Die Feind-Freund-Bilder der Nationalen Volksarmee der DDR
Von Udo Baron[1]
Einleitung
Es ist der 18. Januar 1956 als die Streitkräfte der DDR offiziell gegründet wurden. Hervorgegangen aus der Kasernierten Volkspolizei (KVP), unterlag die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR von Beginn an dem totalitären Führungsanspruch der Diktatur-Partei der DDR - der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED). Fest eingebunden in die Strukturen des von der Sowjetunion angeführten sozialistischen Militärbündnisses, dem Warschauer Pakt, diente die NVA in erster Linie der Machtabsicherung der SED-Herrschaft.
Im Zuge des Auf- und Ausbaus nationaler Streitkräfte in der DDR und deren Formierung als sozialistische Armee, bildete die Wehrprogrammatik der Klassiker des Marxismus-Leninismus die theoretische Grundlage der Wehrideologie der NVA. Im Fokus standen dabei vor allem Lenins militärpolitische Theorien.
Das Kernstück nicht nur der NVA, sondern aller sozialistischen Armeen, bildete eine Dichotomie, welche die Welt holzschnittartig in „Gut“ und „Böse“ und somit in Freund und Feind einteilte. Seinen Ursprung hatte dieses Weltbild in Lenins Typologie von den gerechten und ungerechten Kriegen. Als gerechte Waffengänge galten dabei Kriege für die Befreiung von nationaler und kolonialer Unterdrückung sowie für die Verteidigung des Sozialismus. Vor allem die Waffengänge der sozialistischen Staaten bzw. die Kriege zur Erreichung des Sozialismus standen dabei im Vordergrund. Als ungerechte Kriege wurden dagegen die Waffengänge „imperialistischer Staaten“ wie der USA oder die der in der NATO zusammengeschlossenen Länder angesehen. Gemeint waren damit insbesondere die Kriege der „imperialistischen Mächte“ gegen die sozialistische Staatenwelt, aber auch die Waffengänge der „Imperialisten“ untereinander. Analog zu der Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen wurde auch zwischen guten und schlechten Waffen, d.h. zwischen den Waffen der sozialistischen und der „imperialistischen“ Staaten unterschieden.
Aufbauend auf Lenins Kriegstypologie war es die Sowjetunion, die den sozialistischen Staaten ein dem Dualismus des Kriegsbildes nachempfundenes Feind-Freund-Bild vorgab. Es spiegelte den ewigen Kampf von „Gut“ gegen „Böse“ wider, verkörpert durch den Proletarier auf der einen und dem Kapitalisten auf der anderen Seite. Auch die SED übernahm dieses Feind-Freund-Bild und sorgte dafür, dass es nicht nur zum elementaren Bestandteil der Wehrideologie der NVA wurde, sondern auch alle politisch-gesellschaftlichen Bereiche der DDR durchdrang.
Das Feindbild der NVA
Das von der SED vorgegebene Feindbild der NVA definierte sich in scharfer ideologischer Abgrenzung zur bundesrepublikanischen Bundeswehr. Im Mittelpunkt des Feindbildes der NVA stand der westliche „Imperialismus“ wie er von den USA, der Bundesrepublik Deutschland und der NATO nach Auffassung der SED verkörpert wurde. Sein Wesen galt als „aggressiv, tückisch und gefährlich“, sein „Militarismus“ als sein unveräußerliches Merkmal, die „Vernichtung des Sozialismus und die Errichtung der amerikanischen Weltherrschaft“ als sein erklärtes Ziel.[3] Aus diesen Gründen stellte er für die SED die Hauptgefahr für den Frieden und den Sozialismus dar.
Neben den USA wurde vor allem die Bundesrepublik Deutschland dämonisiert. Sie gehörte zu den zentralen Feindbildern der NVA. Ihre Bundeswehr galt als eine „Armee im Dienste des Monopolkapitals“, „Antikommunismus und „Revanchismus“ als ihre wesentlichen Merkmale, die Bundeswehrsoldaten als „westdeutsche Söldner im Dienste des US-Imperialismus“.[4] Damit das Feindbild nicht abstrakt blieb, wurde es insbesondere durch bundesrepublikanische Spitzenpolitiker wie beispielsweise Konrad Adenauer oder Willy Brandt personifiziert. Zugleich rief die SED dazu auf, einen „unerbittlichen Haß auf den Klassenfeind zu entwickeln“.[5]
Auch die Entspannungspolitik der 1970er und 1980er Jahre änderte nichts an der Feindbildprägung der NVA. Aus Angst vor der „ideologischen Diversion“, d. h. einer ideologischen Unterwanderung sowohl der NVA als auch der gesamten DDR durch „imperialistische Mächte“ kam es vielmehr zu einer ideologischen Verschärfung des Klassenkampfes mit der Folge einer zunehmenden ideologischen Abgrenzung und Konfrontation mit dem Westen.
Das Freundbild der NVA
In Abgrenzung zum negativ besetzen Feindbild der NVA wurde ein entsprechend positiv belegtes Freundbild von der SED verordnet. Der marxistisch-leninistischen Dichotomie folgend bewertete sie so denselben Sachverhalt ideologisch und davon abgeleitet auch begrifflich unterschiedlich. So wurde dem „Imperialismus“ der Sozialismus bzw. Kommunismus als Positivum gegenübergestellt, der „imperialistischen Aggression und Intervention“ die „Zerschlagung der Konterrevolution“ und der Spionage die „Aufklärung“.[6]
In der Praxis bildeten so die Sowjetunion und der Warschauer Pakt den positiven Gegenpol zu den USA und der NATO. Vor allem die Sowjetunion und die Rote Armee wurden verherrlicht mit dem Ziel, eine enge Waffenbrüderschaft zwischen der Sowjetunion und der DDR auf den Weg zu bringen. Galt die Bundesrepublik Deutschland neben den USA als der Hauptfeind des Sozialismus, so nahm die DDR neben der UdSSR eine zentrale Rolle als Freund des Sozialismus ein.
