meinung, dass eine Verweigerung unter allen Umständen geboten sei. Schon allein deshalb, weil Gulag weitaus schlimmer ist, als eine unvollkommene aber verteidigungswürdige rechtsstaatliche Demokratie.

KGB-Russland will Europa mental wehrunfähig machen mit seinem Propagandakrieg. Bedenklich sind die zunehmend verklärten Verkleisterungen der erlebten Diktatur, die postkommunistische Desinformationsvorstöße flankieren. In einem heißen Okkupationskrieg hilft jedenfalls kein Pazifismus sondern Resilienz, die ohne militärische Verteidigung nicht auskommen würde. Die zwangsrekrutierten und die billig eingekauften Russen-Krieger gehen nicht von der Fahne, weil irgendwo Friedenstauben aufsteigen. Die patriotischen Ukrainer wehren sich verzweifelt gegen ihre Unterwerfung und brauchen unsere tatkräftige militärische Unterstützung.

Amen.