Die Oppositionsgruppe „Frauen für den Frieden“ und die Nationale Volksarmee

Von Almut Ilsen[1]

Die „Frauen für den Frieden“ entstanden aus Protest gegen das Wehrdienstgesetz, das im März 1982 von der Volkskammer der DDR verabschiedet wurde. Dieses Gesetz sah vor, auch Frauen zwischen 18 und 50 Jahren zur Vorbereitung auf die Mobilmachung und den Verteidigungszustand für die Nationale Volksarmee (NVA) erfassen zu können.[2] Bereits kurze Zeit später wurden Krankenschwestern in Mecklenburg zur Musterung vorgeladen. Sie erhielten Wehrpässe und hätten während einer Mobilmachung mit Einberufungsbefehlen rechnen müssen.

Im September 1982 fanden sich sieben Frauen zusammen. Wir schrieben eine Eingabe an Erich Honecker und sammelten ca. 130 Unterschriften. Eine Eingabe zu schreiben und an Entscheidungsträger zu schicken war eine der wenigen legalen Möglichkeiten, Kritik zu üben. Unterschriftensammlungen hingegen waren in der DDR illegal und alle, die Unterschrift und Adresse unter die Eingabe setzten, gerieten - wenn nicht schon aus anderem Anlass geschehen - in den Fokus des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi).

Wir Frauen schrieben in unserer Eingabe, dass wir allen Formen der Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung unsere Teilnahme entziehen und dass wir den Armeedienst nicht als Ausdruck von Gleichberechtigung sehen würden. Wir brachten zum Ausdruck, dass wir neben d e n Männern stünden, die die Waffe nicht in die Hand nähmen. Die Bereitschaft zum Wehrdienst sahen wir „als eine Drohgebärde, die dem Streben nach moralischer und militärischer Abrüstung entgegensteht und die Stimme der menschlichen Vernunft im militärischen Gehorsam untergehen lässt.“[3] Wir forderten die Einhaltung des Artikels 65, Abs. 3 der Verfassung der DDR. Dieser Paragraf beinhaltete, dass Entwürfe grundlegender Gesetze vor ihrer Verabschiedung der Bevölkerung zur Erörterung zu unterbreiten seien, um die Ergebnisse der Volksdiskussion für die endgültige Fassung auszuwerten. Wir begründeten das damit, dass die Hälfte der Bevölkerung betroffen sei und es sich deshalb um ein „grundlegendes“ Gesetz handele. Wir erklärten, dass wir nicht dazu bereit seien, in die allgemeine Wehrpflicht einbezogen zu werden und forderten zur Gewährleistung unserer Gewissensfreiheit eine gesetzlich verankerte Möglichkeit der Verweigerung. Und wir baten um ein offenes Gespräch, das uns nie gewährt wurde.

Der Text der Eingabe muss vor dem Hintergrund der damaligen politischen Situation gesehen werden. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs war Europa in Blöcke geteilt. Die Blockkonfrontation zwischen Ost und West, zwischen Warschauer Pakt und NATO hatte im sogenannten „Kalten Krieg“ zu einer Rüstungsspirale geführt. Die angehäuften Waffen hätten für eine mehrfache Vernichtung der Menschheit ausgereicht. Das Wettrüsten gipfelte im NATO-Doppelschluss vom 12. Dezember 1979, der die Aufstellung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa vorsah.[4] Dies war die Reaktion auf die Stationierung von mehr als 600 Atomraketen durch die Sowjetunion Ende der 1970er Jahre. Als Protest gegen diese massive Aufrüstung entstand eine blockübergreifende Friedensbewegung, die auch von Akteurinnen und Akteuren in der DDR unterstützt wurde.

Enthüllung einer Gedenktafel in Berlin im Mai 2025 von ehemaligen Mitglieder der Gruppe Frauen für den Frieden