Aufgabe und Sinn des Freundbildes der NVA war es, einerseits „zur Liebe zum sozialistischen Vaterland und zum Stolz darauf“ zu erziehen und andererseits zur tiefen „Freundschaft mit der Sowjetunion und allen sozialistischen Bruderländern“ beizutragen. Im Gegensatz zu den manipulierten „Söldnerheeren des Imperialismus“ war die NVA angeblich „von ihrer Geburt an untrennbar mit dem Volk verbunden“.[7]
Vermittelt wurde das Feind-Freund-Bild im Rahmen der „politisch-ideologischen Arbeit“. Sie bestand aus einer monatlich zweitägigen Politschulung, die „Tägliche politische Information“, die „Aktuell-politische Wocheninformation“ sowie den monatlichen „Zirkel junger Sozialisten“ der FDJ. Von der Politischen Hauptverwaltung der NVA wurde dazu das Politschulungsmaterial „Wissen und Kämpfen“, kurz „WuK“ genannt, herausgegeben.[8]
Vollkommen abhängig von den Vorgaben der SED und der hinter ihr stehenden Sowjetunion, war die NVA bis 1989/90 eine reine Parteiarmee. Die SED beanspruchte die führende Rolle in allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen und somit auch in der NVA. Die NVA war daher zu keinem Zeitpunkt ein Staat im Staate. Es galt vielmehr das Primat der Politik, was in der Praxis die Kontrolle der Parteiführung über die Streitkräfte bedeutete. Politoffiziere und Parteisekretäre sorgten dafür, dass die Vorgaben der SED auch in der NVA umgesetzt wurden. Das galt auch für ihre Feind-Freund-Bilder, die letztendlich nur ein Instrumentarium zur Herrschaftssicherung der SED waren.
Die von der SED vorgegebenen Feind-Freund-Bilder prägten nicht nur die Streitkräfte der DDR, sondern die gesamte ostdeutsche Gesellschaft. Sie spiegelten die Dichotomie des marxistisch-leninistischen Denkens mit ihrer simplen Einteilung der Welt in „Gut“ und „Böse“ wider. Die Erziehung zum Hass auf den Klassenfeind stand dabei im Zentrum der ideologischen Beschulung.
Als im Zuge der friedlichen Revolution 1989/90 die SED entmachtet wurde, endeten damit offiziell auch ihre Feind-Freund-Bilder. In der Realität verfingen sie zum damaligen Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Zu offensichtlich war ihr simpler Charakter, zu unglaubwürdig ihre Aussagen, zu trivial die Art ihrer Vermittlung, zu marode und abgewirtschaftet der SED-Staat. Nicht von Ungefähr blieben die NVA-Soldaten zum damaligen Zeitpunkt reihenweise dem Dienst in der NVA fern. Doch auch wenn die Feind-Freund-Bilder erst einmal ausgedient hatten, bedeutete das nicht, dass sie auch nachhaltig aus den Köpfen der Menschen verschwunden waren. Vielmehr sind die Nachwirkungen der Feind-Freund-Bilder der NVA bzw. der SED bis heute spürbar und teilweise reflexartig in Teilen der bundesrepublikanischen Gesellschaft abrufbar. Ein Blick beispielsweise auf die Einstellung und das Verhältnis vieler Menschen in den neuen Ländern zum demokratischen Rechtsstaat, zu den Werten des Westens im Allgemeinen und zu Russland im Besonderen lässt deutlich die Nachwirkungen der Feind-Freund-Bilder der Erziehungsdiktatur namens SED erkennen. Sie sind seit der russischen Vollinvasion in die Ukraine präsenter denn je und haben das Potenzial, die bundesrepublikanische Gesellschaft nachhaltig zu schädigen.
[1]Vgl. Udo Baron, Die Wehrideologie der Nationalen Volksarmee der DDR, Bochum 1993.
[3]Wolfgang Müller/Rudolf Oelschlägel, Streitkräfte im Klassenkampf unserer Zeit, Berlin (Ost) 1972, S. 93f.
[4]Heinz Hoffmann, Die sozialistische Militärdoktrin und die Aufgaben der Nationalen Volksarmee bei der Verwirklichung der Beschlüsse des VI. Parteitages, in: ders., Sozialistische Landesverteidigung. Aus Reden und Aufsätzen. 1963 bis Februar 1970, Teil 1, Berlin (Ost) 1971, S. 36-53, S. 47.
[5]Waldemar Verner, Die ideologische Stählung der Armeeangehörigen und die Zerschlagung der ideologischen Diversion des Gegners, in: Die NVA in der sozialistischen Verteidigungskoalition, hrsg. V. Günter Glaser (Autorenkollektiv), Berlin (Ost) 1982, S. 227-229, S. 228f.
[6]Siehe z. B. G. Artl (Autorenkollektiv), Militärlexikon, Berlin (Ost) 1971, S. 33.
[7]Heinz Hoffmann, Nationale Verteidigung und sozialistischer Internationalismus, in: Die NVA in der sozialistischen Verteidigungskoalition, hrsg. V. Günter Glaser (Autorenkollektiv), Berlin 1982, S. 131-133, S. 132.
[8]Christian Th. Müller: „Für den Soldaten des Sozialismus ist der Feind immer konkret“. Das Feindbild der Nationalen Volksarmee und die Probleme seiner Implantierung. In: Silke Satjukow, Rainer Gries (Hrsg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus. Leipzig 2004, S. 233 f.