Putins Afghanistan

Vier Wochen nach Kriegsbeginn steht fest: Putin ruiniert nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland.

Der Westen im Zugzwang- Eine Zwischenbilanz

von Christian Booß

Schon jetzt sind laut ukrainischen Angaben die Kriegsverluste der russischen Armee größer als in den mehr als 10 Jahre währenden Krieg nach 1979 in Afghanistan:

Graphik. Ukrainischer Generalstab.

Laut neusten Nato-Zahlen wurden insgesamt wohl 40.000 russische Soldaten getötet, verletzt oder gefangen genommen, was ungefähr ein Viertel der eingesetzen Soldaten wäre. Andere Angaben liegen eher darunter. 

Selbst wenn Meldungen, wonach die ukrainische Armee nunmehr in der Offensive sei, von Zweckoptimismus geprägt sind, steht fest, dass Putins Strategie eines Blitzkrieges ohne größere Verluste gescheitert ist. Nach 4 Wochen hat sich Goliath Russland in den Weiten des (nicht wirklich kleinen) David Ukraine buchstäblich festgefahren. Panzer, die von Straßen abweichen, bleiben im Schlamm stecken oder werden von ukrainischen Kleingruppen mit Panzerfäusten abgeschossen. Auf den Straßen werden sie noch mehr zur Zielscheibe. Nun haben sie sich nördlich von Kiev eingegraben. Ein Verdun des 21. Jahrhunderts. Ein sinnloses Vergeuden von Material und Menschen. Wie aus Rache, dass sich die Ukrainer nicht ihm anschliessen, zerbombt Putin mit steigender Zahl die großen Städte. Die Flugzeug- und Raktenangriffe mehren sich immer noch täglich.

Auch wenn Sanktionen Putin aktuell nicht davon abgehalten haben, den Terror gegen die Zivilbevölkerung zu stoppen, mittelfristig ruinieren sie die Wirtschaft Russlands, Rezession, Hyperinflation und noch größere technologische Rückstände drohen. Selbst wenn Putin gewinnt, was immer das heißt, müsste er ein von ihm selber zerstörtes Land “durchfüttern”. Und es ist nur eine Frage der Zeit, dass die russische Bevölkerung erfährt, wie viele Opfer der Krieg wirklich kostet; wie schlecht die Armee gerüstet und versorgt war; und welches die wahren Kriegsziele und Schäden in der Ukraine sind. Dies ähnelt der Konstellation Ende der 1980er Jahre als eine riesige, aber alterschwache Sowjetunion den Krieg gegen das kleine Afghanistan faktisch verlor. Doch erst nach mehreren Führungswechseln, beendete der damalige Staatsschef Gorbatschoff diesen absurden, wenn auch opfer- und politisch folgenreichen Krieg am Hindukusch. Putin denkt, er verliert, wenn er nachgibt. Putin irrt, er verliert, weil er kompromisslos ist.

Putin scheint jetzt alles zusammenzukratzen, was sein Reich an Militärpotential hergibt. Aus der West- und Zentralregion, ja sogar dem Fernen Osten werden normalerweise dort stationierte Truppen herbeigeholt. Sogar die Friedenstruppen in Aserbaidjan werden ausgedünnt, Syrienrückkehrer nicht demobilisiert, sondern Richtung Ukraine geschickt. Im ukrainischen Separatistengebiet wird der Volkssturm aufgeboten. Über 65-jährige, und Jungen, nicht Ausgebildete, sogar Minderjährige sollen als Kanonenfutter in den Krieg geschickt werden. Putin verheizt seine Leute. Auch seine Generalität. Ungewöhnlich viele russische Armeeführer der Land, See- und Luftstreitkräfte wurden von der ukrainischen Armee getötet. Die Frage ist, ob sich die einst “ruhmreiche” Armee sich die Dauerdemütigung durch einen größenwahnsinnigen und sowjetnostaltischen Geheimpolizisten dauerhaft gefallen läßt.

Um zu verdecken, dass er sich verzockt hat, prahlt Putin mit der Wunderwaffe, einer Supersonic-Rakete; läßt er Bomben in der Nähe zur polnischen Grenze niedergehen; läßt er seine Leute vom Atomkrieg schwafeln; zündelt er am Kernkraftwerk Tschernobyl; im russischen Staatsfernsehen läßt er sogar offen darüber diskutieren, dass man die Exklave Kaliningrad (Ex-Königsberg) mit einem Korridor von Belarus durch Litauen und Polen befreien müsse- immerhin beides Nato-Staaten. Putin blufft, weil er sich festgefressen hat. Er will den Westen bange machen, weil er nicht mehr siegen kann, aber das nicht zugeben will.

Video TV Russland 1

Putin ist allerdings nicht so schwach, wie viele gedacht haben. Das Finanzsystem ist nicht an den Sanktionen zerbrochen, wie mehrfach vorhergesagt wurde. Nicht wegen der Öl- und Gas- Einnahmen, sondern weil Putin vorher seine Staatsfinanzen konsolidiert hat und seine Armee mehr oder minder autark funktionieren kann. Putin beruhigt Wirtschaft und Bürger sogar durch ein kriegswirtschaftliches Ankurbelungsprogramm. Der Staat fördert Investionen und verspricht eine Erhöhung von Sozialleistungen. Auch das ist ein Bluff. Das dicke Ende für die russischen Bürger, die Hyperinflation, kommt später. Putin ist fintenreich, aber der blufft. Letzter Coup: Die Energielieferungen an den Westen sollen nunmehr in Rubel, nicht in Euro oder Dollar bezahlt werden. Damit soll der Rubel, der durch die Sanktionen in den Kellergegangen ist, aufgewertet werden. Außerdem müßte der Westen wohl seine eigenen Sanktionen unterlaufen, wenn er das Spiel mitmacht und Rubel bei der russischen Staatsbank kauft. Das ist kein fieser Trick sondern taktisches Kalkül, was aber auch Putins Schwachstellen offenbart, die Sanktionen kann er nicht einfach wegstecken. Putins Ansage kam nicht zufällig, nachdem die Bundesregierung sich in der Parlamentsaussprache vom 23.3. noch einmal ausdrücklich gegen ein Energie-Embargo zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen hat. Die Bundesregierung und andere haben so oft betont, dass der Schaden für die Volkswirtschaft zu groß wäre, dass Putin meint, Staaten wie die Bundesrepublik seien erpressbar. Doch Putin hat einen Fehler gemacht, den die Sowjetunion nie begangen hat. Er hat die russischen Gas- und Öllieferungen erstmals expliziert zur politischen Manöviermasse gemacht. Breschnev war kalkulierbarer als der ehemalige Geheimdienstler. Nach der Invasion hat Putin innerhalb von einem Monat eine zweite Lehre erteilt. Wenn er nachgibt, ist er weiter erpressbar.