Fotos: Eberhard Seidel

Wir „Frauen für den Frieden“ verstanden uns als Pazifistinnen und als Teil der blockübergreifenden Friedensbewegung. Die DDR inszenierte sich nach außen als „Friedensstaat“ und unterstützte die Friedensbewegung in Westeuropa. Aber im Inneren wurde die Militarisierung der Gesellschaft vorangetrieben. Dies begann mit der Erziehung im Kindergarten mit Kriegsspielzeug und der Verherrlichung der Volksarmee. So sangen die Kinder „Mein Bruder ist Soldat“ oder „Wenn ich groß bin, gehe ich zur Nationalen Volksarmee“[5]. In der Grundschule besuchten die Schüler am „Tag der Nationalen Volksarmee“ Kasernen und kletterten dort auf Panzer. Jährlich im Februar fand das „Manöver Schneeflocke“ statt. Unter Aufsicht von NVA und Betriebskampfgruppen wurden Gelände- und Schießübungen mit Holzgewehren durchgeführt. 1978 wurde „Wehrkunde“ für die Klassen 9 und 10 als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt, ergänzt durch ein zweiwöchiges Wehrlager in Klasse 9 für die Jungen und einen Zivilverteidigungslehrgang für die Mädchen. Für Lehrlinge und Studenten waren vierwöchige Wehrlager Ausbildungsbestandteil, für Studentinnen gab es die sogenannten „ZV-Lager“ – Zivilverteidigungslager. Männer wurden an ihren Arbeitsstätten zum Eintritt in die paramilitärischen Betriebskampfgruppen gedrängt. Für junge Männer war der 18-monatige Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee obligatorisch. Die Zulassung zu bestimmten Studiengängen wurde nur aufgrund der Verpflichtung zu einem dreijährigen Wehrdienst mit der Ausbildung zum Unteroffizier gewährt. Lehrerinnen und Lehrer wurden gedrängt, Schüler für eine Offizierslaufbahn zu gewinnen. Eine Verweigerung des Wehrdienstes aus Gewissensgründen und einen Zivilersatzdienst gab es nicht. Wer den Dienst an der Waffe ablehnte, konnte „Bausoldat“ werden, durchlief aber ansonsten die normale Ausbildung in der Armee, nur ohne Waffe und Eid. Ansonsten blieb nur die Alternative, für 22 bis 24 Monate ins Gefängnis zu gehen. Mit dem Wehrdienstgesetz von 1982 folgte ein weiterer Schritt Richtung Durchmilitarisierung der Gesellschaft – jetzt konnten auch Frauen einberufen werden. Zwar hieß es im Gesetz, dass dies „zur Vorbereitung auf die Mobilmachung und den Verteidigungszustand“ geschehen solle, aber „eine Vorbereitung“ konnte jederzeit angeordnet werden.

Unsere damaligen Motivationen, eine Eingabe gegen die Vereinnahmung durch die Nationale Volksarmee zu verfassen bzw. zu unterschreiben, erfragte ich für diesen Beitrag bei sieben weiteren Frauen der Gruppe:

Zum einen wollten wir uns für Abrüstung und gegen Wettrüsten sowie gegen die Anwesenheit von atomar bestückten Raketen in unserer Nähe positionieren. Wir hatten reale Angst vor einem Nuklearkrieg. Was wäre, wenn er z. B. durch einen Kommunikationsfehler ausgelöst würde?

Eine nicht minder starke - für einige sogar die stärkere - Motivation war, nicht unter die Befehlsgewalt einer Armee und schon gar nicht die der NVA zu geraten. Wir wollten keine Waffe in die Hand nehmen, wir übernahmen das „Nie wieder Krieg“ von unseren Eltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten.

Wir waren größtenteils selbst in den Wehr- bzw. Zivilverteidigungslagern gewesen. Dies war ein Vorgeschmack auf die NVA, die eine besonders perfide Art von Zurichtung praktizierte. Fast alle von uns wussten von ihren Partnern, Brüdern und Freunden, wie es dort zuging. Wenn sie auf Urlaub kamen, wirkten sie fremd. Sie rochen fremd, sie sahen in ihren Uniformen fremd aus. Wenn sie dann in Zivilsachen unter uns saßen, erzählten sie, obwohl es ihnen untersagt war. Manches erfuhren wir auch aus Briefen, die aus den Kasernen geschmuggelt worden waren.

Das erste Halbjahr war besonders hart. Die Männer erzählten von Entmündigung und Willkür. Vom „Schleifen“ bis zur körperlichen Erschöpfung. Von den Schikanen der Vorgesetzten und der Soldaten, die schon länger „dienten“. Vom Misstrauen untereinander und den Spitzeln auf den Stuben. Von der Schwierigkeit, Gleichgesinnte zu entdecken. Vom dogmatischen Politunterricht. Vom Betten- und Päckchenbauen, dem millimetergenauen Ausrichten von Bettzeug und der Wäsche in Päckchenform im Spind. Vom Warten auf Post. Vom sinnlosen Besaufen, um das alles irgendwie ertragen zu können. Von Suiziden und von Toten bei Gefechtsübungen. Von der Not der an der Grenze Eingesetzten – muss ich auf einen Menschen schießen? Vom Zählen der Tage.

Sie berichteten davon, wie willkürlich ihnen Ausgang und Urlaub verwehrt werden konnte bei ungenügender Unterwerfung oder auch ohne jeden erkennbaren Grund. Von der Angst vor Arrest und der Drohung mit dem Militärgefängnis. Von Demütigungen und kollektiver Bestrafung.

Später las ich das Buch von Jürgen Fuchs „Fassonschnitt“ – dort fand ich alles Gehörte wieder. Dort fand ich auch die Angst und die Scham wieder – wie freiwillig würde ich mich diesem Mittun unterwerfen? Wie sehr würde mich diese Erfahrung verändern?

Wenn unsere Brüder, Männer und Freunde die Armeezeit überstanden hatten, brauchten sie lange, um zur Selbstermächtigung zurückzufinden. Dieser NVA-Armeedienst war für junge Männer zerstörerisch. Der Mann einer der Frauen sagt, dass er bei der Armee zum Staatsfeind wurde. Mein Bruder und bestimmt auch andere wünschten sich im Hinblick auf ihren Zwangsaufenthalt bei der NVA, als Mädchen geboren worden zu sein.

Und dann, im Jahr 1982 sollten - nachdem bereits Kindern und Jugendlichen die Armee schmackhaft gemacht wurde und Männer ihr schwer entgehen konnten - auch die Frauen dran sein? Das war ein Albtraum für uns. Wir hatten fast alle Kinder. Was sollte mit ihnen geschehen, wenn wir zur Armee müssten? Was sollte mit den Kindern alleinerziehender Mütter geschehen? Ab ins Kinderheim? Uns ist von manchen vorgeworfen worden, dass wir uns ohne Rücksicht auf unsere Kinder in Gefahr begeben hätten. Ja, es war ambivalent. Aber wir begaben uns in Gefahr für die Zukunft unserer Kinder. Und wir selbst fragten uns, wie wir diesen Albtraum NVA überstehen sollten. Niemand sollte die Macht erhalten, sich unserer zu bemächtigen.

Unsere Entscheidung, die Eingabe zu schreiben bzw. zu unterschreiben, wurde auch durch die Verhängung des Kriegsrechts in Polen beeinflusst. Wir hatten mit Sympathie und Hoffnung die Entstehung einer freien Gewerkschaft und einer Demokratiebewegung verfolgt. Dann kam am 13. Dezember 1981 der Schock: Die Bürgerrechte wurden aufgehoben, verbunden mit Repressionen und einer Verhaftungswelle.

Auch uns war klar, dass wir durch unsere Aktivitäten als politische Gefangene im Gefängnis landen könnten. Im Herbst 1983 traf es dann wirklich einige von uns: Bärbel Bohley und Ulrike Poppe wurden verhaftet und ihnen drohten viele Jahre Gefängnis. Gegen Irena Kukutz und Jutta Seidel wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet und sie wussten nicht, ob sie nach einem der vielen Verhöre wieder nach Hause gehen könnten oder auch im Gefängnis landen würden. Glücklicherweise kamen die inhaftierten Frauen dank internationaler Proteste nach sechs langen Wochen wieder frei, die Ermittlungsverfahren wurden eingestellt.

Wir „Frauen für den Frieden“ setzten uns bis Ende der 1980er Jahre mit verschiedenen Aktionen gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft insbesondere in Bezug auf Kinder und Jugendliche ein. Für die Stasi galt die Gruppe von Anfang an als „feindlich-negativ“, angeblich gesteuert von Männern. In einer Konzeption von Ende 1982 schreibt die Stasi: „Der Form nach werden Eingaben, Beschwerden und Proteste genutzt, um die Durchsetzung der sozialistischen Gesetzlichkeit auf einem entscheidenden Sektor, dem der Verteidigungsbereitschaft, zu behindern. Die Bildung von sogenannten Frauengruppen soll dabei Voraussetzungen für breite staatsfeindliche Aktivitäten sein.“[6]

Wir konnten durch unsere Aktionen - insbesondere die großen Veranstaltungen unter dem Dach der Kirche - viele andere Frauen dazu ermutigen, sich ebenfalls der NVA zu verweigern. Unser größter Erfolg war, dass nach einiger Zeit keine weiteren Frauen mehr zur Musterung vorgeladen wurden. Das Wehrdienstgesetz war im Hinblick auf die Einbeziehung von Frauen zu Makulatur geworden!


[1] Almut Ilsen war Mitbegründerin der Initiative „Frauen für den Frieden“.

[2] Gesetz über den Wehrdienst in der DDR – Wehrdienstgesetz vom 25. März 1982, § 6, Abs. 3, In: Gesetzblatt der DDR, Teil 1, Nr. 12, Ausgabetag: 2. April 1982

[3] Text der Eingabe in: Almut Ilsen, Ruth Leiserowitz (Hg.): Seid doch laut! Die Frauen für den Frieden in Ost-Berlin, Berlin 2019, S. 262-264

[4] Gleichzeitig sollten Abrüstungsverhandlungen angestrebt werden – deshalb hieß die Entscheidung „Doppelbeschluss“.

[5] SCHOLA Schallplatte "Für Vorschulkinder" mit Liedern für jüngere Kinder. Hergestellt von VEB Deutsche Schallplatten Berlin 1973

[6] Hauptabteilung XX/2: Konzeption zur weiteren operativen Bearbeitung der Organisatoren und Unterzeichner von Eingaben und Beschwerden, die sich gegen das Wehrgesetz der DDR richten oder in anderer Form pazifistisches Gedankengut verbreiten (Komplex „Sammlung“), 30.12.1982, 4 Bl., BStU, MfS, HA XX, Nr. 7109, Bl. 76.